Papas Pinökel

„Papa, was willst Du zum Geburtstag haben?“

„Pinökel 12“

So ging es über Jahre. Ein Videobearbeitungsprogramm, das unglaublich viele neue Versionen hat und dessen Namen irgendwann keiner mehr korrekt ausgesprochen hat. Papa schenken wir wieder Pinökel – alles klar! Morgen gibt es kein Pinökel. Papa würde 67. Er würde sich über ein Zigarettengeschenk freuen, Kaffee und Kuchen in Kauf nehmen und im neuen Sweatshirt gemütlich eine schmökern. Morgen sparen wir das Geld für Pinökel, stehen wie Falschgeld an Papas Grab, aber wir „lassen uns was schicken“ vom Italiener, sitzen danach zusammen und lachen über´s Pinökel.

Röschen: Endlich was fürs Herz

Vor einiger Zeit ist meiner Schwester auf dem Bauernhof ein Kätzchen zugelaufen, das nicht zahm war, aber gern kleine Angebote mitgenommen hat. Noch sehr scheu verschanzt sich das Röschen nun seit Montag hinter unserer Küchenbank. Man sagt ja, dass das Katzenschnurren die beste Therapie gegen Herzbeschwerden sei…

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Schreibnacht: Das kam dabei heraus

An der Steinbockfichte

~

Ob der Baum noch stand? Im Internet gab es keinen Eintrag zu dem Gewächs, das den Glauben an das, was im Leben Halt und Sicherheit gab, verändert hatte.

„Du musst weitergehen.“ Joachim war in seiner Försterskluft. Seine dicken Wanderschuhe stapften durch das Herbstlaub, er hob sich kaum von den Bäumen ab, vor denen er marschierte.

„Ich kann nicht.“ Gundula war nicht diejenige, die sich im Wald Gedanken um passendes Schuhwerk gemacht hatte. Hier sah sie schließlich niemand und sie ihr Auftreten störte keinen.

„Doch, geh weiter.“ Die Wanderschuhe stapften dringlicher. Er wusste, dass sie keine Lust gehabt hatte auf diesen Spaziergang.

Es war so dunkel, dass man die Hände vor den Augen nicht sehen konnte. Joachim hatte Gundula überredet und sie hatte gedacht, dass es ihnen gut tun würde. Die letzte Zeit war so stressig gewesen. Sie hatte in keiner Weise zu einem geregelten Alltag beigetragen. Gundula, die seit Tagen eine Erkältung in sich erstarken fühlte, war auf Joachims Vorschlag nur widerwillig eingegangen. Der Wald und die Natur waren Joachims Gebiet. Dort fühlte er sich wohl und er kannte jeden Weg genau. Gundula war diejenige, die lieber für sich allein am Schreibtisch werkelte.

Du musst mir vertrauen, der Weg ist hier in Ordnung.“

„In Ordnung“ raunte Gundula im Stillen, innerhalb kurzer Zeit war sie auf die verschiedensten Hölzer und sogar einmal auf eine Scherbe getreten, die fast ihre Sohle durchbohrt hatte. Sie war von einem kurzen Spaziergang ausgegangen, von etwas Bewegung und frischer Luft, die ihren Körper etwas durchwehen sollte. Stattdessen stakten sie hier in tiefster Dunkelheit.

Nach einem weiteren Stolpern auf dem finsteren Waldweg beschloss Gundula, sich zusammenzureißen und Joachim diesen Gefallen zu tun. Sie konnte sich nicht nicht mehr daran erinnern, wann sie zuletzt etwas Gemeinsames erlebt hatten und sie schätzte, dass ihr Mann sich für diesen Abend etwas hatte einfallen lassen.

Sie gingen hintereinander, Joachim ging vor ihr und sie achtete genau auf seine Schritte, sodass sie sich an seinen Fußstapfen im Laub orientieren konnte. Im Wald war er still, aber es war eine angenehme Stille und so gingen sie einige Zeit, ehe sie an eine Abzweigung kamen. Gundula erinnerte sich an diese Abzweigung, konnte sie aber nicht recht einordnen.

„Da drüben geht´s zur Steinbockfichte.“ Joachim schien frohen Mutes zu sein.

„Steinbockfichte.“ Gundula erinnerte sich, dass sie vor Jahrzehnten dort gewesen war, als Jugendliche. Es war ein Schulausflug gewesen. Man hatte ihrer Wandergruppe erzählt, dass es ein sagenumwobener und mythischer Baum war und umweht von einem ganz konkreten Ereignis, an das sie damals nicht so recht glauben wollte.

„In den fünfziger Jahren hat es hier in der Nähe eine unglückliche Liebe gegeben“, so hatte es damals ihr Lehrer erzählt. Die Worte hatte er salbungsvoll ausgesprochen und Gundula hatte Mühe, dies zu glauben, denn schließlich war es eine Horde junger Mädchen, denen ihr Lehrer von der Liebe erzählte.

„Die beiden hatten sich immer hier getroffen. Das war damals noch eine andere Zeit. Da hat der Hausfreund Euch nicht einfach so besucht.

Gundula erinnerte sich, wie sie vorsichtig gekichert haben. Joachim stapfte weiter hörbar durch das Laub und stellte sich irgendwann vor den Baum. Es war nicht üblich gewesen, in jungen Jahren einen Freund zu haben, erst recht nicht, allein mit ihm auf einem Zimmer zu sein.

„Also eigentlich war es auch eine Eifersuchtsgeschichte. Wenn man es richtig bedenkt, dann muss man sagen, dass das irgendwo auch eine Ironie der Geschichte war.“

„Wie?“ Gundulas Freundin war eine, die immer vorne losging und die Nachfragen stellen konnte. Gundula hatte sich in dieser Hinsicht stets zurückgehalten. Sie war keine von der aufdringlichen Sorte oder eine derjenigen, die sich besonders hervortun wollten.

„Es ist hier passiert, kann ich Euch sagen und es war eine Geschichte, die man sich bis heute erzählt. Der Schmidt Walter ist der Neffe, aber das wird zu kompliziert.“ Er hatte eine abwinkende Geste gemacht. Gundulas Lehrer waren schon immer in das allgemeine Orts- und Tagesgeschehen eingebunden gewesen. Sie hatten schon immer Interesse an den Örtlichkeiten gezeigt und waren auch über die örtliche Gerüchteküche gut informiert.

„Hier an der Steinbockfichte. Detlev hieß der junge Mann. Madita war eine der Schönsten der Schönen und ja, wie es so kommt, war der Detlev irgendwann nicht mehr der alleinige Verehrer. Man weiß nicht genau wie es passierte, aber man erzählt sich, dass die Fichte nicht unerheblichen Einfluss auf das Wohlergehen von Madita gehabt hat. Jeder sagt Herzversagen, aber es könnte auch an dem Sturm gelegen haben. Fichten sind biegsam. Das wisst Ihr.“ Er blickte nachdenklich in die Runde.

Joachim hatte Gundula angestupst. Er war stehen geblieben und er hatte ihr gezeigt, wie gesund die Fichte noch immer war, aber Gundula stellte sich vor, wie es damals passierte. Sie erinnerte sich, dass ihr Lehrer von einem Gewaltverbrechen gesprochen hatte. Man hatte dies aber nicht nachweisen können. Jetzt bei nur leichtem Wind wiegten sich die Zweige sanft. Es war dunkel und irgendwann schlugen Gundula die Zweige ins Gesicht, während sie große Angst hatte. Am Morgen hörte man nichts, nur das Stapfen von Joachims Wanderschuhen.

 

Macht mit bei der Schreibnacht!

„Vater Tag predigt uns Arbeit, Vater Tag predigt uns Vernunft.“

(Bela B., Die Nacht muss eine Frau sein)

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Heute mal ein Aufruf für alle, die sonst nicht dazu kommen, sich dem kreativen Hobby, das so viel gibt, aber so viel verlangt, zu widmen. Gestern habe ich an der Schreibnacht teilgenommen, die immer einmal pro Monat stattfindet. Man kann sich einfach im Forum anmelden, wird herzlich willkommen geheißen und konzentriert sich nebenher ganz auf das, zu dem man sonst nicht kommt. Hier geht´s lang:

Schreibnacht.de

Eigentlich ist es eine Häutung,

die man durchlaufen muss, wenn man einen Menschen verliert. Als Mensch müsste man sich häuten können. Macht man nicht. Die eigene Haut wird markanter, körniger vielleicht und man hat Federn gelassen. Die Furchen unter den Augen bleiben. Auf einem Schild lese ich, dass sich der Wert der Persönlichkeit daran bemisst, wie man wieder aufsteht, nachdem man gefallen ist. Heute Abend habe ich bei der Schreibnacht mitgeschrieben. Heute Morgen habe ich von weitem den Friedhof gesehen und wie sich unser Grab hinter einem neuen frischen Grab mit einem Blumenhaufen unterm Schnee versteckt. Das neue Grab bedeutet, dass es immer weiter geht, im Leben wie im Sterben. Heute sind wir die Gekniffenen, morgen rennt der nächste wie ein Trottel durch´s Klinikum und weiß nicht, wohin er soll. Übermorgen stirbt einer in einem Grab, dass er ursprünglich für einen anderen vorbereitet hatte. So ist das Leben. Das hat etwas Tröstliches.
Die zweite Arbeitswoche in der neuen Lebenssituation ist geschafft und wir sind mittendrin in einem Leben, von dem ich dachte, dass ich es nie schaffen kann. Unser Leben ist anders, aber doch ähnlich. Unsere Eltern waren übermächtig in all dem, was sie getan haben. Jetzt sind wir an der Reihe. Jetzt muss einer das Dach der Scheune flicken, einer muss das große Auto fahren und verdammt, das eigene Ding soll irgendwie auch dazu passen.
Während ich so schreibe, merke ich, wie anstrengend die letzten Monate waren. Trauer ist ein bisschen wie das Sturmtief „Friederike“: Man geht morgens los und muss kämpfen, dass man nicht davongeweht wird. Immer kommt was dazwischen und man vergisst so viel, weil der Kopf so voll ist.
Man muss nicht immer weinen, wenn man trauert, aber es ist körperlich so fordernd. Das hätte ich nie gedacht. Erst jetzt kommt etwas von dem „Gottvertrauen“ zurück, das ich vorher immer hatte. Bis jetzt habe ich einfach nur damit gerechnet, dass wieder etwas Mieses passiert, was auch stets eingetreten war, so nach dem Motto, ja, ja, immer drauf, schön „hier“ gerufen. Das schlägt sich nieder und legt sich auf alles Schöne, das man nicht mehr sehen kann und nur noch abgeschwächt empfindet.
Die Haut vorher, die ganzen Psychokisten, die man sich selber macht, empfinde ich heute als besonders eng und bedauerlich. Gut, dass ich zumindest gedanklich wieder eine neue bekommen habe, eine, die etwas weiter und geräumiger ist.

