Der Schatten des Windes

Ein Buch, das ich noch nicht ganz zuende gelesen habe und auf das man sich nicht einfach so in der Bahn konzentrieren kann. Es hat seine Längen, aber grundsätzlich ist die Idee, dass ein Buch das ganze Leben prägen kann, doch sehr verlockend. Nebenbei etwas spanische Geschichte. Nichts Leichtes für den Sommer, eher was für den Herbst:

Carlos Ruiz Zafón

Der Schatten des Windes

2005, 563 Seiten, Suhrkamp

Ruiz-Zavon

Zeitenbrand: So mies war der gar nicht

Schon lange zweifele ich an dem Text „Zeitenbrand“, hatte ich in 2015 veröffentlicht und hat das aufgegriffen, was mich damals beschäftigt hat, vielleicht war er zu ernst, zu überregional oder weiß der Geier. Hier eine Leseprobe: https://www.amazon.de/Zeitenbrand-Roman-Elisabeth-Waterfeld-ebook/dp/B01M5H4HVE/ref=cm_cr_arp_d_product_top?ie=UTF8#reader_B01M5H4HVE

Vieles würde ich heute in meinen Texten anders machen, z. B. schon in meiner Personenbeschreibung „… hat in Paderborn und Kassel studiert.“ Interessiert ja nicht die Bohne, „gelebt“ oder sowas träfe es heute besser. Steigt Euch bei Euren eigenen Texten auch manchmal die Schamesröte ins Gesicht?

 

Nordhessische Gräber im Wandel der Zeit

Angeregt durch den Text über die Gräberverlosung von „Autorenseite“ komme ich ins Überlegen, was bei uns auf dem Friedhof im ländlichen Nordhessen so abgeht. Hier eine kleine Übersicht, wie es in unserem Örtchen aussieht:

Bei uns gibt es immerhin zwei Friedhöfe – einen „alten“ und einen „neuen“. Auf dem „alten“ lagen früher tatsächlich sehr alte Menschen begraben. Alte Eichen zieren die Wege und alles wirkte so wie ein Friedhof eben sein sollte. Auf dem „neuen“ Friedhof geht es dicht an dicht, Gräber aller Jahrgänge mit üblicher Grabbepflanzung reihen sich vorschriftsmäßig nebeneinander, große Felder für zwei Mann, einzelne und seit einiger Zeit auch kleinere Karrees für Urnengräber.

Die Bestattung

In meiner frühen Kindheit war das übliche Bestattungsritual so: Man verständigte zeitnah unseren Schreiner – von dem hatten Verstorbener und Familie schon immer Fenster und Türen bezogen, daher konnte man ihm auch für den letzten Weg eine Expertise zutrauen. Voller Andacht kümmerte sich der Heinrich, jetzt der Klaus und auch der Phil geht diesen Weg der doppelten Profession. Beerdigt wurde im Eichensarg, ordentlicher Aushub, ab durch die Mitte und dann ein Grab mindestens 2 x 2 Meter groß. Mindestens 20 Stiefmütterchen waren später vonnöten, um diese Fläche zu bespielen. Im ersten Jahr mit Holzumrandung ohne Stein, noch vom Heinrich zusammengekloppt, damit die Erde nicht absackt, sucht man sich im 2. Jahr einen Steinmetz. Die Kosten für eine Grabeinfassung betragen je nach Wunsch ca. 3000,- und mehr. Unser Opa hat ein zurückhaltendes „Orion“-Granit, unser Papa ein flottes „Himalaya“. Beides gut zu pflegen, einmal investiert eine Sache für immer. Den Unterschied macht jetzt aber vor allem die Aufteilung:

Aufteilung und Dekoration

Eine Entwicklung der jüngeren Zeit ist die Tatsache, dass nicht jeder mit den 20 Stiefmütterchen umgehen kann und möchte, daher werden die Gräber insgesamt kleiner. Große Felder erhalten jetzt farbigen Kies, kleine Platten für Kerzen, Engel, Blumentöpfe, etc. kommen hinzu und sorgen dafür, dass es weniger Blumen und damit weniger Pflege braucht. Auf den Gräbern tummeln sich heute ulkige Andenken, die in meinen Kindertagen noch verpönt gewesen sind. Kerzen, die eigentlich als grundkatholisch und auf unseren Gräbern für nicht geeignet gelten, brennen nun allerorten bewacht von lustigen Kunststoffengeln.

