Der Geruch der Erinnerung

Der Autorenname klingt zwar nicht gerade seriös, aber als Mängelexemplar war es durchaus ein Schnäppchen, das sich lohnte. Das Buch soll biografisch sein und schildert das Leben einer jungen Frau, die sich gegen ihr fast beendetes Kunststudium entscheidet und Köchin werden möchte. Bei einem Autounfall verliert sie jedoch ihren Geruchssinn und muss sich neu orientieren.

Im Buch führt die Autorin viele Studien zum Thema Geruch und soziale Wirkung an. Das ist interessant. Leider gelingt ihr die Kombination mit der eigenen Geschichte nicht immer. Dabei wirkt auch die Neuausrichtung ihrer Perspektive oft plakativ und ausgedacht – sie kann z. B. sofort ohne Ausbildung eine journalistische Tätigkeit für rennomierte Magazine aufnehmen und somit ihr Schicksal meistern. Trotzdem ist das Buch aufmunternd und spannend für die, die eine Krankheitsphase überstehen oder sich für den olfaktorischen Sinn begeistern.

 

Molly Birnbaum
Der Geruch der Erinnerung
2013, 352 Seiten, btb

Birnbaum

Autorität

Nach viel U-Literatur mal wieder etwas seriöses: Ein interessantes Essay von 1980 über die Enstehung und Wirkung von Autorität. Über den Zwiespalt, jemanden oder etwas zu bewundern, ihm zu folgen und gleichzeitig zu verachten, über persönliche und unpersönliche Beziehungen, bewusste und unbewusste Machtausübung und -Unterwerfung, über Paternalismus, Patriarchat und die sogenannte Autonomie (als unpersönliche Art, jemanden zu beeinflussen). Anhand verschiedener Beispiele wird hier anschaulich aufgeführt, was jeden von uns dazu bewegt, diesen Zwiespalt unbewusst und -reflektiert zu leben.
Schön ist, dass die Autorität hier nicht als etwas Unnatürliches und Böses behandelt wird, sondern als urmenschliches Streben nach Führung und Anerkennung bei gleichzeitigem Streben nach Freiheit und Eigenständigkeit.
Empfehlenswert.

Richard Sennett
Autorität
2008, 255 Seiten, Berliner Taschenbuch Verlag

Sennett

Ostende 1936, Sommer der Freundschaft

Es ist ein wichtiges Buch. Es liefert uns Informationen über die Kontakte zwischen ausgewanderten deutschen Schriftstellern zur Zeit des zweiten Weltkrieges. Schon einmal war Stefan Zweig in Ostende. Damals begann der erste Weltkrieg. Jetzt beginnt der zweite.

„Im Tagebuch weinen, auf Postkarten jubeln und mühsam versuchen, Neid zu erregen. Aufrecht gehen. Keine Schwäche zeigen. Nicht den Gegnern, nicht den Freunden.“ (S. 129). Auf 157 Seiten wird uns vom Alltag einiger Schriftsteller berichtet, die bisweilen auch zitiert werden. Mhm. Ungünstig ist sicher immer, wenn die Zitate spannender sind als der restliche Text im „Spiegelbestseller“ des „Spiegel“-Reporters Volker Weidermann. In diesem Buch gibt es so viele Ansätze, wie man die Figuren lebendig werden lassen könnte. Wo ist die Leidenschaft für seinen Text? Warum fühlen wir beim Lesen nicht mit, wie Stefan Zweig sich um Joseph Roth sorgt? Stattdessen Jahreszahlen, historische Überlieferungen. Schade. Aber wir bekommen Informationen – das Leben darin muss sich jeder selbst ausmalen.

Volker Weidermann
Ostende 1936, Sommer der Freundschaft
2015, 157 Seiten, btb

Weidermann

Kraftwerk

Wieder ein Buch über die jüngere Musikgeschichte, dieses Mal sogar „unautorisiert“. Klingt mutig, investigativ und spannend oder wirkt wenigstens verkaufsfördernd. Der Leser erfährt viel von der Band über die einzelnen Alben und ihre Auswirkungen auf die Musikwelt und von Streitereien. Zu Wort kommen dabei berühmte Musiker der 70er und 80er, die von Kraftwerk inspiriert wurden, sowie Ex-Mitglieder der Band. Wer mit ihnen groß geworden ist, wird sich über das Buch und die vielen Querverweise auf andere Bands und gesellschaftliche Umstände freuen. Wer nicht in dieser Zeit aufgewachsen ist, wird Kraftwerk eher als etwas in die Jahre gekommene Band kennenlernen, die früher bahnbrechend war, sich dann zerstritt und heute in Museen auftritt und deren Musik etwas angestaubt wirkt.