Wahnsinnig – Das Ende des Gärtners

Ob man es als Pechsträhne bezeichnet, wenn mehrere Familienmitglieder fast gleichzeitig sterben, Freunde schwer krank werden oder Ähnliches, kann ich nicht sagen. Vielleicht reimt man es sich so, dass der Zufall zu einem Schicksal umgedeutet wird und es doch eine höhere Macht gibt, die alles sortiert. Neulich ist jemand aus unserem Ort gestorben, ein ferner Bekannter, der auch mal mit unserem Papa auf der Straße stand und gequatscht hat – ungefähr im gleichen Alter. Unserer Mutter ist es immer wichtig, dass man sich mit den Liegenachbarn auf dem Friedhof auch im Leben wenigstens ein bisschen verstanden hat. Okay wäre wahrscheinlich auch ein völlig Unbekannter. So hat unser Papa neben Schmidts Lilli nun auch auf der anderen Seite einen „Kumpel“. Kaum ausgesprochen, erreicht uns folgende Meldung: Unser Gärtner, der Heini, hat wie üblich das frische Grab vorbereitet, ausgehoben, etc.

Meine Mutter war wohl kurz nach dem Vorfall auf dem Friedhof, um von unserem Papa ein paar Blättchen zu zupfen und kam noch empört nach Hause, dass der Kies rings um den Papa etwas ramponiert war. Das neue Grab war aber nicht weiter ausgehoben worden, was sie gewundert hatte. Näheres weiß man noch nicht. Der Bagger vom Heini hatte sich wohl verselbständigt. Jedenfalls ist der Heini jetzt tot und unsere Mutter weiß jetzt, dass ihr Herzrasen vor allem psychische Gründe hat.

Die Asche meines Vaters

Komfortzone ist ein böses Wort, aber ab und zu ist es wichtig, sich aus derselben herauszubegeben: So geschehen z. B. bei mir selbst. Ich habe damals mit Bravour einen Führerschein gemacht, bin aber 13 Jahre so gut wie nicht gefahren. Was soll ich sagen? Mein Mann fährt gut und bisher hatte ich grosses Glück, dass ich zu Fuß zur Arbeit gehen konnte. Seit gestern ist das anders. Ich steuere morgens Papas Heiligtum drei Dörfer durch die Dunkelheit. Er hätte mich damit nie fahren lassen. Ich sehe vor mir, wie seine Zigarettenasche krümelt, während er mit großen Pranken das Lenkrad rauchgeschwängert zum HR4-Sound bedient. Bei jeder Kurve rutscht der Werkzeugkasten und ich gucke immer auf die restlichen Aschekrümel, wenn meine Angst zu groß wird.

Ideen?

Vielleicht hat jemand eine Idee für unsere Familiendaten: Mitleser wissen, dass im August unser Papa relativ plötzlich mit 66 gestorben ist, dass es im gleichen Haushalt eine 92-jährige Oma gibt, die nach Abzügen unseres Opas seit 12 Jahren von meiner Mutter gepflegt wird, die in diesem Monat 65 Jahre alt wird und nun zum 2. Mal einen Puls von 130 hatte, der als Vorhofflimmern gilt und nun mit Beta-Blockern & Co. behandelt wird. Wir sind 3 Schwestern, könnten gern bei der Pflege helfen, ist natürlich von Mama nicht gewünscht. Was tun?

Unser Jahr

Die vergangenen Jahreswechsel waren wie auch in diesem Jahr durch diverse Infekte und Erkältungen geprägt. Aus diesem Grund ist es kein so großer Unterschied zu den vorhergegangenen Jahren. Unsere Familie ist platt wie immer und vielleicht soll das so sein. Endlich Ruhe im Karton, Pause, nachdenken, Tränchen verdrücken und Kopf hoch. Silvester ist immer ein bisschen verlogen, die Erwartungen viel zu hoch, zu viel Glitzer, denn bei der Chartshow sind die Gäste so besonders wie man selbst. Schön, wenn einem das auffällt und wenn man den Schneid hat, früh schlafen zu gehen☺.

ALLES GUTE FÜR EUCH IM JAHR 2018!

Gute Vorsätze

Man kann sagen, dass wir für das nächste Jahr gar keine Vorsätze brauchen: Das liegt daran, dass wir auf viele Dinge keinen Einfluss haben, denn wer stirbt, der stirbt und es liegt daran, dass wir seit einigen Tagen quasi schon mitten im guten Vorsatz leben. Weil das gar nicht ohne ist, wünsche ich mir für das nächste Jahr mehr Gänge auf Tauchstation.

Wir wünschen Euch alles Gute für das kommende Jahr und nicht zu viele Vorsätze!

Im neuen Heim

Es ist ein sich Sortieren und Formieren. Jede Gruppe hat ihre Phasen. Jedes Mitglied ist anders gefragt und plötzlich ist man mittendrin. Manche halten sich ganz raus, andere interessieren sich zu sehr und überall kennt man wen. So ist es, wenn man aus der Stadt aufs Land zieht. Heute haben wir uns umgemeldet. 2 Meldebestätigungen haben jeweils 15 min beim Ausfüllen gedauert. Neuer Rekord. Unsere Wohnung gedeiht seit dem 23.12. immer weiter, sodass wir seit einigen Tagen hier leben und schon erste Tränen geflossen sind. Ich hoffe, dass es an der Eingewöhnungsphase liegt, dass ich mir wie der Trottel vorkomme, der alles falsch macht. Ich möchte gern meine Hilfe anbieten, aber so richtig gefragt ist die nicht. Naja, müssen sich eben alle erst daran gewöhnen. Mal sehen.

 

Familienroman

Natürlich, ich schreibe einfach auf, was ich schon weiß! Der Knoten war die Tatsache, dass man eine Geschichte, die nur ein Familienmitglied betrifft, irgendwie zu sehr überhöht. Man schreibt über den Tod des einen und der andere ist aussen vor☺, nicht ganz ohne, wenn die restliche Familie quicklebendig ist. Die Idee, eine Familiengeschichte zu schreiben, ist keine schlechte, wird aber recht dröge, wenn man sich genau an die Fakten hält. Wen interessiert schon, ob der Steckrübenwinter in Leipzig Einundleipzig besonders schlimm gewesen ist? So viele spannende Themen hat meine Familie eben nicht zu bieten, aber die Realität lässt sich ja auch ein bisschen ausschmücken…

Schreibchallenge von Mme Flamusse, Aufgabe: 30 Wörter frei kombinieren, möglichst ausdrucken, ausschneiden und sammeln.

Mir fällt auf, dass ich inhaltlich genau wähle, was gerade meine Themen sind, was mir so durch den Kopf geht. Der Nachteil: Das ist für mich selbst eher langweilig und es macht mir keinen Spaß, sie aufzuschreiben. Deshalb gebe ich mir wieder Mühe, besondere atmosphärische Wörter zu finden, die mit meinem Alltag nichts zu tun haben. Gelb markiert habe ich die Wörter, die ähnlich klingen, die „gehaucht“ sind, weil man sie oft langsam ausspricht. Solche gefallen mir gut. Hier kommen meine Wörter – Ausdruck für mich selbst folgt:

30Wörter

 

Erinnerung: Schreibchallenge bei Mme Flamusse

Bitte nicht vergessen!!! Noch vier Stunden bis zur Anmeldung. Ab morgen kann man dann unter der Leitung von Mme Flamusse Karolin Kaden wieder ins Schreiben kommen.

Ich habe drei angefangene Texte, sitze vormittags am Schreibtisch über dem Jahresbericht, nachmittags in einer halbleeren Wohnung auf gepackten Kisten und träume vom Weihnachtsbaum, der sich in der noch nicht gespannten Lackspanndecke spiegelt. Beste Voraussetzungen also –

Weitere Infos: https://www.karolinkaden.de/

Die Schreibchallenge – Ins Schreiben kommen — reingelesen

Ja, sie startet wieder! 5 Tage 5 E-Mails und eine Facebookgruppe zum austauschen (wer möchte). Einen Anfang finden beim Schreiben, mit Methoden die Freude machen, bei denen die Regeln nicht so wichtig sind, sondern ES einfach zu tun. Die Aktion ist kostenfrei und für jeden offen der Lust hat mitzumachen: Anmeldung unter: http://www.karolinkaden.de Danach wird […]

über Die Schreibchallenge – Ins Schreiben kommen — reingelesen

Schattendasein des Privaten oder: Wirklich schlechte Witze

Gestern fiel mir auf, dass es anderen Menschen ähnlich geht. Ein kurzes Gespräch bilde ich hier ab und schildere damit einen typischen Arbeitsalltag: Unser Chef fragt reihum, wer denn zum gemeinsamen Essen mitkommt. Da mehrere Jahre diesbezüglich nichts passiert ist, stimmen einige Personen verhalten zu. Die Reihe geht anschließend an meine Kollegin Z.: „Ja, ich hatte mich im Sommer zur Organisation dieser Aktivität bereiterklärt, aber ich kann leider nicht, meine Mutter ist gerade sehr krank und ich werde -„

Alle nicken, der Nächste meldet sich: „Also ich kann kommen – meine Mutter ist gesund.“

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Klassischer Fall von „über´s Ziel hinausgeschossen“, mein Bester. Keiner kommentiert dies. Es bleibt einfach so stehen. Warum? Warum habe ich nicht einfach gesagt, dass es doch in Ordnung sei, dass es doch eine private Geschichte ist und jeder dafür Verständnis haben sollte. Was ist denn mit den Leuten los?

Nach dieser relativ großen Sitzung ringe ich mich dazu durch, meinem Chef zu sagen, dass ich bald umziehe. Taktisch günstig, da er ohnehin von vielen Leuten belagert wird, sodass er wenige verbleibende Kapazitäten hat. Er macht einen lockeren Witz über´s Hotel Mama, über zurück zu den Eltern und was denn mein Freund dazu sagen würde?

Ich schlucke alles artig hinunter, denn meine „Eltern“ gibt es seit August nicht mehr und an dem Tag im Mai, als mein Freund mein „Mann“ wurde, hat sich mein Chef vor Ort satt gegessen. Das Gedeck war damals nicht billig gewesen. Anderes Thema.

