Kurzgeschichte: Rauhnächte

Er kann ihn manchmal nicht leiden. So wie er oft arrogant auf der Mauer stolziert, wie er hinter den Vögeln herstarrt und wie er überhaupt nicht auf andere achtet. Er kann es nicht leiden. Trotzdem sind sie verbunden, auf immer zusammen, Brüder eben, die sich streiten und dann wieder vertragen. Es war schon immer so. Er hätte sich ja dagegen einsetzen können, hätte selbst böse reden können und überhaupt, denn schließlich war er der bessere Jäger auch nach dieser Geschichte.

~

Die Frau setzt sich. Ihre Brille hat sie zur Seite gelegt. Im Zimmer ist es warm, aber durch einen Fensterspalt zieht es vor sich hin. Ich blicke auf die Kerze, deren Flamme hin- und herflimmert. Im Ofen brennen ein paar Holzscheite. Sie beginnt ihren Bericht mit einem Seufzen:

Ach, heute ist es nur noch eine Geschichte, die man sich erzählt an dunklen Abenden im Sommer oder an nassen Herbsttagen, um sich selbst ein bisschen interessanter zu machen. Ich auf meine alten Tage, ich will da nicht nachstehen. Es hat sich wohl wirklich so zugetragen. Manche sagen, die Kater seien es, wenn es draußen an die Scheiben klopft oder wenn ein Unrecht geschieht. Es ist schon lange her. Nach allen Berechnungen müssten die Tiere heute eigentlich tot sein. Wie lange lebt so ein Vieh? Aber es soll noch viele Menschen geben, die sie regelmäßig sehen. Ihre schwarzen Gesichter mit Augen, die wie Kohlen glühen, sind noch hinter den Scheiben des alten Hauses zu sehen. In dem Haus wohnt schon lange niemand mehr.

Es war damals sehr kalt. Ich weiß noch, dass der Wind so schneidend war, dass ich dachte, den Schnee riechen zu können, der sich ankündigte und schon bald einstellen sollte. Damals hatte man immer von der besonderen Zeit des Jahres erzählt, von der ´Wilden Jagd´ und dem Unheil, das sie brachte. Ammenmärchen, hätte man mich zu einem späteren Zeitpunkt in meinem Leben gefragt, als ich alles mit Vernunft erklären konnte, als alles vorhersehbar schien. Heute weiß ich, dass es anders ist, dass sich kein Leben gänzlich planen lässt.“

~

Er weiß, dass es sein Bruder war, aber bis heute kann er kaum sagen, was damals wirklich passierte, als die Menschen ihre Wäsche nicht wuschen, weil sie Angst hatten, es würde ein Leichentuch aus ihnen gewebt. Er saß am Fenster und wollte ihn warnen. Es kam jedoch jede Hilfe zu spät.

~

Die zwölf Rauhnächte zwischen Weihnachten und Neujahr bedeuten die Erneuerung, aber auch das Innehalten für das Alte. Zur Zeit des Heidentums stand ihre Bedeutung stärker im Vordergrund, heute weiß man nicht mehr um die Verhaltensregeln, an denen man sich orientieren soll. Es war das Nachbarhaus, von dem die Leute sagten, dass der Hausherr irgendwie komisch sei. Was genau damit gemeint war, lässt sich heute nicht mehr sagen. In genauem Zusammenhang damit steht jedoch die Tatsache, dass die Frau des Hauses des öfteren mit einem blauen Auge beim Metzger ausgeholfen hat. Sie brauchten dringend das Geld, glaube ich. Der Hof warf ja auch so gut wie nichts ab. Eine merkwürdige Familie, das weiß ich noch. Ich kann nicht genau sagen, ob ich sie nicht mochte, nein, sie waren mir einfach nicht sympathisch. Ja und wenn ich so überlege, dann hatte das Leben ganz lange bei ihnen einen geregelten Ablauf. Morgens ging er früh aus dem Haus, sie ging später hinter die Theke ob mit oder ohne Veilchen. Insgesamt erging es ihr aber leidlich, so wie ich denke.“

~

Es war ein früher Herbstabend, in dem sie die Brüder angelockt hatte. Eine Schüssel Milch war mehr, als sie jemals hatten erwarten können und so schlichen sie schnell ins Nachbarhaus und nahmen, was sie kriegen konnten.

~

Irgendwie hat mich das gewundert, dass sie irgendwann anfing, die Katzen anzulocken. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – sie war trotz aller Wundersamkeit eine nette Person. Aber wie kam sie darauf, die Katzen aus dem fremden Haus zu locken? War sie einsam oder führte sie etwas im Schilde? Wissen Sie, auf beide Häuser habe ich freie Sicht, weiß genau, wer ein- und ausgeht, auch wenn ich es meistens gar nicht wissen will. Es geht mich nichts an, aber was will man machen? Das Leben hier ist eintönig. Man erlebt so gut wie nichts, ach naja. Und irgendwann kamen die Viecher, schwärzer als die Nacht, Biester, die Ihnen am Ende nicht nur die Möbel, sondern auch die Seele zerkratzen. Ich habe sie nie leiden mögen, aber ich mag ja auch gar keine Katzen. Zuerst hat sie ihnen vor der Tür kleine Bröckchen hingeworfen, hastig, schnell, ihr Mann hatte ja nichts zu verschenken. Alles wurde gespart. Als er aus dem Haus war, wurde sie mutiger. Ehe ich´s mich versah, tranken die Biester von der guten Milch, von der sie nur so wenig hatten und die ihnen so wertvoll war. Die Katzen hatten sie um den Finger gewickelt.“

~

In vielen Fällen war er derjenige, der zuerst die Kontakte pflegte, der den Menschen um die Beine schlich, aber hat er sich bis heute nichts vorzuwerfen, so glaubt er. Die Menschen verhalten sich zu bestimmten Jahreszeiten anders. Es gibt Situationen und Zeiten, in denen die Tiere empfindsamer sind als die Menschen. Man hat schon von vorhergesehenen Erdbeben gehört oder von einer Feinfühligkeit, die man so kaum beschreiben kann. Die Menschen denken, dass die Tiere schärfere Sinne haben, dass sie sich anders einlassen können.

