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Die Sehnsucht der Schwalbe

Wenn es langsam Herbst wird, dann ist Rafik Schami immer eine gute Wahl. Wenn der Regen fällt, die Winde toben und die Helligkeit verschwindet, dann freut man sich, wenn man sich in ein Damaskus zurückträumen kann, das es heute nicht mehr gibt, wenn man Familienbande kennenlernt und das Fernweh der anderen. Schami schreibt wie immer eine große Geschichte aus vielen kleineren und akzeptiert damit größere Lesepausen, sodass auch der wieder Anschluss findet, der so oft viel Sinnloseres zu tun hat.

 

Rafik Schami
Die Sehnsucht der Schwalbe
2000, 334 Seiten, dtv

Schami5

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Eine Geschichte der Welt in 9 Gitarren

Es ist ein kurzweiliges und anschauliches Büchlein. Es wurde wie ein Märchen geschrieben und stört aus diesem Grund auch denjenigen nicht, der noch nie persönlichen Kontakt mit einer Gitarre hatte. Schön!

 

Èrik Orsenna
Eine Geschichte der Welt in 9 Gitarren
2009, 103 Seiten, dtv

Orsenna

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Gehe nie zu Deinem Fürst…

wenn Du nicht gerufen wirst! Nach einiger Zeit der Heulerei nun erste Survival-Tipps am Arbeitsplatz, Ergänzungen herzlich willkommen:

  • Schreibtisch nie zu ordentlich aussehen lassen. Ein aufgeräumter Schreibtisch lässt auf eine strukturierte Persönlichkeit schließen, die Ahnung und Kompetenz hat – provoziert immer Neid und Arbeit,
  • Computer immer wichtig wirken lassen, also Mailpostfach auf, letzte Dokumente zum Antrag und, und, und,
  • Aufgaben nie sofort erledigen, wirkt einfach unglaubwürdig,
  • Fachterminologie verwenden, mal wieder in Phrasen des eigenen Berufs einlesen und danach mit den Begriffen „Synergieeffekt“, „Outcome“ oder „lebenslanges Lernen“ kombinieren – schindet Eindruck,
  • Kollegen, die offiziell als Kooperationspartner schon lange im Gespräch, aber noch nie dazu gekommen sind, werden auch keine mehr und bleiben Chaoten, ergo: „Wir müssten mal gemeinsam“ heißt immer „Du müsstest mal“ – hier freundlich nicken und „Ja, unbedingt“ sagen, danach langsam aber sicher distanzieren,
  • Ähnlicher Umgang mit Menschen, auf deren Schultern das Leid der Welt lastet („Laktoseintoleranz? …“)
  • Vorsicht bei Detektiven: Auch scheinbar unwichtigen Müll zerkleinern, Schokoladen- und Hariboverpackungen nicht in den gesundheitsdominierten Büromülleimer werfen, sondern im heimischen Abfall entsorgen („Also ich kaufe ja sowas nicht!“),
  • Kekse nie während der Vorstellungsrunde essen – es droht Erstickungs- und Gesichtsverlust,
  • Generell möglichst selten in der Nähe des Chefbüros aufhalten, sämtliche Wege dorthin sparsam dosieren, sonst droht „Hallo, Frau Soundso, übrigens, was ich noch mal fragen wollte…“,
  • Vorsicht am Dienstag und Mittwoch. Die Motivation ist laut eigener empirischer Studie (Teilnehmende Beobachtung) am höchsten, Arbeitseifer und Kritik steigen in dieser Zeit schnell,
  • Achtung Wochenende! Wer den Ärger nicht mit in´s Wochenende nehmen möchte, provoziert ihn gar nicht erst, also am Freitag besonders bedeckt halten und wichtige Fragen verschieben.
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Zu sehen

Es geht langsam wieder in die Besinnung des Spätsommers. Die kleinen Aufsätze von Lily Brett können da genau das Richtige sein. Die Kost ist nicht leicht, es geht um Banales, hinter dem sich eindeutige Traumata verbergen. Sie sind nicht so wie ihre anderen Geschichten, sondern sie hat notiert, wie sich ihr Leben bisher gestaltete. Das Besondere an Lily Brett? Man erhält eine andere Perspektive auf die Rollen derer, die die deutsche Geschichte auf schlimme Art erleben mussten. Sie schildert, wie schwierig es ist, Anerkennung für eigenes Leid zu erhalten, das niemals so schlimm sein wird wie das ihrer Eltern, die den Holocaust überlebt haben. Ein kluges Buch, das auch größere Lesepausen verkraften kann!

