Bullterrier

Das Karussell dreht sich munter weiter, mit allen Mitteln wird gelogen, betrogen, sich wichtig gemacht und ich falle immer wieder darauf rein, meine Zeit damit zu verschwenden.

Ich denke nach, sitze im Gras und sehe von weitem einen Hund auf mich zukommen. Bei näherem Hinsehen ist es einer von denen, die für Stimmung sorgen. Das Tier nähert sich und ich erkenne, dass seine Schultern fast so kräftig sind wie meine eigenen. Ich beobachte das Tier Auge in Auge und will etwas sagen, dass sie es anleinen müssten und denke kurz an die Polizei.

Die könnte ich doch rufen und würde ihr was erzählen von meinem Tag und von den Jugendlichen, deren Schultern noch nicht breit genug sind, das Tier im Ernstfall zu halten, ehe ich mich besinne, dass mich das Tier schon jetzt zerfleischt hätte, wenn es ein bösartiges wäre. Dann denke ich wieder an die Polizei und die Tatsache, dass deren Jobs bestimmt nicht viel besser sind. Die ärgern sich auch oft.

Ein American Pitbull Terrier ist in Deutschland mittlerweile verboten, lese ich im Internet, als die Gruppe schon vorüber gezogen ist und ich bin froh, dieses Mal verschont worden zu sein.

Unsere Weihnachtstage

Weil hier schon so viel über Weihnachten reflektiert wurde, will ich nicht nachstehen und ein bisschen beschreiben, was bei uns bisher vorgefallen ist: Wie im alten Beitrag vollmundig angekündigt, wollte ich selbstbewusst beim örtlichen Gärtner drei kostenfreie Bäume einfordern, weil er seit eh und je seine Bäume vor unserer alten Scheune einfach so ablegt. Und was war? Naja, wir holen unseren Baum immer sehr spät, sodass wir die falsch deponierten Bäume nicht mehr hätten auf frischer Tat erwischen können, der Gärtner selbst wurde überfallen und so weiter. Was will man machen, alle Ausreden erleichtern mein Gewissen. So haben wir am 23. in Windeseile einen Baum im Supermarkt unserer Stadt geholt und Schluss.

Geschmückt wurde zeitnah ohne großes Federlesen. Am 24.12. war der Tag eigentlich wie immer. Wir haben nicht sehr viel unternommen, ein bisschen getrödelt und abends, ja abends waren wir im Nachbarort bei Nichte und Neffe zum Krippenspiel, haben schöne Stehplätze ergattert, mussten wenig Smalltalk halten und unsere beiden Showacts haben noch nicht einmal teilgenommen – einer fiel ganz aus und die andere wollte ihren Satz nicht mehr sagen ;-). Ab nach Hause, Pizzablitz informiert: Sehr zuverlässig liefert er an hohen christlichen Feiertagen mit Vorliebe auch zu uns. Meine Mutter hatte meinen Mann und mich zu sich ins EG geladen, wir haben uns die Bäuche lecker gefüllt, Geschenke getauscht und ab durch die Mitte.

Am nächsten Morgen war dann unsere Weihnachtssause mit 13 Mann auf knapp 18 qm, sehr kuschelig, aber passte, der Kater guckte zwischendurch und kam abends pünktlich aus seinem Versteck zum Aufräumen. Ein ganzer Tag, der mit Frühstück, Kaffee und Kuchen, vielen Themen und einem Besuch bei unserer Tante eine Straße drüber begangen wurde. Entsprechend erholsam musste der gestrige Tag ausfallen. Wir waren kurz zum Grab spaziert, um die Rosen abzuliefern, die nun schon nicht mehr ganz so taufrisch schienen.

Heute ist für uns „Zwischen den Jahren“. Mein Mann trifft sich mit seinen Kumpels, meine Mutter ist auf Schnäppchenjagd und ich sitze hier mit dem Kater, der sich jetzt beide Wohnungen und den Keller erschlossen hat. Dort macht er besonders gern Inventur. Kurz vor der Haustür war er auch schon. Er ist ein großer Gewinn für uns. Wir haben ihn über´s bekannte Kleinanzeigenportal geholt. Er lebte mit seinem Bruder mehr schlecht als recht in einer kleinen Wohnung, zankte sich mit ihm und wurde somit an uns verschenkt inklusive aller „zivilisatorischen“ Katzengeschichten wie Kastration, Impfungen, Chip, etc. Insgeheim befürchten wir, dass man ihn loswerden wollte, weil er zu viel miaute, aber das werden wir wohl irgendwann in den Griff kriegen, wenn er sich erst nach draußen traut…

Köszönem, Budapest!

20180810_181238Wer schon mal mit dem Finger auf der Landkarte in Ungarn unterwegs war oder auch am Balaton gebadet hat, weiß, dass wir es mit einem entfernten Land und mit einer anderen Kultur zu tun haben, ein Land von ehemals „hinterm eisernen Vorhang“.
Seine wechselhafte Geschichte hat deutliche Spuren hinterlassen. Begonnen bei der „K.u.K.-Monarchie“ kann man sagen, dass der Blick von der Kettenbrücke über die Donau bei Nacht der schönste ist, den die Welt auf eine Stadt zu bieten hat. Durchbrochen wird das Bild sowohl von der Donau als auch von der brutalen Architektur der Sowietzeit.
Sicher war dieses Panorama der Grund für einen neuen Besuch unsererseits.

Wer selbst nach Budapest reist, wird belohnt: Mit einer Sprache aus Wörtern, die wie Zauberformeln klingen, mit einem Aufbruch und einem Werden, wie es kaum eine europäische Stadt noch so bieten kann.

Es ist ganz sicher: Hier sind Hitze und Leidenschaft zu Hause. Vergesst alles, was Euch das dröge Europa sonst verspricht. Lauft durch die Markthalle und kauft die leckersten Pfirsiche, schlurft über den Dreck im Bahnhof Keleti, der sich pittoresk zu Dekorationen zwirbelt und holt Euch einen ordentlichen Sonnenstich an Michael Jacksons Heldenplatz.
Reibt die Schreibfeder des Anonymus und staunt über die gestrigen Soldaten, die mit 2 Säbeln die schiefen Kronjuwelen im Parlament bewachen. Leute, fahrt nach Budapest!

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Die Muse von Wien

Bei manchen Büchern weiß man schon vorher, was man bekommt. Dieses fällt ganz sicher in die Kategorie „leichte Sommerlektüre“. Es ist grundsätzlich nicht schlecht, denn die Autorin hat gut recherchiert und lässt ihre Infos toll in die Geschichte einfließen. Es geht um Alma Mahler-Werfel, die in der Zeit um die letzte Jahrhundertwende mit Gustav Mahler zeitweilig verbunden war. Die Geschichte ist flott runtererzählt: Schöne junge Frau verliebt sich vielerorts, gerät dann an den Hofoperndirektor, gemeinsame Kinder, etc.

Nun komme ich zu meiner Kritik: Ich habe das Gefühl, dass hier jemand schnell fertig werden wollte und glaube nicht, dass dieses Porträt der großen Muse, wie sie sie tatsächlich gewesen sein muss, gerecht wird. Danach komme ich zu einer weiteren Kritik. Jedes dieser Bücher wirbt mit seiner e-Book-Ausgabe. Kann es sein, dass die Verlage ihre Bücher über dieses Format noch viel schneller loswerden wollen und dass darunter die Qualität eines Textes erheblich leidet? Trotzdem möchte ich dieses Buch jedem empfehlen, der Spaß an Wien, an der Secession und an Kaffeehauskultur hat. Was Nettes für zwischendurch –

Caroline Bernard

Die Muse von Wien

2018, 479 Seiten, Aufbau

Muse

Die Schwester des Tänzers

Eva Stachniak verbindet in ihren Romanen Gesellschaftsgeschichte mit einer Note und Atmosphäre, die für Unterhaltung steht und die mir auch schon ihre ersten Bücher „Der Winterpalast“ und „Die Zarin der Nacht“ nahegebracht haben. Ich als Sportskanone, die bei den Bundesjugendspielen höchstens mit einer Mitmachurkunde glänzen konnte, habe diesen Text über das Ballett und seine Eigenheiten mit großem Interesse gelesen.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich Waslaw Nijinsky und seine Schwester nicht kannte, also sehr erstaunt war, dass die Geschichte weitgehend auf Tatsachen beruht. Kritik erntete das Buch vor allem für die langen Schilderungen der Pliés und der übrigen Techniken des Balletts und ich muss ehrlich sagen, dass ich mich ebenfalls durch die ersten hundert Seiten gequält habe. Die Tänzer wirken zu dieser Zeit wie in einem Vakuum, um sie herum scheint nichts zu passieren, Kontakte sind unwichtig, nur der Tanz zählt. Erst später, als die Profession hinter dem Krieg und den Entbehrungen zurückstehen muss, bekommen die Tänzer und ihre Disziplin Kontur. Ich freue mich, dieses Buch gelesen zu haben und wünsche viel Spaß auch den Unsportlichen bei dieser Lektüre.