So wie die Frau die beiden Kater noch im Herbst bewirtet hat, so zutraulich waren sie ihr im Dezember. Sie haben gesehen, wie hart sie arbeiten musste, wieviel sie für den Winter gegeben hat, Lebkuchen, Eingemachtes, Schlachtung, Butter, Sahne und so viel mehr. Hin und wieder ist davon natürlich etwas auf verschlungenen Pfaden abhanden gekommen. Irgendwann muss der Schwindel in einer Nacht nach Weihnachten aufgeflogen sein, ein wenig Sahne und etwas Butter fehlten. Ihr Mann hatte das Tier gesehen. Es waren fürchterliche Schreie zu hören.

~

In einer Rauhnacht, so sagt man hier unter den Menschen, muss man sich zurücknehmen. Man muss Ehrfurcht haben vor der Natur und ihren Geschöpfen. Das hatte sie, sie hat sich der Viecher angenommen, pottschwarz, kein Herr in der Nähe, aber was soll ich sagen? Es hatte irgendwie etwas Eigenartiges, wie sie mit ihnen umging, nicht wie jemand, der den Tieren Essen gibt. Es war mehr wie ein Tribunal, wenn sie ihr um die Beine schlichen und sie zu ihnen sprach. Bestimmt ist es ein Märchen, aber man sagt, dass die Tiere in den Räuhnächten sprechen können. Die Tiere im Stall sprechen zu bestimmten Menschen und sagen ihnen das neue Jahr voraus. Das geht eben nicht ohne Bezahlung. Vielleicht war es so. Sie haben später von einem Herzinfarkt erzählt, aber alle waren sich einig, dass es gut war, dass die Frau nun endlich ihre Ruhe hat, endlich Ruhe, ja. Die Kater waren in der Nacht dabei. Ich glaube, dass sie etwas damit zu tun haben.“ Die Frau schloss ihren Bericht. Die Kerze war mittlerweile heruntergebrannt und im Ofen war nur noch Glut zu sehen.

Der Zahir

„Und wieso dann diese Idee, dass Du in den Krieg ziehen willst?“

„Weil ich glaube, dass im Krieg der Mensch an seine Grenzen stößt. Er kann jederzeit sterben. Wer an seinen Grenzen angelangt ist, handelt anders.“ (S. 53)

Es gibt Bücher, die man gelesen haben sollte. Es gibt auch welche, die man mehrfach lesen sollte. Für mich ist das der Zahir von Paolo Coelho. Ich lese ihn nun zum dritten Mal und entdecke wieder Neues. Die Geschichte ist keine große Bombe: Der Protagonist wird von seiner Frau verlassen und irgendwie beginnt er an sich zu zweifeln. Interessant ist die Erzählperspektive, denn es könnte der Autor selbst sein, der den Bericht schreibt und natürlich die Anregung zum eigenen Nachdenken über das Leben und das, was es uns zu bieten hat.

Paolo Coelho

Der Zahir

2005, Diogenes, 342 Seiten

Kurzgeschichte: Am Kamin

D ie letzten Monate hatten ihr viele trübe Gedanken beschert. Der Winter war stets zehrend für die junge Frau gewesen, die so früh allen Vorrat anlegen und ihr Quartier mühevoll mit Stroh decken musste. Wenn es diese Arbeiten zu verrichten galt, spürte sie den Verlust besonders. Damals, als ihre Familie noch gemeinsam in der kleinen Hütte gewohnt hatte, war es einfacher gewesen. Wenn sie heute an die glücklichen Zeiten zurückdachte, war es wie der Blick in ein anderes Leben, als ob es nie existiert hatte.

Ihre Decken und Felle zeugen noch davon. Die großen Krüge, für eine große Anzahl von Menschen hergestellt, scheinen von den Zeiten zu berichten, als an dem großen Eichentisch in der Gaststätte das einfache, aber stets wohlschmeckende Mahl eingenommen wurde. Das helle Lachen ihrer Mutter, die ihren Vater und ihre Schwestern umsorgte, Gerichte zubereitete und ihre Hände geschäftig hin und her wandern ließ.

Es war die Zuversicht ihrer Mutter, die alle Jahreszeiten so schätzte und in der Familie eine starke Vorfreude auf den Jahreswandel entstehen ließ. Im Frühling trieb sie die Kinder nach draußen, dass sie sich bewegten, in der Sonne dösten und frische Luft bekamen. Sie und ihre Schwestern sollten spielen, aber sich nicht herumtreiben. Unterdessen fegte und redete die Mutter auf den Staub ein, den der Winter hinterlassen hatte.