 

Lily Brett
Zu sehen
1999, 331 Seiten, Suhrkamp

Brett

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Roman eines Schicksallosen

„Und ich dachte: Nun, sieh an, das hätte ich auch nicht geglaubt, dass es so etwas gibt. Aber ich konnte noch so achtgeben, auch bei ihnen war (…) nur von Freiheit die Rede und keine Andeutung, kein Wort von der noch ausstehenden Suppe. Auch ich war, natürlich, äußerst erfreut, dass wir frei waren, aber ich konnte halt nichts dafür (…) – man sei im Begriff, sich an die Zubereitung einer kräftigen Gulaschsuppe zu machen: Da erst sank ich erleichtert auf mein Kissen zurück, da erst löste sich langsam etwas in mir, da erst dachte auch ich – wohl zum ersten Mal ernstlicher – an die Freiheit.“ (S. 258 f.)

Der Autor schreibt aus seiner Erinnerung, schildert, wie er als Vierzehnjähriger ein Jahr lang mehrere Konzentrationslager von innen gesehen und fast gestorben wäre. Es ist eine naive Sichtweise, die sich Kertesz für seinen Roman bewahrt hat und die wichtige Tatsachen aufzeigt.

 

Imre Kertész
Roman eines Schicksallosen
2016, 287 Seiten, Rowohlt

Kertesz

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Die Sehnsucht des Vorlesers

Herzerfrischend und wirklich als Sommerlektüre geeignet ist die Geschichte von Guylain Vignolles, der plötzliches Glück in seinem Leben erfährt. Er arbeitet in einer Papierrecyclingfabrik, hat einen Goldfisch und einen ehemaligen Arbeitskollegen, dessen Beine in der Erstauflage eines Gartenratgebers verarbeitet wurden. Er findet das Tagebuch einer Reinigungskraft, deren Text viele Lebensweisheiten enthält, z. B. dass man von Männern mit Verstopfung nicht viel erwarten kann und dass sich die Persönlichkeit eines Menschen auf der Toilette zeigt. So locker und leicht, wie wir französische Bestseller kennen, ist auch dieses eine besondere Empfehlung.

 

Jean-Paul Didierlaurent
Die Sehnsucht des Vorlesers
2015, 223 Seiten, dtv

Didierlaurent

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Mal was anderes

Seit einem Monat völlig im Off verschwunden und mit mehr oder weniger sinnvollen Aufgaben betraut, ist es mir heute ein besonderes Anliegen, das Resultat aus der Zeit vorher zu präsentieren:

CoverKirmesblut
Zur Bestellung von e-Book und Paperback einfach auf das Bild klicken!
Auf dem Verkehrskreisel im idyllischen Dörfchen Breuna wird eine Leiche gefunden. Die Einwohner stehen vor einem Rätsel, denn niemand hat eine Erklärung für den plötzlichen Tod der jungen Frau.
Kommissar Gardner und sein treuer Dackel Erich ermitteln ein weiteres Mal in dem nordhessischen Ort.

Kirmesblut ist ein Krimi zwischen feuchtfröhlicher Schunkelei und historischer Rückblende. Ähnlichkeiten mit tatsächlich existierenden Personen sind nicht beabsichtigt, aber erwünscht.

„War doch was los dies´ Jahr, sag´ ich Ihnen. Bei der Saskia war ich ganz vonne Pötte. Naja, die Kirmes war aber ´ne Wucht. Hätt´ nie gedacht, dass der Bulle auch Quetschkommode kann, so wie der aussieht.“
Martin Dirking, Breunaer Urgestein, Landwirt aus Passion

Der 2. Teil des Überraschungserfolges „Weinbergmond – Ein Kasselkrimi“

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Onkel Wanja

So wie sich der Sommer irgendwann sinnlos dem Ende entgegenneigt, so liest sich auch diese Geschichte von Wojnizkij, Onkel Wanja, der sich über viele Jahre um das Gut seines Vorgesetzten kümmert ohne dafür jemals ein Dankeschön zu verlangen. Onkel Wanja und die Tochter des Vorgesetzten Sonja leben gemeinsam auf dem Gut, sorgen für das Rechte und fragen nicht nach ihrem Los. Als Wanjas Chef mit seiner jungen Frau zur Sommerfrische das Gut besucht, ist nichts mehr wie vorher. Es stellt sich eine Sehnsucht ein, wie sie die Verwalter noch nie gekannt haben.