Eva Stachniak

Die Schwester des Tänzers

2017, 571 Seiten, Insel

Stachniak

Trauerjahr

Unser erstes Jahr ist rum. Was kann man bilanzieren? Die Welt hat sich verändert, obwohl sie gleich geblieben ist. An die Stelle der Trauer kommt jetzt das Erinnern, Bilder von schattigen Engeln mit schnulzigen Sprüchen ziehen längst nicht mehr. Ein Platz ist frei und muss von den anderen mitbesetzt werden, nicht anders. Das versuchen wir alle tatkräftig. Das kommt von uns, wir sind gnädiger geworden, denn das Leben fordert. Im Baumarkt rätseln wir selbst, wie das benötigte Ding heißen könnte. Nun hat die Verödung am Herzen gegriffen, neue Medikamente machen aus unserer Mutter einen anderen Menschen.

Zeitenbrand: So mies war der gar nicht

Schon lange zweifele ich an dem Text „Zeitenbrand“, hatte ich in 2015 veröffentlicht und hat das aufgegriffen, was mich damals beschäftigt hat, vielleicht war er zu ernst, zu überregional oder weiß der Geier. Hier eine Leseprobe: https://www.amazon.de/Zeitenbrand-Roman-Elisabeth-Waterfeld-ebook/dp/B01M5H4HVE/ref=cm_cr_arp_d_product_top?ie=UTF8#reader_B01M5H4HVE

Vieles würde ich heute in meinen Texten anders machen, z. B. schon in meiner Personenbeschreibung „… hat in Paderborn und Kassel studiert.“ Interessiert ja nicht die Bohne, „gelebt“ oder sowas träfe es heute besser. Steigt Euch bei Euren eigenen Texten auch manchmal die Schamesröte ins Gesicht?

 

Nordhessische Gräber im Wandel der Zeit

Angeregt durch den Text über die Gräberverlosung von „Autorenseite“ komme ich ins Überlegen, was bei uns auf dem Friedhof im ländlichen Nordhessen so abgeht. Hier eine kleine Übersicht, wie es in unserem Örtchen aussieht:

Bei uns gibt es immerhin zwei Friedhöfe – einen „alten“ und einen „neuen“. Auf dem „alten“ lagen früher tatsächlich sehr alte Menschen begraben. Alte Eichen zieren die Wege und alles wirkte so wie ein Friedhof eben sein sollte. Auf dem „neuen“ Friedhof geht es dicht an dicht, Gräber aller Jahrgänge mit üblicher Grabbepflanzung reihen sich vorschriftsmäßig nebeneinander, große Felder für zwei Mann, einzelne und seit einiger Zeit auch kleinere Karrees für Urnengräber.

Die Bestattung

In meiner frühen Kindheit war das übliche Bestattungsritual so: Man verständigte zeitnah unseren Schreiner – von dem hatten Verstorbener und Familie schon immer Fenster und Türen bezogen, daher konnte man ihm auch für den letzten Weg eine Expertise zutrauen. Voller Andacht kümmerte sich der Heinrich, jetzt der Klaus und auch der Phil geht diesen Weg der doppelten Profession. Beerdigt wurde im Eichensarg, ordentlicher Aushub, ab durch die Mitte und dann ein Grab mindestens 2 x 2 Meter groß. Mindestens 20 Stiefmütterchen waren später vonnöten, um diese Fläche zu bespielen. Im ersten Jahr mit Holzumrandung ohne Stein, noch vom Heinrich zusammengekloppt, damit die Erde nicht absackt, sucht man sich im 2. Jahr einen Steinmetz. Die Kosten für eine Grabeinfassung betragen je nach Wunsch ca. 3000,- und mehr. Unser Opa hat ein zurückhaltendes „Orion“-Granit, unser Papa ein flottes „Himalaya“. Beides gut zu pflegen, einmal investiert eine Sache für immer. Den Unterschied macht jetzt aber vor allem die Aufteilung:

Aufteilung und Dekoration

Eine Entwicklung der jüngeren Zeit ist die Tatsache, dass nicht jeder mit den 20 Stiefmütterchen umgehen kann und möchte, daher werden die Gräber insgesamt kleiner. Große Felder erhalten jetzt farbigen Kies, kleine Platten für Kerzen, Engel, Blumentöpfe, etc. kommen hinzu und sorgen dafür, dass es weniger Blumen und damit weniger Pflege braucht. Auf den Gräbern tummeln sich heute ulkige Andenken, die in meinen Kindertagen noch verpönt gewesen sind. Kerzen, die eigentlich als grundkatholisch und auf unseren Gräbern für nicht geeignet gelten, brennen nun allerorten bewacht von lustigen Kunststoffengeln.

Reduzierung

Unsere Familie ist Fan dieser Engel. In den ersten Monaten sah das Grab unseres Vaters aus wie die Gedenkstätte von Lady Diana – so viele Blumen, Herzchen und Plunder, der sich nach und nach verflüchtigt hat und der dem schmalen Grab auch besser tut. Unser Papa hat ein Einzelgrab mit Urne und Option auf eine weitere Urne. Er hat nur einen kleinen Stein und wenn man genau hinsieht, erkennt man die mögliche zweite Zeile. Meine Mutter will sich ein Türchen offen lassen. Wer weiß, was oder wer noch kommt? Die Zeile für meine Oma ist merklich größer und schlug ihr jedes Mal drohend ins Gesicht, als sie an das Grab ihres Mannes trat.

Die Urne ist hier noch nicht lange Trend. Wahrscheinlich eine Glaubensfrage. Mittlerweile ist aber das halbe Dorf verbrannt worden, sodass man gern bereit wäre, das Schicksal dieser Jenseitsgemeinschaft zu teilen.

Zukunft

„Wir nehmen ein Rasengrab.“ Totenkult hat es immer gegeben, ob mit, ob ohne Religion und es bringt den Menschen etwas. Lasst mich engstirnig und gemein erscheinen, aber ich weiß nicht, ob es richtig ist, wenn wir unsere Leute unter einer Wiese verscharren mit einem Hinweisschild irgendwo am Eingang. Der alte Friedhof ist mittlerweile so ein Rasengrab. Die Sträuße liegen kreuz und quer. Es sieht schlimm aus. Ich kenne alte Menschen mit großen Familien, die äußern, dass ja später mal keiner da ist. Bestattungen sind teuer, Grabpflege auch, aber ein bisschen Deko, mal ein Röschen kann man doch für die Eigenen entbehren? Manchmal geht es nicht anders. Neulich wurde unsere Nachbarin am Sonntag beerdigt, weil die schwerbeschäftigte Familie – eine Armada aus Ärzten und BWLern – keine Zeit an einem Werktag hatte. Mensch, Leute!

Über das Schreiben

Angeregt von ein paar netten Bloggerkolleginnen möchte ich mich mit meinem eigenen Schreiben näher auseinandersetzen:

  • Das Tagebuch lässt gut reflektieren, kann aber auch zur Sackgasse werden, wenn eigene Probleme immer weiter gewälzt werden, daher schreibe ich nur noch Stichworte in einem Kalender auf, wenn am Tag etwas Besonderes passiert ist.
  • Der kreative Text, der anderen Wirklichkeiten entliehen und gemischt mit eigenen biografischen Anteilen ist, gilt für mich als Befreiung von meinen eigenen doofen Gedanken. Ich gehe weg von den Problemen, erhalte eine erfrischende Abwechslung.
  • Zeit zum Schreiben muss man sich nehmen. Bei mir kommt das Schreiben aber erst nach einer gewissen Zeit der Langeweile. Momentan baue ich in meinem Brotjob Überstunden ab und erhole mich von dem, was bei uns zu Hause passiert. Wahrscheinlich komme ich irgendwann wieder dazu.
  • Anregungen sammeln: Wer gerade keine Zeit zum Schreiben hat, hebt einfach die Ideen und Dinge auf, die einem den entscheidenden Tipp für eine neue Idee gegeben haben.
  • Ziel des Schreibens ist bei mir zum Einen tatsächlich die Ablenkung von anderen Gedanken, die nicht förderlich für mich sind und die mir oft Angst machen. Ziel kann aber zum Anderen auch sein, daraus irgendwann ein konkretes Standbein zu schaffen. In Zeiten von Befristung, von Digitalisierung und Abschaffung der Arbeitswelt sicher eine Utopie, aber auch keine ganz saublöde Idee, daher hier der Werbeblock für das, was bei mir hinten rausgekommen ist:
  • Elisabeth Waterfeld: Weinbergmond. Ein Kasselkrimi, 2015, Tredition (Gardner-Krimi 1)
  • Elisabeth Waterfeld: Zeitenbrand, 2015, Tredition
  • Elisabeth Waterfeld: Kirmesblut. Musik für Gardner, 2016, Tredition (Gardner-Krimi 2)
  • Irgendwann wird es auch einen 3. Gardner und eine nordhessische Geschichtensammlung geben – ganz bestimmt 😉