Im Sommer pflückten sie gemeinsam Blumen auf den Feldern. Dazu erzählte ihre Mutter Geschichten von Rittern, Königen und Prinzessinnen. Ihr Vater stand oft in einiger Ferne, erntete das bisschen Korn, das er mit einem Bauern aus dem nahe gelegenem Ort gesät hatte. Der Vater war immer bemüht um die Kenntnis der Nachrichten im Ort. Er wusste, dass Wissen und Bildung wichtig waren, aber dass man zwischen den Berichten diejenigen wählen musste, denen man Glauben schenken konnte.

Im Herbst half ihr Vater anderen Bauern, um Wintervorräte anzulegen und Erkundungen über die Pläne des jungen Landgrafen einzuholen. Ihre Mutter streifte dann mit den Kindern lange durch den Wald. Sie hingen kleine Gaben auf für die Tiere, die ihnen eine gute Nachbarschaft sein sollten. Es sei wichtig, vom eigenen Überfluss zu geben.

So macht sie es noch heute. Wenn die Schwelle zum Winter beginnt, müssen die Waldtiere versorgt sein. Ihre Freundinnen haben sie dafür bisher immer verspottet. Ihre Mutter hat sie damals, als sie es verraten hatte, zur Heimlichkeit angehalten.

Wir sind anders“, sagte sie ihr stets. „Wir leben hier draußen, weil wir nicht so sind wie sie.“ Im Winter erfreuten sie sich dann, wenn die Tiere kamen und fraßen und sie in ihrem dichten, winterlichen Gefieder und Pelzen an den Ähren knabberten.

Mutter und Vater waren gleich und verschieden gewesen. Ihr Vater sorgte mühevoll für die Familie. Noch nie war ihr Geschlecht im Besitz von irdischem Reichtum gewesen. Nur selten sprach er über ihre Armut und nur selten hatte sie gesehen, wie Vater und Mutter heimlich sprachen, welche Güter sie hatten und wie die Ernte sie ernährte. Mutter war immer der gute Geist gewesen.

Aus Erzählungen hatten die Kinder erfahren, dass die Großeltern damals nicht in die Verbindung mit der Mutter eingewilligt hatten. Sie sei sonderbar. Er hätte sich ein Mädchen aus dem Ort nehmen sollen. Ihre Großeltern trafen sie zu der Zeit nicht mehr oft. Früher hatte es Streit gegeben.

Die Enkelinnen seien Teufelsbrut, auch wenn ihre Großmutter immer gut zu den Mädchen gewesen war. Die Eltern hatten beschlossen, in eine eigene Hütte zu ziehen. Nicht im Ort, wo die Mutter stets argwöhnisch beobachtet wurde, wenn sie zum Markt ging und Waren auswählte, die außer ihr fast niemand kaufte. Sie hatte aber nicht das Gefühl, dass die Mutter traurig darüber gewesen wäre. Sie hätte gesagt, dass es ihre Aufgabe gewesen sei.

Dachte sie länger an diese Jahre zurück, dann fühlte sie, dass sie die Gemeinschaft der Familie glücklich gemacht hat. Das Lachen, aber auch die Beschwerlichkeiten sind heute die Momente, in denen sie sich Rat und Hilfe wünscht.

Auch ihre Geschichte begann im Winter. Es war das Jahr 1570. Draußen lag eine dichte Schneedecke und immer neue Flocken legten sich leise nieder. Im kleinen Haus war es warm. Der Ofen heizte ihr Zimmer und alle hatten ihre Arbeit. Ihre Mutter sponn Wolle und legte sie zum Weben bereit. Ihre Schwestern wickelten Ballen daraus und spielten mit der jungen Katze. Das schwarze Tier war ihnen noch im Spätsommer zugelaufen und alle hatten viel Freude an ihm. Ab und zu ging der Vater aus, um neues Holz für den Ofen zu holen.

Sie selbst saß am Fenster und blickte hinaus in den Wald. Alles war dicht verschneit und die Tannen schienen die schwere Last des Schnees nur ungern tragen zu wollen. Traurig ließen sie ihre Zweige hängen. Die Sonne schien und bestrahlte die weiße Pracht, sodass sie silbrig glitzerte.

So müsse es in der Schatzkammer des Landgrafen aussehen, dachte sie bei sich und begann, von Gold und Silber zu träumen, das sie auf dem Markt schon einmal gesehen hatte.

Während sie so dasaß und träumte, vertiefte sie sich immer weiter in das Treiben der Schneeflocken. Sie beobachtete, wie einzelne Flocken vom Himmel kamen und sanft zu Boden fielen. Sie schaute immer weiter und fühlte sodann, wie in ihren Körper ein Beben fuhr und wie sie sich zu fragen begann, warum die Flocken zu Boden fielen. Für diese Geschöpfe sei es doch nur recht und billig, dass sie in ihrer Anmut dem Himmel nicht verloren gingen.

Sie beobachtete eine der unzähligen Flocken besonders und bewunderte ihr funkelndes Kleid. Plötzlich sah sie, wie sich die Flocke, die kurz zuvor noch den Boden berühren sollte, erhob und zu ihrem Rückweg ansetzte. Sie nahm eine Wendung und ganz langsam verschwand sie dahin, woher sie gekommen war.

Zugleich erfasste das Mädchen ein starkes Gefühl von Willen und ein großes Behagen, als die Flocke nach oben verschwunden war.

Sie sah sich um und hoffte inständig, dass die anderen hinter ihr nichts bemerkt hatten und tatsächlich waren sie noch immer mit ihren Aufgaben beschäftigt. Ihre Schwestern spielten mit der Katze. Ihr Vater schürte das Feuer, nur ihre Mutter lächelte kurz hinter ihrem Spinnrad hervor, um sich sogleich wieder ihrer Arbeit zu widmen.

