Kurzgeschichte: Am Kamin

D ie letzten Monate hatten ihr viele trübe Gedanken beschert. Der Winter war stets zehrend für die junge Frau gewesen, die so früh allen Vorrat anlegen und ihr Quartier mühevoll mit Stroh decken musste. Wenn es diese Arbeiten zu verrichten galt, spürte sie den Verlust besonders. Damals, als ihre Familie noch gemeinsam in der kleinen Hütte gewohnt hatte, war es einfacher gewesen. Wenn sie heute an die glücklichen Zeiten zurückdachte, war es wie der Blick in ein anderes Leben, als ob es nie existiert hatte.

Ihre Decken und Felle zeugen noch davon. Die großen Krüge, für eine große Anzahl von Menschen hergestellt, scheinen von den Zeiten zu berichten, als an dem großen Eichentisch in der Gaststätte das einfache, aber stets wohlschmeckende Mahl eingenommen wurde. Das helle Lachen ihrer Mutter, die ihren Vater und ihre Schwestern umsorgte, Gerichte zubereitete und ihre Hände geschäftig hin und her wandern ließ.

Es war die Zuversicht ihrer Mutter, die alle Jahreszeiten so schätzte und in der Familie eine starke Vorfreude auf den Jahreswandel entstehen ließ. Im Frühling trieb sie die Kinder nach draußen, dass sie sich bewegten, in der Sonne dösten und frische Luft bekamen. Sie und ihre Schwestern sollten spielen, aber sich nicht herumtreiben. Unterdessen fegte und redete die Mutter auf den Staub ein, den der Winter hinterlassen hatte.

Im Sommer pflückten sie gemeinsam Blumen auf den Feldern. Dazu erzählte ihre Mutter Geschichten von Rittern, Königen und Prinzessinnen. Ihr Vater stand oft in einiger Ferne, erntete das bisschen Korn, das er mit einem Bauern aus dem nahe gelegenem Ort gesät hatte. Der Vater war immer bemüht um die Kenntnis der Nachrichten im Ort. Er wusste, dass Wissen und Bildung wichtig waren, aber dass man zwischen den Berichten diejenigen wählen musste, denen man Glauben schenken konnte.

Im Herbst half ihr Vater anderen Bauern, um Wintervorräte anzulegen und Erkundungen über die Pläne des jungen Landgrafen einzuholen. Ihre Mutter streifte dann mit den Kindern lange durch den Wald. Sie hingen kleine Gaben auf für die Tiere, die ihnen eine gute Nachbarschaft sein sollten. Es sei wichtig, vom eigenen Überfluss zu geben.

So macht sie es noch heute. Wenn die Schwelle zum Winter beginnt, müssen die Waldtiere versorgt sein. Ihre Freundinnen haben sie dafür bisher immer verspottet. Ihre Mutter hat sie damals, als sie es verraten hatte, zur Heimlichkeit angehalten.

Wir sind anders“, sagte sie ihr stets. „Wir leben hier draußen, weil wir nicht so sind wie sie.“ Im Winter erfreuten sie sich dann, wenn die Tiere kamen und fraßen und sie in ihrem dichten, winterlichen Gefieder und Pelzen an den Ähren knabberten.

Mutter und Vater waren gleich und verschieden gewesen. Ihr Vater sorgte mühevoll für die Familie. Noch nie war ihr Geschlecht im Besitz von irdischem Reichtum gewesen. Nur selten sprach er über ihre Armut und nur selten hatte sie gesehen, wie Vater und Mutter heimlich sprachen, welche Güter sie hatten und wie die Ernte sie ernährte. Mutter war immer der gute Geist gewesen.

Aus Erzählungen hatten die Kinder erfahren, dass die Großeltern damals nicht in die Verbindung mit der Mutter eingewilligt hatten. Sie sei sonderbar. Er hätte sich ein Mädchen aus dem Ort nehmen sollen. Ihre Großeltern trafen sie zu der Zeit nicht mehr oft. Früher hatte es Streit gegeben.

Die Enkelinnen seien Teufelsbrut, auch wenn ihre Großmutter immer gut zu den Mädchen gewesen war. Die Eltern hatten beschlossen, in eine eigene Hütte zu ziehen. Nicht im Ort, wo die Mutter stets argwöhnisch beobachtet wurde, wenn sie zum Markt ging und Waren auswählte, die außer ihr fast niemand kaufte. Sie hatte aber nicht das Gefühl, dass die Mutter traurig darüber gewesen wäre. Sie hätte gesagt, dass es ihre Aufgabe gewesen sei.

Dachte sie länger an diese Jahre zurück, dann fühlte sie, dass sie die Gemeinschaft der Familie glücklich gemacht hat. Das Lachen, aber auch die Beschwerlichkeiten sind heute die Momente, in denen sie sich Rat und Hilfe wünscht.

Auch ihre Geschichte begann im Winter. Es war das Jahr 1570. Draußen lag eine dichte Schneedecke und immer neue Flocken legten sich leise nieder. Im kleinen Haus war es warm. Der Ofen heizte ihr Zimmer und alle hatten ihre Arbeit. Ihre Mutter sponn Wolle und legte sie zum Weben bereit. Ihre Schwestern wickelten Ballen daraus und spielten mit der jungen Katze. Das schwarze Tier war ihnen noch im Spätsommer zugelaufen und alle hatten viel Freude an ihm. Ab und zu ging der Vater aus, um neues Holz für den Ofen zu holen.

Sie selbst saß am Fenster und blickte hinaus in den Wald. Alles war dicht verschneit und die Tannen schienen die schwere Last des Schnees nur ungern tragen zu wollen. Traurig ließen sie ihre Zweige hängen. Die Sonne schien und bestrahlte die weiße Pracht, sodass sie silbrig glitzerte.

