Stalins Birne

„Ich wurde geboren, das ist alles, was man über den Anfang sagen kann.“
Wenn ihr den ersten Satz des Buches lest, werdet ihr es bis zum letzten Punkt nicht mehr aus der Hand legen können. Ihr werdet nach 10 Seiten etwas kaputt sein, überrumpelt von den Zeit- und Gedankensprüngen, von der unkonventionellen Ausdrucksweise, dem Gedankenstrom, der aus den Seiten quillt und euch überrollt. Aber ihr werdet trotz allem weiterlesen (müssen) und am Ende legt ihr erschöpft, aber glücklich das Buch aus der Hand, froh, durchgehalten zu haben.
Aber von vorn: Im Buch, das mich beim letzten Besuch in unserem Lieblingsbuchlädchen erstmal nur wegen der Covergestaltung ansprach, wird viel geflucht. Und philosophiert. Und nebenbei erzählt der Protagonist Ivan Kalda seine Lebensgeschichte, von der Kindheit und Jugend im Kroatien der 1970er, über die erste Liebe und den ersten Drogen bis hin zu seiner Rolle als Kriegsfotograf im Kroatienkrieg in den 1990ern und schließlich der Gegenwart, die alles Andere als rosig aussieht. Die Handlung verläuft hierbei nicht chronologisch, springt von der Kindheit in die Gegenwart und wieder in die Kriegszeit zurück. Dabei beschreibt Kalda das Leben immer eher distanziert wie ein Beobachter des eigenen Lebens. Verpackt ist das Ganze in einem Text, der weniger einer üblichen Erzählung, als eher einem Gedankenstrom ähnelt. Schachtelsätze, Themensprünge, Namen und Orte, die erwähnt und später im Buch aufgeklärt werden, Flüche. Und in dieser Mauer aus Worten blitzt immer wieder das traurige Kind Kalda hervor.
Wer sich auf den Text einlässt, wird mit einem tollen Roman belohnt, der sowohl inhaltlich mit der jüngeren Geschichte Kroatiens und seiner Bewohner glänzt, als auch förmlich, da die Art der Textpräsentation wirklich etwas Besonderes ist und wenigstens mich sehr gefesselt hat. Also: Besorgen! Lesen! Weiterverschenken!

Edo Popovic
Stalins Birne
2014, 286 Seiten, btb

Popovic