Fromm über´n Tisch gezogen

„Lass Dich nicht über´n Tisch ziehen,“ sagt Margarete heute zu mir, eine unserer ältesten Ehrenamtlichen. „Du kannst nicht mit der Sandy, das sehe ich.“ Die Sandy, das ist die nicht mehr ganz neue Kollegin, die mit 45 zwei erwachsene Kinder hat und neben einer Ausbildung ein jetzt auch noch abgeschlossenes Studium. Die Sandy ist die, die konsequent Namen in aller Öffentlichkeit falsch ausspricht, die niemals nie nicht ihre E-Mails liest, weil „da habe ich doch gar keine Zeit, die jeden Tag zu lesen,“ die jede Idee wie eine Art Hybrid aufnimmt, filtert und mit eigenen Worten als ihre eigene erzählt und die in ihrem Kopf das auch glaubt. Das ist besonders positiv für sie. So eine Sandy kennt jeder, eine, die die zwei Kinder groß hat und faltenfrei durch´s Leben geht, die weiß, wie man sich auf die Schulter klopft und damit nicht mehr aufhört, bis auch andere wohlwollend mitklopfen. Dabei fängt es mit diesen Menschen harmlos an, man denkt sich insgeheim, dass man auf eine schlichte Natur getroffen ist, ganz einfache Verhältnisse, nach der Wende ´rübergemacht – wir hatten ja nix, nee-nee. Hm, ja, tut mir leid, ist klar. „Ja, habe mich ja dann taufen lassen, weil meine Tochter mal in weiß mit Kirche heiraten will und ich wollte ja auch nicht ewig in dem Zentrum bleiben, Kirche ist schon besser.“ Während ich noch darüber nachdenke, ob die Hochzeit in weiß ein Grund für einen Kircheneintritt ist und ob man es in den Räumen unseres kirchlichen Trägers wirklich so offen und ehrlich sagen sollte, stellt sie mir schon die Frage, wie sie eine Stellenausschreibung auf unserer Homepage schalten kann. „Äh, sowas läuft über den Chef, das macht dann später der Admin, da kann nicht jeder ran. Wen suchst Du denn für was für eine Stelle?“ Sie notiert sich alles genau, gespickt mit ein paar klischeebeladenen und obligatorischen Schreibfehlern.

Im Geiste denke ich noch an das weiße Kleid. Ob ich, die ich damals länger als ein Jahr den Klingelbeutel in der Kirche als Konfirmandin geschwungen, die in Eiseskälte zumindest an hohen Feiertagen den Gottesdienst besucht hat, nicht doch geeigneter bin für die Stelle als jemand – aber Asche auf mein Haupt! Sowas sollte ich nicht denken, so hat sie das sicher nicht gemeint. „M. hat mir die Nähmaschinen zugesagt,“ –  „Hä, wie? Ich dachte, weil man so schlechte Erfahrungen hatte mit der alten Gruppe, sollte es keine Nähmaschinen mehr geben.“- „Doch, sie hat gerade angerufen, ich bestelle einfach mal 4.“ Ich schweige und denke an den vergilbten Psalm 23 neben den betenden Händen, die im Wohnzimmer meiner Eltern hinter der Tür hängen, eine Frömmigkeit, die von der Inneneinrichtung in die hinterste Ecke verbannt wurde. „So, so,“ mache ich und freue mich, dass ich meine Nächstenliebe nur noch in Teilzeit verteilen muss.

 

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