Grand Hotel

Wieder eine Hotelgeschichte – diesmal aus der Sicht des „Einhandflötisten“ Fleischman, der wahrscheinlich aufgrund eines furchtbaren Autounfalls keine gute Zukunftsperspektive hat, der im Grand Hotel als „Mädchen für alles“ tätig ist und noch nie über die Grenzen seiner Stadt Liberec in Tschechien hinaus gekommen ist. Ein empfehlenswerter Roman über verpasste Chancen und große Pläne. Das runde Hotel gibt es auf dem Berg Ještěd übrigens wirklich.

Rudis

Jaroslav Rudiš

Grand Hotel

2006, 238 Seiten, Luchterhand

Leidenschaft

Ach schade, manchmal täuscht man sich einfach im Cover und so lese ich zwar eine kurze Novelle über verschiedene Liebeleien, aber die wahre Ergriffenheit bleibt etwas auf der Strecke. Geschildert wird aus der Sicht eines älteren Herrn über das Leben und die Liebe in der französischen Provinz. Junge Frauen, die mit alten Männern zusammenleben müssen, aber eigentlich in jüngere verliebt sind, etc. Ein Buch, das vielleicht auch eine seltsame Tristesse birgt, mit der ich mich nicht aufhalten möchte. Naja.

Némirovsky

Irène Némirovsky

Leidenschaft

2011, 127 Seiten, btb

Ein Gentleman in Moskau

Seit langem ein großer Lesegenuss! Eine außergewöhnliche Sprache verweist auf eine spannende Geschichte im Grandhotel Metropol in Moskau. Graf Rostov wird als reaktionär und vorsintflutlich beschrieben, weil zur Zarenzeit geboren und aufgewachsen. Damit ist er den neuen Sozialisten ein Dorn im Auge und wird kurzerhand im Hotel eingesperrt. Im Laufe der Geschichte lernen wir einen Kosmopoliten kennen, der weit über die Grenzen seiner Widersacher hinaus denken kann. Ein Buch, das ich so gern empfehle, weil es ohne großes Tamtam von Sex und Crime oder die üblichen Verdächtigen auskommt. Bitte gern lesen, lohnt sich wirklich!

Towles

Amor Towles

Ein Gentleman in Moskau

2016, 558 Seiten, Ullstein

Die literarische Notapotheke

Als Mängelexemplar habe ich sie als Anregung gekauft, mal wieder für neuen Lesestoff zu sorgen. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass Originaltexte in Auszügen tatsächlich abgedruckt wurden, was leider nicht der Fall ist. Trotzdem ein toller Tipp für verschiedene Belange, z. B. Liebe, Familie, Freunde, Beruf und Karriere, Körper, Geist und Seele vielleicht besonders jetzt im neuen Jahr!

BittelSchönberger

Karl-Heinz Bittel / Margit Schönberger

Die literarische Notapotheke

2010, 359 Seiten, Knaur

Der Schatten des Windes

Ein Buch, das ich noch nicht ganz zuende gelesen habe und auf das man sich nicht einfach so in der Bahn konzentrieren kann. Es hat seine Längen, aber grundsätzlich ist die Idee, dass ein Buch das ganze Leben prägen kann, doch sehr verlockend. Nebenbei etwas spanische Geschichte. Nichts Leichtes für den Sommer, eher was für den Herbst:

Carlos Ruiz Zafón

Der Schatten des Windes

2005, 563 Seiten, Suhrkamp

Ruiz-Zavon

Die Geisha

Zwei Schwestern werden nach Gion verkauft. Die Mutter todkrank, der Vater finanziell mit dem Rücken zur Wand. Eine Geschichte aus Japan in den 1930er Jahren. Wir lernen das „Handwerk“ der Geisha kennen, lernen etwas über Kimonos, über Obis und über die Intrigen, mit denen in der Okija (das Wohnhaus der Geisha) Ränke geschmiedet werden. Eine traurige Geschichte von Prostitution und Erfolg, von Verzicht und Leidenschaft.

Arthur Golden

Die Geisha

2018, Penguin, 573 Seiten

 

Kuckuckskind

Typisch Ingrid Noll: Noch nie habe ich hier die Bücher dieser Autorin erwähnt, obwohl ich schon viele von ihr mit großer Freude gelesen habe. Das Besondere: Ihre Texte sind unaufgeregt. Man hat das Gefühl, einen Bericht über eine Bekannte zu lesen und trotzdem bietet sie immer eine besondere Kurve, mit der man in ihren Krimis nicht rechnen würde. Ich identifiziere mich mit ihren teils todlangweiligen Durchschnittsmenschen und bin froh, in Büchern nicht nur mit Perversion und Ekel konfrontiert zu werden.

Ingrid Noll

Kuckuckskind

2008, Diogenes, 339 Seiten

Supertex

Leon de Winter. „Hoffmanns Hunger“ und wie sie alle heißen. Ein hochgeschätzter Autor, eine gut lesbare Geschichte, die man versteht, die aber für mich nur wenige Identifikationspunkte zugelassen hat. Es geht um Karriere,  aber auch um Religion und Glück – dies von einer Ebene, die für mich soviel Arroganz impliziert, dass ich das Buch zwar zuende gelesen, mich aber kaum daran erfreut habe. Fazit: Kann man lesen, muss aber nicht –

Leon de Winter

Supertex

1996, 265 Seiten, Diogenes

DeWinter

Die Brut der Wölfe

Dies ist der erste Kasselkrimi, den ich als erbitterte Konkurrentin lese und der mir Mut macht, an meinen eigenen Texten weiter zu arbeiten. Daniel Wehnhardt hat Potential, das Buch ist schnell gelesen und man möchte mehr erfahren von einem guten Plot, der geschickt zwischen Realität und Fiktion manövriert. Kritikpunkte sind die fehlenden Details, die Charaktere sind ausbaufähig und verhalten sich immer gemäß ihrer Spitznamen. Vor- und Nachteile, die sich bei mir genau umgekehrt verhalten. Ich verheddere mich schnell in Details und könnte mehr auf das Ganze achten. Gut, dass man über die Kollegen gut lernen kann.