David Buckley
Kraftwerk
Die unautorisierte Biographie
2013, 399 Seiten, Metrolit

Buckley

Paula und Otto Modersohn

Oft kann man nicht sagen, was man von manchen Biografien halten soll. Am Namen der Autorin und der besprochenen Künstler erkennen wir bereits die verwandtschaftliche Nähe und doch beschreibt Bohlmann-Modersohn so leidenschaftslos das Leben der beiden Künstler, wie es bei Biografien leider viel zu oft vorkommt. Zu detailreich und aufzählend kommt es daher und eigentlich wollte man doch etwas von den Menschen dahinter erfahren.

Und nun? Stattdessen das Buch halbherzig zuende gelesen und einigen Groll gegen die jetzt ziemlich langweilig wirkenden Künstler gehegt, über die fast jeder Brief, jedes Zipperlein und jede noch so kurze Reise berichtet wurde. Schade.

Marina Bohlmann-Modersohn
Paula und Otto Modersohn
2007, 188 Seiten, Rowohlt

Modersohn

ELECTRI-CITY

Jeder kennt die Band Kraftwerk, auch OMD oder Visage hat man schon mal gehört. Für die (musikalisch zugegebenermaßen eher unbedarfte) Letternwald-Fraktion klingt das alles schon wie eine ferne Zeit, „die 80er“, oder noch schlimmer: die 70er.

Aber mit diesem Buch hat sich das grundlegend geändert: Rüdiger Esch lässt im vorliegenden Buch das Bild einer Zeit aufleben, in der alles möglich zu sein scheint. Düsseldorf, Ende der 60er: Kunst und Musik saugen den Duft der weltweiten Befreiungsbewegungen ein. Neue Bands entstehen, alte Formen der Musik werden abgelehnt, die Elektronik hält Einzug. Mitten in diesem Getümmel kristallisiert sich mit den Jahren eine neue Art von Musik heraus, die die Musikkultur der kommenden 40 Jahre vollkommen umkrempeln wird.

Das Schöne am Buch ist, dass die jeweiligen Bandmitglieder selbst die Geschichten erzählen. Das Ganze wurde vom Autor in kleine Erzählhäppchen aufgeteilt, die dann gemischt und chronologisch geordnet wieder aufbaut werden. Wenn man das Gefühl, dass jeder nur betont, wie gut er ja war und wie schlecht die anderen sind, loslässt, bekommt man nach und nach ein Gespür für die Kreativität, die in den Anfangsjahren der elektronischen Musik herrschte. Und vielleicht verspürt man auch den besagten Duft jener Zeit und das Kribbeln, selbst ein wenig auszuprobieren…

Rüdiger Esch
ELECTRI_CITY. Elektronische Musik aus Düsseldorf
2014, 459 Seiten, Suhrkamp Taschenbuch

Esch

Der Musikverführer

Gehört Ihr zu den Menschen, die bei diesem Lied im Auto nur ein Wort verstehen, dafür aber laut mitsingen? Dann könnte dieses Buch genau richtig für euch sein. Christoph Drösser bietet dem interessierten Musiklaien eine schöne Einführung in das Thema Musik. Wo kommt sie her, wie sieht sie aus, was macht sie mit uns? Woher kommen Ohrwürmer? War Mozart wirklich so schlau? Warum nimmt der Mensch Musik überhaupt so ernst? Dabei schreibt er immer leichtgängig und verständlich. Ich zum Beispiel habe zum ersten Mal das Prinzip der Tonleitern und Klaviertasten verstanden (Bei uns in der Schule wurde das nur sehr oberflächlich-kompliziert erklärt, und dann haben wir immer „Yesterday“ oder „Danke für diesen guten Morgen“ gesungen…). Einen größeren Teil des Buches nimmt die Frage ein, ob auch ein „unmusikalischer“ Laie gute Musik machen könne. Für die (offensichtliche) Auflösung: Buch besorgen! Lesen!