Dieser Moment hatte alles in ihr verändert. Was war damals mit ihr geschehen? Wer war sie?

Noch viele Monate sollte sie Zweifel in sich tragen, sollte sich immer mehr zurückziehen. Was konnte sie wohl noch? Schon damals war allgemein bekannt, dass die Fähigkeiten der Menschen im Ort begrenzt waren und dass sie an Berichte glaubten, die ebenso wundersam und furchtbar klangen. Diejenigen, die sie kannte, waren des Lesens und Schreibens nicht mündig. Sie wusste, dass ihre Mutter ihnen dieses Können verschafft hatte.

Gemeinsam hatten sie in dem einzigen Buch gelesen, das die Familie besessen hatte. Woher es stammte, wusste keiner mehr zu sagen. Die Rezepte, die darin aufgeführt wurden, waren solche des täglichen Gebrauchs, aber es gab auch Zutaten, die auf bestimmte Weise das Mahl veränderten.

Je nach Wunsch konnten Speisen damit auf raffinierte Art eine starke Wirkung entfalten. Eben diese fremden Kräuter hatte ihre Mutter schon auf dem Markt verlangt, als sie noch ein junges Mädchen gewesen war. Die Mutter hatte sie meist dorthin mitgenommen und so entgang ihr nicht der Neid der Marktfrauen, wenn sie nach teurem Safran oder Zimt verlangt hatte. Sie selbst war dann sehr traurig. Das Tragen der Waren war ihr eine viel geringere Last als das Gewissen und der schlechte Stand der Mutter.

Nun war es zu spät und das Schicksal ließ sich nicht wenden. Sie wusste, dass es nach der Begebenheit mit der Schneeflocke noch schwieriger würde. Als sie einmal mit den anderen Kindern spielte, hörte sie, wie eine andere Gruppe von Mädchen sie streng beäugte. Es war ein einfaches Spiel gewesen und sie war sicher, keinen Fehler begangen zu haben. Daher wunderte sie sich sehr über das Verhalten der Kinder. Sie lachten und tuschelten so laut, dass sie sie in Teilen verstehen konnte. „Hexe“ war eines der wenigen Worte, das sie von ihnen vernommen hatte.

Es war so gesprochen, dass es direkt an sie gerichtet war und die Kinder liefen lachend weg. Bis heute, nach so vielen Erfahrungen, waren die Kinder die einzigen, die es je gesagt hatten.

So lange war es nun her, dass sie es nur noch schemenhaft erinnern kann und doch treten manchmal die alten Bilder so klar vor sie, als sei es jüngst passiert. Von den Kindern und auch, als die Söldner kamen und ihre Familie holten.

Von dem Erlass hatten sie dem Vater nichts erzählt. Nicht jeden Bericht hat er damals bei seiner Arbeit erhalten. So hat es sich sehr plötzlich zugetragen. Vielleicht kannten die Bauern den Erlass nicht. Natürlich muss es Gerüchte gegeben haben. Erst jetzt, nachdem es schon viele Jahre zurücklag, las sie in der Bulle, dass alle Frauen und mit ihnen die Familie, die dem christlichen Glauben abgeschworen hatten, auf die Probe zu stellen und bei Feststellung der Schandtaten auf´s Schärfste zu verurteilen waren.

Seit dieser Zeit lebt sie allein in dem kleinen Haus. Zehn Winter sind ins Land gegangen und der noch immer junge Landgraf hat endlich ein Kind. Eine schöne Tochter, so sagt man, kräftig und stolz wie das Geschlecht ihrer Ahnen. Bald soll das Mädchen nach dem christlichen Glauben getauft werden.

Zuerst wollte sie die Einladung zur Taufe nicht annehmen. Lange hat sie überlegt, welche guten Wünsche sie dem Kind geben kann. Schönheit, Reichtum, Glück? Was gönnt man einer Familie, die eine andere ausgelöscht hat?

Während sie nachdenkt, gleitet der Faden flink zwischen ihren Fingern. So wie schon ihre Mutter spannt sie die Wolle auf die Spule des Spinnrads, das noch immer gute Dienste leistet.

Die Taube

Wenn alles genau geplant ist, wenn jeder Tag dem anderen gleicht, dann kann eine Kleinigkeit das Universum ins Wanken bringen. Jonathan Noel hat sein Leben im Griff bis eine Taube am Ende des Flurs auftaucht. Eine große Lehre, wenn man versucht, alles bis ins Detail zu planen, wenn man seine Interessen zu oft zurückstellt und sich das Leben später rächt.

