Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

Aufrührerisches für Zwischendurch: Punks mit Tiefgang lesen Bakunin oder Thoreau, also haben wir uns mal einen seiner wichtigsten Essays aus dem Jahr 1849 herausgepickt (weil wir so punkig sind ;)):

Der Lehrer Henry David Thoreau wollte einige Zeit vor diesem Essay in Massachusetts keine „Kopfsteuer“ zahlen. Er begründete dies damit, dass er keine Sklaven und keine Kriege mitfinanzieren wollte. So wurde er für genau eine Nacht inhaftiert. Am nächsten Morgen hatte einer seiner Angehörigen die Schulden bereits bezahlt und er kam wieder auf freien Fuß.

In diesem Text möchte Thoreau nicht zur Anarchie auffordern, sondern zur sofortigen Besserung der Regierung (vgl. S.2). Amerika funktioniert zur Zeit dieses Essays schon als ein Modell der Demokratie, aber gerade das kritisiert er und betont, dass „die Mehrheit physisch am stärksten ist“ (ebd.). Es sei ein großes Problem, dass sich Menschen für eine Regierung entscheiden, die der Mehrheit dienlich sei, schließlich ginge es ja nicht nur um das Wohl der meisten, sondern um eine Frage des Gewissens und danach, was eine Gesellschaft wirklich brauche. Er sagt, dass es tausende von Bürgern gebe, die eigentlich gegen die Sklaverei oder den Krieg seien, die aber nichts dagegen unternähmen. Vielmehr sei es den Menschen wichtig, eine Meinung zu diesen und jenen Themen zu haben, sich dazu aber nicht zu verhalten (vgl. S. 3 ff.). Mit dem Gang zur Urne hätten die Menschen die Hoffnung auf eine gute, vernünftige Regierung, sie vertrauten auf das, was die Regierung tun wird, sie engagierten sich aber nicht dafür. Die Handlungen der Regierung würden hingenommen und kaum hinterfragt. So gerieten sie zu einem Selbstzweck. Die Bürger dienten der Demokratie und damit ihrem Staat, nicht umgekehrt.

Thoreau geht noch einen Schritt weiter, indem er sagt: „Je mehr Geld, desto weniger Tugend.“ (S. 8). Er zitiert Konfuzius und meint, dass Armut und Elend eine Schande seien, wenn ein Staat nach den Prinzipien der Vernunft regiert werde (ebd.). Dieser Spruch erinnert daran, dass eine Kette nur so stark wie ihr schwächstes Glied sei und dass man sich immer ansehen müsse, wie eine Gesellschaft mit ihren Kindern und Alten umgeht.

Die Nacht im Gefängnis beschreibt Thoreau als lächerlich, weil er eine Strafe erhält, wie ein Staat sie nicht wollen kann. Man hat ihn einfach weggesperrt, ohne davon einen eigenen Nutzen zu haben (vgl. S. 9). Thoreau kommt zu dem Fazit, dass die Autorität einer Regierung (1) die Zustimmung und das Einverständnis seiner Regierten haben muss, dass sie (2) kein anderes Recht über einen Menschen haben darf, als das, was man ihr gewährt und dass (3) der Respekt vor allen Individuen gewahrt werden müsse (vgl. S. 13 f.).Erst dann könnte Freiheit und Mündigkeit entstehen.

„Es wird nie einen wahrhaft freien und aufgeklärten Staat geben, bis der Staat den Einzelnen als höhere und unabhängige Kraft anerkennt, von dem aus sich seine eigene Kraft und Autorität ableitet und ihn entsprechend behandelt.“ (S. 14)

Was bleibt?

Gerade heute gibt es so viele Informationen, Meinungen und Wissen zu allen möglichen Dingen, dass es uns schwer fällt, ein bestimmtes Interesse praktisch zu verfolgen. Zum Glück haben wir keine Sklaven mehr und im Allgemeinen hat sich die Lebensqualität einer großen Mehrheit deutlich verbessert. Trotzdem ist dieser Text aktuell und uns schwirren die Arbeitsbedingungen in Deutschland oder Indien durch den Kopf. Wir sehen, was unsere Regierung mit von Flucht Betroffenen macht und nicht macht, wohin wir Waffen liefern oder wo unsere Regierung direkt an Kriegen beteiligt ist.

Wir wissen heute nicht mehr, ob Thoreau zu geizig war für die Zahlung seiner Steuerschuld und ob er nicht vielleicht doch wusste, dass nach dem Knastfrühstück ein edler Retter kommen würde. Trotzdem war seine kleine Geschichte ein guter Aufhänger für seine Überlegungen und vielleicht sollten wir uns ab und zu aus unserer kleinen laktoseintoleranten Komfortzone bewegen und nach den wirklich wichtigen Dingen fragen.

Die Quelle: http://thoreau.de/wp-content/uploads/2016/02/Civil_Disobedience.pdf

Originalauszüge (Englisch): https://en.wikisource.org/wiki/Aesthetic_Papers/Resistance_to_Civil_Government