Christoph Drösser
Der Musikverführer
2011,315 Seiten, Rowohlt

Drösser

Warum Nationen scheitern

Nach langer Sachbuchpause war es im Letternwald mal wieder Zeit, sich ernsteren Themen zuzuwenden. Dieses Buch fiel uns im Lieblingsbuchladen auf und dann in die Hände, in der Hoffnung, dass sich die Lektüre lohnen würde. „Warum Nationen scheitern“, schon der engagierte Titel macht neugierig, zumal sich Wirtschafts-Nobelpreisträger im Klappentext mit Lob gegenseitig übertrumpfen. Also wurde es eingesteckt und sofort angefangen.

Los geht es mit der Beschreibung der Stadt Nogales, die in den USA und in Mexiko liegt und durch die Grenze zweigeteilt wird. Im nördlichen, U.S.-amerikanischen Teil floriert die Wirtschaft, während im mexikanischen Teil Armut herrscht. Von hier an spannt sich der Bogen über die Kolonisation Amerikas (Südamerika: versklavt, ausgeraubt -> arm, Nordamerika: von Mitbestimmung geprägt, entwickelt -> reich) über West- und Osteuropa nach der Pest von 1349 bis heute, Nord- und Südkorea, Afrika und andere Kontinente und Länder. Die Autoren stellen anhand historischer Abläufe eine Theorie auf, warum einige Länder reich und die anderen arm sind.

Dies liegt ihrer Meinung nach nicht an klimatischen, kulturellen, sozioökonomischen Unterschieden, etc., sondern einzig und allein daran, dass Länder, in denen die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen inklusiv sind, d. h. ein Großteil der Bevölkerung mitwirken kann, bessere Chancen haben, langfristig reich zu werden. Wo die Bedingungen extraktiv, d. h. ausschließend sind, stellen sich langfristig auch keine Erfolge ein.

Leider ist genau das die Quintessenz des Buches. Leider, weil es dafür nicht unbedingt 600 Seiten gebraucht hätte. Nach ca. 150 Seiten wiederholt sich die Argumentation mit den verschiedensten Beispielen, was zwar die These unterstützt, aber nicht unbedingt zum Weiterlesen anregt. Selbst das wäre zu verschmerzen, wenn nicht einige Grundfragen, zumindest für uns, unbeantwortet blieben: Warum wird ohne weitere Erklärungen davon ausgegangen, dass die An- oder Abwesenheit von Demokratie und Marktwirtschaft der alleinige Grund sind, dass Länder arm oder reich sein können? Warum wird nicht auf Alternativen eingegangen, z. B. das Bruttoglücksprodukt als Messmethode? Warum werden Entwicklungen mit verschiedenem Maß gemessen, z.B. die Unterdrückung der Ureinwohner Amerikas so kritisiert, während sie in Nordamerika mit keinem Wort erwähnt wird? Und was heißt nach ihrer Definition eigentlich inklusives Leben? Findet dies in den reichen Ländern statt?

Nichtsdestotrotz ist die Lektüre eine netter Einblick in die Forschung der beiden Autoren, auch die Sichtweisen sind interessant. Wir hätten uns aufgrund des Titels und der Lorbeeren auf der Rückseite einfach etwas mehr erwartet.

Daron Acemoglu, James A. Robinson
Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut
2013, 608 Seiten, S. Fischer

Acemoglu

Globus Dei. Vom Nordpol bis Patagonien

Wer Helge Schneider mag, wird Globus Dei lieben! Dieses Buch ist eines der wenigen, die die Letternwäldler gemeinsam gelesen haben und bei dem der Spaß nie zu kurz kommt. In gewohnter Helge-Manier wird hier Skurriles am laufenden Band geboten. So stört es auch nicht, wenn sich der Autor an manchen Stellen total verheddert und einfach ganz den Faden verliert. Nicht zu verachten sind vor allem die „realitätsgetreuen“ Fotos seiner Reise.

Helge Schneider
Globus Dei. Vom Nordpol bis Patagonien. Ein Expeditionsroman
2005, 125 Seiten, Kiepenheuer & Witsch

Schneider

Spiele der Frauen. Künstlerinnen im Surrealismus

Oft suggerieren Anekdoten über die Künstlerbohème des frühen 20. Jahrhunderts eine Freiheit, wie sie angeblich in der heutigen Zeit nicht mehr besteht. Hille vermerkt neben den vielen Illustrationen sehr deutlich, dass der Zirkel der Surrealisten zunächst keinen Zugang für weibliche Mitglieder ermöglichte, wenn diese keine expliziten Partnerinnen der jeweiligen männlichen Künstler waren. Das Buch ist sehr empfehlenswert, denn wir lernen erstmals auch Künstlerinnen in einem großen Bildband kennen.