No time for Opa Kaus

Heute vor einem Jahr ist es gewesen. Wir stehen um 21:30 noch im Krankenhaus, warten auf die Minuten und was noch so passieren wird. Wir sind alle informiert, was unser Papa hat, sehen, wie die Transfusionen durchlaufen, sehen ihn in abgewetzter Jeans und nicht krankenhausgemäßen, weil durchlöcherten Strümpfen auf der Liege, Notaufnahme. Meine Mutter nimmt den Latte Macchiato dankbar an, obwohl es spät ist, obwohl er mit Zucker und eigentlich überhaupt nicht gut für die Gesundheit und ihren Magen ist. Einer, wie er in den nächsten Wochen häufiger gezogen wird. Wir sind informiert, aber wissen jetzt schon nicht weiter. Da fing es an, ein wohlbekanntes Gefühl, das nicht abreißen will. Was machen sie gleich? Ans Nach-Hause-Fahren ist noch lange nicht zu denken. Wir stehen zu viert um das Bett, gehen in kleinen Gruppen für Zwiegespräche raus, zum Durchatmen. Nebenan im Bett ein junger Kerl, der sich überarbeitet hat, wahrscheinlich zu viel Stress bei der Hitze, kann morgen raus. Papa muss bleiben. Was bedeutet „Altersleukämie“? – „Ach, das kann man gut in den Griff kriegen. Google sagt, dass man das gut mit Medikamenten organisiert, dass man damit gut alt werden kann.“ – „Dann ist ja gut.“ Mein erstes Vater Unser am Waschbecken. Komisch – beim Singsang in der Kirche bin ich textsicher, jetzt stottere ich in Gedanken vor mich hin und denke, dass es wohl irgendwie oben ankommen wird.

Lieber Opa Kaus, lieber Papa, nun ist kaum Zeit für Dein Gedenken, unsere Mama ist letzte Woche nebenan wegen des Vorhofflimmerns operiert worden, hatte vorgestern wieder die gleichen Symptome und gestern musste unsere Oma aus der Kurzzeitpflege direkt ins Krankenhaus. Auch wenn sie morgen entlassen wird – was will man machen? Immer was Neues. Der Schockraum schockiert nicht mehr. Selbst unsere Katze ist an Deiner Krankheit gestorben. Dein Auto ist letzte Woche vom Parkplatz runter auf die Straße gerollt, weil nicht genug Bremsflüssigkeit auf der Handbremse war. Wenigstens konnten Passanten mir beim Aufhalten vor dem Graben helfen. Was denn noch? Mensch Papa, sorg´ bloß dafür, dass diese Strähne bald vorbeizieht, sonst kriegst Du da oben Ärger, das glaub´mal nur!

Herzblut und Kryoablation

Muttern liegt auf ihrer Normalstation direkt neben der Intensiv, auf der Papa starb. Ein Jahr später, fast „same procedure“. Naja, im kleineren Krankenhaus auch so. Warum die Krebs- und die Herzleute in einem Mehrtausendmannbetrieb zusammenliegen- schleierhaft. Gestern OP für 2,5 Stunden, jetzt alle ausruhen, morgen nach Hause. Oma geht’s gut in der Kurzzeitpflege, Papa, Opa und weitere Pflanzen gewissenhaft gegossen. Die Angst ist groß, die Körper wollen streiken, nur viel Fleisch hilft dem wahren Vegetarier, zu futtern, als wenn es kein Morgen gäbe. Lieber das große Brötchen, wer weiß, ob es noch mal in dieser Welt was gibt. Das Schönste kommt erst noch, sagte Ordensschwester Marie Waterfeld, Opas Schwester. Kann mir hier keiner garantieren, deshalb bin ich gute Café-Kundin.

Kurznotizen

Wenn einer stirbt, meinen andere, es gäbe einen kausalen Zusammenhang, also sowas wie, der Mensch, das Tier ist krank geworden, weil … oder man hätte etwas an der Sache ändern können. So allmächtig ist man nicht, aber es schwelt im Vorbewusstsein, man macht sich Vorwürfe. Morgen ist Krankenhaus, wieder Klinikum, mal sehen, hoffentlich diesmal glücklicher Ausgang. Werde berichten.

 

Ach übrigens: Sommerlektüre

Hier ein kleiner Hinweis auf längst vergangene Zeiten, als man noch unbescholten eigene Bücher auf dem eigenen Blog bewerben durfte, als man noch selbst geschrieben hat und sich nicht als Sklave des Kapitalismus fühlte – als die Familie noch vollständig war und alles irgendwie einfacher… hach, ja, Platz 6 ist unserer, aber wer ist schon Elisabeth Waterfeld?:

Lokalkolorit

Vielen Dank! Grüß die Hühner

IMG-20180611-WA0001Vielen Dank für die nette Anteilnahme für unser Röschen und die komische „Gesamtsituation“. Die Lage bleibt angespannt, morgen hat meine Mutter ihr Herz-Op-Vorgespräch, natürlich gleich neben der Intensivstation, auf der erst heute ein Bekannter seinem Krebsleiden erlegen ist und unser Papa letztes Jahr wegen der Blutvergiftung im Krebsleiden sterben musste. Natürlich, alles Routineeingriffe, ist klar, nimmst das Testament nur für den Fall des Falles – Äh – mit 32 ganz ohne Eltern wäre schon blöd, kommt natürlich oft vor, ist klar, ne, ist so, wie mit einer einzigen Katze ein halbes Leben verbringen und dann eine junge Katze an die gleiche Krankheit verlieren, komische Geschichte, ist wie mit der Pflege meiner Großeltern, macht meine Mutter mein halbes Leben, komisches Leben. Was bleibt? Leihhühner! Mein Vater hat sich bis letztes Jahr um eine alte Wiese gekümmert mit Rasentrecker und so, jetzt sind Hühner eingezogen, die sich im hohen Gras sehr wohl fühlen. Alles Routine, ganz natürlich.

 

Leukämie 2.0

Das letzte verlängerte Wochenende war ein Arschloch, denn schon am Mittwochnachmittag kam unser liebes Röschen völlig verwahrlost aus dem Garten zu uns angetorkelt umgeben von zig Fliegen und dem Tode näher als dem Leben. Schnell geschnappt, ab zum Tierarzt. Die nette Tierärztin hat sich sofort Zeit für sie genommen, hat ihr eine Aufbauspritze mit Antibiotika und Schmerzmitteln gegeben und hat eine vereiterte Gebärmutter festgestellt. Die Katze müsse sofort operiert werden. In einem früheren Beitrag hatte ich bereits Röschens Frühlingserwachen geschildert und die Frage gestellt, ob denn nun Nachwuchs zu erwarten war.

Am Donnerstag um 8.00 Uhr wurde das Tier dann bis ca. 11.30 Uhr operiert, kritischer Zustand, aber geschafft. Sie lebte und nun war es an uns, sie gut zu pflegen und ihr die Antibiotika zu verabreichen. Ein kleines Fellbündel von 2,5 kg, das nicht fraß und trank. Die Wunde sah allerdings gut aus. Während der OP dann zu Hause ein lauter Schrei aus dem Garten, dass bei 30 Grad Hitze nun auch drei kleine Tigerkätzchen in einer Komposttonne gefunden wurden – natürlich tot. Die musste sie dort heimlich zur Welt gebracht haben. Zitternd waren die Kleinen längst begraben, als wir unsere halb narkotisierte Katze abholten.

Am Freitag um 9.30 Uhr Kontrolle, zur Sicherheit noch mal Fieber messen und Blutentnahme. Nachmittags der Anruf: Bevor das Blut ins Labor geschickt würde, wäre es ratsam, einen Schnelltest für FIV („Katzenaids“) und FelV („Katzenleukämie“) durchzuführen, denn das Blut hätte eine gelbliche Färbung, was typisch für diese Krankheitsbilder sei. Okay, machen wir. Zwischendurch messen wir selbst noch mal die Temperatur und natürlich 40,3 Grad – etwa vergleichbar mit dem menschlichen Körper. Katzen haben nur eine etwas höhere Temperatur, was wir vorher auch nicht wussten. Also wieder zum Tierarzt bei 30 Grad Hitze am Brückentag, bei dem sich jeder große Hund aus der Region auf den Weg zum Arzt gemacht  hat und unser Röschen zusätzlich bis an den Rand ihrer Kräfte brachte. Sofort 2 Kanülen Kühlung, Linderung folgt sogleich und wieder ab nach Hause.