Zum Inhalt: Auch in Kassel hat es einen rechtsextremistischen Anschlag gegeben. Dieser Fall und die Tendenzen, dass die Polizei nicht nur Freund und Helfer ist, werden hier aufgearbeitet. Wehnhardt schlägt also keine direkten Parallelen zum NSU, zeigt aber mit guter Recherche ein ähnliches Szenario.

Daniel Wehnhardt

Die Brut der Wölfe

2018, 217 Seiten, ProLibris

Wehnhardt

 

Das Café unter den Linden

Ein Gute-Laune-Buch im besten Sinne: Flott und schmissig erzählt geht es ordentlich rund für Fritzi Lack, die 1925 aus dem Schwabenland ins muntere Berlin als Tippfräulein flieht und auf den smarten Grafen von Keller trifft. Tolle Sprüche wie „der sieht aus wie der Weihnachtsbaum im KaDeWe zwei Tage vor Weihnachten“ verzeihen die allzu schnell herbeierzählte Geschichte, die viel zu schnell hergestellten Kontakte zum Künstlerkreis sowie viele moderne Redewendungen – „echt top“ zum Beispiel in Bus und Bahn oder an der schönen Fuldaaue.

Joan Weng

Das Café unter den Linden

2017, 299 Seiten, atb

Weng

Das Haus in der Rothschildallee

Frankfurt am Main, 1900: Im Hause Sternberg stehen alle Zeichen auf Erfolg. Soeben wurde das neue Heim bezogen, wurden die Kinder in eine neue Klasse geboren und auch der Geburtstag des Kaisers präsentiert sich wie immer wundervoll. Wir erleben die Familie vom Beginn bis zum Ende des ersten Weltkrieges. So weit eigentlich nichts Besonderes, ein Roman wie jeder andere.

Was ist hier neu? Einerseits gibt es mehr Romane über den zweiten Weltkrieg als über den ersten, denn die Euphorie vor Kriegsbeginn und der freiwillige Tod für das „Vaterland“ werden hier glaubhaft dargestellt, andererseits kenne ich nicht viele Romane, die das Schicksal jüdischer Gläubiger im ersten Weltkrieg schildern. Man liest, dass Antisemitismus auch schon im ersten Krieg ein Thema war, aber alles recht heiter, denn der Schreibstil ist blumig und anekdotenhaft. Ein geistreicher Ausschnitt aus der damaligen Gesellschaft.

Stefanie Zweig: Das Haus in der Rothschildallee, 2007, 276 Seiten

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Das achte Leben (für Brilka)

Simon, Stasia, Kostja, Kitty, Lana, Lascha, Miqa, Miro, Andro, Niza oder Brilka sind nur einige der Person, die in diesem Riesenroman auftauchen und deren Geschichten man mehr oder weniger verwoben zu einer einzigen hier lesen kann. Das Buch ist in jeder Hinsicht beeindruckend: Es sollte einem wegen der knapp 1300 Seiten nicht auf die Füße fallen, es ist anschaulich geschrieben, sodass man trotz der vielen Personen gut folgen kann und es verbindet viele persönliche Geschichten mit der Weltgeschichte des letzten Jahrhunderts.

Dieses Buch hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: Sämtliche Frauen reagieren nur auf die Geschicke, die ihnen ihre Männer aufbürden. Es geht um Verfolgung, um Revolution und Staatstreue. Selbstmord, plötzliche tödliche Erkrankungen und Vergewaltigungen häufen sich so stark, dass es kaum auszuhalten ist. Aus diesem Grund habe ich sagenhafte drei Monate mit diesem Schinken verbracht, ehe ich ihn heute endlich beendet habe und ich bin froh, dass es mit Brilka weitergehen darf, dass sie nicht plötzlich auf offener Straße in den Revolutionswirren erstochen wird oder Ähnliches. Klar, man muss ja auch die Spannung aufrecht erhalten, aber ein wenig „normales Leben“ hätte dem Roman sicher nicht geschadet. Nur eine spießige Kleinfamilie mit Eltern, die normalen Berufen nachgehen, keine Filmstars oder KPD-Größen sind und deren Liebe nicht an sich selbst scheitert.

Es ist schade, dass der Roman nichts Leichtes an sich hat, dass die Figuren zu keinem Zeitpunkt ihr Leben genießen können, sondern immer am Abgrund stehen, immer kurz davor, irgendeinem Irrtum zum Opfer zu fallen. Trotzdem ist dieses Buch eine große Empfehlung, wenn man zwischendurch Lesepausen einlegt.

Nino Haratischwili

Das achte Leben (für Brilka)

Brilka

 

Betrunkene Bäume

Momentan werden die Neuerscheinungen wieder interessanter. Dieses Buch erzählt von Erichs Forschungen in Russland, wie er sich mit dem Land auseinandergesetzt hat und darüber älter wurde. Es erzählt auch von Katharina, die gerade ziemlich daneben ist. Die Protagonisten weisen schon auf eine Geschichte hin, die in dieser Form schon tausendmal erzählt wurde. Trotzdem hält sie besondere Elemente und eine schöne Sprachwahl bereit. Ada Dorian schreibt ein wenig hipsteresk, etwas oberflächlich und hingebogen, hat aber Potential für weitere Texte. Das Lesen der „Betrunkenen Bäume“ lohnt sich also.

Ada Dorian
Betrunkene Bäume
2017, 268 Seiten, Ullstein

Dorian

Die Farben der Insel

Karitas, die Protagonistin in „Die Eismalerin“ findet die Kraft, sich von den verstörenden Themen ihrer Vergangenheit zu lösen und sich ihrer Malerei zu widmen, an der sie schon lange arbeiten möchte. Man erlebt eine Künstlerin, die hin- und hergerissen zwischen einem „normalen“ Leben ist und der Konzentration auf ihre Arbeit, die in einen gefährlichen Egozentrismus mündet. Ein Roman mit einer großen Sprache.