 

Anton Tschechow
Onkel Wanja
1988, 75 Seiten, Reclam

Tschechow3

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Das Gedächtnis der Haut

Schaul fühlt sich hintergangen. Die Frau, mit der er seit Jahren verheiratet ist, scheint ihn zu betrügen. Er wartet ab und erst, als sich auf einer langen Autofahrt die Gelegenheit bietet, öffnet er seiner Schwägerin sein Herz. Doch es ist nichts so, wie es scheint, denn trotz der detaillierten Gedankenspiele, trotz der allzu deutlichen Mutmaßungen wird man auf eine falsche Fährte geführt. Rotem rechnet mit ihrer allzu entspannten Mutter ab, liest ihr einen selbst verfassten Roman vor über eine Episode, die ihre Mutter in der Vergangenheit schon einmal aus der Verfassung gebracht hat und es nun wieder tut.

Zwei Erzählungen, die es in jeder Hinsicht in sich haben. Ein großer Autor mit einer gewaltigen Bildsprache, der seinesgleichen sucht.

 

David Grossmann
Das Gedächtnis der Haut
2007, 314 Seiten, Fischer

Grossmann

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Von früher…

Eine Anzahl von 48 Briefen und Notizen gehören zu unserem noch immer aktuellen Fund. Das neue Buch „Kirmesblut – Musik für Gardner“ ist unter anderem aus diesem Briefverkehr entstanden und soll Euch nicht vorenthalten werden…

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Anonymus

In Prag haben wir die Statue, die dem Geist der zukünftigen Weihnacht ähnelt, nicht mehr gefunden, aber unlängst in Budapest sinnierte einer über die Ungarn und ihre Ansiedlung in der Donauebene im Jahr 896. Wer seinen Stift berührt, wird von der Muse geküsst…

P1030761

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Brennerova

Der Wiener Ex-Kommissar Brenner hat Pech mit russischen Online-Kontaktbörsen und gerät sowohl in einen Rotlichtkrieg als auch zwischen die Stühle dreier Frauen, und das mit allem Zipp und Zapp. Die Geschichte selbst ist verrückt, makaber, fantastisch und auf eine angenehme Art völlig übertrieben. Sprachlich ist das Buch vielleicht nicht jedermanns Sache, der Erzähler legt hier eine teilweise monotone Mischung aus Umgangssprache, teilweise Slang und starken Satzverkürzungen vor. Aber gerade wenn man denkt, dass sich die Sprache langsam arg wiederholt, kommt in irgendeinem Halbsatz der nächste Tipp, die nächste Wendung, die einen wieder fesselt.
Ein feiner Kriminalroman, der von der Wechselwirkung zwischen wendungsreicher Geschichte und deren Einführung durch Andeutungen lebt.

 

Wolf Haas
Brennerova
2016, 239 Seiten, Heyne Taschenbuch

Haas

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Anderenorts: Meine Erlebnisse im Altenheim

Der Alltag im „GTH“, einem Seniorenzentrum, klingt spannend, zumal die Frau, die über ihn schreibt, keine klassische „ältere“ Bewohnerin ist, sondern eine Krankheitsgeschichte hat. Sie schreibt mutig über ihr Leben mit MS und reflektiert ganz nebenbei, was sonst noch so passiert,  z. B. Biografisches aus ihrer Nachbarschaft oder „Frau Tonaris Freitagsklingeln“:

musikhai.wordpress.com

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Die unheimliche Bibliothek

Ein Buch für die Kurzstrecke ohne Langeweile. Wie so oft schildert Murakami eine Geschichte aus der Sicht eines Jungen, der die Bibliothek seines Heimatortes völlig neu kennen lernt.

Das Buch hätte etwas mehr „Schmackes“ vertragen, aber die Bilder trösten allemal über die Geschichte hinweg, die etwas vorhersehbar wirkt. Ein Autor kann eben nicht immer Glanzleistungen schaffen.