Karoline Hille
Spiele der Frauen. Künstlerinnen im Surrealismus
2009, 192 Seiten, Belser

Hille

Briefe aus dem Gefängnis

„In solchen Augenblicken denke ich an Sie und möchte Ihnen so gern diesen Zauberschlüssel mitteilen, um immer und in allen Lagen das Schöne und Freudige des Lebens wahrzunehmen, damit Sie auch im Rausch leben und wie über eine bunte Wiese gehen. Ich denke ja nicht daran, Sie mit Asketentum, mit eingebildeten Freuden abzuspeisen. Ich gönne Ihnen alle reellen Sinnesfreuden, die Sie sich wünschen. Ich möchte Ihnen nur noch dazu meine unerschöpfliche innere Heiterkeit geben, damit ich um Sie ruhig bin, dass Sie in einem sternenbestickten Mantel durchs Leben gehen, der Sie vor allem Kleinen, Trivialen und Beängstigenden schützt.“ (Luxemburg 2013, S. 99).
Im ersten Weltkrieg war Rosa Luxemburg teilweise in „Schutzhaft“ – sie hatte u. a. eine Rede gegen Soldatenmisshandlungen im ersten Weltkrieg gehalten – und war jeweils in Berlin, Wronke und Breslau inhaftiert. Aus dieser Zeit sind einige Briefe an ihre Freundin Sophie Liebknecht (Karl Liebknechts Schwester) überliefert. In den Briefen schildert sie kleine Details aus ihrem Gefängnisalltag, die ihre Meinung zu ihrer und der gesellschaftlichen Lage verdeckt preisgeben. Ihre Beschreibungen z. B. der Natur bei ihren Freigängen im Gefängnis lassen viele Parallelen zu ihrem Empfinden zu. Leider – oder gerade gut – erhält der Leser keine politischen Details über das Wirken Rosa Luxemburgs. Vielmehr wird ein Einblick in den Alltag einer bedeutenden Persönlichkeit gegeben.

Rosa Luxemburg
Briefe aus dem Gefängnis
2013/18. Aufl., 128 Seiten, Dietz

Luxemburg

Die Tagebücher 1908 – 1943

Nach den Besuchen der Kollwitz-Museen in Berlin und Köln ist es wohl an der Zeit, auch einen Buchtipp in diese Richtung zu geben. Die Tagebücher der Künstlerin sind nicht nur sehr intim, sondern vor allem unübersichtlich. Manches notiert sie nur stichwortartig, daher kann man die knapp 1000 Seiten wohl nicht von vorn bis hinten wie einen Roman verschlingen. Bedeutsam ist aber der Einblick, der in das Leben der Familie gegeben wird. Kollwitz war die Mutter zweier Söhne, von denen einer bereits im Alter von 18 Jahren im ersten Weltkrieg starb. Dieses Ereignis, aber nicht zuletzt natürlich sämtliche Einflüsse der beiden Kriege verarbeitete sie bildnerisch und gibt damit den Schrecken dieser Zeit persönliche Gesichter.
Das Berliner Kollwitz-Museum gibt Einblicke in ihre Werke:
http://www.kaethe-kollwitz.de/werkschau.htm

Käthe Kollwitz
Die Tagebücher 1908 – 1943
1999, 957 Seiten, Siedler

Kollwitz

Wir alle spielen Theater

  • Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, 9. Aufl. 2011, 251 Seiten, Piper Verlag