Kristín Marja Baldursdóttir
Die Farben der Insel
2007, 558 Seiten, Fischer

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Die Eismalerin

Es gibt Texte, die zu bestimmten Lebensabschnitten gehören. Manche wichtigen Lebensabschnitte kommen einem nicht so recht in den Sinn, weil es viele andere Dinge zu tun gibt und so kann man die Tragweite verschiedener Begebenheiten des eigenen Lebens kaum fassen. Manchmal können Bücher helfen, diese Abschnitte zu vergegenwärtigen, sich hineinzuversetzen in andere Menschen und sich darüber mit sich selbst auseinanderzusetzen. Ich bin froh, die Texte der isländischen Schriftstellerin kennenzulernen, weil sich außer mit dem „Eyjafjallajökull“ und den Kampfrufen der Fußballfans kaum jemand mit dem Leben auf dieser nördlichen Insel beschäftigt und es medial kaum aufbereitet wird. Es ist ein Frauenroman, der von einer rauen Natur berichtet, von einer Liebe und der Chance zu einer Karriere.

Kristín Marja Baldursdóttir
Die Eismalerin
2006, 463 Seiten, Fischer

Baldursdóttir

Der englische Patient

Manchen Büchern kann man nicht so einfach gerecht werden. Ich frage mich, ob es an den ewigen Unterbrechungen lag, die dafür sorgten, dass das hochgelobte Buch nicht zündete und ich immer wieder Teile daraus vergessen habe. Manchmal hat man keine Zeit oder keinen Nerv zum Lesen und ein solcher Text kann dann verwirrend werden.

Trotzdem bietet das Buch viele gute Momente. Allein die Idee, vier Leute gegen Kriegsende zusammen zu bringen und sich erinnern zu lassen, ist eine gute Erzählstrategie. So erfährt der Leser, was die Krankenschwester Hana umtreibt, wie der Bombenentschärfer Sikh vorgeht und welche Werte der Dieb Caravaggio hat. Wie der Patient in seinem Bett vor sich hindämmert, ist es eine Atmosphäre des Wundenleckens. Sie hat etwas von Aufbruch und Hoffnung.

Michael Ondaatje
Der englische Patient
1992, 316 Seiten, Bertelsmann

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Lola Bensky

Wieder ein Buch von Lilly Brett und sicher eines der temporeicheren. Sie beschreibt ihr „Alter Ego“ Lola Bensky als junge Frau, die voll im Leben steht, von Melbourne quer durch die Welt reist und für ein Musikmagazin Stars interviewt. Bis hierher alles wunderbar, wären da nicht Lolas Übergewicht, ihre ewigen Selbstzweifel und die Geschichte ihrer Eltern, deren Erfahrungswelt noch immer vom zweiten Weltkrieg und der Verfolgung bestimmt wird.
Lilly Brett schreibt drauflos, ihre Orientierung ist ihre eigene Biografie, an der sie sich in fast jedem Buch entlangarbeitet. Klingt langweilig? Nein, ist es gar nicht. Man erhält viele lustige Anekdoten, die sich mit dem Ernst der Weltgeschichte vermischen.

 

Lilly Brett
Lola Bensky
2015, 303 Seiten, Suhrkamp

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Verlockung

„Der Himmel war blau, das Gras grün, die Hunde bellten, die Armen hungerten und alles war in bester Ordnung. Wer es ertragen konnte, ertrug es, wer nicht, der stürzte sich vom dritten Stock in den Hof. Der Reichtum wiegte sich in den feisten Hüften und die weißbehandschuhten Hände der Polizisten lagen griffbereit an der Pistolentasche. In der Stadt herrschten Ruhe und Ordnung. Das Ganze lief lautlos in seiner vorgeschriebenen Bahn wie ein fremder, ferner Stern, der den vulgären Gesetzen der Erde nicht unterworfen ist.“ (S. 965)

Kurz vor Weihnachten imponierte mir pünktlich zur Urlaubszeit das fast 1000 Seiten starke Werk von János Székely, der 1949 einen großen Gesellschaftsroman in Ungarn vorgelegt hat und in 2016 bei Diogenes eine Neuauflage bekam.

„Mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge, in Schweiß gebadet, wartete ich auf das Wunder, gleichzeitig aber summten die ersten Zeilen eines neuen Gedichts in mir, denn Gedichte und Wunder werden ohne Hebamme und desodorierende Mittel geboren, in Blut und Schmutz und einsamen Wehen, wie ein Bastard auf dem Dorf.“ (S. 633 f.)

Béla, ein unehelich geborener Junge zur Zeit der letzten Jahrhundertwende, wächst in einer heimähnlichen Institution auf – ohne Schuhe und Vater, von weither sendet die Mutter in den ersten Lebensjahren etwas Geld bis er endlich selbst nach Budapest zu ihr zieht. Er glaubt, dass er als Hotelboy eine große Karriere haben wird und so gerät er direkt in das Dilemma von Armut und Reichtum, von Menschen, die sich zu tausenden vor Hunger in die Donau stürzen und denen, die nicht wissen wohin mit ihrem Geld.

Die Geschichte über die Ärmsten der Armen kann man sich denken. Interessant ist der Stil, in dem Székely schreibt. Er schildert alles aus der Sicht eines Jugendlichen und so kann man trotz der ganzen Misere immer wieder lächeln.

János Székely
Verlockung
2016, 985 Seiten, Diogenes

szekely

Die Sehnsucht der Schwalbe

Wenn es langsam Herbst wird, dann ist Rafik Schami immer eine gute Wahl. Wenn der Regen fällt, die Winde toben und die Helligkeit verschwindet, dann freut man sich, wenn man sich in ein Damaskus zurückträumen kann, das es heute nicht mehr gibt, wenn man Familienbande kennenlernt und das Fernweh der anderen. Schami schreibt wie immer eine große Geschichte aus vielen kleineren und akzeptiert damit größere Lesepausen, sodass auch der wieder Anschluss findet, der so oft viel Sinnloseres zu tun hat.

