Vater telefoniert mit den Fliegen

Bekannt ist die Literaturnobelpreisträgerin (2009) für ihre „Atemschaukel“. Außergewöhnlich ist ihr Hobby, verschiedene Worte als Schnipsel zu sammeln und zu Gedichten zusammen zu fügen. Es kommt zu Kompositionen, auf die man selbst nie kommen würde. Ein wunderbares Geschenk zum weiter geben oder selbst behalten.

Herta Müller
Vater telefoniert mit den Fliegen
2014, 207 Seiten, Fischer Taschenbuch

Müller

Das kalte Herz

So interessant wie damals kommt heute das Märchen daher, das von Wilhelm Hauff zur Hochzeit der Romantik im Märchenalmanach des Jahres 1828 veröffentlicht wurde.
Man kann förmlich riechen und atmen, wie Peter Munk im tiefen Schwarzwald sein Glück sucht, abwechselnd auf die nicht eben vertrauensseligen Gestalten des Glasmännleins und des Holländermichels trifft. Außerdem kann man sich gut versetzen in seine Lage. Als armer Kohlenarbeiter sieht er stets auf das, was andere haben, z. B. auf das Geld und die Künste des Tanzbodenkönigs.

Wie oft geht es uns wie Peter?

Zum Weiterlesen empfiehlt sich das Projekt Gutenberg:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/marchenalmanach-auf-das-jahr-1828-5743/4

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Gefährliche Geliebte

„Die Kinder haben Angst vor ihr, hatte mein alter Klassenkamerad gesagt. Als ich das hörte, hatte ich nicht verstanden, was er damit meinte: Ich begriff nicht, was mir diese Worte mitteilen sollten. Nun aber, da ich Izumi direkt vor mir sah, verstand ich.“ (S. 208)

Wie gefährlich und zerstörerisch Liebe sein kann, deutet Murakami in seinem Büchlein an, indem er aus der Sicht des erfolgreichen Hajime die Beziehungen zu seinen bisherigen Frauen beschreibt. Shimamoto und Izumi sind die Frauen, mit denen er seine ersten emotionalen Erfahrungen sammelt und die er bitter enttäuscht. Die Rache oder das, was mit Hajime passiert, ist keine greifbare Revanche, kein Entwenden von Besitz oder psychische Belastung – es geht schlichtweg um Leben und Tod. Wie immer „flasht“ Murakami und vermittelt über die Darstellung seiner Figuren komplexe Welten.

Haruki Murakami
Gefährliche Geliebte
2002, 217 Seiten, btb

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Der Monstrumologe

Eine Monstergeschichte, wie sie im Buche steht! Der Leser wird in eine klassische Gruselgeschichte entführt, die für Jugendliche und Erwachsene sehr leicht zugänglich ist. Bei der Jagd nach einer besonderen Spezies werden schwere Geschütze aufgefahren. Auch wenn die Geschichte ihre Längen hat, gibt es sehr spannende und mitreißende Momente, die das Buch lesenswert machen.

Rick Yancey
Der Monstrumologe
2010, 411 Seiten, Lübbe Paperback

Yancey

Der Duftmacher

Dieses Buch ist ein weiteres Resultat des Köln-Trips. Der Köln-Besucher wird schnell feststellen, dass es neben dem weltberühmten „4711“-Parfüm noch ein anderes „Eau de Cologne“ gibt, dessen Vermarktung eher schleppend, dessen Duft aber an unserer Nase gemessen, viel besser ist.
Johann Maria Farina entwickelte diesen Duft bereits vor dem „Kölnisch Wasser“. Wer sich für Geschichte und Herstellung des Parfüms interessiert und von der fiktiven Liebesgeschichte um den Duft verführen lassen möchte, für den ist dieses Buch gemacht. Knobloch verbindet die Essenz ihrer fundierten Recherchen mit hoher Emotionalität. Es ist ein „Werkstück“ und ein klassischer Historienroman, der nicht an Süskinds „Parfum“ gemessen werden darf und für sich selbst stehen sollte.