Ein weiteres prägendes Werk ist für uns dieses. Es ist seit seiner ersten Auflage in den Sozialwissenschaften bekannt, aber auch ohne besonderes Vorwissen für Fachfremde leicht zugänglich und spiegelt die Tatsachen des Alltags.
Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, etc. – Der Frühling ist die Zeit der Feste und Veranstaltungen. Wir treffen uns mit Familie und Freunden, bereiten uns auf diverse Besuchsaktionen vor. So gehört es sich in den meisten Kulturen, Wohnräume vor Eintreffen der Lieben besonders gründlich zu reinigen, Fenster zu putzen, Ausrangiertes auszutauschen und festlich herzurichten. Man hauswirtschaftet unter Hochdruck, um letztendlich unter dem Motto „Ach nein, bei uns sieht es immer so aus!“ einen entsprechenden Eindruck abzuliefern. Warum ist das so?
„Wenn ein Einzelner mit anderen zusammentrifft, versuchen diese gewöhnlich, Informationen über ihn zu erhalten oder Informationen, die sie bereits besitzen, ins Spiel zu bringen. Sie werden sich für seinen allgemeinen sozialen und wirtschaftlichen Status, sein Bild von sich selbst, seine Einstellung zu ihnen, seine Fähigkeit, seine Glaubwürdigkeit und dergleichen interessieren“ (Goffman 2011, S. 5).
Erving Goffman vertrat als Soziologe die Position, dass jeder Mensch in der Öffentlichkeit eine ganz eigene Rolle spielt und dass er diese im Sinne des gemeinsamen Zusammenlebens gestaltet. Wir sind somit nicht nur Resultate unserer Sozialisation, sondern gestalten diese auch selbst mit. Nicht umsonst stehen wir uns dabei gegenseitig im Weg und verhalten uns so, wie wir es gar nicht geplant hatten. Zu den Erwartungen, Wertvorstellungen und Wünschen (Habermas würde hier „Geltungsansprüche“ anführen, vgl. Habermas, Jürgen 1987a, S. 412 f.: Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp) können wir uns nicht einfach irgendwie „verhalten“, sondern verteidigen unseren Platz je nach Wertdimension. So entwickeln sich Dynamiken, wie sie eigentlich längst überholt sein müssten, etwa dass Frauen in Deutschland noch eher in Haushalt und Kindererziehung involviert sind und sich als Hauptverantwortliche fühlen. Während wir gemäß eigener Beobachtungen also bis vor Kurzem noch selbstgerecht-bohèmehaft die formvollendete Tupperware unserer Eltern belächelten, bemerkten wir in letzter Zeit ein vermehrtes Aufkommen derselben auch in unserer Generation … Alles nur für die richtige Performance eines soliden Eindrucks: „So wird im Dienstleistungsgewerbe in zahlreichen Rollen dem Kunden eine Vorstellung geboten, die durch den dramaturgischen Ausdruck von Reinlichkeit, Modernität, Zuverlässigkeit und Kompetenz geprägt wird.“ (Goffman 2011, S. 27). Und welche Erfahrungen habt Ihr?

Goffman

Theorie des kommunikativen Handelns

  • Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Band I und II,                     4. Aufl. 1987, jew. 534 und 593 Seiten, Suhrkamp Verlag

Diese Bücher waren im Studium zwar etwas schwerfällig, aber gehaltvoll zu lesen. Erstmals entstand mit den Texten für uns eine wissenschaftlich fundierte Idee davon, was mit dem oft in Bezug auf Politik benutzten Systembegriff gemeint sein könnte – Eine Denkerei

Jürgen Habermas geht in diesem (seinem) Hauptwerk davon aus, dass sich die Gesellschaft historisch von einer weitgehend anarchischen, über Clanstrukturen geregelten Organisation bis heute zu einem Zusammenleben entwickelt habe, bei dem sich zwei Aspekte nach seiner Ansicht immer mehr voneinander getrennt haben: System und Lebenswelt. Während in früheren Gesellschaften beide Bereiche noch unmittelbar zusammen existierten, lassen sich heute Tendenzen ausmachen, die nicht nur eine starke Entfernung beider Aspekte, sondern auch einer Kolonialisierung der Lebenswelt implizieren – der Reihe nach:

1. Definition von System und Lebenswelt
Die Lebenswelt gilt als Grundlage, die unseren Alltag und unser individuelles Leben ausmacht. Dieser Alltag wirkt im Vergleich zur Wissenschaft improvisiert, weil Menschen sich ihren Alltag meist unprofessionell strukturieren und sich nicht an der Ordnung der Wissenschaft orientieren (vgl. Waldenfels 1994, S. 155). Habermas bezeichnet die Bereiche Wirtschaft und Verwaltung als System, Politik und Kunst gelten als soziale Reflexionsbereiche, also als Ableger von Wirtschaft und Verwaltung. Das System gewinne mit fortschreitender gesellschaftlicher Entwicklung zunehmend an Komplexität und vereinnahme die Lebenswelt (vgl. Neves 2009, S. 376).