 

Rafik Schami
Die Sehnsucht der Schwalbe
2000, 334 Seiten, dtv

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Roman eines Schicksallosen

„Und ich dachte: Nun, sieh an, das hätte ich auch nicht geglaubt, dass es so etwas gibt. Aber ich konnte noch so achtgeben, auch bei ihnen war (…) nur von Freiheit die Rede und keine Andeutung, kein Wort von der noch ausstehenden Suppe. Auch ich war, natürlich, äußerst erfreut, dass wir frei waren, aber ich konnte halt nichts dafür (…) – man sei im Begriff, sich an die Zubereitung einer kräftigen Gulaschsuppe zu machen: Da erst sank ich erleichtert auf mein Kissen zurück, da erst löste sich langsam etwas in mir, da erst dachte auch ich – wohl zum ersten Mal ernstlicher – an die Freiheit.“ (S. 258 f.)

Der Autor schreibt aus seiner Erinnerung, schildert, wie er als Vierzehnjähriger ein Jahr lang mehrere Konzentrationslager von innen gesehen und fast gestorben wäre. Es ist eine naive Sichtweise, die sich Kertesz für seinen Roman bewahrt hat und die wichtige Tatsachen aufzeigt.

 

Imre Kertész
Roman eines Schicksallosen
2016, 287 Seiten, Rowohlt

Kertesz

Herztier

„Er war aus Terezas Büro, der eines Tages nie wieder zur Arbeit kam. Unter den Krähennestern schlug er mir vor, mit ihm durch die Donau zu flüchten. Er setzte auf Nebel. Andere setzten auf Wind, Nacht oder Sonne. So ist das gleiche bei jedem anders, wie bei den Lieblingsfarben, sagte ich.“ (S. 171)

Herta Müller ist nicht einfach: Ein Buch, das von „Blutsäufern“, von „Männern, die Friedhöfe machen“ und von Haaren handelt, die im Briefumschlag liegen, von gefährlichen Nüssen unterm Arm und einer Zeit, die in unseren Medien nie erwähnt wird. Sie wächst auf in Rumänien unter Ceaușescu und schildert bisweilen sicher autobiografisch, was ihr in einer kleinen Gruppe des Widerstands passierte.

Lest das oder ein anderes, aber irgendwann solltet Ihr Euch mit ihren Texten beschäftigen. Das müsst Ihr uns versprechen!

Herta Müller
Herztier
2009, 253 Seiten, Fischer

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Der Honig

Passend zur eigenen neuen Schreiberei und zum Ramadan habe ich dieses Buch auf dem Bücherflohmarkt gefunden, das ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt habe. Inhaltlich soll es um einen weiblichen Muezzin gehen. Ruhiyas Auftritt kommt, als ihr Vater das Gebet aus Krankheitsgründen nicht ausrufen kann. Zeitgleich geht Ruhiyas Geliebter in Jerusalem als Selbstmordattentäter auf die Straße. Was etwas plakativ daherkommt, überzeugt durch die gute Erzählweise. Hier ein Ausschnitt:

„Ich lauschte ihren Geschichten, prägte sie mir genau ein, erzählte sie mir nachts Wort für Wort wieder. Die Alten behaupten sogar, in manchen Sommernächten steige die Flut im reglosen, stillen Mittelmeer und bringe neue Gaben; Sie lege sie in die am Strand ausgeworfenen Netze und erfülle die Fischer mit Stolz. Das war ihr Geheimnis.“ (S. 83).

Zeina B Ghandour
Der Honig
2004, 117 Seiten, dtv

Ghandour

Die Spieluhr

„Doch scheint mir, dass wir allzuleicht Beute eines raffinierten Trugspiels werden, indem nämlich der Zufall nichts anderes ist als die Bestimmung , die im falschen Kleide auftritt.“ (S. 149). So geht es uns oft und lange bin ich um dieses Buch herumgeschlichen, weil ich Tukur als Schauspieler kenne. Er spielt wahrscheinlich immer den, der er selbst ist und passt damit ins öffentlich-rechtliche Schema: Er bekommt eloquente, erwachsene Rollen, in denen er einen kultivierten Eindruck macht und daher habe ich mich gefragt, was wohl im Buch stehen sollte. Gestern hatte ich es zufällig antiquarisch (mal wieder in Göttingen) erworben und – JACKPOT! Das Buch ist gut. Es ist nicht langweilig und es wirkt nicht wie Ulrich Tukur. Es erinnert an Lovecraft, Wells und an alle unsere großen Fantasyhelden des 19. Jahrhunderts.

Ulrich Tukur
Die Spieluhr
2014, 151 Seiten, List

Tukur

Tabu

Dieses Buch habe ich in zwei Teilen wahrgenommen. Einerseits ist da die Geschichte von Sebastian. Es berührt die nüchterne Art und die Leichtigkeit, wie ihn von Schirach beschreibt. Als typsicher Spross einer Adelsfamilie hat er nicht viel zu lachen, denn seine Angehörigen widmen sich anderen, scheinbar wichtigeren Dingen. Sebastian ist still, hat Talente, die kaum wahrgenommen werden und ist wie der Autor Synästhetiker, sieht also im Alltag Farben, wo keine sind. Dieser erste Teil überzeugt durch die einfühlsame Bestandsaufnahme der Erfahrungen in einem nüchternen Sprachstil, der sich schnell durchliest.
Andererseits kommt die Person des Autors in ihrer Eigenschaft als Strafverteidiger zum Tragen, der in typischer Manier ermittelt, toll argumentiert, sich aber als Figur nicht konsequent verhält. Er entwickelt Sympathien an ungewöhnlichen Stellen, ermittelt dort, wo ihm eigentlich alles egal sein sollte und man hat das Gefühl, dass Schirach fertig werden wollte. Dieser zweite Teil ist der schwächere, glänzt aber mit dem Fachwissen in Sachen Justiz.
Für mich war dieses Buch das Geschenk einer lieben Freundin und eine Anregung auf ganzer Linie, denn es werden viele Künstler, Techniken und Neuigkeiten erwähnt, die ich vorher nicht kannte. Dankeschön!