Reduzierung

Unsere Familie ist Fan dieser Engel. In den ersten Monaten sah das Grab unseres Vaters aus wie die Gedenkstätte von Lady Diana – so viele Blumen, Herzchen und Plunder, der sich nach und nach verflüchtigt hat und der dem schmalen Grab auch besser tut. Unser Papa hat ein Einzelgrab mit Urne und Option auf eine weitere Urne. Er hat nur einen kleinen Stein und wenn man genau hinsieht, erkennt man die mögliche zweite Zeile. Meine Mutter will sich ein Türchen offen lassen. Wer weiß, was oder wer noch kommt? Die Zeile für meine Oma ist merklich größer und schlug ihr jedes Mal drohend ins Gesicht, als sie an das Grab ihres Mannes trat.

Die Urne ist hier noch nicht lange Trend. Wahrscheinlich eine Glaubensfrage. Mittlerweile ist aber das halbe Dorf verbrannt worden, sodass man gern bereit wäre, das Schicksal dieser Jenseitsgemeinschaft zu teilen.

Zukunft

„Wir nehmen ein Rasengrab.“ Totenkult hat es immer gegeben, ob mit, ob ohne Religion und es bringt den Menschen etwas. Lasst mich engstirnig und gemein erscheinen, aber ich weiß nicht, ob es richtig ist, wenn wir unsere Leute unter einer Wiese verscharren mit einem Hinweisschild irgendwo am Eingang. Der alte Friedhof ist mittlerweile so ein Rasengrab. Die Sträuße liegen kreuz und quer. Es sieht schlimm aus. Ich kenne alte Menschen mit großen Familien, die äußern, dass ja später mal keiner da ist. Bestattungen sind teuer, Grabpflege auch, aber ein bisschen Deko, mal ein Röschen kann man doch für die Eigenen entbehren? Manchmal geht es nicht anders. Neulich wurde unsere Nachbarin am Sonntag beerdigt, weil die schwerbeschäftigte Familie – eine Armada aus Ärzten und BWLern – keine Zeit an einem Werktag hatte. Mensch, Leute!

Über das Schreiben

Angeregt von ein paar netten Bloggerkolleginnen möchte ich mich mit meinem eigenen Schreiben näher auseinandersetzen:

  • Das Tagebuch lässt gut reflektieren, kann aber auch zur Sackgasse werden, wenn eigene Probleme immer weiter gewälzt werden, daher schreibe ich nur noch Stichworte in einem Kalender auf, wenn am Tag etwas Besonderes passiert ist.
  • Der kreative Text, der anderen Wirklichkeiten entliehen und gemischt mit eigenen biografischen Anteilen ist, gilt für mich als Befreiung von meinen eigenen doofen Gedanken. Ich gehe weg von den Problemen, erhalte eine erfrischende Abwechslung.
  • Zeit zum Schreiben muss man sich nehmen. Bei mir kommt das Schreiben aber erst nach einer gewissen Zeit der Langeweile. Momentan baue ich in meinem Brotjob Überstunden ab und erhole mich von dem, was bei uns zu Hause passiert. Wahrscheinlich komme ich irgendwann wieder dazu.
  • Anregungen sammeln: Wer gerade keine Zeit zum Schreiben hat, hebt einfach die Ideen und Dinge auf, die einem den entscheidenden Tipp für eine neue Idee gegeben haben.
  • Ziel des Schreibens ist bei mir zum Einen tatsächlich die Ablenkung von anderen Gedanken, die nicht förderlich für mich sind und die mir oft Angst machen. Ziel kann aber zum Anderen auch sein, daraus irgendwann ein konkretes Standbein zu schaffen. In Zeiten von Befristung, von Digitalisierung und Abschaffung der Arbeitswelt sicher eine Utopie, aber auch keine ganz saublöde Idee, daher hier der Werbeblock für das, was bei mir hinten rausgekommen ist:
  • Elisabeth Waterfeld: Weinbergmond. Ein Kasselkrimi, 2015, Tredition (Gardner-Krimi 1)
  • Elisabeth Waterfeld: Zeitenbrand, 2015, Tredition
  • Elisabeth Waterfeld: Kirmesblut. Musik für Gardner, 2016, Tredition (Gardner-Krimi 2)
  • Irgendwann wird es auch einen 3. Gardner und eine nordhessische Geschichtensammlung geben – ganz bestimmt 😉