Haruki Murakami
Die unheimliche Bibliothek
2014, 63 Seiten, Dumont

Murakami3

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Anderenorts: Lyrikblog Hannah Buchholz

Dies ist ein Lyrikblog, der Texte im Stil der klassischen Haikus erzählt. So reduziert die Gedichte sind, so geheimnisvoll wirkt die Person, die sie schreibt. Manchmal fügt sie tolle Fotos hinzu, immer geht es um Beziehungen und das, was das Zwischenmenschliche ausmacht.

hannahbuchholz.wordpress.com

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Herztier

„Er war aus Terezas Büro, der eines Tages nie wieder zur Arbeit kam. Unter den Krähennestern schlug er mir vor, mit ihm durch die Donau zu flüchten. Er setzte auf Nebel. Andere setzten auf Wind, Nacht oder Sonne. So ist das gleiche bei jedem anders, wie bei den Lieblingsfarben, sagte ich.“ (S. 171)

Herta Müller ist nicht einfach: Ein Buch, das von „Blutsäufern“, von „Männern, die Friedhöfe machen“ und von Haaren handelt, die im Briefumschlag liegen, von gefährlichen Nüssen unterm Arm und einer Zeit, die in unseren Medien nie erwähnt wird. Sie wächst auf in Rumänien unter Ceaușescu und schildert bisweilen sicher autobiografisch, was ihr in einer kleinen Gruppe des Widerstands passierte.

Lest das oder ein anderes, aber irgendwann solltet Ihr Euch mit ihren Texten beschäftigen. Das müsst Ihr uns versprechen!

Herta Müller
Herztier
2009, 253 Seiten, Fischer

P1030639

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Anderenorts: Zeilenendes Sammelsurium

Herr Zeilenende ist ein Allrounder: Er kann Schmorbraten kochen und Brote backen. Er interessiert sich für Mode und Science Fiction und schreckt auch vor heiklen Themen wie einer „ordentlichen“ Friedhofsgestaltung nicht zurück. In unserem WordPress-Reader ist er eine feste Instanz, die man nicht verpassen sollte:

kaffeetaesschen.wordpress.com

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Der Honig

Passend zur eigenen neuen Schreiberei und zum Ramadan habe ich dieses Buch auf dem Bücherflohmarkt gefunden, das ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt habe. Inhaltlich soll es um einen weiblichen Muezzin gehen. Ruhiyas Auftritt kommt, als ihr Vater das Gebet aus Krankheitsgründen nicht ausrufen kann. Zeitgleich geht Ruhiyas Geliebter in Jerusalem als Selbstmordattentäter auf die Straße. Was etwas plakativ daherkommt, überzeugt durch die gute Erzählweise. Hier ein Ausschnitt:

„Ich lauschte ihren Geschichten, prägte sie mir genau ein, erzählte sie mir nachts Wort für Wort wieder. Die Alten behaupten sogar, in manchen Sommernächten steige die Flut im reglosen, stillen Mittelmeer und bringe neue Gaben; Sie lege sie in die am Strand ausgeworfenen Netze und erfülle die Fischer mit Stolz. Das war ihr Geheimnis.“ (S. 83).

Zeina B Ghandour
Der Honig
2004, 117 Seiten, dtv

Ghandour

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Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

Aufrührerisches für Zwischendurch: Punks mit Tiefgang lesen Bakunin oder Thoreau, also haben wir uns mal einen seiner wichtigsten Essays aus dem Jahr 1849 herausgepickt (weil wir so punkig sind ;)):

Der Lehrer Henry David Thoreau wollte einige Zeit vor diesem Essay in Massachusetts keine „Kopfsteuer“ zahlen. Er begründete dies damit, dass er keine Sklaven und keine Kriege mitfinanzieren wollte. So wurde er für genau eine Nacht inhaftiert. Am nächsten Morgen hatte einer seiner Angehörigen die Schulden bereits bezahlt und er kam wieder auf freien Fuß.

In diesem Text möchte Thoreau nicht zur Anarchie auffordern, sondern zur sofortigen Besserung der Regierung (vgl. S.2). Amerika funktioniert zur Zeit dieses Essays schon als ein Modell der Demokratie, aber gerade das kritisiert er und betont, dass „die Mehrheit physisch am stärksten ist“ (ebd.). Es sei ein großes Problem, dass sich Menschen für eine Regierung entscheiden, die der Mehrheit dienlich sei, schließlich ginge es ja nicht nur um das Wohl der meisten, sondern um eine Frage des Gewissens und danach, was eine Gesellschaft wirklich brauche. Er sagt, dass es tausende von Bürgern gebe, die eigentlich gegen die Sklaverei oder den Krieg seien, die aber nichts dagegen unternähmen. Vielmehr sei es den Menschen wichtig, eine Meinung zu diesen und jenen Themen zu haben, sich dazu aber nicht zu verhalten (vgl. S. 3 ff.). Mit dem Gang zur Urne hätten die Menschen die Hoffnung auf eine gute, vernünftige Regierung, sie vertrauten auf das, was die Regierung tun wird, sie engagierten sich aber nicht dafür. Die Handlungen der Regierung würden hingenommen und kaum hinterfragt. So gerieten sie zu einem Selbstzweck. Die Bürger dienten der Demokratie und damit ihrem Staat, nicht umgekehrt.