Am Samstag Kontrolle um 10.30 Uhr, wieder messen und wieder erhöhte Temperatur. Wir haben kaum geschlafen, haben dem Tier alle flüssigen Nahrungsmittel angeboten – leider ohne Erfolg. Ein zusätzliches Antibiotikum kommt hinzu. Tut uns leid, Röschen. Ernährt wird mit Spritze und Pipette. Sie lässt es sich gefallen, nimmt aber nichts von alleine. Wieder nach Hause, abends der Anruf mit den Blutergebnissen. Leber, Niere, FIV, FelV, alles hinüber, die Krankheiten sind beide ausgebrochen. Die Ärztin bietet vieles an, wir entscheiden uns für einen weiteren Tag, weil ihr die Antibiotika kurze Zeit helfen und wir an Wunder glauben.

Sonntagmorgen war es relativ munter, die Nacht war lang, aber es geht zunehmend schlechter. Das Wetter wird schon wieder heiß und die Fellnase liegt nur noch, 40,1 Grad Fieber, letztes Mittel Fiebersenker Novaminsulfon, weitere Schleckerlis, die sie widerwillig annimmt. Um 19.00 Uhr müssen wir gemeinsam die Segel streichen, um 19.20 Uhr öffnet die nette Tierärtzin das Fenster und lässt die winzige Katzenseele fliegen. Einen Tag später muss das Tier erneut begraben werden. Die Erde war zu trocken. Vermutlich ein Waschbär.

Röschen, Dein Päckchen konnte keiner ahnen. Ein ulkiges Kätzchen, das sich nicht alles hat gefallen lassen – das nun oben von einem menschlichen Opa mit Kippe im Mundwinkel empfangen wird und der sich missmutig um die ganze Rasselbande kümmern muss.

Röschen

9,9 Benzoljahre

Als wir von der Berufskrankheit 1318 hörten, dachten wir, dass wir doch den Fall unseres Papas auch mal vorlegen könnten. Die erste Ablehnung vor ein paar Monaten war ein Formschreiben, bla, bla, ergibt 6 Benzoljahre, knapp daneben an der Anerkennung, aber auch vorbei, bla, bla, tut uns leid.

„Benzoljahr“ ist die verkürzte Bezeichnung für eine Belastung, die eine Person durch Benzol hatte. In den flotten 60er und 70er Jahren war Benzol ein Allroundhelfer. Handwerker wuschen sich munter die Hände im Verdünner, um Farbreste loszuwerden. Über chemische Belastung und „bio“ haben damals alle herzlich gelacht. Ein Widerspruch später und eine Auflistung mit Beginn der Ausbildung zum Maler und Lackierer ergibt obiges Ergebnis und damit die sofortige Aufnahme in die „List of fame“ der Berufskranken.

Ein wichtiger Tipp in diesem Zusammenhang – das Risiko für Berufskrankheit endet nicht beim Rentenbeginn. In der heutigen Gesellschaft haben die Menschen vielleicht auch mehrere verschiedene Jobs, von denen einer irgendwann eine Form der Belastung aufwies. Bei einem Autolackierer liegt es auf der Hand, dass die Leukämie nicht von der frischen Luft gekommen ist, aber unser Papa hat schon in den 90ern mit Lacken auf Wasserbasis gesprüht. Die jungen Jahre waren demnach ausschlaggebend für die Erkrankung. „Bio“ ist also doch nicht so schlecht.

Hierarchien einhalten! Wie macht man´s?

Wer bei einer großen Organisation arbeitet, kennt das: Oft weiß man genau, was man auf seiner Ebene zu tun hat. Es geht aber sehr schnell, dass man in Fahrwasser gerät, die nicht nur unbekannt, sondern komplett gefährlich sind, z. B. beim lieben Geld. Während ich gestern abend in eine hochoffizielle Sitzung musste, um beantragtes Geld für uns zu erhalten oder eben nicht (oberste Leitungsebene) – kriege ich heute „einen drüber“, weil ich eine Frage an unseren obersten Chef stellen musste, die leider nur er beantworten konnte. Ich hatte mich schon die ganze Woche davor gedrückt, aber der Abgabetermin eilte. Sowas geht immer doof aus. Mein Vermeidungsverhalten in solchen Dingen hat seinen Sinn und natürlich wurde ich heute noch mal darauf hingewiesen, doch bitte unsere Ebenen einzuhalten. Frechheit, oder ob da einer seine Felle davonschwimmen sieht?

Heideröslein

„Sah ein Knab ein Röslein stehen…“ Unser Röschen galt ja lange Zeit als verschollen, tauchte aber wieder auf und zeigt sich nun zutraulicher denn je. Die Flöhe haben uns alle angegriffen, die Wunden jucken uns noch, aber das Röschen hat es gut. Bei der Gartenarbeit sieht es tatenlos zu und wartet – wenn schon nicht auf gebratene Hähnchen, so doch wenigstens auf Gutes aus der Dose. Meine Mutter hat genau kalkuliert, wann die Bewirtung des guten Tieres zu erfolgen hat und manchmal hört man es leise singen „Röslein auf der Heide“.

Dickes Fell!

„Ja, das habe ich nämlich an der Uni so gelernt, ja, ja und ich schätze es ja, dass jemand soziologisch so bewandert ist.“ Noch zweimal unkt sie, meldet sich vor versammelter Mannschaft, um sich zu melden heute in einem anderen Rahmen als damals – um was zu gelten. Sie kennt mich. Ich kenne sie. Ach Mädchen, denke ich, fünf Jahre später, Du hast es nicht geschafft, ich auch nicht, sind wir doch beide noch gut untergekommen. Hauptsache, die Kohle stimmt, da muss man nicht immer jedem Honig um den Bart schmieren. Was würde uns beiden Hübschen die Promotion heute Besseres bringen als die Drittmittelstelle? Wo ich doch selbst meine Labels innen trage, das Dr. hätte ich nie im Namen erwähnt. Eben, ich nicke, sehe zur Uhr, stehe auf und gehe zu meinem nächsten Termin.

Trauer, halbes Jahr später

Es ist noch nicht ganz ausgestanden, die Sache mit unserem Papa, aber sie ist auf einem guten Weg. Sein Bild steht im Regal, deutlich sichtbar für den, der es sehen will, aber schon nicht mehr so präsent, wenn es um den Alltag geht. Ja, was bleibt? Mittlerweile sind die ersten Feste ohne unseren Vater, der sich stets friedlich etwas abseits sein Zigarettchen anzündete, ausgestanden. Insgesamt fehlt er noch an allen Ecken, aber das Gefühl, das sich auf die schlimme Erfahrung bezieht und auf das Leid, das er hatte, ist zum Glück schon blasser geworden. So ähnlich geht es auch dem Vater meines Mannes, der einen Monat später seine Lebensgefährtin an den Krebs verloren hatte.

Zeit also für eine erste Bilanz der Trauer. Das Pech, alles und jedes mitzuerleben, was dort im Krankenhaus passiert, einen Menschen in und nach einer Chemotherapie zu sehen, später im Koma und an einer Blutvergiftung sterbend, ist für den, der daneben sitzt, eine Herausforderung. Unsere medizinischen Kenntnisse waren begrenzt und so haben wir uns natürlich ganz auf das Klinikum verlassen müssen. Ob sie ihr Bestes gegeben haben, können wir heute nicht sagen. Viele Fragen tun sich auf, z. B. warum er ständig von der Intensivstation zurück auf die Normalstation verlegt wurde, obwohl er in einem lebensbedrohlichen Zustand war, etc. Keine Fragen, die mich persönlich noch plagen, die aber unsere Familie beschäftigen.

Damals im Krankenhaus war es ein Dauerbeschuss, der uns ebenfalls lahmgelegt hat. Ich hatte mitten im Sommer eine Erkältung bekommen, die sich dann zu einer ordentlichen Mittelorhentzündung entwickelt hatte. Über Wochen habe ich nur auf dem linken Ohr gehört und entsprechend nur gesehen, was passierte – wahrscheinlich eine ganz einfache psychische Reaktion auf die Hiobsbotschaften, die mir morgens mitgeteilt wurden. Seine Leukämie ist eine Krebsgeschichte wie jede andere gewesen, aber die Geschwindigkeit, mit der aus der Vermutung einer ASS-Allergie zuerst Cortisontabletten und schließlich eine Chemo bzw. Rituximab wurden, sind schon rekordverdächtig, lieber Papa!