2. Gesellschaftliche Entwicklung und Herausbildung eines Systems
Mit der historischen Zunahme von Verwaltung wird die Lebenswelt zum Spielball des Systems. Frühere Ständegesellschaften besaßen bereits eine bestimmte Systematik, etwa rigide Formen von Steuererhebungen, die die Lebenswelten aller Menschen prägten. Gegenwärtige Lebenswelten werden sowohl im Großen, z. B. über verschiedene Verwaltungsakte, als auch im Kleinen, etwa bei der Planung des Sommerurlaubs, von systemischen Tendenzen beeinflusst, denn schließlich gibt es z. B. festgelegte Ferienzeiten (vgl. Habermas 1987b, S. 267).

3. Bedeutung und Veränderung der Sprache
Sprache ist für Habermas Informationsvermittlung und Beziehungspflege (vgl. Habermas 1987a, S. 412-413). Er charakterisiert den Menschen grundsätzlich als verständiges, an gemeinsamen Kontexten orientiertes Wesen, das wesentliche Kenntnisse über Vernunft und darüber habe, was wahr und richtig sein müsse. Was vernünftig ist, bestimmten vor allem Erfahrungswerte, die in früheren Gesellschaften das Zusammenspiel von Wohnen und Arbeiten gesteuert haben (vgl. Habermas 1987b, S. 272). Mit der Trennung von System und Lebenswelt in der Gegenwart sei zudem eine Trennung von Wohn- und Arbeitswelt entstanden, die diese Erfahrungswerte nahezu überflüssig machten. Sprache habe sich von einem informellen Medium zu einen hochspezialisierten Kostrukt entwickelt, die eine besondere Expertenschaft voraussetze, aber weniger an der eigentlichen Vernunft orientiert sei (vgl. ebd., S. 273). So lässt sich folgern, dass in den Lebenswelten kaum noch Verständigung herrscht …

Nach Habermas´ Thesen ist unsere Welt also nicht nur eine technisierte, sondern ganze Wertvorstellungen müssen sich demgemäß zu Gunsten eines „höheren“ Systems verschoben haben. Was sagt Ihr dazu, kennt Ihr Beispiele und haben wir richtig gelesen?

Habermas, Jürgen (1987a/4. Aufl.), Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp
Habermas, Jürgen (1987b/4. Aufl.), Theorie des kommunikativen Handelns. Band 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft, Frankfurt a. M.: Suhrkamp
Neves, Marcelo (2009), System und Lebenswelt, in: Brunkhorst, Hauke / Kreide, Regina / Lafont, Christina (Hg.), Habermas – Handbuch, Darmstadt: Metzler, S. 374 – 377.
Waldenfels, Bernhard (1994/2. Aufl.), In den Netzen der Lebenswelt, Frankfurt a. M.: Suhrkamp

Habermas

Tanz mit dem Jahrhundert

Als autobiographisches Werk kennzeichnet Stéphane Hessel sein bewegtes und bewegendes Leben auf dem Parkett der Diplomatie. Als Kind der berühmten Ménage à trois, die auch später als „Jules et Jim“ verfilmt wurde, weist Hessel auf seine intellektuellen Wurzeln in einem offenen Berlin, über seine Erfahrungen des Krieges und der daraus resultierenden politischen Prägung hin. Aufschlussreich ist die Übersicht zur Struktur eines „kleinen Vereins“ der Vereinten Nationen und ihrer Entwicklung zu einer Weltorganisation.Leider zeigt Hessel im Verlauf des Buches immer weniger Einblicke in sein Privatleben. Punktuell streift er persönliche Momente, die aber immer wieder zu Lasten seiner beruflichen Einbindung und damit einhergehenden Schilderung zerrinnen. Daher empfiehlt sich das Buch als Tanz mit der großen Politik, nicht aber als Meisterstück des Resultates einer außergewöhnlichen Biographie, wie Hessel sie zweifelsohne vorweist.

