Wir alle spielen Theater

  • Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, 9. Aufl. 2011, 251 Seiten, Piper Verlag

Ein weiteres prägendes Werk ist für uns dieses. Es ist seit seiner ersten Auflage in den Sozialwissenschaften bekannt, aber auch ohne besonderes Vorwissen für Fachfremde leicht zugänglich und spiegelt die Tatsachen des Alltags.
Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, etc. – Der Frühling ist die Zeit der Feste und Veranstaltungen. Wir treffen uns mit Familie und Freunden, bereiten uns auf diverse Besuchsaktionen vor. So gehört es sich in den meisten Kulturen, Wohnräume vor Eintreffen der Lieben besonders gründlich zu reinigen, Fenster zu putzen, Ausrangiertes auszutauschen und festlich herzurichten. Man hauswirtschaftet unter Hochdruck, um letztendlich unter dem Motto „Ach nein, bei uns sieht es immer so aus!“ einen entsprechenden Eindruck abzuliefern. Warum ist das so?
„Wenn ein Einzelner mit anderen zusammentrifft, versuchen diese gewöhnlich, Informationen über ihn zu erhalten oder Informationen, die sie bereits besitzen, ins Spiel zu bringen. Sie werden sich für seinen allgemeinen sozialen und wirtschaftlichen Status, sein Bild von sich selbst, seine Einstellung zu ihnen, seine Fähigkeit, seine Glaubwürdigkeit und dergleichen interessieren“ (Goffman 2011, S. 5).
Erving Goffman vertrat als Soziologe die Position, dass jeder Mensch in der Öffentlichkeit eine ganz eigene Rolle spielt und dass er diese im Sinne des gemeinsamen Zusammenlebens gestaltet. Wir sind somit nicht nur Resultate unserer Sozialisation, sondern gestalten diese auch selbst mit. Nicht umsonst stehen wir uns dabei gegenseitig im Weg und verhalten uns so, wie wir es gar nicht geplant hatten. Zu den Erwartungen, Wertvorstellungen und Wünschen (Habermas würde hier „Geltungsansprüche“ anführen, vgl. Habermas, Jürgen 1987a, S. 412 f.: Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp) können wir uns nicht einfach irgendwie „verhalten“, sondern verteidigen unseren Platz je nach Wertdimension. So entwickeln sich Dynamiken, wie sie eigentlich längst überholt sein müssten, etwa dass Frauen in Deutschland noch eher in Haushalt und Kindererziehung involviert sind und sich als Hauptverantwortliche fühlen. Während wir gemäß eigener Beobachtungen also bis vor Kurzem noch selbstgerecht-bohèmehaft die formvollendete Tupperware unserer Eltern belächelten, bemerkten wir in letzter Zeit ein vermehrtes Aufkommen derselben auch in unserer Generation … Alles nur für die richtige Performance eines soliden Eindrucks: „So wird im Dienstleistungsgewerbe in zahlreichen Rollen dem Kunden eine Vorstellung geboten, die durch den dramaturgischen Ausdruck von Reinlichkeit, Modernität, Zuverlässigkeit und Kompetenz geprägt wird.“ (Goffman 2011, S. 27). Und welche Erfahrungen habt Ihr?

Goffman

4 Kommentare zu „Wir alle spielen Theater

  1. ich finde, da hat der gute Mann wirklich recht, denn wenn man sich mal ganz bewusst wahrnimmt, dann spielt man tatsächlich eine Rolle und diese variiert dann immer von den jeweiligen Personen mit denen man sich umgibt. Es ist irgendwie etschrenkend, aber gleichzeitig auch notwenig finde ich.. Es gibt nicht umsonst so viele Seminare und Weiterbildung über Humankapital und Selbstvermarktung.

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