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Heute riesen Mitgliederversammlung. Warum war von uns keiner Anfang September bei diesem Fachtag am Samstag, um das Projekt vorzustellen? „Äh, weiß ich gar nicht,“ hätte ich gesagt, wenn man mich direkt gefragt hätte. Ist zum Glück nicht passiert. „Da habe ich vor dem Sarg meiner Schwiegermutter gestanden, nachdem mein Vater zwei Wochen unter der Erde war – ja richtig – Mensch, dass ich nicht beim Fachtag war. So ein Versäumnis!“ Hätte ich es einfach gesagt und mich anschließend über das Gesicht meines Gegenübers totgelacht – So haben doch noch immer schlechte Witze angefangen…

Zur Symbolsprache Sterbender

Eben habe ich online dieses interessante Thema gefunden. Es gibt einige Einträge und Aufsätze dazu, wie sich Sterbende vor ihrem Tod verhalten. Der Hintergrund: Nur in seltenen Fällen ist es ja so wie im Film, dass der Sterbende mit vornehmer Blässe in frischen Kissen liegt, seine Hand gehalten von den liebenden Angehörigen, mit denen er seinen letzten Willen vor der Ewigkeit bespricht, alles natürlich untermalt mit trauriger Musik. Man weiß, in den nächsten paar Minuten ist es vorbei. Die nötige Andacht ist natürlich parat. Sein Tod ein leichtes Hinschlafen, die Kamera schwenkt diskret nach draußen zum Herbstlaub. So kitschig und schön ist es bestimmt nie.

Bei uns war das Sterben irgendwie nicht inklusive. Unser Papa hatte gar keine Prognose bekommen. Der erste Arzt in der Notaufnahme hatte vom Altwerden mit CLL gesprochen und laut Internet scheint es heute keine schwerwiegende Erkrankung mehr zu sein – wären da nicht diese vielen Ausnahmen, die das angegriffene Immunsystem aus der Bahn werfen, Lungenentzündungen und solche Sachen. Davon hört man doch sehr oft. Die Ärzte haben in unserem Fall mit Sicherheit Ihr Bestes getan. Informationen und Compliance waren aber nicht ihre Stärke, wohlwissend wahrscheinlich, dass aus dem Haus X so schnell keiner gesund wieder rausgeht. Wir haben immer nur gehört „Wir tun alles, heute dies, morgen das, wenn das nicht hilft, dann machen wir noch das.“ Prognosen wie „noch ein Monat oder ein paar schöne Jahre“ haben wir zum Glück nicht bekommen. So weit wollte sich in seinem Zustand keiner mehr aus dem Fenster lehnen.

Und so haben wir unseren Papa in den drei Wochen nie zu den Patienten gezählt, die mit ihren Trainingsanzügen und Infusionen wie Gespenster über den Flur nach draußen zum Rauchen geschlichen sind, denn diesen Zustand hat es für ihn nie gegeben. Drei Tage lief er noch topfit über die Station, durfte nicht rauchen und hatte an allem was auszusetzen, angezogen mit seiner blauen Wrangler Texas und seinem roten Fruit-of-the-Loom-Sweatshirt. Danach sofort hinten offener Schlafanzug und Inkontinenzvorlage. Schläuche überall. Jeden Tag Blutkonserven. Gespendet habe ich noch immer nicht zu meiner Schande, vielleicht nächstes Jahr, wenn das DRK zu uns aufs Land kommt.

Besonders ist mir der letzte Mittwoch, 02.08.17 nie hängen geblieben, aber mir fällt auf, dass es der letzte Tag gewesen ist, an dem wir beide uns unterhalten haben. So wie ich es mit den offiziellen Berichten vergleiche, fällt mir tatsächlich irgendwas daran auf: Als ich mittags in der Sommerhitze zu ihm ins Zimmer komme – man hatte ihn recht früh wegen des erhöhten Pflegebedarfs auf ein Einzelzimmer verlegt – blickte er mich an, als ob er gerade aus einem tiefen Traum aufwachte. „Mir war eben ganz komisch. Ich weiß gar nicht wie,“ und schüttelte den Kopf, während er weiter zur Zimmerdecke starrte. Darauf habe ich geantwortet, dass er bestimmt geträumt hat und ich habe gesagt, dass man schon ganz schön quer wird, wenn man drei Wochen stillliegen muss. Dann haben wir erzählt. Er hat einen ganzen Riegel Joghurette gegessen und etwas Cola getrunken. Überhaupt hatte er in den letzten Tagen wieder etwas gegessen und wir waren froh, dass er auch Interesse an der besonders energiereichen Kost hatte.

Irgendwann wollte er, dass ich das Bett so einstelle, dass er sitzen konnte. Dabei rutschte er so lange hin und her, bis wir fast eine der Infusionen umwarfen und ich sagte ihm, dass er nicht so wüst sein sollte. Danach fragte er nach einem Rasierapparat. Er brauchte sofort einen, aber natürlich keinen mit einer offenen Klinge wegen der Verletzungsgefahr. Ich sollte möglichst schnell einen aus der Innenstadt beschaffen. Zu dieser Zeit war unser Gesundheitszustand ziemlich angeschlagen. Ich weiß noch, dass wir alle dauermüde waren und jeder in der Sommerhitze mit einer Erkältung zu kämpfen hatte. Mein rechtes Ohr war schon länger als eine Woche komplett zu gewesen und ich weiß noch wie genervt ich von seinem Wunsch war. Diese plötzliche Energie konnte ich kaum verstehen. Er ließ nicht locker und fragte, ob denn nicht mein Mann schnell loskönne und wo der heute eigentlich wäre. Ich benachrichtigte ihn, weil er gerade unterwegs war, aber auch er hatte im nächstgelegenen Geschäft keinen Rasierapparat gefunden.

Weil mein Vater in den letzten Tagen so gut drauf gewesen war, waren wir als Besucher an diesem Tag nur eine Sparbesetzung. Ich versprach ihm, am nächsten Tag einen Kurzhaarschneider mitzubringen, der zwar nicht so gründlich, aber für´s Erste sicher okay gewesen wäre. Dann fragte er nach einzelnen Personen. Ich erzählte, wer erkältet war und dass meine Schwester V. ja morgen Geburtstag hatte. Ja, er wüsste das und sah mich entgeistert an, als unterstellte ich ihm eine demenzielle Erkrankung. Ich sagte, dass sie nicht feiert. Er sagte dazu nichts. Das wäre auch nicht seine Art gewesen.

Dann wieder das Spiel von vorn: Frage nach dem Rasierer. Im Bett aufrecht sitzen wollen und nicht können. Irgendwann wurde ich müde und lehnte mich in dem Stuhl etwas zurück. Er sagte, er wolle auch schlafen, könnte er aber nicht, weil er solche Angst hätte, nicht wieder aufzuwachen. Diese Äußerungen kannten wir schon und so sagte ich, dass ich auch meine Augen zumachte und wir dösten bestimmt zehn Minuten. Weil mir sein Zustand heute sehr gut vorkam, verabschiedete ich mich irgendwann, setzte ihm noch seine Brille auf und stellte den Fernseher an. Er sagte: „Tschüss, Grüß den K. von mir.“ Das kam mir komisch vor. Mit solchen blasierten Grußformeln hatte sich unser Papa noch nie aufgehalten.

Als meine Mutter ihn abends besuchte, bekam er hohes Fieber, sodass man ihn am nächsten Morgen ins künstliche Koma legen musste. Mit dem verdammten Kurzhaarschneider in der Tasche und den Intensivstationsklamotten standen wir mittags heulend vor seinem Bett. Eine Blutvergiftung hatte zusammen mit dem geschwächten Körper vom CLL und der Thrombozytopenie eine gefährliche Mischung verursacht und er verstarb trotz Plasmapherese und Dialyse einen Tag nach dem Geburtstag meiner Schwester, denn das Datum hatte er gekannt.

Schade Schokolade!

Ja, mein Tag war nicht richtig gut. Deshalb schreibe ich jetzt darüber, denn ich habe heute viel gelernt. Die neue Kollegin hat ihren eigenen Kopf. Das ist einerseits sehr gut, denn sie bringt sich sofort ein und hat schon überall Werbung für uns gemacht. So spricht sich herum, dass wir Kapazitäten frei haben. An die Geschwindigkeit müssen wir uns aber alle erst gewöhnen, denke ich. Außerdem haben wir eine Organisationskultur, die man nicht übergehen sollte. So komme ich zu der Tatsache, wie sich einige alteingesessene Kollegen verhalten. Ich fühle jetzt, wie ich jahrelang belagert wurde, weil sie es jetzt nicht mehr tun und wie sie mir nun die kalte Schulter zeigen. Das merke ich mir, Freunde! Jahrelang hatte ich ein offenes Ohr für Euer verstopftes Gedärm, für Eure Depressionen, Euer Hartz IV. Als es mir schlecht ging, habe ich nicht darüber gesprochen, waren keine Kapazitäten frei …

Schreibtagebuch: Kommissar Gardner

In 2015 und 2016 hat Kommissar Gardner im Kasseler Stadtgebiet (WEINBERGMOND) und in Nordhessen (KIRMESBLUT) ermittelt. In 2017 wird er wahrscheinlich keinen Fall mehr schaffen, er ist ein bisschen langsam, aber für 2018 stehen die Zeichen gar nicht so schlecht.

Warum? Jetzt ist konsequentes Dranbleiben gefragt. Kein Trallafitti und kein „besser morgen“. Der alte Gardner bewegt sich doch von selber nicht und man weiß, dass er im Herbst nicht in die Gänge kommt. Der Gardner ist einer, der mir jetzt am besten liegt und von dem ich glaube, dass er mir leicht von der Hand gehen könnte. Der ist leichte Kost in schwerer Zeit und so gut wie nicht biografisch. Ich habe versprochen, auch alles andere aufzuschreiben, aber mal sehen, ich weiß noch nicht.

Die andere Geschichte, also die unseres Papas, die würde ich gern aufschreiben, weiß aber noch nicht wie. Eine reine Krankheitsschilderung würde diesem Leben nicht gerecht werden. Die Zusammenhänge wären nicht gehaltvoll genug. Mit so einem Text bezweckt man etwas anderes. Krimis lesen fast alle, mit fiesen Krankheitsgeschichten ist doch jeder schnell bedient. Wer will sowas lesen? Aber was ist denn interessant? Soll ich aus meiner Sicht schreiben, soll ich anekdotenhaft Aufsätze zusammenbasteln? Oder mehr wie eine Art Tagebuch? Vielleicht soll man auch gerade die Krankheit schildern, weil sie für Betroffene und Angehörige interessant sein könnte?