Unser Papa war für Verschwörungstheorien nämlich sehr aufgeschlossen. Er hatte sich „etwas schlapp“ gefühlt, hatte rote Flecken am ganzen Körper und zwei Wochen vorher eine Erkältung gehabt, bei der er sich ASS aus der Apotheke geholt hatte. „Papa, solche riesigen Flecken kommen aber nicht vom ASS. Das ist keine Allergie, Du hast was Anderes, geh´ mal zum Arzt“, hören wir uns noch sagen. Trotzdem hatte er irgendwie Recht, denn ASS ist ja für seine blutverdünnenden Eigenschaften bekannt. Bei einem Patienten mit Leukämie im Endstadium sicher nicht das beste Medikament. Als er dann beim Hausarzt saß mit blutigen Lippen, hat dieser über sein ASS gelacht und ihn per Krankenwagen direkt auf eine Krebsstation einweisen lassen. Die Wucht war es wohl, mit der aus einem kleinen Verdacht eine Wahnsinnskrankheit und aus einem gesunden Menschen innerhalb von drei Wochen ein völlig entstellter Toter geworden ist. Das hat uns alle umgehauen.

In der Zeit seiner Krankheit schien die Sonne und es war schönstes Documenta-Spektakel. Ich bin vor der Diagnose einmal dort gewesen und danach eben im Krankenhaus. Beruflich hat es trotz kirchlichem Träger natürlich kein Entgegenkommen gegeben, ist klar. Muss ja jeder sehen, wo er bleibt. Es war riskant, mein Plan, um weniger Stunden zu bitten. Ich hätte die Arbeit eben auch verlieren können, stattdessen wurde meine Stelle halbiert und man konnte für die andere Hälfte eine günstigere Berufsanfängerin einstellen. Ein teuflisches Unterfangen.

Schon zwei Monate nach dem Tod unseres Vaters haben wir angefangen mit der Renovierung und den Umzugsplänen. Meine Mutter hat im Eilverfahren die Wohnung ihrer Eltern im 1. OG ausgeräumt, die mehr als fünf Jahre leergestanden hatte. Der Plan: Wir helfen meiner Mutter bei der Pflege unserer Oma. Das war Plan A. Mit jeder Neuerung in der Wohnung ging es meiner Mutter besser, mit jedem Hilfsangebot für Oma schlechter. „Hast Du Dich mal gefragt, ob sie überhaupt will, dass Ihr da wohnt?“ Nach drei Monaten auch hier eine Bilanz: Wahrscheinlich ist sie froh, wenn etwas um sie herum passiert, aber wenn sie ihre Ruhe hat und ihre Dinge so machen kann, wie sie möchte, geht es ihr besser.

Die Mär vom Mehrgenerationenhaus besagt, dass man sich einig ist, dass man jede Mahlzeit zusammen einnimmt und sich freudig am Kaffeetisch austauscht. Ja sicher, aber das ist auch der Grund, warum kein Mensch mit seinen Eltern und / oder Kindern zusammen leben will. Das hält nämlich keiner aus und so beobachte ich wohlwollend, wie sich die Katze von ihr füttern lässt und mir berichtet wird, was sie gern isst und mit welchen Dosen ich gar nicht erst ankommen sollte.

 

 

 

Zur Mobilität auf dem Dorfe

Nordhessen verfügt seit ca. einem Jahr flächendeckend über einen guten Anschluss an den hiesigen Bedarf des Internets. Klappt. Es geht so flott wie in Kassel Mitte. Ein Problem hätten wir also schon geklärt.

Das Nächste ist eigentlich gar keines, denn auf dem Dorf fährt man immer und unbedingt Auto, zeitnah wird der Führerschein vorbereitet und gespart, dass man mit einer kleinen „Hutschifiedel“ näher an seine Infrastruktur kommt. Dörfler haben Geschichten von ersten Autos, die nie enden und über die Großstädter müde lächeln. Das erste Auto, das ich mir nicht teile, aber das auch nicht mir gehört, ist ein recht respektabler Golf Variant aus der Zeit der Abwrackprämie – ehemals Papas Liebling. Wer hier mitliest, weiß, dass sich meine Probezeit in ca. 20 Fahrten bis ins nächste Dorf erschöpft hat, aber unfallfrei (!). Voller Angst saß ich also im Januar hinterm Steuer des Wagens, den ich zu Lebzeiten meines Vaters nicht anrühren durfte und steuere ihn mittlerweile recht passabel gen Süden, drei Dörfer weiter, wo ich einen Zuganschluss nach Kassel habe. Das ist nicht besonders ruhmreich. Ein solides Auto kann man locker über die Autobahn oder die B7 – ach, lassen wir das. So kennen mich die Busfahrer unserer Region, wenn ich nicht in den Anschluss, sondern ins Auto steige und noch immer ein sicheres Verkehrshindernis für sie darstelle. So lange ging es gut mit mir, aber auch auf dem Land ist man erfinderisch, z. B. indem man Fahrbahndecken erneuert – dringend notwendig wie in den meisten Regionen in ganz Hessen. „Vollsperrung“ ist die letzte Idee, ein kleines Stück mit großer Wirkung.

Jetzt wäre die Gelegenheit, mutiger zu sein, und in einem anderen Ort zuzusteigen, aber man kennt mich und so lasse ich mein Auto im Wohngebiet am Ortseingang, um 30 min. bis zum Bahnhof am Ortsausgang zu laufen. Ich hoffe, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht –

Röschens Flohzirkus

Warum sollte es Euch anders gehen als uns?, sagt meine Schwester. Ich kratze mich und denke an den Rat der Ärztin, jetzt nicht verrückt zu werden. Jedes Wochenende ist was anderes zu tun. Kein Wochenende bleibt ohne Aufregung. Wenigstens ist die Wohnung jetzt ordentlich, die Betten abgezogen und alle Teppiche nicht nur gelüftet, sondern auch großzügig mit Insektenvernichtungsmittel eingenebelt. Röschen, vorerst kommst Du nicht mehr ins Haus!

Unser Wildröschen

Bei deftiger Hausmannskost gibt es für das Röschen kein Halten mehr. Es wartet pünktlich zur Mittagszeit vorwurfsvoll vor der Gartentreppe auf das, was so in der Pfanne übrigbleibt, pirscht sich nah und näher, kommt bis ins Haus, verschwindet aber dann wieder. Es bleibt in der Nähe, guckt hier und da. Wir hoffen, dass wir sie morgen vor der Kälte schnappen können.

Blade Runner

Dieser Klassiker trägt eigentlich den sperrigen Titel „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“.

Es gibt ein paar Geschichten, die die Grundlage der modernen dystopischen Literatur bilden: Blade Runner gehört ganz sicher dazu. Es geht um die Frage,  ab wann der Mensch zum Menschen wird und vor welcher Existenz Respekt gewahrt werden muss. Brandaktuell in unserer Zeit, wenn Alexa und Siri gemeinsam lachen.

Toll, dass Harrison Ford als Rick Deckard auch im neuen „Blade Runner 2049“ wieder mitspielt. Ein heiterer Klassiker zum Nachdenken auch auf der Bahnschiene:

Philipp K. Dick

Blade Runner

 

Katze dazu, fertig!

Erst mal vielen lieben Dank für die große Anteilnahme zum Verschwinden unserer Katze. Unglaublich, wie schnell die Resonanz wächst, wenn etwas Niedliches ins Spiel kommt. So werde ich das jetzt immer handhaben. In meinen Texten kommt jetzt mindestens eine Katze vor!

Aber im Ernst: Ich hatte schon befürchtet, dass wir uns ganz falsch ihr gegenüber verhalten haben. Ein Monat voller Wollknäule, lecker Essen und gutem Zureden können doch nicht einfach so vergessen werden. Gestern Abend hat sie sich dann wieder bitten lassen. Es ruft von unten: „EURE KATZE SITZT HIER!“ Und wir rennen wie der Blitz nach unten, beladen mit Katzenwürstchen, Knäulen und Häuschen, damit das Röschen wiederkommt und es kam! Es war unentschlossen, ob es denn bleiben sollte und wollte nicht ins Haus, aber es wird auch so schnell nicht weggehen. Wir sind froh.