Ferdinand von Schirach
Tabu
2015, 254 Seiten, Piper

Schirach

Der Geruch der Erinnerung

Der Autorenname klingt zwar nicht gerade seriös, aber als Mängelexemplar war es durchaus ein Schnäppchen, das sich lohnte. Das Buch soll biografisch sein und schildert das Leben einer jungen Frau, die sich gegen ihr fast beendetes Kunststudium entscheidet und Köchin werden möchte. Bei einem Autounfall verliert sie jedoch ihren Geruchssinn und muss sich neu orientieren.

Im Buch führt die Autorin viele Studien zum Thema Geruch und soziale Wirkung an. Das ist interessant. Leider gelingt ihr die Kombination mit der eigenen Geschichte nicht immer. Dabei wirkt auch die Neuausrichtung ihrer Perspektive oft plakativ und ausgedacht – sie kann z. B. sofort ohne Ausbildung eine journalistische Tätigkeit für rennomierte Magazine aufnehmen und somit ihr Schicksal meistern. Trotzdem ist das Buch aufmunternd und spannend für die, die eine Krankheitsphase überstehen oder sich für den olfaktorischen Sinn begeistern.

 

Molly Birnbaum
Der Geruch der Erinnerung
2013, 352 Seiten, btb

Birnbaum

Wir sind doch Schwestern

Wenn man nicht so richtig weiß, wer ein Buch geschrieben hat, dann ist man eine Tabula rasa und konzentriert sich auf den Inhalt. Gut so! „Spiegel-Bestseller“ sind doch nicht immer nur Cliquenwirtschaft, oder?

Naja, gut dass ich die Hintergründe des Bestsellers vorher noch nicht kannte, denn es ist in Ordnung. Man erhält das, was das Cover suggeriert und ist selbst schuld, wenn man mehr verlangt. Weil ich selbst zwei Schwestern habe, habe ich mich zum Kauf entschieden. Etwas dröge ist es an einigen Stellen schon, hat aber auch viel Schönes zu bieten. Letztendlich wird natürlich das Klischee bestätigt, das man vom gemeinen „Spiegel-Bestseller“ hat. Die Autorin moderiert ja schließlich das ARD-Morgenmagazin und ist die Ehefrau von Frank Plasberg. Insgeheim denkt man sich da doch eine große Gruppe, in der sich gegenseitig die Möglichkeiten zugeschoben werden. Da geht es dann nicht mehr um den Anspruch oder um die Eignung einer Person, oder?

Anne Gesthuysen
Wir sind doch Schwestern
2016, 406 Seiten, Piper

Gesthuysen

Eine wiener Romanze

Michael Rost kommt im Alter von achtzehn Jahren völlig mittellos nach Wien und begegnet durch Zufall einem reichen Gönner, der ihn unterstützen möchte. Rost nimmt an und beginnt, sein Leben in vollen Zügen zu genießen. Dazu gehört das Verschleudern des Geldes ebenso wie die Beziehung zu Gertrud und ihrer Tochter Erna.

Natürlich, es ist nicht schlecht und hat gute Momente. Der Charme der Stadt und einer längst vergangenen Zeit lesen sich hier so nebenher. Gerade das Nachdenken über Jugend und Alter und natürlich, wie man mit beidem umgeht, ist ziemlich ansprechend. Problematisch wie so oft sind aber die Geschlechterrollen. Der junge Mann weiß genau, wie er sich in der Großstadt benehmen soll. Sämtliche Frauen des Romans stehen aber wie fast immer auf der Leitung, zeigen sich hilflos – vielleicht liegt es am bejahrten Text, denn das Buch ist hundert Jahre alt und wurde erst jetzt veröffentlicht.

David Vogel
Eine wiener Romanze
2015, 316 Seiten, Aufbau

Vogel

Krieg der Sänger

Was passierte wirklich auf der Wartburg? Martin Luther erhält vom Teufel persönlich den Bericht über den Sängerkrieg auf der Wartburg im Jahre 1206. Es geht um sechs Sänger, um ein Komplott und um eine Challenge auf Leben und Tod. Ein gut gemachter Historienroman, der nicht zu detailverliebt daherkommt und sich auf das Wesentliche konzentriert. Unbedingt lesen!

 

Robert Löhr
Der Krieg der Sänger
2012, 317 Seiten, Piper

Löhr

Der Fänger im Roggen

Es ist ein sagenumwobenes Buch voll von Gesellschaftskritik und Eigensinn. Mit völlig anderen Erwartungen bin ich an das Buch herangetreten, wurde aber nicht enttäuscht. Eigentlich ist es ein Jugendbuch, das aus der Sicht des sechzehnjährigen Holden Caulfield geschrieben wurde.
Holden ist ein begabter junger Mann. Er analysiert fleißig seine Umgebung und kommt immer zu dem Schluss, dass die Menschen allesamt entweder verlogen oder völlig affektiert sind. Er selbst zeigt sich distanziert, hat scheinbar kein Interesse an vielen Dingen, die die Menschen seines Alters beschäftigen sollten und so fällt er in seiner Schule in mehreren Fächern durch.

Wahrscheinlich ist es ein Buch zum Erwachsenwerden, aber auch eines für diejenigen, die über viele Meinungen oft müde lächeln können.

J. D. Salinger
Der Fänger im Roggen
1945, 270 Seiten, Rororo

Salinger

Das Haus der vergessenen Bücher

Etwas seicht kommt dieser Roman angeplätschert, typisch für die heutige Zeit. Die heutige Zeit? Nein, diese vermeintliche Vintage-Ausgabe ist ein Original von 1919 und das macht die Sache schon spannender. Mr. Mifflin ist nicht nur als Buchhändler der Protagonist der Geschichte, sondern er zeigt uns sein beschauliches Leben in Brooklyn kurz nach dem ersten Weltkrieg. So trifft er eine Buchauswahl, die die damaligen Geschehnisse reflektiert. Das Buch liefert uns viele sekundäre Literaturtipps.