No time for Opa Kaus

Heute vor einem Jahr ist es gewesen. Wir stehen um 21:30 noch im Krankenhaus, warten auf die Minuten und was noch so passieren wird. Wir sind alle informiert, was unser Papa hat, sehen, wie die Transfusionen durchlaufen, sehen ihn in abgewetzter Jeans und nicht krankenhausgemäßen, weil durchlöcherten Strümpfen auf der Liege, Notaufnahme. Meine Mutter nimmt den Latte Macchiato dankbar an, obwohl es spät ist, obwohl er mit Zucker und eigentlich überhaupt nicht gut für die Gesundheit und ihren Magen ist. Einer, wie er in den nächsten Wochen häufiger gezogen wird. Wir sind informiert, aber wissen jetzt schon nicht weiter. Da fing es an, ein wohlbekanntes Gefühl, das nicht abreißen will. Was machen sie gleich? Ans Nach-Hause-Fahren ist noch lange nicht zu denken. Wir stehen zu viert um das Bett, gehen in kleinen Gruppen für Zwiegespräche raus, zum Durchatmen. Nebenan im Bett ein junger Kerl, der sich überarbeitet hat, wahrscheinlich zu viel Stress bei der Hitze, kann morgen raus. Papa muss bleiben. Was bedeutet „Altersleukämie“? – „Ach, das kann man gut in den Griff kriegen. Google sagt, dass man das gut mit Medikamenten organisiert, dass man damit gut alt werden kann.“ – „Dann ist ja gut.“ Mein erstes Vater Unser am Waschbecken. Komisch – beim Singsang in der Kirche bin ich textsicher, jetzt stottere ich in Gedanken vor mich hin und denke, dass es wohl irgendwie oben ankommen wird.

Lieber Opa Kaus, lieber Papa, nun ist kaum Zeit für Dein Gedenken, unsere Mama ist letzte Woche nebenan wegen des Vorhofflimmerns operiert worden, hatte vorgestern wieder die gleichen Symptome und gestern musste unsere Oma aus der Kurzzeitpflege direkt ins Krankenhaus. Auch wenn sie morgen entlassen wird – was will man machen? Immer was Neues. Der Schockraum schockiert nicht mehr. Selbst unsere Katze ist an Deiner Krankheit gestorben. Dein Auto ist letzte Woche vom Parkplatz runter auf die Straße gerollt, weil nicht genug Bremsflüssigkeit auf der Handbremse war. Wenigstens konnten Passanten mir beim Aufhalten vor dem Graben helfen. Was denn noch? Mensch Papa, sorg´ bloß dafür, dass diese Strähne bald vorbeizieht, sonst kriegst Du da oben Ärger, das glaub´mal nur!

Herzblut und Kryoablation

Muttern liegt auf ihrer Normalstation direkt neben der Intensiv, auf der Papa starb. Ein Jahr später, fast „same procedure“. Naja, im kleineren Krankenhaus auch so. Warum die Krebs- und die Herzleute in einem Mehrtausendmannbetrieb zusammenliegen- schleierhaft. Gestern OP für 2,5 Stunden, jetzt alle ausruhen, morgen nach Hause. Oma geht’s gut in der Kurzzeitpflege, Papa, Opa und weitere Pflanzen gewissenhaft gegossen. Die Angst ist groß, die Körper wollen streiken, nur viel Fleisch hilft dem wahren Vegetarier, zu futtern, als wenn es kein Morgen gäbe. Lieber das große Brötchen, wer weiß, ob es noch mal in dieser Welt was gibt. Das Schönste kommt erst noch, sagte Ordensschwester Marie Waterfeld, Opas Schwester. Kann mir hier keiner garantieren, deshalb bin ich gute Café-Kundin.

Kurznotizen

Wenn einer stirbt, meinen andere, es gäbe einen kausalen Zusammenhang, also sowas wie, der Mensch, das Tier ist krank geworden, weil … oder man hätte etwas an der Sache ändern können. So allmächtig ist man nicht, aber es schwelt im Vorbewusstsein, man macht sich Vorwürfe. Morgen ist Krankenhaus, wieder Klinikum, mal sehen, hoffentlich diesmal glücklicher Ausgang. Werde berichten.