Patrick Süßkind

Die Taube

1990, 100 Seiten, Diogenes

Süßkind

Das Wirtshaus im Spessart

Mitten im Wald gibt es eine Gaststätte, die  von zwei jungen Männern aufgesucht wird. Zur Zeit Napoleon Bonapartes treiben sich viele Gesetzlose herum, Räuberbanden, die sicher auf die Habe der beiden Männer aus sind. So fürchten sie sich gemeinsam mit den anderen Gästen vor der Wirtin und erzählen sich zum Trost die folgenden Geschichten:

Die Sage vom Hirschgulden

Das kalte Herz, Trailer des Kinofilms von 2016: https://www.youtube.com/watch?v=vcVJaq_ET2g

Version von 2015 in der ZDF-Mediathek: https://www.zdf.de/kinder/maerchenperlen/das-kalte-herz-empfohlen-ab-8-jahren-104.html

Wilhelm Hauff

Das Wirtshaus im Spessart

1828, Märchen-Almanach

https://de.wikisource.org/wiki/Das_Wirtshaus_im_Spessart

Die Schachnovelle

Die beiden Schachspieler könnten unterschiedlicher nicht sein: Einer von ihnen ist der amtierende Weltmeister, funktioniert wie eine Maschine ohne jede Leidenschaft für seine Tätigkeit und geht einfach seiner Arbeit nach, der andere hat das Spiel aus Mangel an Alternativen mühsam gelernt und damit andere Bedürfnisse gestillt. Er spielt aus Besessenheit, um die Kühle einer Politik zu verdrängen, deren Machthaber ihn gefoltert haben. Ein kleines Schachlexikon ist das einzige, das seine Gedanken wach hält und das ihn um den Verstand bringt.

Man sagt, dass Stefan Zweigs Werk 1942 in diesem Text seinen Höhepunkt und seinen Abschluss gefunden hat. Nach seiner Vollendung nimmt Zweig sich mit seiner Frau das Leben und besiegelt damit die Traurigkeit, die in der Geschichte mitschwingt.

Georg Friedrich Händels Auferstehung

Es ist ein kleines Büchlein, das vom Fallen und Aufstehen erzählt. Stefan Zweig berichtet sehr engagiert über den „Messias“ des Komponisten Händel, der nach einem Schlaganfall unfähig ist, seine Arbeit wieder aufzunehmen und sich so sehr zurück in seine Fähigkeiten kämpft, dass er sein größtes Meisterwerk notieren kann. Schön ist die Darstellung des Erholens und der Tatsache, dass es nicht nur um den eigenen Willen, sondern auch um die äußeren Umstände geht, um zu genesen.

Hier eine Version des Messias: https://www.youtube.com/watch?v=71NCzuDNUcg

Stefan Zweig
Georg Friedrich Händels Auferstehung
2011, 71 Seiten, Anaconda

zweig

Gespräch in der Nacht

Es sind Geschichten, die spontan erzählt werden. Kurze Gäste kommen im verschneiten Winter nicht nach Hause, andere sind Wachposten und geraten so ins Erzählen. Wir erfahren einige Details verschiedener Biografien, wie Personen zu Ruhm und Ehre gelangen und anderen böse mitspielen.

Es ist ein tolles Buch und sehr empfehlenswert für die kalte Jahreszeit!

Iwan Bunin
Gespräch in der Nacht: Erzählungen 1911
2013, 259 Seiten, Fischer Klassik

p1030913

Zu sehen

Es geht langsam wieder in die Besinnung des Spätsommers. Die kleinen Aufsätze von Lily Brett können da genau das Richtige sein. Die Kost ist nicht leicht, es geht um Banales, hinter dem sich eindeutige Traumata verbergen. Sie sind nicht so wie ihre anderen Geschichten, sondern sie hat notiert, wie sich ihr Leben bisher gestaltete. Das Besondere an Lily Brett? Man erhält eine andere Perspektive auf die Rollen derer, die die deutsche Geschichte auf schlimme Art erleben mussten. Sie schildert, wie schwierig es ist, Anerkennung für eigenes Leid zu erhalten, das niemals so schlimm sein wird wie das ihrer Eltern, die den Holocaust überlebt haben. Ein kluges Buch, das auch größere Lesepausen verkraften kann!

 

Lily Brett
Zu sehen
1999, 331 Seiten, Suhrkamp

Brett

Onkel Wanja

So wie sich der Sommer irgendwann sinnlos dem Ende entgegenneigt, so liest sich auch diese Geschichte von Wojnizkij, Onkel Wanja, der sich über viele Jahre um das Gut seines Vorgesetzten kümmert ohne dafür jemals ein Dankeschön zu verlangen. Onkel Wanja und die Tochter des Vorgesetzten Sonja leben gemeinsam auf dem Gut, sorgen für das Rechte und fragen nicht nach ihrem Los. Als Wanjas Chef mit seiner jungen Frau zur Sommerfrische das Gut besucht, ist nichts mehr wie vorher. Es stellt sich eine Sehnsucht ein, wie sie die Verwalter noch nie gekannt haben.

 

Anton Tschechow
Onkel Wanja
1988, 75 Seiten, Reclam

Tschechow3

Das Gedächtnis der Haut

Schaul fühlt sich hintergangen. Die Frau, mit der er seit Jahren verheiratet ist, scheint ihn zu betrügen. Er wartet ab und erst, als sich auf einer langen Autofahrt die Gelegenheit bietet, öffnet er seiner Schwägerin sein Herz. Doch es ist nichts so, wie es scheint, denn trotz der detaillierten Gedankenspiele, trotz der allzu deutlichen Mutmaßungen wird man auf eine falsche Fährte geführt. Rotem rechnet mit ihrer allzu entspannten Mutter ab, liest ihr einen selbst verfassten Roman vor über eine Episode, die ihre Mutter in der Vergangenheit schon einmal aus der Verfassung gebracht hat und es nun wieder tut.

Zwei Erzählungen, die es in jeder Hinsicht in sich haben. Ein großer Autor mit einer gewaltigen Bildsprache, der seinesgleichen sucht.

