Kurzgeschichte: Rauhnächte

Er kann ihn manchmal nicht leiden. So wie er oft arrogant auf der Mauer stolziert, wie er hinter den Vögeln herstarrt und wie er überhaupt nicht auf andere achtet. Er kann es nicht leiden. Trotzdem sind sie verbunden, auf immer zusammen, Brüder eben, die sich streiten und dann wieder vertragen. Es war schon immer so. Er hätte sich ja dagegen einsetzen können, hätte selbst böse reden können und überhaupt, denn schließlich war er der bessere Jäger auch nach dieser Geschichte.

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Die Frau setzt sich. Ihre Brille hat sie zur Seite gelegt. Im Zimmer ist es warm, aber durch einen Fensterspalt zieht es vor sich hin. Ich blicke auf die Kerze, deren Flamme hin- und herflimmert. Im Ofen brennen ein paar Holzscheite. Sie beginnt ihren Bericht mit einem Seufzen:

Ach, heute ist es nur noch eine Geschichte, die man sich erzählt an dunklen Abenden im Sommer oder an nassen Herbsttagen, um sich selbst ein bisschen interessanter zu machen. Ich auf meine alten Tage, ich will da nicht nachstehen. Es hat sich wohl wirklich so zugetragen. Manche sagen, die Kater seien es, wenn es draußen an die Scheiben klopft oder wenn ein Unrecht geschieht. Es ist schon lange her. Nach allen Berechnungen müssten die Tiere heute eigentlich tot sein. Wie lange lebt so ein Vieh? Aber es soll noch viele Menschen geben, die sie regelmäßig sehen. Ihre schwarzen Gesichter mit Augen, die wie Kohlen glühen, sind noch hinter den Scheiben des alten Hauses zu sehen. In dem Haus wohnt schon lange niemand mehr.

Es war damals sehr kalt. Ich weiß noch, dass der Wind so schneidend war, dass ich dachte, den Schnee riechen zu können, der sich ankündigte und schon bald einstellen sollte. Damals hatte man immer von der besonderen Zeit des Jahres erzählt, von der ´Wilden Jagd´ und dem Unheil, das sie brachte. Ammenmärchen, hätte man mich zu einem späteren Zeitpunkt in meinem Leben gefragt, als ich alles mit Vernunft erklären konnte, als alles vorhersehbar schien. Heute weiß ich, dass es anders ist, dass sich kein Leben gänzlich planen lässt.“

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Er weiß, dass es sein Bruder war, aber bis heute kann er kaum sagen, was damals wirklich passierte, als die Menschen ihre Wäsche nicht wuschen, weil sie Angst hatten, es würde ein Leichentuch aus ihnen gewebt. Er saß am Fenster und wollte ihn warnen. Es kam jedoch jede Hilfe zu spät.

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Die zwölf Rauhnächte zwischen Weihnachten und Neujahr bedeuten die Erneuerung, aber auch das Innehalten für das Alte. Zur Zeit des Heidentums stand ihre Bedeutung stärker im Vordergrund, heute weiß man nicht mehr um die Verhaltensregeln, an denen man sich orientieren soll. Es war das Nachbarhaus, von dem die Leute sagten, dass der Hausherr irgendwie komisch sei. Was genau damit gemeint war, lässt sich heute nicht mehr sagen. In genauem Zusammenhang damit steht jedoch die Tatsache, dass die Frau des Hauses des öfteren mit einem blauen Auge beim Metzger ausgeholfen hat. Sie brauchten dringend das Geld, glaube ich. Der Hof warf ja auch so gut wie nichts ab. Eine merkwürdige Familie, das weiß ich noch. Ich kann nicht genau sagen, ob ich sie nicht mochte, nein, sie waren mir einfach nicht sympathisch. Ja und wenn ich so überlege, dann hatte das Leben ganz lange bei ihnen einen geregelten Ablauf. Morgens ging er früh aus dem Haus, sie ging später hinter die Theke ob mit oder ohne Veilchen. Insgesamt erging es ihr aber leidlich, so wie ich denke.“

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Es war ein früher Herbstabend, in dem sie die Brüder angelockt hatte. Eine Schüssel Milch war mehr, als sie jemals hatten erwarten können und so schlichen sie schnell ins Nachbarhaus und nahmen, was sie kriegen konnten.