Stéphane Hessel
Tanz mit dem Jahrhundert. Erinnerungen
2012, 393 Seiten, List Taschenbuch Verlag

Bild

Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

  • Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 6. Aufl. 1973, 157 Seiten, Suhrkamp Verlag

Gewählt haben wir diesen Aufsatz aufgrund seiner Entstehungszeit in den 1930ern und des damaligen Standes der Technik. Vor allem sind diese Überlegungen so interessant, weil in seiner Zeit noch kein Wissen über unsere heutigen medialen Möglichkeiten z. B. des Internets bestand. Inwiefern verhält sich Benjamin auch zu der Tatsache, dass jeder Mensch heute ein Künstler sein kann, allein, weil er das Equipment dazu besitzt? – Versuch einer Rezension

Walter Benjamin charakterisiert Kunst in ihren verschiedenen Ausprägungen und verdeutlicht anhand mehrerer Beispiele ihre Entwicklung von Höhlenmalerei über erste Hochkulturen bis zur ersten technischen Reproduktion der Kunst in Form von Druckgrafik, Holzschnitten oder Lithographien (vgl. Benjamin 1973, S. 11 ff.). Mit dieser Wende diskutiert er mehrere Tatsachen:

  1. Das Kunstwerk verliert sein einmaliges Dasein, obwohl dieses Dasein an die besonderen Umstände einer jeweiligen Gesellschaft und Kultur geknüpft ist (vgl. Benjamin 1973, S. 13).

  2. Daraus resultiert die Option, dass reproduzierte Werke näher an die Menschen und ihre variierenden Eigenheiten geknüpft sind, d. h. für den Fall des Fotos könnte man das Bild einer Kathedrale in den eigenen Räumlichkeiten aufhängen, ohne dass das eigentliche Kunstwerk dadurch angetastet würde (vgl. Benjamin 1973, S. 14 f.).

  3. „Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura“ (Benjamin 1973, S. 16). Es erfolge demnach eine Erschütterung der Tradition, in der das Kunstwerk eigentlich entstanden sei, nämlich in einer bestimmten Epoche, einer Gesellschaft und Kultur.

Diesen letzten Aspekt bindet Benjamin in den Kontext des Kultes, also eines Rituals, das in der Geschichte mehr oder weniger religiös begründet schließlich im „l´art pour l´art“ des 19. Jahrhunderts mündet – also eines Kunstschaffens wegen der Kunst selbst. Neu geschaffene Kunstwerke seien bereits so gestaltet, dass eine Reproduktion vom Original nicht mehr zu unterscheiden sei, das Foto etwa könne über unendlich viele Abzüge verbreitet werden, was Benjamin auch zu einem nächsten Punkt führt – der Politik (vgl. Benjamin 1973, S. 19 ff.). Begründet sei dies einerseits darin, dass z. B. das Foto vor allem einen zeigenden Ausstellungscharakter, weniger aber einen kontemplativen Aspekt besitze und damit eher Einblicke in Lebenswelten schaffe. Benjamin führt dazu Aufnahmen aus Pariser Straßenszenen an (vgl. Benjamin 1973, S. 24). Andererseits böten die neuen Medien des Films und Fotos Möglichkeiten, künstlerisches Schaffen einer breiten Masse von Menschen Zerstreuung zu schenken (vgl. Benjamin 1973, S. 37 f.). Die Lebenswelt der Menschen würde zudem erweitert, weil sie an den verschiedensten Abenteuern teilhaben könnten (vgl. Benjamin 1973, S. 41) und sie hätten auch eine stärkere gesellschaftliche Position, in der aus Lesenden auch Schreibende würden (vgl. Benjamin 1973, S. 33). Als besonders bemerkenswert charakterisiert er damit die neuen Medien als Sprachrohr und folglich als Politikum. Dass aber seine sehr ungenaue Definition von Kunst, Foto und Film sowie die daraus resultierende unscharfe Trennung in der Zeit des Internets einmal durchlässig würden, konnte er einfach nicht wissen.

Kunst ist etwas, das Benjamin nicht klar definiert, gemäß seiner Andeutungen scheint sie aber ein Medium zu sein, das nicht nur an ein ganz bestimmtes Schema des kreativen Schaffens gebunden ist, sondern auch unmittelbar mit für ihn klaren gesellschaftlichen Milieus zusammen hängt. Kunstgenuss kennzeichnet sich nach seiner Definition des Weiteren auch durch Kontemplation, an die unsere eigenen Überlegungen anknüpfen können. Benjamin zeigt uns, dass die Menschen seiner Zeit nicht nur Lesende, sondern vor allem Schreibende werden konnten. Eine Fortentwicklung dieser Tatsache sehen wir heute in der Fähigkeit, mit modernen Mitteln Wissen nicht nur aufzunehmen, sondern Informationen und Wissen auf relativ niedrigschwellige Art selbst zu produzieren und damit auch künstlerisch tätig zu sein.