Ina Knobloch
Der Duftmacher
2012, 346 Seiten, Piper

Knobloch

Der Name des Windes

Der Wirt Kothe besitzt eine kleine Taverne in irgendeinem Kaff und scheint sich damit abzufinden. Dann kommt ein Chronist, erkennt in ihm einen Helden und überredet ihn, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben.

Schnitt. Als Kinder und Jugendliche waren wir verrückt nach Büchern (und sind es immernoch). Ich für meinen Teil liebte Fantasygeschichten über Alles. Der Gang mit den Eltern in die Dorfbibliothek (die ihren Namen kaum verdiente, aber immerhin etwas) und die Bestellung bei einem mir mittlerweile zweifelhaft erscheinenden Bücherversandhaus in Kirchenhand war immer eine Offenbarung, weil dann immer ein neues Buch, eine neue Welt auf einen wartete. Obwohl es streng genommen anders herum war. Etwas älter, bekam ich dann auch einen eigenen Bibliotheksausweis (Engelschöre) in der Großstadt! Von nun an wurden noch mehr Bücher verschlungen, von Hohlbein bis Pratchett einfach alles. Und dann kam ER. John Ronald Reuel Tolkien. Sein Hobbit und der Herr der Ringe waren sozusagen die Urversion aller Fantasyromane. Sämtliche Orks, Elfen, Zwerge, Drachen waren hier stereotyp beschrieben, nicht das erste Mal in der Literatur, aber prägend für die heutige Schreiberzunft. Ab da war alles andere langweilig (man wird halt als Jugendlicher auch schnell überheblich, „zu alt für den Kram“). Und seither ist mir kaum eine Fantasygeschichte begegnet, die mich begeisterte. Markus Heitz‘ „Ulldart“-Zyklus, der aber irgendwann ausgelutscht war. Und dann bekomme ich dieses Buch in die Hand. Die Pressestimme auf dem Umschlag lobt das Buch in den höchsten Tönen, aber das tut sie ja immer. Aber dieses Buch ist eine Wucht. Glaubwürdig, anders, süchtigmachend.

Schnitt. Nach dieser Einleitung entspinnt sich eine Geschichte, die den Leser wirklich mit sich zieht, ein klassischer Schmöker. Kothes (oder „Kvothes“) Kindheit, die Jugendzeit und sein Studium an der Universität (das Buch ist übrigens nicht wie Harry Potter) werden hier so spannend und dazu glaubwürdig beschrieben, dass man die Fantasyelemente nicht als fremd wahrnimmt, sondern als selbstverständlich mitliest. Dieses Buch ist etwas für die Fantasyfreunde mit Ausdauer unter unseren Lesern, im Letternwald hat es jedenfalls einen besonderen Platz. Und das Beste ist: Es ist nur der Auftakt zu einer ganzen Trilogie. Also freut euch auf Nachschub, wir tun es jedenfalls!

Patrick Rothfuss
Der Name des Windes. Die Königsmörder-Chronik. Erster Tag
2008, 863 Seiten, Klett-Cotta

Rothfuss

Schlaf

Ein Buch nicht nur für die, die nicht schlafen können. In gewohnter Murakami-Manier wird der Leser aus der Realität urplötzlich in eine Zwischenwelt entführt, in der die Protagonistin in ihrem einsam-strengen Alltag erstickt. Kat Menschik liefert wundervolle grafische Details zur Geschichte.

Haruki Murakami
Schlaf
2009, 79 Seiten, Dumont Taschenbuch

Murakami

Die schönsten Märchen der Weltliteratur

Dieses gehört zu den wichtigsten Büchern im Letternwald, nämlich der prägenden aus der eigenen Kindheit. Viele der Märchen sind dabei – zum Leidwesen der Eltern – gar nicht kindgerecht, eher blutrünstig, dafür aber toll und spannend zu lesen!