Röschen ist weg

Hoffentlich kommt sie wieder, sonst vermute ich, dass diese ewige Pechsträhne einfach kein Ende nimmt. Seit Anfang der Woche, genauer gesagt, als die Temperaturen stiegen, hat es sich über das Vordach aus dem Staub gemacht, hatte vorher schon immer mal um die Ecke geguckt, mit zitternden Knien und kalten Pfoten aber schnell wieder hereingekommen. Naja, ist ja „Bölzerzeit“, wie man bei uns sagt.

Ali und Nino

Die zauberhafte Geschichte eines Liebespaares, das Welten verbindet: Ali und Nino leben in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Er ist Muslim, sie ist Christin. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Besonderheit, aber auch heute noch vermisst man Parallelen, wo eigentlich längst welche sein müssten. Alles in allem eine tolle Erzählung, die etwas klischeehaft daherkommt, die aber Fragen aufwirft, sich mit der Region und den Menschen zu beschäftigen. 2016 wurde sie verfilmt und zeigt sich reichlich dramatischer:

Ali und Nino, Kurban Said, 1937

Fromm über´n Tisch gezogen

„Lass Dich nicht über´n Tisch ziehen,“ sagt Margarete heute zu mir, eine unserer ältesten Ehrenamtlichen. „Du kannst nicht mit der Sandy, das sehe ich.“ Die Sandy, das ist die nicht mehr ganz neue Kollegin, die mit 45 zwei erwachsene Kinder hat und neben einer Ausbildung ein jetzt auch noch abgeschlossenes Studium. Die Sandy ist die, die konsequent Namen in aller Öffentlichkeit falsch ausspricht, die niemals nie nicht ihre E-Mails liest, weil „da habe ich doch gar keine Zeit, die jeden Tag zu lesen,“ die jede Idee wie eine Art Hybrid aufnimmt, filtert und mit eigenen Worten als ihre eigene erzählt und die in ihrem Kopf das auch glaubt. Das ist besonders positiv für sie. So eine Sandy kennt jeder, eine, die die zwei Kinder groß hat und faltenfrei durch´s Leben geht, die weiß, wie man sich auf die Schulter klopft und damit nicht mehr aufhört, bis auch andere wohlwollend mitklopfen. Dabei fängt es mit diesen Menschen harmlos an, man denkt sich insgeheim, dass man auf eine schlichte Natur getroffen ist, ganz einfache Verhältnisse, nach der Wende ´rübergemacht – wir hatten ja nix, nee-nee. Hm, ja, tut mir leid, ist klar. „Ja, habe mich ja dann taufen lassen, weil meine Tochter mal in weiß mit Kirche heiraten will und ich wollte ja auch nicht ewig in dem Zentrum bleiben, Kirche ist schon besser.“ Während ich noch darüber nachdenke, ob die Hochzeit in weiß ein Grund für einen Kircheneintritt ist und ob man es in den Räumen unseres kirchlichen Trägers wirklich so offen und ehrlich sagen sollte, stellt sie mir schon die Frage, wie sie eine Stellenausschreibung auf unserer Homepage schalten kann. „Äh, sowas läuft über den Chef, das macht dann später der Admin, da kann nicht jeder ran. Wen suchst Du denn für was für eine Stelle?“ Sie notiert sich alles genau, gespickt mit ein paar klischeebeladenen und obligatorischen Schreibfehlern.

Im Geiste denke ich noch an das weiße Kleid. Ob ich, die ich damals länger als ein Jahr den Klingelbeutel in der Kirche als Konfirmandin geschwungen, die in Eiseskälte zumindest an hohen Feiertagen den Gottesdienst besucht hat, nicht doch geeigneter bin für die Stelle als jemand – aber Asche auf mein Haupt! Sowas sollte ich nicht denken, so hat sie das sicher nicht gemeint. „M. hat mir die Nähmaschinen zugesagt,“ –  „Hä, wie? Ich dachte, weil man so schlechte Erfahrungen hatte mit der alten Gruppe, sollte es keine Nähmaschinen mehr geben.“- „Doch, sie hat gerade angerufen, ich bestelle einfach mal 4.“ Ich schweige und denke an den vergilbten Psalm 23 neben den betenden Händen, die im Wohnzimmer meiner Eltern hinter der Tür hängen, eine Frömmigkeit, die von der Inneneinrichtung in die hinterste Ecke verbannt wurde. „So, so,“ mache ich und freue mich, dass ich meine Nächstenliebe nur noch in Teilzeit verteilen muss.

 

Ganz anders

Ein kleines Emblem an einer Stelle, an der eigentlich zwei unscheinbare Linien hätten sein müssen. Ein Punkt, der bei näherem Hinsehen kein Punkt war, sondern deutlich sichtbar das, was sie bereits vermutet hatte.
Strahlende helle Augen, leuchtend von vollem Haar umkränzt und stolz neben einigen anderen jungen Männern stehend, sah sie, was ihr Vater nicht gewesen war. Sie hatte lange überlegt, ob sie nachforschen sollte, ob es sich lohnte, sich Gedanken zu machen, um einen guten Vater, der seit Jahren verstorben war und der gut für seine Familie gesorgt hatte.
Natürlich, es hatte auch andere Geschichten gegeben. Diejenigen, die von einer Mutter handelten, die einer anderen Mutter ihre Kinderkleider angeboten und dafür gebüßt hatte. Diejenigen, die unzählige Opfer mit sich gebracht hatten. Aber doch nicht bei uns? Was war eine Ermahnung wert, wenn das Emblem kein Punkt gewesen ist? Gehorsam gehörte mit dazu, Vernunft, Sparsamkeit, Ordnung. Eine Autorität, die für zwei Generationen reichte.
Sie wusste, dass die Metalldose mit den schönen Ornamenten Bilder von ganz früher enthielt, als man auf Fotos nicht lachte und dass es jüngere Bilder gab von Vater und Großvater – damals erst zwanzig Jahre alt – von dem alle geglaubt hatten, dass er ein einfacher Soldat gewesen war, ehe sich der Punkt als Totenkopf zu erkennen gegeben hatte.

Tag mit Schutzumschlag

Es ist schon 17:09 Uhr und noch ist nichts Schlimmes passiert: Im Gegenteil habe ich heute meinen Urlaubstag gut nutzen können fast so wie viele andere Leute. Gemeinsam mit meiner nun doch nicht herzkranken Mutter – die Katheteruntersuchung hat nichts ergeben und gestern wurde sie direkt entlassen – bin ich mit ihr durch unsere Kleinstadt geschlendert, haben wir ein bisschen eingekauft und unsere Oma in der Verhinderungspflege besucht. Ich klopfe im Geiste auf Holz, denn bis zur Untersuchung hat es ewig gedauert, ein Termin, der wie ein Damoklesschwert über uns hing. Gekrönt von einem Testament – nur für den Fall des Falles, falls ich liegenbleibe – äh, okay und dann die Oma, die natürlich im Altenheim nicht die Rundumpflege bekommt wie hier zu Hause und die entsprechend häufig zu besuchen ist. Hinzu kommen viele völlig ungeahnte Themen des Zusammenlebens mehrerer Generationen, von Schwiegerleuten, Schwägern und Geschwistern. Situationen, die einen plötzlich überrollen und für die man Verantwortung trägt. Es geht ums Sterben, ums Erben, um Anerkennung und noch viel mehr.

So eine Scheiße. Ich manövriere mich derzeit aber immer wieder in solche Situationen, in denen ich handlungsunfähig werde. Gestern zweite Blutspende meines Lebens. Mein Vater war auch Rhesus positiv. Oh, da ist wohl die Ader geplatzt, tut uns leid, dann verschieben wir das lieber auf Montag. Während ich meinen blau geschwollenen Arm mit der Beule darin betrachte, denke ich mir, geht Euch doch nichts an, warum ich heule, Ihr Trottel.

Papas Pinökel

„Papa, was willst Du zum Geburtstag haben?“

„Pinökel 12“

So ging es über Jahre. Ein Videobearbeitungsprogramm, das unglaublich viele neue Versionen hat und dessen Namen irgendwann keiner mehr korrekt ausgesprochen hat. Papa schenken wir wieder Pinökel – alles klar! Morgen gibt es kein Pinökel. Papa würde 67. Er würde sich über ein Zigarettengeschenk freuen, Kaffee und Kuchen in Kauf nehmen und im neuen Sweatshirt gemütlich eine schmökern. Morgen sparen wir das Geld für Pinökel, stehen wie Falschgeld an Papas Grab, aber wir „lassen uns was schicken“ vom Italiener, sitzen danach zusammen und lachen über´s Pinökel.

Schreibnacht: Das kam dabei heraus

An der Steinbockfichte

~

Ob der Baum noch stand? Im Internet gab es keinen Eintrag zu dem Gewächs, das den Glauben an das, was im Leben Halt und Sicherheit gab, verändert hatte.