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Irgendwie hat mich das gewundert, dass sie irgendwann anfing, die Katzen anzulocken. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – sie war trotz aller Wundersamkeit eine nette Person. Aber wie kam sie darauf, die Katzen aus dem fremden Haus zu locken? War sie einsam oder führte sie etwas im Schilde? Wissen Sie, auf beide Häuser habe ich freie Sicht, weiß genau, wer ein- und ausgeht, auch wenn ich es meistens gar nicht wissen will. Es geht mich nichts an, aber was will man machen? Das Leben hier ist eintönig. Man erlebt so gut wie nichts, ach naja. Und irgendwann kamen die Viecher, schwärzer als die Nacht, Biester, die Ihnen am Ende nicht nur die Möbel, sondern auch die Seele zerkratzen. Ich habe sie nie leiden mögen, aber ich mag ja auch gar keine Katzen. Zuerst hat sie ihnen vor der Tür kleine Bröckchen hingeworfen, hastig, schnell, ihr Mann hatte ja nichts zu verschenken. Alles wurde gespart. Als er aus dem Haus war, wurde sie mutiger. Ehe ich´s mich versah, tranken die Biester von der guten Milch, von der sie nur so wenig hatten und die ihnen so wertvoll war. Die Katzen hatten sie um den Finger gewickelt.“

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In vielen Fällen war er derjenige, der zuerst die Kontakte pflegte, der den Menschen um die Beine schlich, aber hat er sich bis heute nichts vorzuwerfen, so glaubt er. Die Menschen verhalten sich zu bestimmten Jahreszeiten anders. Es gibt Situationen und Zeiten, in denen die Tiere empfindsamer sind als die Menschen. Man hat schon von vorhergesehenen Erdbeben gehört oder von einer Feinfühligkeit, die man so kaum beschreiben kann. Die Menschen denken, dass die Tiere schärfere Sinne haben, dass sie sich anders einlassen können.

So wie die Frau die beiden Kater noch im Herbst bewirtet hat, so zutraulich waren sie ihr im Dezember. Sie haben gesehen, wie hart sie arbeiten musste, wieviel sie für den Winter gegeben hat, Lebkuchen, Eingemachtes, Schlachtung, Butter, Sahne und so viel mehr. Hin und wieder ist davon natürlich etwas auf verschlungenen Pfaden abhanden gekommen. Irgendwann muss der Schwindel in einer Nacht nach Weihnachten aufgeflogen sein, ein wenig Sahne und etwas Butter fehlten. Ihr Mann hatte das Tier gesehen. Es waren fürchterliche Schreie zu hören.

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In einer Rauhnacht, so sagt man hier unter den Menschen, muss man sich zurücknehmen. Man muss Ehrfurcht haben vor der Natur und ihren Geschöpfen. Das hatte sie, sie hat sich der Viecher angenommen, pottschwarz, kein Herr in der Nähe, aber was soll ich sagen? Es hatte irgendwie etwas Eigenartiges, wie sie mit ihnen umging, nicht wie jemand, der den Tieren Essen gibt. Es war mehr wie ein Tribunal, wenn sie ihr um die Beine schlichen und sie zu ihnen sprach. Bestimmt ist es ein Märchen, aber man sagt, dass die Tiere in den Räuhnächten sprechen können. Die Tiere im Stall sprechen zu bestimmten Menschen und sagen ihnen das neue Jahr voraus. Das geht eben nicht ohne Bezahlung. Vielleicht war es so. Sie haben später von einem Herzinfarkt erzählt, aber alle waren sich einig, dass es gut war, dass die Frau nun endlich ihre Ruhe hat, endlich Ruhe, ja. Die Kater waren in der Nacht dabei. Ich glaube, dass sie etwas damit zu tun haben.“ Die Frau schloss ihren Bericht. Die Kerze war mittlerweile heruntergebrannt und im Ofen war nur noch Glut zu sehen.

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