Hans-Jörg Uther (Hg.)
Die schönsten Märchen der Weltliteratur
1996, 337 Seiten, Dierichsverlag

Märchen

Wilde Reise durch die Nacht

„Das Leben, mein Junge, ist nicht nur eine wilde, schöne Reise. Leben, das heißt auch: dem Tod bei der Arbeit zuzusehen. Das ist das Härteste überhaupt! Das muss man aushalten können. Bist Du bereit, das auszuhalten, mein Junge?“ (Moers 2003, S. 178).

Einige Bücher erreichen den Letternwald nur über Umwege. Ausgehend vom Besuch eines Museums, dem Ansehen eines der Ausstellungsvideos über die nächste Ausstellung, über das Wispern der Letternwaldblätter („Um wen geht es da?“) kommt man zum Ausleihen der Geschichte und ist hin und weg.
Über das Buch muss man nicht viel erzählen: Der junge Gustave Doré erleidet Schiffbruch und begegnet dem Tod. Er überredet ihn zu einer Wette: Gustave muss in einer Nacht 6 Prüfungen bestehen und darf dann am Leben bleiben. Was folgt, ist eine spannende Geschichte in typischer Moers-Manier – als roter Faden dienen 21 faszinierende, originale Holzstiche des französischen Künstlers Gustave Doré. Auf jeden Fall lesen!

Für Interessierte, die in den nächsten Wochen nach Paris wollen: Bis zum 11. Mai läuft im Musée d’Orsay eine Ausstellung über Gustave Doré. Hier ein Link zum Ausstellungsvideo: http://www.youtube.com/watch?v=4yd1lRAs1F0

Walter Moers
Wilde Reise durch die Nacht
2003, 224 Seiten, Goldmann Verlag

Moers (2)

Der Teezauberer

Manche Romane benötigen keine atemberaubende inhaltliche Darstellung. Ihre Stimmung ist es, die die Geschichte so besonders macht und die einfach bezaubernd ist. In einem kleinen Teegeschäft, wie man es heute nur noch selten findet, geschehen per Vorstellungskraft wundersame Dinge. Die Komposition der einzelnen Tees wird dabei so gut beschrieben, dass man Lust bekommt, zur Lektüre auch einen Tee zu kochen.

Ewald Arenz
Der Teezauberer
2008, 150 Seiten, Ars Vivendi Verlag

Arenz

Die Landkarte der Zeit

Mit seinen vielen Zeitsprüngen und Perspektivenwechseln ist es Palma hier gelungen, einen kurzweiligen Roman zu schreiben, der leichtgängig lesbar trotzdem in Erstaunen versetzt. Die einzelnen Erzählstränge sind sehr gut gegliedert und über den Zugriff auf H. G. Wells´ „Zeitmaschine“ gelingt sogar die Anknüpfung an einen großen Klassiker. Auf manchen Seiten etwas zu gewollt, vielleicht aber der Übersetzung geschuldet, ist das Buch wirklich sehr empfehlenswert nicht nur für Fantasy-Freunde.

Felix J. Palma
Die Landkarte der Zeit
2011, 767 Seiten, Rowohlt Taschenbuch Verlag

Palma

Die Stadt der träumenden Bücher

So hat Hildegunst von Mythenmetz sich das nicht vorgestellt. Eine Zukunft als bedeutender Dichter der Lindwurmfeste im Blick, gerät er über den Tod seines Mentors und über eine besondere Schriftrolle in die berühmt-berüchtigte Stadt Buchhaim und entdeckt in den namensgebenden Katakomben allerlei Geheimnisse. Walter Moers schafft es (trotz eines Erzählplots, der einem schon oft begegnet ist) mit einer unverschämt leicht wirkenden Art, den Leser abwechselnd zum Staunen, Lachen oder „Zähne knolfen“ zu bringen. Ein verrücktes, literatursüchtig machendes, großartiges Buch!

Walter Moers
Die Stadt der träumenden Bücher
2011, 476 Seiten, Piper Verlag

Moers