Zeit zu verschenken

Heute ist der erste Tag, an dem ich mit „halber Kraft“ arbeite, also eine halbe Stelle mehr Zeit für andere Dinge habe. Meine neue Kollegin ist recht nett und ich kann mir das Team mit ihr gut vorstellen. Heute Mittag habe ich ausgemistet und etwa 20 leere Studienordner zum Verschenken an die Straße gestellt. Nun stellt sich die Frage des Zeitmanagements. Konsequent, aber in kleinen Schritten ;-), denn Kommissar Gardner soll endlich tanzen lernen –

Was einem so durch den Kopf geht

Wie funktioniert das Leben? Darauf hat Google viele, aber eigentlich gar keine Antworten. Wenn man nach einem Tipp sucht, ob die Richtung, die man eingeschlagen hat, die richtige ist, dann erhält man 1000 Foreneinträge, die das komplette Gegenteil empfehlen. Niemals auf dem Land wohnen! Nicht mit der restlichen Familie direkt im Nacken oder im Untergeschoss! Nie heiraten! Niemals eine Vollzeitstelle reduzieren! Und so werden 1000 Geschichten im Internet wiedergegeben, welche Durchgänge die Schwiegermutter durch die eigene Wohnung hat, wie man sich möglichst in voller Fahrt an der Arbeit verausgabt oder wie popellangweilig das Landleben ist. Wahrscheinlich haben sie sogar alle Recht. Aber funktioniert denn das Leben so?

Umzugstagebuch: Ein Freiherr im Prinzessinnenbett

In den letzten Wochen haben wir immer am Wochenende um einen „Untermieter“ herumgearbeitet, ein junger Mann, der auf dem Bauerhof unseres Schwagers sein Studienpraktikum absolvierte. Unlängst haben wir erfahren, dass es sich bei dem stillen, jungen Mann um einen „Freiherrn von“ handelt. Da trifft es sich ganz gut, dass er nach drei Monaten Praktikum das Metallbett „Prinzessin“ mitnehmen möchte. Morgen und übermorgen – so planen wir es – tapezieren wir das Schlafzimmer und eine Wand in der Küche. Die frischtapezierte Wand in der Küche muss leider weichen, um eine Verbindung zum Wohnzimmer zu schaffen. Wir hoffen, dass sie nicht tragend ist…

Umzugstagebuch: Omas Bett und Sofa

…ja, das Sofa zieht tatsächlich nach Georgien um. Die drei Söhne haben über das Kleinanzeigen-Portal eine Sitzgruppe für ihren Papa gesucht und bei uns gefunden. In knapp 15 Minuten war alles weg. Außerdem haben wir noch die Tapeten in der Küche abgeknibbelt, während sich ein Paar aus der Region Omas Bett abgebaut hat. Mit tatkräftiger Unterstützung der ganzen Familie haben wir noch die Tapeten im Schlafzimmer geschafft und im Baumarkt Tapeten gekauft…

Sitzgruppe

Omas Sofa reist nach Georgien

„Guten Abend mein Freund, Sessel, Sessel, Sofa, Tisch nein, letzte Preis!“ – „Äh.“ Während ich mich noch über die sonderbare Telefonnummer wundere, ist der Geschäftsmann am anderen Ende schon in die Verhandlung vertieft. „Äh, ja fünfunddreißig Euro für alles zusammen zur Selbstabholung“, sage ich laut, um Fassung ringend. „Neeeiiin, ist nicht modern, mein Freund, Sessel, Sessel, Sofa, Tisch nein, zwanzig Euro. Ist Kassel. Ist Georgien.“ Währenddessen habe ich den Lautsprecher eingestellt und mein Mann flüstert lachend, dass es tatsächlich eine georgische Vorwahl ist. Oh je, denke ich. Meine Mutter ist ja mit meiner pflegebedürftigen Oma allein im Haus. Da kann man jetzt noch keine Adresse weitergeben. Wer weiß, mit wem wir es zu tun bekommen? Morgen will der Mittelsmann alles abholen. Dann haben wir Platz für unsere Sachen.

So finden Omas Möbel ein neues Zuhause. Ich versuche, mir vorzustellen, wie die Sitzgruppe aus den frühen Sechzigern im Bauch eines Schiffes mit anderem Plunder über das Schwarze Meer schippert. Oder wird man mit ihr in einem LKW quer durch die Türkei fahren? Klar darf das nur zwanzig Euro kosten. Mit den Kosten der Fracht kommt man da auf einen stattlichen Preis. Das Sofa ist in Ordnung, bequem, ordentlich, aber naja – und dann stelle ich mir vor, wie der LKW-Fahrer nach langer Fahrt bei seiner Familie ankommt und die Schätze aus Deutschland anpreist. Schöne Decke drüber, fertig. Ja, so verwöhnt ist man.

Ein Bild der Sitzgruppe und die weitere Berichterstattung folgen…

Wegen Umbau geschlossen

Wenn so ein Papa stirbt, dann wird vieles anders, z. B. denkt man plötzlich oft an einen Papa, an den man sonst nie viel gedacht hat, weil er ja immer im Hintergrund gegrummelt hat. Es fällt einem dies und das ein und wie sich andere Leute doch so ganz anders verhalten als der Papa. Am Telefon hat man genau gehört, wenn der Papa dran war, dann raschelte es länger, ehe er sich zu Wort meldete. Man fragte kurz, wie es denn gehe und erhielt zur Antwort: „Wie´s Wetter! Willst die Mama mal sprechen! Ist hinten bei der Oma!“ Ohne eine Antwort abzuwarten raschelte es wieder, gefolgt vom leisen Ausatmen des Zigarettenrauchs und einem rhythmischen Poltern, das bestimmt von seinen Schritten hergestellt wurde. „Hier“ hörte man es dann leise brummen, ehe man ein lautes „Hallo!!!“ von der Mama vernahm, die einem dann Neuigkeiten vom Tage erzählte und dann wunderte man sich, dass der Papa überhaupt gar nicht mit einem sprechen wollte.

Wenn ein Papa stirbt, bleiben andere übrig. Das sind diesmal wir. Wenn eine Mama stirbt so wie vorgestern, ist das genauso und in gewisser Hinsicht bleiben wir wieder übrig, auch wenn die Mama nicht unsere eigene war. Morgen oder in einer Stunde bleiben wieder neue Leute übrig. So ist der Gang der Dinge. Man denkt nach, lebt sein Leben und sortiert alles neu. Umzug aufs Land, Vollzeitstelle halbiert, Nächte ohne Schlaf, Furchen zwischen den Augenbrauen. So ist das, wenn man übrig bleibt.

 

Maschinen abstellen?

Wir hatten neulich die Situation. Wir dachten, gleich fragen sie uns bestimmt, ob man die Maschinen abstellt, aber der Arzt sagte, die Eiweißaustauschtherapie und auch die Therapie der Blutvergiftung schlügen an, deshalb würde weitergemacht. „UMKEHR-ISO“ stand außen an seiner Tür. Das Thema Patientenverfügung schwirrte in unseren Köpfen. Die war natürlich nie gemacht worden, ist klar. Maschinen würden in Deutschland nicht einfach abgestellt. Das passiere erst, wenn der bewusstlose Körper deutliche Signale oder eben gar keine Signale mehr sendete. Wir saßen diesmal am Fußende – direkt neben ihm hätten wir Angst gehabt, dass wir das Bild nicht mehr vergessen würden. Etwa vier Stunden später hatte es die Signale gegeben. Heute habe ich bei Edeka wieder das Klingeln der „UMKEHR-ISO“ gehört.

Trauertourismus, der

Google kennt nur wenige Einträge zum Thema Trauertourismus. Das müssen wir ändern! Die Kondolenz bei der Familie eines Verstorbenen ist in Städten und Dörfern wohl grundverschieden. Je anonymer man in der Stadt ist und sich mehr Kontakte wünscht, desto freudiger kondolieren Hinz und Kunz im Dorf. Unser Papa hatte eine sehr große Beerdigung. Wir hatten damit nicht gerechnet, weil er kein Vereinsmitglied und kein Typ für „Pösterchen“ war, was wir ihm alle hoch anrechnen.

Er war eher derjenige, der irgendwo an einer Ecke stehenblieb, sich eine Zigarette anzündete und nach einer kleinen Weile Themen ansprach, die er vorzugsweise in verschiedenen Fernsehsendungen gehört und auf die er sich seinen Reim gemacht hatte. Zu seinen Favoriten gehörten neben ZDF History und etlichen „Hitlers-Helfer-Formaten“ die Beiträge von N24 oder alle Sendungen des Mitteldeutschen Rundfunks. Ich sehe noch, wie er seine Zigarette stimmungsvoll zu seiner Erzählpause ausdrückt und seine Zuhörerschaft gebannt an der Angel hat. Während er den Rauch auspustet, sagt er Dinge wie: „Pass auf, wenn die Archive des Vatikans mal geöffnet werden.“ Er hebt dazu langsam seinen rechten Zeigefinger.

Aber ich schweife ab. Gestorben wird immer und weil so ein Dorf im kulturellen Bereich nicht überbordend ist, gibt es eine Grundgesamtheit von etwa 30 Personen, die auf jeder Beerdigung erscheinen. Eine hübsche Menge, die man gut mit den eigenen Leuten erweitern kann und die das feierliche Bild abrunden. Die meisten kommen und gehen, bringen noch eine Karte mit und verschwinden wieder.

Dann gibt es andere Leute. Je nach Trauerfall verhält sich der Trauertourist natürlich unterschiedlich und schlägt genau dann zu, wenn man es nicht erwartet. Das ist seine Eigenart. Im Dorf verhält es sich meistens so, dass sich viele Nachbarn, Freunde und Bekannte zu einem kurzen Besuch verpflichtet fühlen. Man bietet ihnen ein Getränk an und hört Geschichten von Menschen, die im Sterben oder im Tod wie Zombies ausgesehen haben: Ja, also bei der war es ganz schlimm, da hing ein Auge hier und eins da. Mhm, man nickt mitleidvoll und fragt sich, warum das nun gerade jetzt erzählt wird. Vielleicht wird verglichen, wer die beste Gruselgeschichte hat.

Die nächste Stufe der Trauertouristen ist korrekt völlig in schwarz gekleidet mit Schuhen, die nur zum Kirchgang bemüht werden, während man selbst eher zerzaust daneben sitzt und froh ist, dass der Kleiderschrank noch irgendwas hergegeben hat. Sie wissen ganz genau, was jetzt zu tun ist und wie es dem eigenen Toten ging. Auch wissen sie, wie es unserer Familie gerade geht. Toll, was die alles wissen. Diese letzte Gruppe birgt sogar Vertreterinnen, die bei plötzlichen Witwern mittags mit einem prall gefüllten Suppentopf vor der Tür stehen – aber Vorsicht, es könnte sein, dass sie am Ende mehr wollen als einen geteilten Tisch …

260 000

Leukämie kommt von Leukozyten. Das habe ich gelernt. Ich sitze hier, habe endlich Zeit und muss nicht mehr auf das Handy sehen. Deine Blutwerte werden nicht mehr durchgegeben. Es waren 260 000. Ein gesunder Mensch hat bis zu 10 000 Leukozyten. Es waren 40 Blutkonserven und leider nur drei Wochen. Ich wünsche Dir alles Gute, lieber Papa. Irgendwann schreibe ich alles auf.