Christopher Morley
Das Haus der vergessenen Bücher
1919, 254 Seiten, Atlantik

Morley

Das Geheimnis des Kalligraphen

EinHausohneBuch

Es ist wie immer eine zauberhafte Geschichte, die Schami uns vorlegt. Wie immer ist sie reich ausgeschmückt und enthält viele andere Geschichten, die anekdotenhaft das Leben im Damaskus der Fünfziger zeigen. Zu lesen ist aber vor allem, dass die schlimmen Berichte, von denen wir heute in den Medien hören, nicht immer an der Tagesordnung waren und dass Syrien mit seiner Kultur viel mehr zu bieten hat als das Grauen, das wir täglich sehen. Schami geht z. B. auf die hohe Kunst der Kalligraphie ein, auf die acht verschiedenen Schriftstile und auf verschiedene Reformideen. In der dtv-Ausgabe bietet er am Ende der Geschichte noch eine Einführung in die arabische Schrift, die farbig bebildert ist.

Rafik Schami
Das Geheimnis des Kalligraphen
2015, 549 Seiten, dtv

Schami4

Rebecca

Genau das Richtige für kalte Winterabende und zur Ablenkung nach einer Weisheitszahn-OP. Wir lesen über viele Seiten wieder Bausteine, die wir schon kennen: Ein armes Mädchen lernt einen reichen Mann kennen und muss sich in seiner Welt zurecht finden. Die erste Frau Rebecca ist allgegenwärtig und lässt sich nicht vertreiben.
Aber nicht dafür, was man schreibt, sondern wie man das macht wurde die Autorin in den Adelsstand erhoben. Uns „schwante“ noch was: Der Ort Manderley ist uns von Robbie Williams´ Gassenhauer bekannt. Inhaltlich gibt es große Parallelen, aber es macht Sinn, den Liedtext erst nach der Lektüre des Buches näher zu studieren. Ein Klassiker, der in 16 Sprachen übersetzt wurde, nach dem man einen psychischen Zustand benannt hat und den Hitchcock verfilmte. Rebecca!

Daphne du Maurier
Rebecca
1938, 587 Seiten, hier als Brigitte-Ausgabe

DuMaurier

Der blaue Engel / Professor Unrat

Heinrich Mann hat mit seinem Prof. Raat einen Charakter geschaffen, wie man ihn als Lehrer nur allzu gut kennt. Nie wirklich der Schule entkommen, hat Raat seine eigene Person als Lehrmeister und Schaffender kennen gelernt, nicht aber als Privatmensch. Man hat das Gefühl, dass dieser Mann nicht erwachsen werden konnte und hetzt seit Generationen hinter Schülern her, die seinen Namen als „Prof. Unrat“ verulken.
Die Tänzerin Rosa Fröhlich (im Film ist sie die „fesche Lola“, gespielt von Marlene Dietrich) bringt frischen Wind in sein Leben und zeigt ihm, dass es nicht immer Sinn macht, sich tugendhaft zu verhalten. Anbei die Lola mit ihrem Pianola: https://www.youtube.com/watch?v=yMbglXvNQGE

Heinrich Mann
Der blaue Engel / Professor Unrat
1951, 156 Seiten, rororo

Mann

Dorfpunks

Eine Jugend in der Norddeutschen Provinz. Anfang der 80er Jahre. Punkrock, Langeweile, Pubertät, Dorfjugend. Und dazwischen Rocko Schamoni, der uns in diesem Buch an seiner Jugendzeit teilnehmen lässt. Und das so übertrieben gut und anschaulich, dass man an der einen oder anderen Stelle ruhig an der Wahrheitstreue zweifeln darf. Sollte man aber nicht, sondern sich einfach leiten lassen von dieser rasanten Erzählung, die einfach…grandios ist. Lesen!

Rocko Schamoni
Dorfpunks
2004, 204 Seiten, Rowohlt-Verlag

Schamoni

Das Buch der Laster

In 29 kurzen Kapiteln lässt der Erzähler uns hier an seinen Klüngeln mit der modernen Zeit teilhaben. Ob die Muße des Stadtspaziergangs durch die anmaßende Zielgerichtetheit des Joggers zerstört wird oder das Unterhemd unter dem Hemd allmählich vom T-Shirt ersetzt wird (Modesünde?!), immer wird auf höchst amüsante Weise die Fahrlässigkeit des modernen Lebens auseinandergenommen. Schön ist, dass das nicht lehrmeisternd geschieht, sondern sich in kleinen lustigen Episoden über die Freunde und Bekannten des Erzählers anschaulich fast wie von selbst ergibt. Ein nettes kleines Buch für einen verregneten Nachmittag. Kleiner Tipp für die Atmosphäre: Element of Crime im Hintergrund laufen lassen.

Adam Soboczynski
Das Buch der Laster
2012, 202 Seiten, Aufbau-Verlag

Soboczynski

Halloweentipp: Lord Byrons Schatten

Hier kommt unser Tipp für Halloween: Eine ganz schräge Nummer und sicher ist es die absurdeste Geschichte, die wir je gelesen haben. Es liest sich wie ein klassischer Schauerroman und wirklich kommen am Genfer See berühmte Schriftsteller zusammen, um Schauergeschichten zu sammeln. Bis hierher ist es ein sehr gut geeignetes Halloweenbuch. Was danach kommt, muss jeder selbst herausfinden, sich gruseln, ekeln und am Ende schrecklich lachen!

Frederico Andahazi
Lord Byrons Schatten
2001, 190 Seiten, Rowohlt

Andahazi

Vienna

Verbunden mit der Geschichte eines Buches ist oft die Situation, in der man es kauft. So kommt es darauf an, ob es schnöde per Amazon geliefert wird oder ob der Postbote freundlich oder völlig genervt ist von seinem Aufstieg der Treppenstufen. Manchmal erwirbt man beim großen Buchhandelskonzern eines aus einer riesigen, aber in jeder Stadt gleichen Auswahl oder man ist in Göttingen. Es ist dort möglich, für wenig Geld einen großen Schwung Bücher aus einem kleinen Antiquariat zu erwerben, unter anderem mit kurzweiligen Familienromanen wie diesem, aber auch mit wahrhaften Perlen der Weltliteratur. Noch wichtiger als die Ersparnis sind aber die vielen Titel, die man noch nicht kennt von scheinbar längst vergessenen Autoren, die für die 2-geschossige Prachtbuchhandlung mit eigenem Café wahrscheinlich nicht mehr schick genug sind.

