No time for Opa Kaus

Heute vor einem Jahr ist es gewesen. Wir stehen um 21:30 noch im Krankenhaus, warten auf die Minuten und was noch so passieren wird. Wir sind alle informiert, was unser Papa hat, sehen, wie die Transfusionen durchlaufen, sehen ihn in abgewetzter Jeans und nicht krankenhausgemäßen, weil durchlöcherten Strümpfen auf der Liege, Notaufnahme. Meine Mutter nimmt den Latte Macchiato dankbar an, obwohl es spät ist, obwohl er mit Zucker und eigentlich überhaupt nicht gut für die Gesundheit und ihren Magen ist. Einer, wie er in den nächsten Wochen häufiger gezogen wird. Wir sind informiert, aber wissen jetzt schon nicht weiter. Da fing es an, ein wohlbekanntes Gefühl, das nicht abreißen will. Was machen sie gleich? Ans Nach-Hause-Fahren ist noch lange nicht zu denken. Wir stehen zu viert um das Bett, gehen in kleinen Gruppen für Zwiegespräche raus, zum Durchatmen. Nebenan im Bett ein junger Kerl, der sich überarbeitet hat, wahrscheinlich zu viel Stress bei der Hitze, kann morgen raus. Papa muss bleiben. Was bedeutet „Altersleukämie“? – „Ach, das kann man gut in den Griff kriegen. Google sagt, dass man das gut mit Medikamenten organisiert, dass man damit gut alt werden kann.“ – „Dann ist ja gut.“ Mein erstes Vater Unser am Waschbecken. Komisch – beim Singsang in der Kirche bin ich textsicher, jetzt stottere ich in Gedanken vor mich hin und denke, dass es wohl irgendwie oben ankommen wird.

Lieber Opa Kaus, lieber Papa, nun ist kaum Zeit für Dein Gedenken, unsere Mama ist letzte Woche nebenan wegen des Vorhofflimmerns operiert worden, hatte vorgestern wieder die gleichen Symptome und gestern musste unsere Oma aus der Kurzzeitpflege direkt ins Krankenhaus. Auch wenn sie morgen entlassen wird – was will man machen? Immer was Neues. Der Schockraum schockiert nicht mehr. Selbst unsere Katze ist an Deiner Krankheit gestorben. Dein Auto ist letzte Woche vom Parkplatz runter auf die Straße gerollt, weil nicht genug Bremsflüssigkeit auf der Handbremse war. Wenigstens konnten Passanten mir beim Aufhalten vor dem Graben helfen. Was denn noch? Mensch Papa, sorg´ bloß dafür, dass diese Strähne bald vorbeizieht, sonst kriegst Du da oben Ärger, das glaub´mal nur!

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