So müsse es in der Schatzkammer des Landgrafen aussehen, dachte sie bei sich und begann, von Gold und Silber zu träumen, das sie auf dem Markt schon einmal gesehen hatte.

Während sie so dasaß und träumte, vertiefte sie sich immer weiter in das Treiben der Schneeflocken. Sie beobachtete, wie einzelne Flocken vom Himmel kamen und sanft zu Boden fielen. Sie schaute immer weiter und fühlte sodann, wie in ihren Körper ein Beben fuhr und wie sie sich zu fragen begann, warum die Flocken zu Boden fielen. Für diese Geschöpfe sei es doch nur recht und billig, dass sie in ihrer Anmut dem Himmel nicht verloren gingen.

Sie beobachtete eine der unzähligen Flocken besonders und bewunderte ihr funkelndes Kleid. Plötzlich sah sie, wie sich die Flocke, die kurz zuvor noch den Boden berühren sollte, erhob und zu ihrem Rückweg ansetzte. Sie nahm eine Wendung und ganz langsam verschwand sie dahin, woher sie gekommen war.

Zugleich erfasste das Mädchen ein starkes Gefühl von Willen und ein großes Behagen, als die Flocke nach oben verschwunden war.

Sie sah sich um und hoffte inständig, dass die anderen hinter ihr nichts bemerkt hatten und tatsächlich waren sie noch immer mit ihren Aufgaben beschäftigt. Ihre Schwestern spielten mit der Katze. Ihr Vater schürte das Feuer, nur ihre Mutter lächelte kurz hinter ihrem Spinnrad hervor, um sich sogleich wieder ihrer Arbeit zu widmen.

Dieser Moment hatte alles in ihr verändert. Was war damals mit ihr geschehen? Wer war sie?

Noch viele Monate sollte sie Zweifel in sich tragen, sollte sich immer mehr zurückziehen. Was konnte sie wohl noch? Schon damals war allgemein bekannt, dass die Fähigkeiten der Menschen im Ort begrenzt waren und dass sie an Berichte glaubten, die ebenso wundersam und furchtbar klangen. Diejenigen, die sie kannte, waren des Lesens und Schreibens nicht mündig. Sie wusste, dass ihre Mutter ihnen dieses Können verschafft hatte.

Gemeinsam hatten sie in dem einzigen Buch gelesen, das die Familie besessen hatte. Woher es stammte, wusste keiner mehr zu sagen. Die Rezepte, die darin aufgeführt wurden, waren solche des täglichen Gebrauchs, aber es gab auch Zutaten, die auf bestimmte Weise das Mahl veränderten.

Je nach Wunsch konnten Speisen damit auf raffinierte Art eine starke Wirkung entfalten. Eben diese fremden Kräuter hatte ihre Mutter schon auf dem Markt verlangt, als sie noch ein junges Mädchen gewesen war. Die Mutter hatte sie meist dorthin mitgenommen und so entgang ihr nicht der Neid der Marktfrauen, wenn sie nach teurem Safran oder Zimt verlangt hatte. Sie selbst war dann sehr traurig. Das Tragen der Waren war ihr eine viel geringere Last als das Gewissen und der schlechte Stand der Mutter.

Nun war es zu spät und das Schicksal ließ sich nicht wenden. Sie wusste, dass es nach der Begebenheit mit der Schneeflocke noch schwieriger würde. Als sie einmal mit den anderen Kindern spielte, hörte sie, wie eine andere Gruppe von Mädchen sie streng beäugte. Es war ein einfaches Spiel gewesen und sie war sicher, keinen Fehler begangen zu haben. Daher wunderte sie sich sehr über das Verhalten der Kinder. Sie lachten und tuschelten so laut, dass sie sie in Teilen verstehen konnte. „Hexe“ war eines der wenigen Worte, das sie von ihnen vernommen hatte.

Es war so gesprochen, dass es direkt an sie gerichtet war und die Kinder liefen lachend weg. Bis heute, nach so vielen Erfahrungen, waren die Kinder die einzigen, die es je gesagt hatten.

So lange war es nun her, dass sie es nur noch schemenhaft erinnern kann und doch treten manchmal die alten Bilder so klar vor sie, als sei es jüngst passiert. Von den Kindern und auch, als die Söldner kamen und ihre Familie holten.

Von dem Erlass hatten sie dem Vater nichts erzählt. Nicht jeden Bericht hat er damals bei seiner Arbeit erhalten. So hat es sich sehr plötzlich zugetragen. Vielleicht kannten die Bauern den Erlass nicht. Natürlich muss es Gerüchte gegeben haben. Erst jetzt, nachdem es schon viele Jahre zurücklag, las sie in der Bulle, dass alle Frauen und mit ihnen die Familie, die dem christlichen Glauben abgeschworen hatten, auf die Probe zu stellen und bei Feststellung der Schandtaten auf´s Schärfste zu verurteilen waren.

Seit dieser Zeit lebt sie allein in dem kleinen Haus. Zehn Winter sind ins Land gegangen und der noch immer junge Landgraf hat endlich ein Kind. Eine schöne Tochter, so sagt man, kräftig und stolz wie das Geschlecht ihrer Ahnen. Bald soll das Mädchen nach dem christlichen Glauben getauft werden.

Zuerst wollte sie die Einladung zur Taufe nicht annehmen. Lange hat sie überlegt, welche guten Wünsche sie dem Kind geben kann. Schönheit, Reichtum, Glück? Was gönnt man einer Familie, die eine andere ausgelöscht hat?

Während sie nachdenkt, gleitet der Faden flink zwischen ihren Fingern. So wie schon ihre Mutter spannt sie die Wolle auf die Spule des Spinnrads, das noch immer gute Dienste leistet.

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