Mit dem Erwerb des Buches hängt aber auch die Erfahrung zusammen, dass wir im Vergleich zum letzten Besuch in Göttingen vor etwa 4 Monaten bereits viele leere Geschäfte mehr gesehen haben und das ist unsere Lehre/Leere. Wo auch immer Ihr seid, vergesst nicht Eure kleinen Nebenstraßen!

Eva Menasse
Vienna
2007, 428 Seiten, btb

Menasse

Rot ist mein Name

„So sagte ich zu mir, als im selben Augenblick der eisbedeckte Fensterladen aufsprang und ich in dem sonnenglänzenden Fensterrahmen meine schöne Geliebte sah, ihr schönes Antlitz, nach nunmehr zwölf Jahren, dort zwischen den schneebedeckten Zweigen. Schauten ihre schwarzen Augen mich an oder blickten sie in ein anderes Leben jenseits von mir?“ (S. 53).

Dieses Buch ruft sehr gemischte Gefühle hervor. Zuerst ist es, als befinde man sich in einer Geschichte aus „Tausend und einer Nacht“. Alles ist wunderbar geschrieben und der Aufbau ist ebenso beeindruckend. Personen, Pferde oder Farben schildern jeweils ihre eigene Geschichte. Sogar der Teufel kommt zu Wort. Damit ist dieses Buch mehr als ein Krimi. Und trotzdem: Was am Anfang noch fremd und exotisch wirkt, ist am Ende eher abgeschmackt. Die Figur der attraktiven Şeküre etwa kommt uns zu Beginn noch wundervoll erstrebenswert vor, verhält sich aber im Verlauf der Geschichte unbeholfen und passiv. Der Charakter der Personen ist schnell zu einfach, wohingegen die Schilderungen der Details sehr besonders bleiben. Für den Lesenden ist dieses Buch aber ein großer Gewinn, weil er Einiges über die Kunsttraditionen des Osmanischen Reiches erfährt und einige Geschichten kennen lernt, die als Legenden bis heute erzählt werden.

Orhan Pamuk
Rot ist mein Name
2013, 556 Seiten, Fischer

Pamuk

Die Möwe

Noch ein Tschechow. Die Möwe soll als Komödie in vier Akten daherkommen. Was geboten wird, ist eine völlig übertriebene Zusammenfassung einzelner Elemente des Romans im 19. Jahrhundert. Es geht wieder um unerwiderte Liebe, um die Sehnsucht, ein anderes Leben zu führen und um das Chaos im eigenen Selbst. Entsprechend intensiv erleben wir das kurze Stück, über das wir mehrfach den Kopf schütteln können.

Anton Tschechow
Die Möwe
http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-mowe-3975/1

Tschechow2

Ein Duell / Ein Zweikampf

Lajewskij ist ein Lebemann – Wein, Weib und Gesang sind seine Stärken, die in dem kleinen Küstenort nicht jeder nachvollziehen kann. Klar, dass Konflikte nicht lange auf sich warten lassen. Der Titel sagt uns bereits, worauf das Ganze hinausläuft und wir bangen gespannt dem Ende entgegen. Ein Sittenstück? Bestimmt.

Anton Tschechow
Ein Duell / Ein Zweikampf
http://gutenberg.spiegel.de/buch/ein-zweikampf-7080/1

Tschechow

Ein Abend bei Claire

„Die lila Tapetenbordüre hatte sich zu einer Wellenlinie verzogen, gleichsam zum kartographischen Zeichen für den Weg, den ein Fisch in einem unbekannten Meer zurücklegt; und durch die zuckenden Gardinen am offenen Fenster drängte zu mir andauernd, doch erfolglos, eine ferne Luftströmung, ebenso lichtblau gefärbt und durchsetzt mit einer langen Galerie von Erinnerungen, die so gewöhnlich wie Regen herabfielen und ebenso unaufhaltsam …“ (S. 17)

Wie kann man dieses Buch beschreiben? Es gibt Bücher, die in ihrer Wortwahl und Darstellung so besonders sind, dass man ihnen als Empfehlung nicht gerecht werden kann. Dieses Buch ist eine wahre Bereicherung! Unbedingt lesen!

Gaito Gasdanow
Ein Abend bei Claire
2015, 189 Seiten, dtv

Gasdanow

Der Jahrhundertsturm

Richard Dübell beschreibt das längste Jahrhundert der Geschichte als Zeit, in der es einerseits viele Neuigkeiten gab, z. B. die Eisenbahn oder der Telegraph und die deutliche Wegweiser der Moderne sind. Andererseits lernen wir die Hybris der Menschen kennen, die in dieser Zeit mit großem Interesse Kriege führten.

Der Autor schildert auf über 1000 Seiten die Geschichte von Alvin, Paul und Louise, die sich mit den Gegebenheiten ihres Jahrhunderts arrangieren müssen. Die Geschichte bleibt vorhersehbar, aber Dübell versteht es, geschichtliche Tatsachen mit fiktiven und unterhaltsamen Details zu verknüpfen. Wer sich also für das Lebensgefühl des 19. Jahrhunderts interessiert oder einfach Fan historischer Romane ist, der ist mit diesem Werk gut beraten.

 

Richard Dübell
Der Jahrhundertsturm
2015, 1047 Seiten, Ullstein

Dübell

Die Stimmen von Marrakesch

Es ist erschreckend, wie genau Elias Canetti die Stimmen in Marrakesch zu Wort kommen lässt. Wir lernen Personen in schlimmsten Verhältnissen kennen und versuchen, uns in den Autor hineinzuversetzen. Zu oft gelingt es nicht, trotzdem ist es ein lesenswertes Buch.