Macht alle mit!

Die Rezensionen bilden hier sozusagen Warteschlangen, die Bücher türmen sich neben dem Rechner…aber bald kommt wieder was, z.b. zu „Untenrum frei“ oder Lize Spit oder „Das Rauschen in unseren Köpfen“ usw. Inzwischen laufen bei mir 2 andere Sachen bei denen Ihr mitmachen könnt: Infos dazu findet Ihr unter: http://www.karolinkaden.de Würde mich freuen wenn jemand von Euch […]

über Schreiben, schreiben, schreiben — reingelesen

Heute mal wieder alles Oberärzte!

Es gibt Tage, an denen die Dichte erfolgreicher Menschen höher zu sein scheint als an anderen. Die junge Schnupperpraktikantin sitzt neben mir und hat mir bereits ihre Lebensplanung erzählt: Entweder Jura oder halt etwas, wo man Geld verdienen kann. Eine Weltreise will ich auf jeden Fall machen. Las Vegas, Mount Everest und so. Toll, sage ich, dass Du schon so konkrete Ideen hast in Deinem Alter. Ach, denke ich, in dem Alter. Am anderen Ende des Abteils unterhalten sich welche. Wir werden still. Es sind ältere Menschen, die über ihre Kinder und Enkel sprechen. Der eine in Brüssel, der andere leitender Oberarzt in Norddeutschland. Chefarzt will er nicht werden, weil deshalb und das ist so viel Verwaltung. Ich frage mich, warum in meiner Nähe niemals normale Trottel sitzen und summe im Geiste die Zeile: „Millionäre, Architekten, die sind alle heut´ nicht hier, nimm´ doch mal einen Defekten, der passt eh besser zu Dir, versuch´s doch mal mit mir…“

Rubinhain: Donar

I.

„Natürlich hast Du Angst vor Gespenstern. Sie handeln eben nicht in Deinem Sinn,“ sagt er und lacht mir ins Gesicht. Unglaublich. Eben hatte ich ihm noch aus meinem Leben berichtet, hatte ihm vertrauensvoll erzählt und nun steht er vor mir. Seine dunklen Strähnen ragen widerspenstig in alle Richtungen und sein Stolz ist unvereinbar mit dem lange zerschlissenen Hemd, dessen Löcher seine blasse Haut zeigen.

Woher sollte er auch Gefahr laufen, eine gesunde Farbe zu bekommen? Nächtelang sitzt er in seinem Arbeitszimmer und brütet über Texten, deren Wörter ich nicht verstehe. Zuerst haben mir die Bücher Angst gemacht. Sie sind alt und neben den getrockneten Sträuchern wirken sie wie Zauberwerk aus einer anderen Zeit. Dann habe ich ihn kennen gelernt und er brachte mir bei, wie man Tinkturen und Salben herstellt, für was man welche Pflanze benutzen kann und bei welcher Mondphase Krankheiten am besten heilen. Sehr lange hat er mich einfach unterrichtet. Natürlich hatte ich ihn nicht darum gebeten, aber er mochte es, wenn er sein Wissen weitergeben konnte. So lernte ich von ihm einige Dinge, die mir noch heute nützlich sind, wären da nicht seine Veränderungen gewesen.

II.

„Wie hast Du ihn kennengelernt?“

„Ich war damals auf dem Gut Hohenberg in Stellung. Die Familie war nett gewesen und irgendwie waren wir gut miteinander ausgekommen. Wahrscheinlich wussten sie, dass ich bisher schon so vieles erlebt hatte und wünschten mir nun alles Gute. Dies dankte ich ihnen mit meiner fleißigen Arbeit. Jeden Morgen war ich schon zeitig bei den Tieren und im Hof gewesen, aber was soll ich sagen? Vielleicht geht es anderen Menschen auch so, aber irgendwann wird das Leben eben das, was es nun einmal ist.“

„Er war also auf Eurem Hof?“

„Es war der 30. April. Der Mai ist der schönste Monat für mich. Der Frühling ist so kraftvoll und wunderbar. Überall kann man den Duft von Flieder und frischen Kräutern spüren. Die Dämmerung verändert sich und das ganze Wesen der Menschen ist zauberhaft. So passt es doch so wunderbar, dass die Leute dann feiern und Freude an ihrem Leben haben.“

„Es ist ein gottloses Fest.“ Der Pfarrer räusperte sich.

„Es ist ein altes Fest, denke ich. Das ganze Dorf ist auf den Beinen und tanzt im Kerzenschein. Sie lachen und singen. Ich weiß, dass Gott da ist. Sagt nicht die Bibel, dass Gott da ist, wo zwei sich treffen?“

Verwundert blickte der Pastor auf. „Ja, wo zwei zusammen sind, da bin ich bei Euch.“ Der Pastor räusperte sich hörbar, nun verunsichert, dass eine Dienstmagd offensichtlich gegen seine Argumente Einwände hatte.

III.

Ich drehe mich um und gehe zurück in den Stall. Ich weiß, wo mein Platz ist, aber ich hasse ihn dafür, dass er es mir auf so einfache Art zeigen will. Dieses Streiten, wenn er glaubt, im Recht zu sein und ihm auffällt, dass er etwas nicht bedacht hat, dass eine Dahergelaufene etwas wissen könnte, das ihr nicht zusteht.

Früher hatte ich noch Zugang zu seinen Büchern und habe sie auch in seiner Abwesenheit lesen dürfen. Dann war es sehr schlimm geworden und ich durfte nichts mehr lesen. Das war irgendwann im Sommer. Ich sehe noch, wie ich im Sonnenuntergang die letzten Halme auf die Heuschober bringe und mich dann mit meinem Rechen und den anderen Arbeitern auf den Heimweg mache.

IV.

Er ist anders gewesen als die anderen. Das haben die Dorfbewohner schon immer gesagt. Niemand kennt seine Familie und seine Herkunft. Irgendwann, so erzählten sie, war er einfach dort gewesen und hat begonnen, ihnen zu helfen.“

Ich weiß noch, wie er damals von allen abgelehnt wurde. Auf dem Hof war er nicht gut angesehen. Ein Scharlatan. Aber dann, als er den ersten Kindern auf die Welt geholfen hat und begann, die unabänderlichen Schicksale des Lebens abzuwenden, ließen sie sein Wirken zu.

Wie hat er ihnen geholfen?“

Der Name Donar kommt aus der nordischen Sagenwelt. Ich weiß nichts darüber, aber er hat mir erzählt, dass es einen Donnerer gegeben hat, einen Mann, den kein anderer je besiegen konnte. Seine Waffe, ein Hammer, war so stark, dass er damit ganze Landstriche zerstören konnte. Er wollte sein wie Donar. Das war die einzige Auskunft, die er mir über sein bisheriges Leben gegeben hat.“ „Und?“

Er hat sich den Namen selbst gegeben. Niemand in dieser Gegend hat einen solchen Namen, aber vielleicht kommt er nicht von hier. Manche Leute sagen, dass er sein Wissen aus der ganzen Welt zusammengetragen hat.“

Nein, aber alles ist Gottes Werk.“

Ja, so habe ich es auch gesehen. Ihm gegenüber durfte ich Gott nicht erwähnen. Es war unglaublich. Er wurde wütend immer dann, wenn die Traditionen von uns verlangten, dass wir zur Messe gingen und zur Beichte. Er hielt davon nichts. Das wussten alle.“

Aber trotzdem habt Ihr seine Dienste in Anspruch genommen.“

Ja, es war töricht. Man hatte das Gefühl, dass er etwas Böses tun wollte, aber er bewirkte so viele gute Dinge. Ungeborene in Steißlage, Alte mit porösem Darm oder selbst schmerzhafte Blähungen wusste er zu heilen.“

Blähungen?“ Der Pfarrer lächelte. Das Gespräch nahm eine interessante Wendung.

V.

Die richtige Dosis und der richtige Moment, in dem es verabreicht werden soll. Eine glückliche Kombination. Das ist alles. Donar war wie die alten Frauen. Er hat seine Kräuter bei Vollmond gepflückt, aber er hat sein Wissen so wohl dosiert wie seine Tinkturen.

Nach der Heuernte kamen wir lustig nach Hause. Es war längst dunkel geworden, weil die Arbeiter ihren Spaß mit uns getrieben hatten. In seinem Zimmer brannte Licht und ich ging zu ihm, sah aber, dass er gerade gehen wollte. Er erzählte mir, dass der Grund allein das helle Vollmondlicht sei, warum er ausging. Dann ließ er mich stehen.

Manchmal dachte ich an Beschwörungen. Leute im Ort hatten von Frauen gesprochen, die im Wald bei Vollmond um das Feuer tanzten und sich mit dem Teufel einließen. Ich habe ihn nie gefragt. Ich dachte, dass es seine Kraft stärkte und ich habe das Gefühl verdrängt, habe mich in solchen Momenten an die schönen Zeiten erinnert.

Damals war es heiter, wenn wir abends beieinander saßen und erzählten. Er spielte auf seiner orientalischen Gitarre, wie er das lange hölzerne Ding nannte. Ich hatte Tee am Feuer gewärmt und mich zu ihm gesetzt.

VI.

Er hat mich lange Zeit nur beobachtet, ehe er mich auf dem Maifest angesprochen hat.“

Was?“

Das Fest. Ihr hattet nach unserem Kennenlernen gefragt.“

Ah, ja. Und hat er dich jemals unsittlich berührt?“ Der Pfarrer schnappte nach Luft, horchend, ob er die letzten Worte tatsächlich gesagt hatte. Er war hier schließlich nicht in einem Verhör, sondern bei einer Befragung, die vielleicht etwas über den Tod eines Mannes einbringen könnte, den kaum ein Mensch kannte.

Donar würde fragen, was unsittlich bedeuten sollte. Für ihn hätte es keine Unsitte gegeben.“

Bis über beide Wangen färbte sich das Gesicht das Pfarrers rot, der seine Indiskretion zutiefst bereute.

VII.