„Du musst weitergehen.“ Joachim war in seiner Försterskluft. Seine dicken Wanderschuhe stapften durch das Herbstlaub, er hob sich kaum von den Bäumen ab, vor denen er marschierte.

„Ich kann nicht.“ Gundula war nicht diejenige, die sich im Wald Gedanken um passendes Schuhwerk gemacht hatte. Hier sah sie schließlich niemand und sie ihr Auftreten störte keinen.

„Doch, geh weiter.“ Die Wanderschuhe stapften dringlicher. Er wusste, dass sie keine Lust gehabt hatte auf diesen Spaziergang.

Es war so dunkel, dass man die Hände vor den Augen nicht sehen konnte. Joachim hatte Gundula überredet und sie hatte gedacht, dass es ihnen gut tun würde. Die letzte Zeit war so stressig gewesen. Sie hatte in keiner Weise zu einem geregelten Alltag beigetragen. Gundula, die seit Tagen eine Erkältung in sich erstarken fühlte, war auf Joachims Vorschlag nur widerwillig eingegangen. Der Wald und die Natur waren Joachims Gebiet. Dort fühlte er sich wohl und er kannte jeden Weg genau. Gundula war diejenige, die lieber für sich allein am Schreibtisch werkelte.

Du musst mir vertrauen, der Weg ist hier in Ordnung.“

„In Ordnung“ raunte Gundula im Stillen, innerhalb kurzer Zeit war sie auf die verschiedensten Hölzer und sogar einmal auf eine Scherbe getreten, die fast ihre Sohle durchbohrt hatte. Sie war von einem kurzen Spaziergang ausgegangen, von etwas Bewegung und frischer Luft, die ihren Körper etwas durchwehen sollte. Stattdessen stakten sie hier in tiefster Dunkelheit.

Nach einem weiteren Stolpern auf dem finsteren Waldweg beschloss Gundula, sich zusammenzureißen und Joachim diesen Gefallen zu tun. Sie konnte sich nicht nicht mehr daran erinnern, wann sie zuletzt etwas Gemeinsames erlebt hatten und sie schätzte, dass ihr Mann sich für diesen Abend etwas hatte einfallen lassen.

Sie gingen hintereinander, Joachim ging vor ihr und sie achtete genau auf seine Schritte, sodass sie sich an seinen Fußstapfen im Laub orientieren konnte. Im Wald war er still, aber es war eine angenehme Stille und so gingen sie einige Zeit, ehe sie an eine Abzweigung kamen. Gundula erinnerte sich an diese Abzweigung, konnte sie aber nicht recht einordnen.

„Da drüben geht´s zur Steinbockfichte.“ Joachim schien frohen Mutes zu sein.

„Steinbockfichte.“ Gundula erinnerte sich, dass sie vor Jahrzehnten dort gewesen war, als Jugendliche. Es war ein Schulausflug gewesen. Man hatte ihrer Wandergruppe erzählt, dass es ein sagenumwobener und mythischer Baum war und umweht von einem ganz konkreten Ereignis, an das sie damals nicht so recht glauben wollte.

„In den fünfziger Jahren hat es hier in der Nähe eine unglückliche Liebe gegeben“, so hatte es damals ihr Lehrer erzählt. Die Worte hatte er salbungsvoll ausgesprochen und Gundula hatte Mühe, dies zu glauben, denn schließlich war es eine Horde junger Mädchen, denen ihr Lehrer von der Liebe erzählte.

„Die beiden hatten sich immer hier getroffen. Das war damals noch eine andere Zeit. Da hat der Hausfreund Euch nicht einfach so besucht.

Gundula erinnerte sich, wie sie vorsichtig gekichert haben. Joachim stapfte weiter hörbar durch das Laub und stellte sich irgendwann vor den Baum. Es war nicht üblich gewesen, in jungen Jahren einen Freund zu haben, erst recht nicht, allein mit ihm auf einem Zimmer zu sein.

„Also eigentlich war es auch eine Eifersuchtsgeschichte. Wenn man es richtig bedenkt, dann muss man sagen, dass das irgendwo auch eine Ironie der Geschichte war.“

„Wie?“ Gundulas Freundin war eine, die immer vorne losging und die Nachfragen stellen konnte. Gundula hatte sich in dieser Hinsicht stets zurückgehalten. Sie war keine von der aufdringlichen Sorte oder eine derjenigen, die sich besonders hervortun wollten.

„Es ist hier passiert, kann ich Euch sagen und es war eine Geschichte, die man sich bis heute erzählt. Der Schmidt Walter ist der Neffe, aber das wird zu kompliziert.“ Er hatte eine abwinkende Geste gemacht. Gundulas Lehrer waren schon immer in das allgemeine Orts- und Tagesgeschehen eingebunden gewesen. Sie hatten schon immer Interesse an den Örtlichkeiten gezeigt und waren auch über die örtliche Gerüchteküche gut informiert.

„Hier an der Steinbockfichte. Detlev hieß der junge Mann. Madita war eine der Schönsten der Schönen und ja, wie es so kommt, war der Detlev irgendwann nicht mehr der alleinige Verehrer. Man weiß nicht genau wie es passierte, aber man erzählt sich, dass die Fichte nicht unerheblichen Einfluss auf das Wohlergehen von Madita gehabt hat. Jeder sagt Herzversagen, aber es könnte auch an dem Sturm gelegen haben. Fichten sind biegsam. Das wisst Ihr.“ Er blickte nachdenklich in die Runde.

Joachim hatte Gundula angestupst. Er war stehen geblieben und er hatte ihr gezeigt, wie gesund die Fichte noch immer war, aber Gundula stellte sich vor, wie es damals passierte. Sie erinnerte sich, dass ihr Lehrer von einem Gewaltverbrechen gesprochen hatte. Man hatte dies aber nicht nachweisen können. Jetzt bei nur leichtem Wind wiegten sich die Zweige sanft. Es war dunkel und irgendwann schlugen Gundula die Zweige ins Gesicht, während sie große Angst hatte. Am Morgen hörte man nichts, nur das Stapfen von Joachims Wanderschuhen.

 

Macht mit bei der Schreibnacht!

„Vater Tag predigt uns Arbeit, Vater Tag predigt uns Vernunft.“

(Bela B., Die Nacht muss eine Frau sein)

~

Heute mal ein Aufruf für alle, die sonst nicht dazu kommen, sich dem kreativen Hobby, das so viel gibt, aber so viel verlangt, zu widmen. Gestern habe ich an der Schreibnacht teilgenommen, die immer einmal pro Monat stattfindet. Man kann sich einfach im Forum anmelden, wird herzlich willkommen geheißen und konzentriert sich nebenher ganz auf das, zu dem man sonst nicht kommt. Hier geht´s lang:

Schreibnacht.de

Eigentlich ist es eine Häutung,

die man durchlaufen muss, wenn man einen Menschen verliert. Als Mensch müsste man sich häuten können. Macht man nicht. Die eigene Haut wird markanter, körniger vielleicht und man hat Federn gelassen. Die Furchen unter den Augen bleiben. Auf einem Schild lese ich, dass sich der Wert der Persönlichkeit daran bemisst, wie man wieder aufsteht, nachdem man gefallen ist. Heute Abend habe ich bei der Schreibnacht mitgeschrieben. Heute Morgen habe ich von weitem den Friedhof gesehen und wie sich unser Grab hinter einem neuen frischen Grab mit einem Blumenhaufen unterm Schnee versteckt. Das neue Grab bedeutet, dass es immer weiter geht, im Leben wie im Sterben. Heute sind wir die Gekniffenen, morgen rennt der nächste wie ein Trottel durch´s Klinikum und weiß nicht, wohin er soll. Übermorgen stirbt einer in einem Grab, dass er ursprünglich für einen anderen vorbereitet hatte. So ist das Leben. Das hat etwas Tröstliches.
Die zweite Arbeitswoche in der neuen Lebenssituation ist geschafft und wir sind mittendrin in einem Leben, von dem ich dachte, dass ich es nie schaffen kann. Unser Leben ist anders, aber doch ähnlich. Unsere Eltern waren übermächtig in all dem, was sie getan haben. Jetzt sind wir an der Reihe. Jetzt muss einer das Dach der Scheune flicken, einer muss das große Auto fahren und verdammt, das eigene Ding soll irgendwie auch dazu passen.
Während ich so schreibe, merke ich, wie anstrengend die letzten Monate waren. Trauer ist ein bisschen wie das Sturmtief „Friederike“: Man geht morgens los und muss kämpfen, dass man nicht davongeweht wird. Immer kommt was dazwischen und man vergisst so viel, weil der Kopf so voll ist.
Man muss nicht immer weinen, wenn man trauert, aber es ist körperlich so fordernd. Das hätte ich nie gedacht. Erst jetzt kommt etwas von dem „Gottvertrauen“ zurück, das ich vorher immer hatte. Bis jetzt habe ich einfach nur damit gerechnet, dass wieder etwas Mieses passiert, was auch stets eingetreten war, so nach dem Motto, ja, ja, immer drauf, schön „hier“ gerufen. Das schlägt sich nieder und legt sich auf alles Schöne, das man nicht mehr sehen kann und nur noch abgeschwächt empfindet.
Die Haut vorher, die ganzen Psychokisten, die man sich selber macht, empfinde ich heute als besonders eng und bedauerlich. Gut, dass ich zumindest gedanklich wieder eine neue bekommen habe, eine, die etwas weiter und geräumiger ist.

