Trauer, halbes Jahr später

Es ist noch nicht ganz ausgestanden, die Sache mit unserem Papa, aber sie ist auf einem guten Weg. Sein Bild steht im Regal, deutlich sichtbar für den, der es sehen will, aber schon nicht mehr so präsent, wenn es um den Alltag geht. Ja, was bleibt? Mittlerweile sind die ersten Feste ohne unseren Vater, der sich stets friedlich etwas abseits sein Zigarettchen anzündete, ausgestanden. Insgesamt fehlt er noch an allen Ecken, aber das Gefühl, das sich auf die schlimme Erfahrung bezieht und auf das Leid, das er hatte, ist zum Glück schon blasser geworden. So ähnlich geht es auch dem Vater meines Mannes, der einen Monat später seine Lebensgefährtin an den Krebs verloren hatte.

Zeit also für eine erste Bilanz der Trauer. Das Pech, alles und jedes mitzuerleben, was dort im Krankenhaus passiert, einen Menschen in und nach einer Chemotherapie zu sehen, später im Koma und an einer Blutvergiftung sterbend, ist für den, der daneben sitzt, eine Herausforderung. Unsere medizinischen Kenntnisse waren begrenzt und so haben wir uns natürlich ganz auf das Klinikum verlassen müssen. Ob sie ihr Bestes gegeben haben, können wir heute nicht sagen. Viele Fragen tun sich auf, z. B. warum er ständig von der Intensivstation zurück auf die Normalstation verlegt wurde, obwohl er in einem lebensbedrohlichen Zustand war, etc. Keine Fragen, die mich persönlich noch plagen, die aber unsere Familie beschäftigen.

Damals im Krankenhaus war es ein Dauerbeschuss, der uns ebenfalls lahmgelegt hat. Ich hatte mitten im Sommer eine Erkältung bekommen, die sich dann zu einer ordentlichen Mittelorhentzündung entwickelt hatte. Über Wochen habe ich nur auf dem linken Ohr gehört und entsprechend nur gesehen, was passierte – wahrscheinlich eine ganz einfache psychische Reaktion auf die Hiobsbotschaften, die mir morgens mitgeteilt wurden. Seine Leukämie ist eine Krebsgeschichte wie jede andere gewesen, aber die Geschwindigkeit, mit der aus der Vermutung einer ASS-Allergie zuerst Cortisontabletten und schließlich eine Chemo bzw. Rituximab wurden, sind schon rekordverdächtig, lieber Papa!

Unser Papa war für Verschwörungstheorien nämlich sehr aufgeschlossen. Er hatte sich „etwas schlapp“ gefühlt, hatte rote Flecken am ganzen Körper und zwei Wochen vorher eine Erkältung gehabt, bei der er sich ASS aus der Apotheke geholt hatte. „Papa, solche riesigen Flecken kommen aber nicht vom ASS. Das ist keine Allergie, Du hast was Anderes, geh´ mal zum Arzt“, hören wir uns noch sagen. Trotzdem hatte er irgendwie Recht, denn ASS ist ja für seine blutverdünnenden Eigenschaften bekannt. Bei einem Patienten mit Leukämie im Endstadium sicher nicht das beste Medikament. Als er dann beim Hausarzt saß mit blutigen Lippen, hat dieser über sein ASS gelacht und ihn per Krankenwagen direkt auf eine Krebsstation einweisen lassen. Die Wucht war es wohl, mit der aus einem kleinen Verdacht eine Wahnsinnskrankheit und aus einem gesunden Menschen innerhalb von drei Wochen ein völlig entstellter Toter geworden ist. Das hat uns alle umgehauen.

In der Zeit seiner Krankheit schien die Sonne und es war schönstes Documenta-Spektakel. Ich bin vor der Diagnose einmal dort gewesen und danach eben im Krankenhaus. Beruflich hat es trotz kirchlichem Träger natürlich kein Entgegenkommen gegeben, ist klar. Muss ja jeder sehen, wo er bleibt. Es war riskant, mein Plan, um weniger Stunden zu bitten. Ich hätte die Arbeit eben auch verlieren können, stattdessen wurde meine Stelle halbiert und man konnte für die andere Hälfte eine günstigere Berufsanfängerin einstellen. Ein teuflisches Unterfangen.

Schon zwei Monate nach dem Tod unseres Vaters haben wir angefangen mit der Renovierung und den Umzugsplänen. Meine Mutter hat im Eilverfahren die Wohnung ihrer Eltern im 1. OG ausgeräumt, die mehr als fünf Jahre leergestanden hatte. Der Plan: Wir helfen meiner Mutter bei der Pflege unserer Oma. Das war Plan A. Mit jeder Neuerung in der Wohnung ging es meiner Mutter besser, mit jedem Hilfsangebot für Oma schlechter. „Hast Du Dich mal gefragt, ob sie überhaupt will, dass Ihr da wohnt?“ Nach drei Monaten auch hier eine Bilanz: Wahrscheinlich ist sie froh, wenn etwas um sie herum passiert, aber wenn sie ihre Ruhe hat und ihre Dinge so machen kann, wie sie möchte, geht es ihr besser.

Die Mär vom Mehrgenerationenhaus besagt, dass man sich einig ist, dass man jede Mahlzeit zusammen einnimmt und sich freudig am Kaffeetisch austauscht. Ja sicher, aber das ist auch der Grund, warum kein Mensch mit seinen Eltern und / oder Kindern zusammen leben will. Das hält nämlich keiner aus und so beobachte ich wohlwollend, wie sich die Katze von ihr füttern lässt und mir berichtet wird, was sie gern isst und mit welchen Dosen ich gar nicht erst ankommen sollte.

 

 

 

Ein Kommentar zu „Trauer, halbes Jahr später

  1. Bei einer Arbeitskollegin war der Krankheitsverlauf auch so erdrutschartig, dass ich es immer noch nicht fassen kann. Das mit dem friedlichen Zusammenleben im Mehrgenerationenhaus halte ich übrigens auch für einen Mythos.

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