Der Akt des Kunstschaffens sowie die Kunstbetrachtung finden jedoch eigentlich in räumlichen und zeitlichen Dimensionen statt, die eigens dafür vorgesehen sind. Schnell mal hier ein Foto, dort ein kleines Zitat veröffentlichen, so wie wir Blogger irgendwie doch am Fließband produzieren, ist eben streng genommen eigentlich keine Kunst – ergo muss man nicht nur die Reproduktion, sondern auch das Original in Frage stellen und muss man das überhaupt? Ist nicht das Abbild des Kunstwerkes ein Garant dafür, dass das Original vielleicht nicht von allen in gleicher Qualität wahrgenommen wird, aber in Form vieler Reproduktionen wie z. B. bei der Mona Lisa immer vorhanden sein wird. Was sagt Ihr dazu?

Anbei der Volltext als Wikisource: http://de.wikisource.org/wiki/Das_Kunstwerk_im_Zeitalter_seiner_technischen_Reproduzierbarkeit_%28Dritte_Fassung%29

Benjamin

1913

Wie wundervoll – wie hochgelobt und doch im Keim erstickt. So verheißungsvoll der Titel und das Cover, gleich einem Gemälde von Monet! Der Anfang des letzten Jahrhunderts in einer Zeit, als nahezu jede Idee noch neu und unverbraucht war. Illies hat hier nur eine Fleißarbeit vorgelegt, wie sie so schnell kein Zweiter schreiben könnte. Große Namen werden vor den Leser ohne Gefühl für eine so wichtige Atmosphäre geworfen. Warum nutzt er diese Informationen nicht, um seinem Skelett Leben einzuhauchen und einen Roman zu schreiben?

 Florian Illies
1913
2012, 311 Seiten, S. Fischer Verlag

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Pop essen Mauer auf

Die besten Geschichten sind die, die einem von wildfremden Leuten erzählt werden. Man hat selten eine Ahnung von den Hintergründen und Details und ist den Gedankengängen des Erzählers ausgeliefert. Anders als bei Freunden, Familie und Bekannten hat man keine Komfortzone, aus der heraus man die Formulierung und die Struktur von Geschichten schon vorhersagen kann. Im Gegenteil,man wird knallhart (besonders bei Leuten, die gern reden, ohne den Gegenüber anzuschauen) in das Gedankennetz des Anderen hineingezogen. Und am Ende treffen dich dann erwartungsvolle Blicke, während der eigene Kopf damit überfordert ist, alles eben Erzählte einzuordnen. Das ist bei einem Witz meistens kein Problem, da man alles schon einmal gehört hat, aber wenn jemand von seinen alten Zeiten – oder noch besser: von alten Zeiten, gemischt mit Fiktion – spricht, fühlt man sich wie ein kleines Kind, an dem Opa sein Redebedürfnis stillen kann.

Bei Büchern bin ich dafür leider wenig empfänglich, meistens wird so ein Stück Papier wieder in den Schrank gestellt. Manchmal aber lässt sich so ein Buch nicht einfach aus der Hand legen, es zieht einen immer wieder an. Stefan Maelcks Buch ist so eins. Angefangen mit einem Journalisten, dem eine geheime Akte aus den Archiven der Stasi zugespielt wird, mit der die Geschichte der gesamten Popmusik neu geschrieben werden muss, entwickelt sich schnell eine Mischung aus Gedankenstrom, Aktenauszügen und klassischer Erzählung. Man wird mit Namen von Musikern, Bands und Managern konfrontiert, die man schon einmal gehört hat, deren Geschichte jedoch auf absurde Art neu geschrieben wird. Die direkte und schnörkellose Ausdrucksweise, gepaart mit sich um den langsam anziehenden Spannungsbogen tummelnden Details aus dem Leben diverser Künstler und Stasioffiziere lässt mich beim Lesen trotz wachsender Verwirrung immer weiterlesen. Die Spannung steigt, bis das Buch in einem verrückten, mich an Helge Schneider erinnernde Finale endet und man verwirrt, aber zufrieden die alten LPs und Beschreibungen ansieht, die Bild für Bild am Buchende abgedruckt sind. Und fühlt sich wie jemand, der fremder Leute Geschichten hört – in dem Wissen, das nichts davon stimmen muss, aber alles könnte.

Pop essen Mauer auf
Stefan Maelck
2006, 147 Seiten, Rowohlt Taschenbuch

popessenmauer