Elias Canetti
Die Stimmen von Marrakesch
2004, 110 Seiten, Süddeutsche Zeitung Bibliothek

Canetti

Der Tastenficker. An was ich mich so erinnern kann

„Niemand, ich betone, niemand würde dieses Buch in die Hand nehmen, wenn ich nicht zufällig in dieser Band spielen würde.“

Das schreibt Flake, eigentlich Christian Lorenz, in seiner Autobiographie, und er hat recht. Aber dann ist es für ihn und für die Leser ein großes Glück, dass er in dieser Band, Rammstein, hinter dem Keyboard steht. So erleben wir eine etwas kindlich-naiv erzählte Lebensgeschichte, zeitlich und thematisch hin- und herspringend, so wie der nette Nachbar einem am Gartenzaun das Tagesgeschehen erklären würde. Nur, dass dieses Tagesgeschehen sich als sehr unterhaltsame Story entpuppt, die den Bogen von einer Kindheit in der DDR über eigene Ängste und Ticks bis hin zur Erkundung der Welt mithilfe der Musik und Alkohol schlägt, und hierbei nie langweilig wird. Allein für dieses Buch und damit die Möglichkeit, anderen Menschen das Leben aus der eigenen Perspektive zu zeigen, lohnte doch, zumindest für den geneigten Leser, das Musizieren in besagter „Band“.

Flake
Der Tastenficker
An was ich mich so erinnern kann
2015, 390 Seiten, Schwarzkopf & Schwarzkopf

Flake

Alabama Song

„Aber so läuft das nicht. Schreiben heißt, unverzüglich zum Kern der Sache zu kommen, es ist die Hölle hautnah, ein ständiges Brutzeln im Feuer und zuweilen sind da Freuden von Entladungen von tausend Volt.“ (S. 117).

Gilles Leroy schreibt aus der Perspektive von Zelda Fitzgerald. Er nennt seinen Roman fiktiv, aber wir ahnen, dass die Realitäten verschwimmen und dass das Traumpaar von einst eine Fassade aufrecht erhalten hat. Wir lesen diffuse Zeitsprünge, aber verstehen, was die junge Frau zutiefst verunsichert. Zurecht bekam Leroy den Prix Goncourt für dieses Buch.

„Es ist schwierig, unserer Umgebung verständlich zu machen, dass für den Schriftsteller alles Futter ist und dass der größte Teil des schriftstellerischen Metiers aus Interpretation und Umsetzung besteht – mit Sicherheit nicht aus Respekt!“ (S. 219).

Gilles Leroy
Alabama Song
2009, 236 Seiten, Heyne

Leroy

Hypatia

Der junge Schreiber Thonis erhält um 400 n. Chr. die Möglichkeit, bei einer Philosophin in die Lehre zu gehen. Zuerst scheint sich für ihn in Alexandria eine neue Perspektive zu eröffnen, doch die Unruhen zwischen den Menschen und ihren Religionen nehmen kein Ende.

Ein klassisches Jugendbuch, das Zitelmann mit sehr fundierten Informationen gestaltet. Schade, dass diese Qualität heute nur noch selten existiert.

Arnulf Zitelmann
Hypatia
1989, 277 Seiten, Beltz und Gelberg

Zitelmann

Die Dreigroschenoper

Denn der Haifisch, der hat Zähne … Eine komische Truppe lernen wir bei Bertolt Brecht kennen. Ob Spelunken-Jenny oder Mackie Messer – wir wissen, worauf der Autor hinauswollte und er hat geschafft, uns eine Welt zu zeigen, der wir uns kaum mehr entziehen können.

Beeindruckend ist, wie leicht der Text formuliert wurde und wie einem z. B. bei der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“ das Lachen im Halse stecken bleiben kann. Ein zeitloses Stück (Erstaufführung 1928), von dem wir heute vieles lernen können.

Bertolt Brechts
Dreigroschenbuch – Erster Band
Dreigroschenoper
1973, 334 Seiten, Suhrkamp

Bilder und Audiodateien

Brecht

Als wir unsterblich waren

Naja, ein bisschen holprig ist es schon, wenn Charlotte Roth die beiden Perspektiven von Paula und Alex zeigt, deren Geschichten jeweils in Berlin vor dem ersten Weltkrieg und nach dem Fall der Mauer beginnen.

Manche Bücher lesen sich dann wie ein klassischer Bausatz: Eine junge Frau kommt aus einfachen Verhältnissen und hat ein unbedingtes Bedürfnis nach Bildung. Ihr Vater fördert es und zur Bestätigung werden immer neue Bücher angeschafft. Sie verliebt sich in einen jungen Mann aus besseren Verhältnissen, der für seine Eltern ein totaler Reinfall ist, obwohl er sich neben seinem Studium für die noch junge SPD einsetzt.

Wie viele Bücher haben wir zu diesem Thema schon gelesen? Sommerferien am Wannsee, Arbeiteraufstände und heimliche Liebe. Fortgesetzt wird das Ganze mit der Wendezeit. Fazit: Ein Buch, das sich flott liest, aber sicher keine Innovation darstellt!

Charlotte Roth
Als wir unsterblich waren
2014, 573 Seiten, Knaur

Roth

Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

China zur Zeit der Kulturrevolution Maos: Zwei Freunde, Stadtkinder und Söhne von Ärzten, werden in ein entlegenes Bergdorf geschickt, um durch Schwerstarbeit zu guten Staatsbürgern umerzogen zu werden. Trotz des Kulturschocks schaffen sie es mit ihrer Gewitztheit, zu überleben und aus der Situation etwas Gutes zu machen. Sie werden zu  offiziellen Dorfgeschichtenerzählern, Alleinunterhaltern auf der Wai-O-Lin und schaffen es, die titelgebende Schneiderstochter  aus dem Nachbardorf mithilfe verbotener europäischer Literatur für sich zu gewinnen…

Vom unmittelbaren Anfang bis zum überraschenden Ende packt diese Geschichte den Leser. Die ruhige, blumige und hintergründig-ironische Schreibweise steht einerseits im Gegensatz zum harten Alltag der beiden Protagonisten, andererseits macht gerade das die Faszination dieses Buches aus. Wer sich darauf einlassen kann, wird mit einer schönen Geschichte belohnt.

Dai Sijie
Balzac und die kleine chinesische Schneiderin
2004, 200 Seiten, Piper

Sijie