Wahnsinnig – Das Ende des Gärtners

Ob man es als Pechsträhne bezeichnet, wenn mehrere Familienmitglieder fast gleichzeitig sterben, Freunde schwer krank werden oder Ähnliches, kann ich nicht sagen. Vielleicht reimt man es sich so, dass der Zufall zu einem Schicksal umgedeutet wird und es doch eine höhere Macht gibt, die alles sortiert. Neulich ist jemand aus unserem Ort gestorben, ein ferner Bekannter, der auch mal mit unserem Papa auf der Straße stand und gequatscht hat – ungefähr im gleichen Alter. Unserer Mutter ist es immer wichtig, dass man sich mit den Liegenachbarn auf dem Friedhof auch im Leben wenigstens ein bisschen verstanden hat. Okay wäre wahrscheinlich auch ein völlig Unbekannter. So hat unser Papa neben Schmidts Lilli nun auch auf der anderen Seite einen „Kumpel“. Kaum ausgesprochen, erreicht uns folgende Meldung: Unser Gärtner, der Heini, hat wie üblich das frische Grab vorbereitet, ausgehoben, etc.

Meine Mutter war wohl kurz nach dem Vorfall auf dem Friedhof, um von unserem Papa ein paar Blättchen zu zupfen und kam noch empört nach Hause, dass der Kies rings um den Papa etwas ramponiert war. Das neue Grab war aber nicht weiter ausgehoben worden, was sie gewundert hatte. Näheres weiß man noch nicht. Der Bagger vom Heini hatte sich wohl verselbständigt. Jedenfalls ist der Heini jetzt tot und unsere Mutter weiß jetzt, dass ihr Herzrasen vor allem psychische Gründe hat.

Die Asche meines Vaters

Komfortzone ist ein böses Wort, aber ab und zu ist es wichtig, sich aus derselben herauszubegeben: So geschehen z. B. bei mir selbst. Ich habe damals mit Bravour einen Führerschein gemacht, bin aber 13 Jahre so gut wie nicht gefahren. Was soll ich sagen? Mein Mann fährt gut und bisher hatte ich grosses Glück, dass ich zu Fuß zur Arbeit gehen konnte. Seit gestern ist das anders. Ich steuere morgens Papas Heiligtum drei Dörfer durch die Dunkelheit. Er hätte mich damit nie fahren lassen. Ich sehe vor mir, wie seine Zigarettenasche krümelt, während er mit großen Pranken das Lenkrad rauchgeschwängert zum HR4-Sound bedient. Bei jeder Kurve rutscht der Werkzeugkasten und ich gucke immer auf die restlichen Aschekrümel, wenn meine Angst zu groß wird.

Ideen?

Vielleicht hat jemand eine Idee für unsere Familiendaten: Mitleser wissen, dass im August unser Papa relativ plötzlich mit 66 gestorben ist, dass es im gleichen Haushalt eine 92-jährige Oma gibt, die nach Abzügen unseres Opas seit 12 Jahren von meiner Mutter gepflegt wird, die in diesem Monat 65 Jahre alt wird und nun zum 2. Mal einen Puls von 130 hatte, der als Vorhofflimmern gilt und nun mit Beta-Blockern & Co. behandelt wird. Wir sind 3 Schwestern, könnten gern bei der Pflege helfen, ist natürlich von Mama nicht gewünscht. Was tun?

Unser Jahr

Die vergangenen Jahreswechsel waren wie auch in diesem Jahr durch diverse Infekte und Erkältungen geprägt. Aus diesem Grund ist es kein so großer Unterschied zu den vorhergegangenen Jahren. Unsere Familie ist platt wie immer und vielleicht soll das so sein. Endlich Ruhe im Karton, Pause, nachdenken, Tränchen verdrücken und Kopf hoch. Silvester ist immer ein bisschen verlogen, die Erwartungen viel zu hoch, zu viel Glitzer, denn bei der Chartshow sind die Gäste so besonders wie man selbst. Schön, wenn einem das auffällt und wenn man den Schneid hat, früh schlafen zu gehen☺.

ALLES GUTE FÜR EUCH IM JAHR 2018!

Gute Vorsätze

Man kann sagen, dass wir für das nächste Jahr gar keine Vorsätze brauchen: Das liegt daran, dass wir auf viele Dinge keinen Einfluss haben, denn wer stirbt, der stirbt und es liegt daran, dass wir seit einigen Tagen quasi schon mitten im guten Vorsatz leben. Weil das gar nicht ohne ist, wünsche ich mir für das nächste Jahr mehr Gänge auf Tauchstation.

Wir wünschen Euch alles Gute für das kommende Jahr und nicht zu viele Vorsätze!

Im neuen Heim

Es ist ein sich Sortieren und Formieren. Jede Gruppe hat ihre Phasen. Jedes Mitglied ist anders gefragt und plötzlich ist man mittendrin. Manche halten sich ganz raus, andere interessieren sich zu sehr und überall kennt man wen. So ist es, wenn man aus der Stadt aufs Land zieht. Heute haben wir uns umgemeldet. 2 Meldebestätigungen haben jeweils 15 min beim Ausfüllen gedauert. Neuer Rekord. Unsere Wohnung gedeiht seit dem 23.12. immer weiter, sodass wir seit einigen Tagen hier leben und schon erste Tränen geflossen sind. Ich hoffe, dass es an der Eingewöhnungsphase liegt, dass ich mir wie der Trottel vorkomme, der alles falsch macht. Ich möchte gern meine Hilfe anbieten, aber so richtig gefragt ist die nicht. Naja, müssen sich eben alle erst daran gewöhnen. Mal sehen.

 

Familienroman

Natürlich, ich schreibe einfach auf, was ich schon weiß! Der Knoten war die Tatsache, dass man eine Geschichte, die nur ein Familienmitglied betrifft, irgendwie zu sehr überhöht. Man schreibt über den Tod des einen und der andere ist aussen vor☺, nicht ganz ohne, wenn die restliche Familie quicklebendig ist. Die Idee, eine Familiengeschichte zu schreiben, ist keine schlechte, wird aber recht dröge, wenn man sich genau an die Fakten hält. Wen interessiert schon, ob der Steckrübenwinter in Leipzig Einundleipzig besonders schlimm gewesen ist? So viele spannende Themen hat meine Familie eben nicht zu bieten, aber die Realität lässt sich ja auch ein bisschen ausschmücken…

Schreibchallenge von Mme Flamusse, Aufgabe: 30 Wörter frei kombinieren, möglichst ausdrucken, ausschneiden und sammeln.

Mir fällt auf, dass ich inhaltlich genau wähle, was gerade meine Themen sind, was mir so durch den Kopf geht. Der Nachteil: Das ist für mich selbst eher langweilig und es macht mir keinen Spaß, sie aufzuschreiben. Deshalb gebe ich mir wieder Mühe, besondere atmosphärische Wörter zu finden, die mit meinem Alltag nichts zu tun haben. Gelb markiert habe ich die Wörter, die ähnlich klingen, die „gehaucht“ sind, weil man sie oft langsam ausspricht. Solche gefallen mir gut. Hier kommen meine Wörter – Ausdruck für mich selbst folgt:

30Wörter

 

Erinnerung: Schreibchallenge bei Mme Flamusse

Bitte nicht vergessen!!! Noch vier Stunden bis zur Anmeldung. Ab morgen kann man dann unter der Leitung von Mme Flamusse Karolin Kaden wieder ins Schreiben kommen.

Ich habe drei angefangene Texte, sitze vormittags am Schreibtisch über dem Jahresbericht, nachmittags in einer halbleeren Wohnung auf gepackten Kisten und träume vom Weihnachtsbaum, der sich in der noch nicht gespannten Lackspanndecke spiegelt. Beste Voraussetzungen also –

Weitere Infos: https://www.karolinkaden.de/