 

David Grossmann
Das Gedächtnis der Haut
2007, 314 Seiten, Fischer

Grossmann

Die unheimliche Bibliothek

Ein Buch für die Kurzstrecke ohne Langeweile. Wie so oft schildert Murakami eine Geschichte aus der Sicht eines Jungen, der die Bibliothek seines Heimatortes völlig neu kennen lernt.

Das Buch hätte etwas mehr „Schmackes“ vertragen, aber die Bilder trösten allemal über die Geschichte hinweg, die etwas vorhersehbar wirkt. Ein Autor kann eben nicht immer Glanzleistungen schaffen.

Haruki Murakami
Die unheimliche Bibliothek
2014, 63 Seiten, Dumont

Murakami3

Lady Windermeres Fächer

Oscar Wilde ist ein Sittenzeichner, wie er im Buche steht. Da wundert es auch nicht, dass der Fächer ganz klar einen Fehltritt zeigt, der aus heutiger Sicht eine Lapalie ist, zur Zeit des 19. Jahrhunderts aber ein großer Aufreger war. Die Geschichte ist sehr lesenswert, weil es mal wieder um die gesellschaftliche Akzeptanz sozialer Umstände geht. Lady Windermere hat alles, was sie sich wünscht und sie ist sehr dankbar dafür. Sticheleien von außen sorgen wie so oft im Leben dafür, dass sie ihre Position zu hinterfragen beginnt. Wir lernen viel von den Charakteren. Eindrucksvoll ist z. B. die flapsige Antwort des Lord Darlington auf die Frage der Lady, warum er so oberflächlich über das Leben spreche: „Weil ich das Leben für viel zu wichtig halte, als dass man sich darüber jemals ernsthaft unterhalten sollte.“ (S. 13)

Oscar Wilde
Lady Windermeres Fächer
als Reclam oder auf http://gutenberg.spiegel.de/buch/-1838/1

Fächer
Aus: erlebnisreisen-weltweit.de

Sommergäste

Das im Jahr 1906 auf Deutsch erschienene Werk thematisiert schon recht eindringlich, dass die Zeit des Bürgertums in Russland bereits zu dieser Zeit beendet schien. Die Menschen stellen sich Fragen nach ihrer Freiheit und nach der Bedeutung des Seins, während die Personen, die wirkliche Probleme haben, nur als Randfiguren auftauchen, aber im Bewusstsein bleiben.
Heute müssen wir das Werk wahrscheinlich anders lesen: In Zeiten des strengen Veganismus, der Lebensmittelintoleranzen, unserem allzu individuellen Streben nach Glück und Erfolg sollten wir nicht vergessen, dass viele Menschen gleich in der Nachbarschaft unsere Privilegien des ständigen Nachdenkens über das gute und richtige Leben nicht haben.

Als Volltext beim Projekt Gutenberg ist Gorkis Nachtasyl abrufbar: http://gutenberg.spiegel.de/buch/nachtasyl-2860/1

Maxim Gorki
Sommergäste
1988, 136 Seiten, Reclam

Gorki

Vater telefoniert mit den Fliegen

Bekannt ist die Literaturnobelpreisträgerin (2009) für ihre „Atemschaukel“. Außergewöhnlich ist ihr Hobby, verschiedene Worte als Schnipsel zu sammeln und zu Gedichten zusammen zu fügen. Es kommt zu Kompositionen, auf die man selbst nie kommen würde. Ein wunderbares Geschenk zum weiter geben oder selbst behalten.

Herta Müller
Vater telefoniert mit den Fliegen
2014, 207 Seiten, Fischer Taschenbuch

Müller

Tricks

Wie schon in Himmel und Hölle schreibt Alice Munro so, dass wohl die meisten Männer ihre Texte nicht verstehen, aber für die Perspektiven der meisten Frauen offensichtlich sind.

„Tricks“ enthält wieder tolle Erzählungen, mit deren Vielschichtigkeit man oder Frau sich gut identifizieren kann. Völlig zurecht hat sie im Jahr 2013 ihren Literaturnobelpreis bekommen. Interessant dabei ist, dass ihre Kurzgeschichten so gelesen werden können, als wären sie ganze Bücher. Also los und holen!

Alice Munro
Tricks
2013, 380 Seiten, Fischer

Munro II

Ein Sommernachtstraum

«O ärgert Euch an meiner Unschuld nicht! / Die Liebe deute, was die Liebe spricht. / Ich meinte nur, mein Herz sei Eurem so verbunden, / Daß nur ein Herz in beiden wird gefunden. / Verkettet hat zwei Busen unser Schwur: / So wohnt in zweien eine Treue nur. / Erlaubet denn, daß ich mich zu Euch füge, / Denn, Herz, ich lüge nicht, wenn ich so liege. » Ende des 16. Jahrhunderts so aktuell wie heute: Der Sommernachtstraum als heiterer Blick auf die Liebe in all ihren Verwirrungen!

William Shakespeare
Ein Sommernachtstraum
http://www.zeno.org/Literatur/M/Shakespeare,+William/Kom%C3%B6dien/Ein+Sommernachtstraum

Shakespeare

Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte

Die Vorteile liegen bei Rafik Schami immer auf der Hand: Er kann Geschichten wirklich gut erzählen und weiß, wie er die Leser zu einem Spannungsbogen führt. Im vorliegenden Buch gelingt ihm dies so wie immer. Wir erfahren also, warum die Frau ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte, wie man durch Blähungen drei Wünsche erhält und wie Kindheiten in Damaskus verlaufen.