Wenn ich dem Pfarrer sage, was er hören will, so muss ich bejahen, dass sicher noch tausend andere zu seinen Frauen gehört haben, dass wir seine Dirnen waren und dass er uns allesamt ausgenutzt hat. Aber wie klingt das verglichen mit dem, was ich erlebt habe? Was war mein Leben vorher gewesen? Wie waren seine Augen und seine Wort doch das, was der Pfarrer von König Salomo niemals gepredigt hatte: Er ist besonders unter Tausenden, seine Finger wie Stäbe aus Gold, seine Locken wie rabenschwarze Rispen. Alles, was so sehr fremd für mich war, dass ich gar nicht sagen kann, ob es nun an der Fremdheit oder der Erhabenheit liegen mochte. Wie hätte ich mich dagegen wehren können, das zu werden, was der Pfarrer mir heute vorwirft, wenn ich Gott nie näher gewesen bin als in den Zeiten mit ihm?

An jenem Abend hatte er mich beobachtet wie einen kostbaren Schatz. Wie einen Diamanten, den man im Heu findet. Ich war so unglaublich für ihn, dass er jede meiner Bewegungen aufmerksam gemustert hat.

Documenta-Zeit

Seit dem letzten Samstag ist es wieder so weit: Wir sind Weltstadt! Man erkannte es schon lange daran, dass hier kräftig gebaut, repariert und ausgebessert wurde, um uns für 100 Tage wie eine Metropole dastehen zu lassen. Letzten Freitagabend kamen sie dann: Die Schönen und Exzentrischen, die aus Berlin Mitte und alle, die was auf sich hielten und das sind viele.

„No, we don´t have stevia-chocolate. Sorry“, raunt der Kaufhof-Filialleiter mit strengem deutschen Akzent zu einer geblümten Dame mit wüster Brille und Knödel auf dem Kopf, deren Auftreten man früher belächelt hätte, aber jetzt als kosmopolitisch deuten würde.

Wir sind eigentlich nur Kassel. Als Provinz kann man uns nicht bezeichnen, denn Provinz – das wäre ein landschaftlicher, positiver Begriff für eine Region, die auf einem soliden Wertesystem aufbaut – wie Paderborn vielleicht. Aber Kassel ist so wie es klingt: Dreckig, ungehobelt, furchtbar, mit 7000 Eichen, aber ohne Fahrradwege und mit Parallelgesellschaften statt Integration. Eine der miesesten, die wir kennen. Kommt trotzdem mal her, wenn Ihr Zeit und Lust habt. Wir haben viel Plunder zum angucken und von uns stammt eben auch das Zitat: „Ist das Kunst oder kann das weg?“

http://hessenschau.de/kultur/documenta/tipps-documenta-fuer-eilige-und-fuer-kunst-fans,doc14-reisefuehrer-stunden-tage-100.html

 

Auf zu neuen Ufern?

Neulich habe ich Perlen für mich entdeckt. So würde ein erfolgreicher Blogpost beginnen von einer, die es raus hat. Die Zeit und Muße und ein ganzes Zimmer voller Handarbeitszeug, ein Expedit-Regal nur mit Stoffen, Perlen, Garn, Knöpfen und so weiter hat und Kinder, die sie damit bei Laune hält. Ich hatte ein tolles Geschenk in Form einer festen, gehäkelten Perlenkette bekommen, die nicht selbstgemacht, sondern gut aussieht. Dachte ich, machste auch mal und irgendein Youtube-Video wirds schon richten. Nix da. Fast jeden Tag probiere ich nun, sitze lange Zeit gebeugt mit später blanken Nerven und zitternden Fingern. Vielleicht ist nicht jedes Hobby etwas für mich.

 

Betrunkene Bäume

Momentan werden die Neuerscheinungen wieder interessanter. Dieses Buch erzählt von Erichs Forschungen in Russland, wie er sich mit dem Land auseinandergesetzt hat und darüber älter wurde. Es erzählt auch von Katharina, die gerade ziemlich daneben ist. Die Protagonisten weisen schon auf eine Geschichte hin, die in dieser Form schon tausendmal erzählt wurde. Trotzdem hält sie besondere Elemente und eine schöne Sprachwahl bereit. Ada Dorian schreibt ein wenig hipsteresk, etwas oberflächlich und hingebogen, hat aber Potential für weitere Texte. Das Lesen der „Betrunkenen Bäume“ lohnt sich also.

Ada Dorian
Betrunkene Bäume
2017, 268 Seiten, Ullstein

Dorian

Der Zahir

Bücher lese ich sehr selten mehrmals. Die meisten Texte sind nicht besonders ergiebig, eine Geschichte ist schnell erzählt und gibt nicht viel her. Paulo Coelho gehört jetzt auch nicht unbedingt zu den alleroberintellektuellsten Schriftstellern, aber wer hat gesagt, dass wir hier nur die Besten der Besten erwähnen? Außerdem haben Coelhos Texte ja ihre breite Leserschaft. Das erste Mal, als ich diesen Text las, muss ich im Studium gewesen sein, habe mich in die junge 30-jährige Kriegsberichterstatterin hineinversetzt, später habe ich dann die einzelnen Passagen über die Liebe und ihre richtige Dosierung aufgesogen. Heute lese ich den Text mit einem Augenzwinkern, erkenne, dass die Welt nicht so weltmännisch ist wie Paulo Coelho, dass es nur wenige preisgekrönte Kriegsberichterstatter mit einem Jetsetlifestyle gibt und dass trotzdem viele Elemente lehrreich sind. Ich würde dieses Buch immer weiterempfehlen.

Paulo Coelho
Der Zahir
2005, 342 Seiten, Diogenes

Coelho

Kein schöner Land

Also mache ich auch mit beim Aufruf des „einfachen Lebens“ und bringe meinen Beitrag. Ein Lied, das mir von etlichen Auftritten unseres dörflichen Gesangvereins aus meiner Kinderzeit hängen geblieben ist, ist dieses. Vielleicht ist es heute etwas aus der Mode geraten und hat einen komischen politischen Beigeschmack. Ich weiß aber, dass unsere Sänger damals über ihren kleinen Ort, ihre Landschaft und das gute Zusammensein gesungen haben, so wie es die eigentliche Tradition ist:Blogger

„Die Melodie von ,Kein schöner Land´ basiert auf einer Volksweise aus dem 18. Jahrhundert, die von Wilhelm von Zuccalmaglio bearbeitet und mit einem eigenen Text versehen 1840 veröffentlicht wurde. 1884 fand das Lied eine weite Verbreitung durch das Preußische Soldatenliederbuch und nach 1918 durch die Wandervogelbewegung. Heute (…) eines der bekanntesten deutschen Volkslieder.“ (Quelle: http://www.lieder-archiv.de/kein_schoener_land-notenblatt_300139.html)

Seit etwa zwei Jahren entdecke ich viele Lieder wieder, weil ich mir als absoluter Musikanfänger ein Akkordeon angeschafft habe und regelmäßig üben muss. Die Volkslieder sind einfache, kleine Melodien, die man gut nachspielen kann und eine große Wirkung haben. Hier habe ich den Link zur Version von „Bube, Dame, König“ gesetzt:

Danke, liebe Arabella und bitte alle fleißig weitersammeln! https://teil2einfachesleben.wordpress.com/2017/05/21/einladung-blogger-singen-volkslieder/

Liedtext

Kein schöner Land in dieser Zeit,
als hier das unsre weit und breit,
wo wir uns finden
wohl unter Linden
zur Abendzeit, Abendzeit.

Da haben wir so manche Stund‘
gesessen wohl in froher Rund‘
und taten singen;
die Lieder klingen
im Eichengrund.

Daß wir uns hier in diesem Tal
noch treffen so viel hundertmal,
Gott mag es schenken,
Gott mag es lenken,
er hat die Gnad‘.

Nun, Brüder, eine gute Nacht,
der Herr im hohen Himmel wacht!
In seiner Güten
uns zu behüten
ist er bedacht.

Ihr Brüder wißt, was uns vereint,
eine andre Sonne hell uns scheint;
in ihr wir leben,
zu ihr wir streben
als die Gemeind‘.

Einladung – Blogger singen Volkslieder — Teil 2 Einfach(es) Leben

Euch alle möchte ich einladen, bis Ende Juni Volkslieder zu singen. Denkt an euer liebstes Lied aus Kindertagen oder von heute dabei. Stellt eueren Beitrag in euerem Blog ein und verlinkt ihn in meiner Kommentarspalte, am Schönsten mit Text dazu. Euere Lieder werde ich sammeln und Ende Juni in einem Beitrag spielen. Jedem Mitsinger werfe […]

über Einladung – Blogger singen Volkslieder — Teil 2 Einfach(es) Leben

Unsere Hochzeit: Aus und vorbei

„Trage ich den so richtig?“ – „Ich weiß nicht, ich habe noch keinen Schleier getragen“, sagt meine ältere Freundin und mir wird bewusst, dass dies eine Erfahrung ist, die nicht jeder macht. Ich hatte schon erwähnt, dass ich keine weißen Kleider und die Hochzeitstradition im Allgemeinen überhaupt nicht mag, bin aber Anfang Mai im weißen Kleid unter Tränen der Rührung zumindest standesamtlich unter dem Kriterium, dass ich meinen eigenen Nachnamen behalte, mit meinem Mann vermählt worden, der ebenfalls nicht wusste, was geschah ;-). Auch hatte ich am Wochenende vor meiner Hochzeit ebenso wie mein Mann einen kapitalen Junggesellenabschied mit allem Zipp und Zapp: Er trug ein T-Shirt und musste trinken, ich trug einen dämlichen Schleier, das Kleid eines Burgfräuleins und musste ebenfalls trinken. Eine Woche später dann eine Hochzeit nach „alter Väter Sitte“ mit knapp 100 Mann, 20 Torten, Buffet am Abend, DJ und knapp 500 Fotos, die wir von unserem Trupp erhalten haben. Nun möchte ich ein Fazit ziehen nach zwei Wochen verheiratetsein, wenn ich es mir herausnehmen darf.

Klamotten
Für jemanden wie mich, der nicht gerade „Hänschen vorn im Stall“ ist, ist so ein Kleid eine schwierige Nummer. Sollte es überhaupt ein Kleid werden? Welche Farbe? Viele Fragen stellten sich mir im Vorfeld und ich kam zu dem Schluss, dass man als Braut und Bräutigam eben kein Gast ist, sondern Dreh- und Angelpunkt des Tages. Aus diesem Grund ist Bescheidenheit in der Kleiderwahl wahrscheinlich ohnehin vergebene Liebesmüh, weil man in Jeans und netter Bluse als Braut eben Kopfschütteln erntet. So kamen mein Mann und ich (wie das klingt) zu der Idee, dass wir es dann klamottentechnisch auch „richtig“ machen, dass es also entsprechend rund gehen durfte. Das „Wie“ stand für uns schon fest und da wir keine Fans von „Tüll und Tränen“ oder Arien des Aussuchens unter Tränen mit unseren Familien sind, haben wir uns gegenseitig vermessen und die Klamotten online bestellt. Ist ein echter Geheimtipp, aber man sollte mehrere Wochen Lieferzeit und einen Nachbarn einplanen, der sich nicht bei einem meldet, wenn ein großes, weißes Paket für lange Zeit in seinem Eingangsbereich liegt.

