Das Lächeln der Frauen

Selbst die nachfolgenden Buchcover auf Barreaus Büchern im hinteren Werbeteil des Buches wirken ansprechend, leider wird die schöne Stimmung, die die Dämmerung vor dem Eiffelturm auf diesem Cover verheißt, im Buch nicht fortgesetzt. Wenn man dieses Buch liest und ähnliche kennt – z. B. von Anna Gavalda – dann ahnt man, welche Atmosphäre er in seinem Text verdeutlichen möchte. Mit der Lüge, die André seiner Aurélie auftischt, beginnt ein Gespinst nicht nur von Frechheiten, sondern vor allem von Verhaltensweisen, wie sie so gewollt inszeniert werden, dass die Handlung kaum mehr nachvollziehbar endet. Einige sehr schöne Passagen, etwa über den Sinn und Gehalt des Schreibens sind für den Leser lohnend, grundsätzlich ist der Text zudem flüssig geschrieben. Wer sich durch die holzschnittartigen Begebenheiten im Buch nicht stören lassen möchte, erlebt eine Erzählung wie geschaffen für Bus und Bahn oder für erschöpfte Feierabende mit tollen Rezepten im Anhang.

Nicolas Barreau
Das Lächeln der Frauen
2012, 334 Seiten, Piper Verlag

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Der Prophet

„Denn so, wie die Liebe Dich krönt, kreuzigt sie Dich. So wie sie Dich wachsen lässt, beschneidet sie Dich. So wie sie emporsteigt zu Deinen Höhen und die zartesten Zweige liebkost, die in der Sonne zittern, steigt sie hinab zu Deinen Wurzeln und erschüttert sie in ihrer Erdgebundenheit.“ (Gibran 2011, S. 14 f.). Schon mehrfach verschenkt, gleicht Gibrans Prophet einem Stundenbuch des Gebets, das als feste Institution eine Empfehlung für jedes Bücherregal und immer wieder neu zu lesen ist.

Khalil Gibran
Der Prophet
2010, 99 Seiten, Patmos Verlag

Ghibran

Himmel und Hölle

Ein Literaturnobelpreis für wen? Suchmaschinen strapaziert, Buch gekauft, verzaubert. Wie fühlt es sich als Leser an, einen Text zu lesen, im Kopf immer einige Seiten hinter dem eben gelesenen Wort zu sein, verwirrt und trotzdem neugierig, nur um am Ende eventuell ein Aha-Erlebnis (oder auch nicht) zu haben? Hier führt es uns eine Autorin mit einem förmlich ruhigen, inhaltlich jedoch unheimlich dynamischen und vielschichtigen Stil meisterlich vor und ich als Leser folge ihr immer wieder aufs Neue in dieses Wagnis, diese Welten, die ihre Worte vor mir erschaffen – so voll von Zwischenmenschlichem.

Alice Munro
Himmel und Hölle. Neun Erzählungen
2013, 381 Seiten, Fischer Taschenbuch Verlag

Munro

Kleine Vogelkunde Ostafrikas

Manchmal halten Buchcover sogar, was sie suggerieren. Bei diesem Buch trifft eindeutig vor allem nicht nur die blumig ausgeschmückte Geschichte, sondern auch der leicht konservative Unterton des Umschlages sowie des Inhaltes zu. Der Protagonist Mr. Malik ist kein Held, welche Tatsache noch dadurch bestärkt wird, dass ein Mobber aus seiner alten Schulzeit nach Jahren plötzlich auftaucht und ihm seine heimliche Geliebte auszuspannen versucht. Das Buch ist sehr kurzweilig verfasst und hat eingängige Erzählstränge. Zudem bietet es zahlreiche ornithologische Schilderungen, die der Geschichte einen besonderen Charakter verleihen.

Nicholas Drayson
Kleine Vogelkunde Ostafrikas
2011, 286 Seiten, Rowohlt Taschenbuch Verlag

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Der Winterpalast

Die Buchbinderstochter Warwara kommt fast zufällig an den Hof der Zarin Elisabeth und lernt über Umwege, wie sie als so genannte „Zunge“ Informationen erhält und weitertragen kann. Sie entwickelt sich dabei nicht nur zu einer geschickten Spionin, sondern knüpft eine enge Freundschaft mit der im Buch noch wenig bekannten Großfürstin Katharina, der späteren Zarin Katharina II. Eva Stachniak schreibt über eine polnische Migrantin, die zu einem bedeutenden Rädchen im Uhrwerk russischer Monarchie gerät. Warwara zeigt Einblicke in ihr Leben, ihre gesellschaftliche Position und ihre Meinung zur Politik ihrer Zeit. Besonders eindrucksvoll schildert Stachniak zum Einen die Perspektive ihrer Geschichte. Große Politik wird aus der Sicht einer einfachen Bürgerin gedeutet. Zum Anderen zeigt sie, wie gering der Wert einer Frau und deren Ohnmacht zu einer Zeit war, als noch zur Ader gelassen wurde, Teile der Welt für Menschen noch wenig bekannt waren und Lebensschicksale in den Händen launischer Fürsten lagen.

Eva Stachniak
Der Winterpalast
2012, 533 Seiten, Insel Taschenbuch Verlag

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Tanz mit dem Jahrhundert

Als autobiographisches Werk kennzeichnet Stéphane Hessel sein bewegtes und bewegendes Leben auf dem Parkett der Diplomatie. Als Kind der berühmten Ménage à trois, die auch später als „Jules et Jim“ verfilmt wurde, weist Hessel auf seine intellektuellen Wurzeln in einem offenen Berlin, über seine Erfahrungen des Krieges und der daraus resultierenden politischen Prägung hin. Aufschlussreich ist die Übersicht zur Struktur eines „kleinen Vereins“ der Vereinten Nationen und ihrer Entwicklung zu einer Weltorganisation.Leider zeigt Hessel im Verlauf des Buches immer weniger Einblicke in sein Privatleben. Punktuell streift er persönliche Momente, die aber immer wieder zu Lasten seiner beruflichen Einbindung und damit einhergehenden Schilderung zerrinnen. Daher empfiehlt sich das Buch als Tanz mit der großen Politik, nicht aber als Meisterstück des Resultates einer außergewöhnlichen Biographie, wie Hessel sie zweifelsohne vorweist.

Stéphane Hessel
Tanz mit dem Jahrhundert. Erinnerungen
2012, 393 Seiten, List Taschenbuch Verlag

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Die Mittagsfrau

In ihrer kühlen Erzählweise beherrscht Franck es meisterlich, die Emotionen ihrer Figuren auf sehr treffliche Art wiederzugeben, ohne viele Worte über deren Zustände zu verlieren. Insgesamt spiegelt die Geschichte eine typische des Scheiterns, wie sie vor, während und auch nach dem zweiten Weltkrieg millionenfach geschehen ist. Franck hat gleich einer Expertin der qualitativen Sozialforschung Fragmente dieser Geschichten zu einem nüchternen Dokument zusammengefasst und verdientermaßen den Deutschen Buchpreis erhalten.

Julia Franck
Die Mittagsfrau
2010, 605 Seiten, Fischer Taschenbuch Verlag

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