Rafik Schami
Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte
2012, 170 Seiten, dtv

Schami3

Die Judenbuche

Immer ein komischer Titel. Irgendwie unangenehm. Es klingt nach Verfolgung, Anklage, Urteil und tatsächlich: Friedrich Mergel gerät als junger Mann in die Fänge seines Onkels, der zwar zu redlichem Wohlstand gekommen ist, aber einiges auf dem Kerpholz hat. Es herrscht das Gesetz des Waldes. Niedergeschriebene Gesetze sind um 1760 im tiefst Westfälischen zwar bekannt, aber allgemein herrscht eine Anarchie, die den jungen Mann in jeder Hinsicht trifft.

Droste-Hülshoff schrieb ein so genanntes Sittengemälde – keinen Krimi. Insgesamt ist die Erzählung, die von gesellschaftlichen Missständen und von der Rache der Natur berichtet, eine Herausforderung. Man ahnt, warum die Rückseite des 20-DM-Scheins mit Symbolen der Geschichte versehen wurde.

Die Wikisource – Originalquelle von 1842 aus dem Morgenblatt für gebildete Leser:

http://de.wikisource.org/wiki/Die_Judenbuche

20 DM
Museumsstück der Deutschen Bundesbank – Danke Wiki

Das kalte Herz

So interessant wie damals kommt heute das Märchen daher, das von Wilhelm Hauff zur Hochzeit der Romantik im Märchenalmanach des Jahres 1828 veröffentlicht wurde.
Man kann förmlich riechen und atmen, wie Peter Munk im tiefen Schwarzwald sein Glück sucht, abwechselnd auf die nicht eben vertrauensseligen Gestalten des Glasmännleins und des Holländermichels trifft. Außerdem kann man sich gut versetzen in seine Lage. Als armer Kohlenarbeiter sieht er stets auf das, was andere haben, z. B. auf das Geld und die Künste des Tanzbodenkönigs.

Wie oft geht es uns wie Peter?

Zum Weiterlesen empfiehlt sich das Projekt Gutenberg:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/marchenalmanach-auf-das-jahr-1828-5743/4

P1010854

Schönhauser Allee

Stichwort Alltagsbeobachtung – Kaminer gehört ja im Allgemeinen zu denen, bei dessen Büchern man sich gut fallen lassen kann und bei denen man auf humorvolle Art an die eigenen Erlebnisse im Ein-Euro-Laden oder in der Kneipe um die Ecke erinnert wird. Das Buch liefert nicht mehr und nicht weniger und selten so gelacht!

Wladimir Kaminer
Schönhauser Allee
2001, 191 Seiten, Goldmann

Kaminer

Verrückt nach Leben. Berliner Szenen in den zwanziger Jahren

Ein Buch, das wie kein anderes ins Leben der Letternwäldler geschlagen ist, furchtbar schön die goldenen 1920er und damit den Tanz auf dem Vulkan der Zwischenkriegszeit charakterisiert. Wunderbare Grafiken, die Stimmungen einer geheimnisvollen Atmosphäre vermitteln, die Lebenslust zeigen, auch wenn der Alltag ganz anderen Tatsachen entspricht.

Wie nur wenige andere gibt Scheub einen Anekdotenschatz, in dem sie das Leben der Vicki Baum, Gabriele Tergit oder Helen Hessel beschreibt. Zu lesen ist es wie ein Zeitstück, das bis heute andauert.

Ute Scheub
Verrückt nach Leben. Berliner Szenen in den zwanziger Jahren
2002, 192 Seiten, Rowohlt

P1020109

Sämtliche Erzählungen

Entgegen der allgemein eher schlecht verständlichen Literatur der letzten Jahrhunderte bietet Oscar Wilde wirklich Märchenhaftes, das man auf unsere Zeit gut übertragen kann. Geschichten, die nicht selten tragisch enden – von Nachtigallen, die ihren Körper für eine einzige Rose hergeben, von glücklichen Prinzen, die unglücklich sterben, aber auch von vielen heiteren Themen. Wildes Erzählungen sind bei aktuellen klimatischen Bedingungen gut zu lesen und daher empfehlenswert für die, die keine explizite Sommerlektüre wünschen. Besonderer Lesetipp: Der ergebene Freund auf Projekt-gutenberg.de:http://gutenberg.spiegel.de/buch/6988/5

Oscar Wilde
Sämtliche Erzählungen
2005, 399 Seiten, Anaconda

Wilde

Das weiße Abendkleid

Dieser Roman wurde bereits in den 1930ern geschrieben – und man merkt es. Ein sehr moderner Sprachstil verweist auf die Schicksale von vier Frauen, deren Leben sich durch den Zauber eines weißen Abendkleides völlig verändert. Wir würden heute zu dieser Veränderung mutmaßen, dass das Tragen eines solch mondänen Kleides das Selbstbewusstsein stärkt und man sich auf zu neuen Ufern wagt. Tatsächlich mündet aber jede dieser Geschichten in das alte Gespinst von materieller Unabhängigkeit, die nur durch die Heirat mit einem reichen Mann – kennengelernt in eben diesem Kleid – möglich gemacht wurde.
Zum Kauf des Romans regte Heidenreichs positive Kritik an und man kann sagen – trotz der antiquierten Darstellung der Figuren – dass Wolff sich mit deren Innenleben gut auseinandersetzt und mit ihrem komplexen Sprachstil manche Längen überbrücken kann.