Anprobe
Die erste Anprobe haben wir dann jeweils allein gemacht, er ganz bescheiden in unserem kleinen Schlafzimmer, ich mit Gebausche und Gerüsche unser komplettes Wohnzimmer ausfüllend und was muss ich sagen? Ich habe mir nicht gefallen. Das Gefühl war ähnlich wie beim ersten BH, irgendwie blöd und unpassend, hässlich und fehl am Platz. Ich habe es dann noch einige Male anprobiert und festgestellt, dass man solche Sachen ebenso wie alle anderen Gefühle um dieses Thema erst mal sacken lassen muss. Auch mein Mann hatte so seine Zweifel im Anzug mit Schwalbenschwanz. Unsere Familie fand uns dann ganz toll, kleine Änderungen wurden noch vorgenommen und dann gingen die Vorbereitungen weiter.

Finanzielles
Insgesamt haben wir vieles mit uns selbst ausgemacht, haben über Preise und Rechnungen kaum mit anderen gesprochen (insbesondere nicht mit unseren Eltern!) und im Nachhinein sind wir beide froh darüber, obwohl ich häufig gezweifelt habe und gefürchtet, dass mein Konto nun endgültig im Soll angekommen ist. Unsere Arbeit hat uns natürlich dann nicht nur finanziell geholfen, sondern auch dafür gesorgt, dass wir die letzten Wochen vor der großen Aktion nicht komplett austickten und abgelenkt waren.

Schleifen und Blümchen
Der Tag vor der Hochzeit war der der letzten Vorbereitungen: Blümchen klauen und in Gläschen verteilen, Kuchen backen und bringen, an Verwandte denken und letzte Instruktionen. Tischkarten verlangen viel mehr Aufmerksamkeit, als man vorher vermutet hatte. Grundsätzlich würde ich davon abraten. Weil wir beide aber ruhige Menschen sind, haben wir es mit vielen Temperamentsbolzen zu tun, die unter keinen Umständen neben bestimmten anderen Personen sitzen wollen. Wahrscheinlich haben wir das Schlimmste mit unseren Sitzplänen verhindert.

Konfliktherde
Es gab mehrere offene Fragen und jetzt wird es kompliziert: Da sich meine Schwiegermutter vor einigen Jahren überlegt hat, lieber mit ihrem Schwager als mit ihrem Mann zusammenzuleben und beide aus diesem Grund von der Familie gemieden werden, aber kreuzunglücklich und alkoholkrank sind, haben wir hier ein erstes großes Problem. Meine Schwägerin möchte deshalb auch nicht, dass die Oma ihren Enkel kennenlernt. Da die Schwägerin in der Nacht unserer Hochzeit noch Geburtstag hatte, war der Abgang von Schwiegermutter und Onkel um kurz vor zwölf nicht die feine englische Art. Zwei Freunde meines Mannes waren wegen 50,-, es ging damals um eine Tankfüllung, für 5 Jahre zerstritten – auf unserer Feier mussten sie sich zusammenraufen und hatten schon wieder ersten Kontakt. Ähnliches zwischen Arbeitskollegen, die nicht zusammensitzen durften, etc. Einer der 50-Euro-Kumpels hat auch eine Schwester, die mich Dahergelaufene nicht leiden kann. Sie war lange mit meinem Mann befreundet und wollte keinen Kontakt mehr zu uns. Sie hatte damals am Telefon gesagt, dass sie und ihr Mann mich als Partnerin für meinen Mann nicht wollen, vier Jahre Funkstille, neulich große Entschuldigungsnachricht von ihrer Seite. Okay (?)

Der Tag
Der Tag verging wie ein paar Minuten. Zwischendurch will man immer „stopp“ rufen, um die Sache zu hinterfragen, sich Zeit zu nehmen und zu widmen, geht aber nicht. Jetzt bleibt uns die Erinnerung und die Tendenz zur Nostalgie, dass alles wunderbar war. Wir haben unsere Beziehungen gepflegt und freuen uns bis heute über die Wärme, die uns in der Zeit vor, während und nach der Feier entgegen gebracht wurde.

Ausundvorbei

Heute ist endlich wieder der Alltag eingekehrt. Wir sind die Trottel von immer und freuen uns im Stillen über die Dinge – ganz so wie ich es mag. Nicht alles wird mehr kommentiert. Klar fangen die Leute vom Hausbau und Kindern an, aber die letzten Jahre haben die meisten Menschen doch gelehrt, dass unsere Gesellschaft nicht mehr funktioniert wie vor 50 Jahren. So haben wir eine schöne Erinnerung und den Wunsch nach weiteren großen Festen.

Hochzeitsbräuche

Wenn man heiratet, dann ist das für Braut und Bräutigam etwas Besonderes, aber vor allem das soziale Umfeld scheint plötzlich außer Rand und Band zu geraten. Empirisch einwandfrei belegt sind nach unserer Erfahrung der bisherigen Hochzeitsvorbereitung diese Gästetypen:

  • Intrigenspinner: Gäste, die sich sonst nie für einen interessieren, nun ihren großen Auftritt als Wohltäter wittern und dabei die Vorbereitungen torpedieren,
  • Toreschließer: Diese Gruppe der Gäste scheint schon vor der Hochzeit Bilanz zu ziehen, denn so langsam gehören wir zu der Altersgruppe, die ans Eingemachte geht, also in Bezug auf Familienplanung & Co., nicht jeder „Thirtysomething“ ist verheiratet oder hat Kinder, plant es aber vielleicht und wird durch unsere Hochzeit an seine eigenen Pläne erinnert – Krisenintervention ist hier Ehrensache,
  • Rückbesinner: Ja, damals bei uns war das ja so eine Sache. Wir hatten kein großes Fest, weil, aber wir brauchten das auch gar nicht und zuletzt noch die
  • Guten Vorbereiter: Habt Ihr Buchsbaumsträuße für die Herren und Kuchenschilder? Am besten kaufst Du dafür lange Schaschlikspieße, ich könnte Euch ein super Auto organisieren, Spottpreis. Dafür müssten wir aber kurz vor der Trauung nach Eschwege…
  • Profis: Blogger und Hochzeitsplaner im Internet, aber auch die Mitarbeiterin in Eurer Traulocation, die Euch blasiert nach Eurem Floristen fragt und Ihr Euch im Geiste schon mit dem Arm voller 2,99-Edeka-Sträuße seht.

Es gibt noch viel mehr Typen, aber hütet Euch vor jeder Gruppe! Macht Euer Ding und lasst Euch nichts erzählen. Wenn die Farbe der Blumendeko nicht mit den Tischkarten harmoniert, wenn Ihr nicht mit einem Oldtimer, sondern mit Eurem Alltagsauto vorfahrt oder wenn Ihr und Eure Hochzeitsgesellschaft nicht zu den blumigen Instagram-Arrangements mancher Blogger passen werdet, geht die Welt nicht unter. Das interessiert keinen!

Die Farben der Insel

Karitas, die Protagonistin in „Die Eismalerin“ findet die Kraft, sich von den verstörenden Themen ihrer Vergangenheit zu lösen und sich ihrer Malerei zu widmen, an der sie schon lange arbeiten möchte. Man erlebt eine Künstlerin, die hin- und hergerissen zwischen einem „normalen“ Leben ist und der Konzentration auf ihre Arbeit, die in einen gefährlichen Egozentrismus mündet. Ein Roman mit einer großen Sprache.

Kristín Marja Baldursdóttir
Die Farben der Insel
2007, 558 Seiten, Fischer

Baldursdóttir2

Bald

„Mensch, wann heiratest´n Du endlich?“ Die Kassiererin der benachbarten Kasse ruft laut herüber. Bei „Müller“ ist heute was los. Ich schaue hoch, merke aber, dass der Kunde hinter mir gemeint ist und lächle meine eben gekauften Kekse an.

„In knapp drei Wochen“ wäre die Antwort gewesen, die ich losgefeuert hätte, wäre ich nur mutiger gewesen. Mache ich nächstes Mal – die Gelegenheit kommt wieder.

So hält das Leben Überraschungen bereit: Heiraten? NIEEEMAAALS. In weiß? Bestenfalls pottschwarz. Feier? Spießer! Sehen viele so. Ich auch. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?

Eine Lanze brechen für ZEITENBRAND

Der alleroberschlechteste Text, der jemals im Letternwald und über Tredition veröffentlicht wurde, scheint das Buch ZEITENBRAND zu sein. Mhm. Es hat wirklich kaum ein Trottel gekauft und es hat sogar eine schlechte Bewertung bei Amazon bekommen, was noch nicht mal sooo unterirdisch ist, weil sich ja irgendwer die Mühe gemacht hat, etwas Mieses über den Text zu schreiben.

Wenn Bücher gelesen werden, ist dies keine Frage der Qualität. Für „Weinbergmond“ und „Kirmesblut“ hat es Leser gegeben. Es sind zwei leichte Texte, die einen vorhersehbaren Aufbau haben und bei dem anderen, ja bei dem anderen … Hier sind Leseproben: https://zeitenbrand.wordpress.com

Die Schachnovelle

Die beiden Schachspieler könnten unterschiedlicher nicht sein: Einer von ihnen ist der amtierende Weltmeister, funktioniert wie eine Maschine ohne jede Leidenschaft für seine Tätigkeit und geht einfach seiner Arbeit nach, der andere hat das Spiel aus Mangel an Alternativen mühsam gelernt und damit andere Bedürfnisse gestillt. Er spielt aus Besessenheit, um die Kühle einer Politik zu verdrängen, deren Machthaber ihn gefoltert haben. Ein kleines Schachlexikon ist das einzige, das seine Gedanken wach hält und das ihn um den Verstand bringt.

Man sagt, dass Stefan Zweigs Werk 1942 in diesem Text seinen Höhepunkt und seinen Abschluss gefunden hat. Nach seiner Vollendung nimmt Zweig sich mit seiner Frau das Leben und besiegelt damit die Traurigkeit, die in der Geschichte mitschwingt.

Frühling

Immerhin hatte ich geschwiegen. Am Bahnhof Altenbeken war ich kurz ausgestiegen. Zuerst dachte ich, ich hätte sie abgehängt, aber dann fanden sie mich doch.

Sie war nicht hier. Ich stellte mir vor, wie sie nach einem Ausweg suchte, aber irgendwie spürte ich, dass sie dasselbe Schicksal ereilte wie mich. Eigentlich war es eine ganz schlichte Begegnung gewesen. Sie hatte etwa mein Alter und ich glaubte, dass sie wie ich vielleicht zur Uni ging. Ganz normal hatte sie sich verhalten, als sie nach dem freien Sitzplatz neben mir gefragt hatte. Natürlich durfte sie sich setzen, schließlich war der Zug ziemlich voll gewesen. Sie hatte schnell ein Buch aus ihrer Tasche gezogen, das sie sich auffällig dicht vor ihre Augen gehalten hatte. Vielleicht Kurzsicht – damit nichts Verdächtiges. Erst einige Momente später waren die Herren aufgetaucht. Sie hatten ihre Blicke prüfend schweifen lassen, aber nicht so, wie ein Fahrkartenkontrolleur es tun würde, eher dringlicher und vor allem aggressiver. Ich hätte schwören können, dass es eine Grenzkontrolle war, allerdings konnte ich ihre Uniform in keiner Weise zuordnen. Irgendwie grau und weiß, aber genau konnte ich es nicht wahrnehmen, zumal mich die Reaktion meiner Nachbarin völlig überforderte.

Mit der linken Hand ihr Buch haltend, suchten die Finger ihrer rechten Hand, die mir am nächsten war, nach meiner Hand. Nahezu intuitiv hatte ich ihre Bitte um Beistand gefühlt und angesichts der Situation war ich bereit, die fremde Hand in meine zu nehmen, die sich kalt anfühlte. Zwischen ihren Fingern spürte ich die Nässe, die bei starkem Schwitzen entsteht und erwiderte den festen Griff, den sie mir bot.

Die Herren gingen nur langsam vorwärts. Diskret blickten sie in jedes Gesicht und maßen es ab. Die Hand in meiner Hand war verräterisch. Die Vermutung, dass sie etwa mein Alter hatte, verwarf ich nun. Sie musste wesentlich jünger sein als ich und schien auch selbst diesen Unterschied wahrzunehmen. Ihr Schweiß zeigte an, was die Männer suchten und ich reagierte mit festem Druck.

Sie verhielt sich still und erst als die Männer an uns vorbeigegangen waren, warf sie mir einen kurzen Blick zu, unbedeutend. Ich hatte eher mit einem Ausdruck der Erleichterung gerechnet als mit diesen Augen, die mir zwar Stillschweigen suggerierten, aber ansonsten nüchtern auf mich wirkten. Die Angst, die eben noch in dem Druck ihrer Hand zu fühlen gewesen war, war jetzt einer Art Routine gewichen, die sich in einer demonstrativen Ignoranz äußerte. Ich beschloss, mich nicht weiter um diesen Vorfall zu kümmern.

Die Landschaft zog schnell vorüber. Bäume und Büsche waren nur noch graue Streifen und meine Gedanken wanderten wieder zurück zu dem eben Erlebten. Ob ich sie fragen sollte? Vielleicht sollte ich mich für das interessieren, was sie bewegte? Vielleicht wünschte sie sich das, auch wenn ihre Augen es nicht ausstrahlten? Andererseits wollte ich mich nicht zu sehr in etwas hineinziehen lassen, das mich gar nichts anging.

Der Schnee wurde glitzernd von der Sonne reflektiert, die nun zur Mittagszeit hoch am Himmel stand. Von weitem sah ich eine kleine Baumgruppe, die mit Schnee bedeckt und ziemlich vereist war. Die Bäume mussten konserviert worden sein. Etliche Zweige waren zwar bereits abgebrochen, aber sie waren noch immer in ihrer ursprünglichen Form zu erkennen. Oft schien die Sonne jetzt. Früher war es eher nebelig und grau gewesen.

„Kalt draußen.“

„Ja.“ Ihre Miene hatte sich binnen kurzer Zeit verändert und nun las ich eher Gleichgültigkeit in ihrem Blick als Angst, sodass die Erinnerung an ihre nasse Hand von mir in Frage gestellt wurde. Die Uniformierten waren vorbeigezogen und wahrscheinlich in einem anderen Abteil verschwunden. Ich sah mich um, nahm aber den Gesprächsfaden wieder auf.

„Kannst Du Dich noch an früher erinnern, als der Nebel dichter war?“ Ich versuchte, mit dieser Frage auch ihre Herkunft zu ermitteln. So viel ich wusste, war das Wetter ein Spezifikum bei uns. Die Reaktorkatastrophe hatte den Nebel hervorgerufen. Bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr hatte ich nur diesen Nebel gekannt, ehe er sich später verflüchtigt hatte. Die krause Falte auf ihrer Stirn zeigte aber an, dass sie wohl nicht aus dieser Gegend war. Komisch, für mich war der Nebel immer normal gewesen. Ich verzichtete darauf, weitere Einzelheiten dieser Vergangenheit zu erwähnen. Die meisten Menschen hatten mich mitleidig angeblickt und ich fühlte mich immer schuldig, wenn die Menschen wegen mir traurig wurden. Ich sah in ihre Augen, fühlte aber, dass sie mit etwas anderem beschäftigt war.

„Lass´mich mal durch.“ Ich stellte meine Beine umständlich zur Seite, sodass sie rausgehen konnte. Ich überlegte noch, ob ich lieber aufstehen sollte, als sie mir einen kleinen Zettel in den Schoß warf, den ich sogleich in meiner Hosentasche verschwinden ließ.

Was mochte auf dem Zettel stehen? Es war ein kleines weißes Papier, nicht besonders auffällig. Keine Schrift war zu sehen und so stellte ich mir vor, was es sein könnte, vielleicht eine Nummer oder nur ein Stichwort. Vielleicht sogar eine Zeit- oder eine Ortsangabe? Ich war in etwas hineingezogen worden, das ich kaum nachvollziehen konnte. Es irritierte mich in höchstem Maße und doch hatte es eine Bedeutung für mich. Ich war plötzlich Mitglied in einer Angelegenheit, die offensichtlich an dem vorbeiging, was man gemeinhin als normal bezeichnet hätte. Dies hatte etwas Tröstliches, befand ich mich doch oft genug zwar innerhalb der Gesellschaft aber oft genug außerhalb dessen, was ich als wichtig erachtete.

In Altenbeken kam der Zug zum Stehen. Der Bahnhof gab die Sicht auf ein außergewöhnliches Panorama frei. Wäre ich nicht in diese Situation geraten, so hätte ich sicher den Ausblick auf die weite Landschaft genossen und wäre noch einige Schritte weiter gegangen. So konnte ich nur hoffen, bei meinen Ausstieg eine Gelegenheit zu finden, bei der mich die Herren nicht sähen. Ich stieg aus und lief entlang des Bahnsteiges mit dem Blick zur Uhr, denn in etwa zehn Minuten sollte der Zug weiterfahren. Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel und es war eine große Freude und ein großes Glück für meine Augen, nun nach dem langen Winter ins Helle sehen zu können.

Dann ging es schnell: Ich kann heute nicht mehr sagen, woher die beiden Männer gekommen waren, aber sicher hätte ich mich gewehrt, wenn ich die Richtung gewusst hätte, aus der sie gekommen waren und mich gepackt hatten, um mir effizient und ohne Aufhebens zielsicher in den Hosentasche zu fassen mit der größtmöglichen Diskretion, die ein solcher Angriff zuließ.

„Vielen Dank.“, sagte der Uniformierte. Der andere strich währenddessen sanft über meine Schulter, als hätte er mich vor dem herannahenden Zug gerettet.

Ich blieb noch eine Weile stehen, wieder in die Helligkeit starrend. Ich habe sie nie wieder gesehen und machmal frage ich mich heute, ob es diesen kleinen Zettel jemals gegeben hat.

Die Eismalerin

Es gibt Texte, die zu bestimmten Lebensabschnitten gehören. Manche wichtigen Lebensabschnitte kommen einem nicht so recht in den Sinn, weil es viele andere Dinge zu tun gibt und so kann man die Tragweite verschiedener Begebenheiten des eigenen Lebens kaum fassen. Manchmal können Bücher helfen, diese Abschnitte zu vergegenwärtigen, sich hineinzuversetzen in andere Menschen und sich darüber mit sich selbst auseinanderzusetzen. Ich bin froh, die Texte der isländischen Schriftstellerin kennenzulernen, weil sich außer mit dem „Eyjafjallajökull“ und den Kampfrufen der Fußballfans kaum jemand mit dem Leben auf dieser nördlichen Insel beschäftigt und es medial kaum aufbereitet wird. Es ist ein Frauenroman, der von einer rauen Natur berichtet, von einer Liebe und der Chance zu einer Karriere.

Kristín Marja Baldursdóttir
Die Eismalerin
2006, 463 Seiten, Fischer

Baldursdóttir

Georg Friedrich Händels Auferstehung

Es ist ein kleines Büchlein, das vom Fallen und Aufstehen erzählt. Stefan Zweig berichtet sehr engagiert über den „Messias“ des Komponisten Händel, der nach einem Schlaganfall unfähig ist, seine Arbeit wieder aufzunehmen und sich so sehr zurück in seine Fähigkeiten kämpft, dass er sein größtes Meisterwerk notieren kann. Schön ist die Darstellung des Erholens und der Tatsache, dass es nicht nur um den eigenen Willen, sondern auch um die äußeren Umstände geht, um zu genesen.

Hier eine Version des Messias: https://www.youtube.com/watch?v=71NCzuDNUcg

Stefan Zweig
Georg Friedrich Händels Auferstehung
2011, 71 Seiten, Anaconda

zweig

Was man Euch im Reader machmal sagen möchte…

Es ist schon ziemlich viel, was der Reader so ausspuckt, wenn man nur einige Tage nicht mitgelesen hat. Neue Rezepte, Kunstwerke, Bücher, politische Meinungen werden besprochen. Wie unsere eigenen Texte werden sie bestimmt oft belächelt, wenn einer schreibt, dass er heute noch dringend Wäsche waschen muss, dass er sich eine neue Fantasiewelt ausgedacht hat oder die gelesenenen Bücher nicht am Inhalt, sondern an der Seitenzahl misst. Man kann viel sagen über uns Blogger, aber es ist immer wieder erfrischend, in die Entwicklung und das Leben der anderen Personen einzutauchen.

Wir sind ein Querschnitt unserer Gesellschaft. Es geht Euch so wie uns und das macht mich froh, weil das, was man im Reader liest,  meist gut und menschlich ist.