Viktoria Wolff
Das weiße Abendkleid
2008, 272 Seiten, btb

Wolff

Antworte mir

Was ist Liebe? Antworte mir. Drei Erzählungen, die von den Eigenheiten der Liebe handeln, hat Tamaro hier in eine Sprache gewoben, die wenig kitschig auf komplexe Art absurdes Verhalten als Liebe enttarnt. Es sind drei Geschichten, die wir schon kennen:
In der ersten Erzählung ist eine junge Frau vergeblich auf der Suche nach einer Liebe, wie sie ihr früher in Form elterlicher Anerkennung verwehrt blieb und immer wieder enttäuscht wird. – „Die Liebe, die man nicht bekommt, wünscht man sich am sehnlichsten“ (Tamaro 2003, S. 127). Die zweite Geschichte beleuchtet die Dynamiken einer Familie und zeigt, dass geschwiegen werden kann, wo Schreie notwendig wären – „Der Teufel stellt nicht seine Genitalien zur Schau und furzt auch nicht, er begleitet uns vielmehr im Labyrinth des Lebens mit der anmutigen Leichtigkeit eines Walzertänzers.“ (ebd., S. 166). Die dritte ist eine typische Eifersuchtsgeschichte mit tragischem Ausgang.
Als besonders eindrucksvoll haben wir Tamaros Glaubensvorstellung in diesen Erzählungen erlebt. Über ihre Figuren berichtet sie von Zweifeln und Hingabe und immer auch davon, dass Glaube eigentlich sich in Liebe manifestiert. Es ist daher ein sehr elementares Buch, das uns über kleine Andekdoten einige neue Erkenntnisse gebracht hat.

Susanna Tamaro
Antworte mir
2003, 221 Seiten, btb

Tamaro

Die schönsten Märchen der Weltliteratur

Dieses gehört zu den wichtigsten Büchern im Letternwald, nämlich der prägenden aus der eigenen Kindheit. Viele der Märchen sind dabei – zum Leidwesen der Eltern – gar nicht kindgerecht, eher blutrünstig, dafür aber toll und spannend zu lesen!

Hans-Jörg Uther (Hg.)
Die schönsten Märchen der Weltliteratur
1996, 337 Seiten, Dierichsverlag

Märchen

Himmel und Hölle

Ein Literaturnobelpreis für wen? Suchmaschinen strapaziert, Buch gekauft, verzaubert. Wie fühlt es sich als Leser an, einen Text zu lesen, im Kopf immer einige Seiten hinter dem eben gelesenen Wort zu sein, verwirrt und trotzdem neugierig, nur um am Ende eventuell ein Aha-Erlebnis (oder auch nicht) zu haben? Hier führt es uns eine Autorin mit einem förmlich ruhigen, inhaltlich jedoch unheimlich dynamischen und vielschichtigen Stil meisterlich vor und ich als Leser folge ihr immer wieder aufs Neue in dieses Wagnis, diese Welten, die ihre Worte vor mir erschaffen – so voll von Zwischenmenschlichem.

Alice Munro
Himmel und Hölle. Neun Erzählungen
2013, 381 Seiten, Fischer Taschenbuch Verlag

Munro

Erzähler der Nacht

Salim lebt in einem Damaskus, das bereits von den politischen Wirren der 1950er erfasst wird. Er und seine Geschichte als Kutscher bieten das Grundgerüst zur Ergänzung um viele weitere Geschichten, die teils trivial und humoristisch, teils märchenhaft im Stil alter orientalischer Erzählungen verfasst sind. Rafik Schami verknüpft alle Bestandteile zu einer Arabeske, mit der sich der Leser in „Tausend und eine Nacht“ träumen kann.

Rafik Schami
Erzähler der Nacht
1997, 276 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag

Schami

Das Lesen – ein Traum. Strahlende Geschichten für dunkle Nächte

Manchmal bekommt man mehr für sein Geld, als man vorher zu hoffen gewagt hatte. Erstanden wurde dieses Geschichtenbändchen antiquarisch für 0,50 ,- und die Verknüpfung aus Anekdoten, die sich dann ereignen, wenn der Mensch am angreifbarsten ist – im Schlaf – ist mit Gold kaum aufzuwiegen. Ein Schatz ist diese Sammlung von Kurzgeschichten der verschiedensten Autoren aus ihrer jeweiligen Zeit und Lebenswelt. Von Poes „schwatzendem Herz“ über Beiträge von Cecilia Ahern bis Haruki Murakami werden die LeserInnen entführt in fremde Welten und dabei doch an eigene fremde Facetten erinnert. Sehr gut nachvollziehbare realistische Momente verknüpfen Phantasie und Gedankenreisen. So rät z. B. Orhan Pamuk in seinem Beitrag „Können Sie nicht schlafen?“: „Drehen Sie sich in Ihrem Bett, die Glieder kaum bewegend, langsam und sachte zur anderen Seite, lassen Sie Ihren Kopf das andere Kissenende und Ihre Wange einen kühlen Zipfel finden. Dann denken Sie an die Prinzessin Maria Paläologina, die vor siebenhundert Jahren aus Byzanz zu Hülagü, dem Mongolenkhan, als Braut geschickt wurde…“

Eine Einladung zum Dösen und Träumen nicht nur für die Schlaflosen unter uns.

Das Lesen – ein Traum. Strahlende Geschichten für dunkle Nächte
Bachmann, Vera/Freudenberger, Jana/Gauterin, Anja/Wolff, Martina (Hg.)
2007, 205 Seiten, Fischer Taschenbuch

lesen_ein traum