Thoreau geht noch einen Schritt weiter, indem er sagt: „Je mehr Geld, desto weniger Tugend.“ (S. 8). Er zitiert Konfuzius und meint, dass Armut und Elend eine Schande seien, wenn ein Staat nach den Prinzipien der Vernunft regiert werde (ebd.). Dieser Spruch erinnert daran, dass eine Kette nur so stark wie ihr schwächstes Glied sei und dass man sich immer ansehen müsse, wie eine Gesellschaft mit ihren Kindern und Alten umgeht.

Die Nacht im Gefängnis beschreibt Thoreau als lächerlich, weil er eine Strafe erhält, wie ein Staat sie nicht wollen kann. Man hat ihn einfach weggesperrt, ohne davon einen eigenen Nutzen zu haben (vgl. S. 9). Thoreau kommt zu dem Fazit, dass die Autorität einer Regierung (1) die Zustimmung und das Einverständnis seiner Regierten haben muss, dass sie (2) kein anderes Recht über einen Menschen haben darf, als das, was man ihr gewährt und dass (3) der Respekt vor allen Individuen gewahrt werden müsse (vgl. S. 13 f.).Erst dann könnte Freiheit und Mündigkeit entstehen.

„Es wird nie einen wahrhaft freien und aufgeklärten Staat geben, bis der Staat den Einzelnen als höhere und unabhängige Kraft anerkennt, von dem aus sich seine eigene Kraft und Autorität ableitet und ihn entsprechend behandelt.“ (S. 14)

Was bleibt?

Gerade heute gibt es so viele Informationen, Meinungen und Wissen zu allen möglichen Dingen, dass es uns schwer fällt, ein bestimmtes Interesse praktisch zu verfolgen. Zum Glück haben wir keine Sklaven mehr und im Allgemeinen hat sich die Lebensqualität einer großen Mehrheit deutlich verbessert. Trotzdem ist dieser Text aktuell und uns schwirren die Arbeitsbedingungen in Deutschland oder Indien durch den Kopf. Wir sehen, was unsere Regierung mit von Flucht Betroffenen macht und nicht macht, wohin wir Waffen liefern oder wo unsere Regierung direkt an Kriegen beteiligt ist.

Wir wissen heute nicht mehr, ob Thoreau zu geizig war für die Zahlung seiner Steuerschuld und ob er nicht vielleicht doch wusste, dass nach dem Knastfrühstück ein edler Retter kommen würde. Trotzdem war seine kleine Geschichte ein guter Aufhänger für seine Überlegungen und vielleicht sollten wir uns ab und zu aus unserer kleinen laktoseintoleranten Komfortzone bewegen und nach den wirklich wichtigen Dingen fragen.

Die Quelle: http://thoreau.de/wp-content/uploads/2016/02/Civil_Disobedience.pdf

Originalauszüge (Englisch): https://en.wikisource.org/wiki/Aesthetic_Papers/Resistance_to_Civil_Government

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Anderenorts: Fädenrisse – Abschnitte und Knotenpunkte

Jede Woche wird hier der Link zu einem sehr interessanten Blog gegeben. Heute ist es eine wahre Perle, die wir erst in den letzten Wochen gefunden haben. Seine Geniestreiche sind die Stadtpoems, die der Schreiber angeblich unter anderem mit der Notizfunktion seines uralten Handys verfasst.

faedenrisse.wordpress.com

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Besinnliches zum Wochenende

DankeNochmal ein herzliches Dankeschön an Mme Flamusse, die ihre Bücher an uns verschickt hat und die uns sehr gefallen. Hier möchten wir näher darauf eingehen: Die Bücher von Angelika von Aufseß werden in einem kleinen Schuber geliefert. Eines ist leer, im anderen werden 26 Arten genannt, wie man ein Tagebuch führen kann. Das geht ganz geregelt, also jeden Tag mit Datumseintrag oder es ist möglich, immer dieselben Wortanfänge sequentiell zu nutzen, z. B. „Ich erinnere mich an …“, um in ein flüssiges Schreiben zu kommen, es geht natürlich öffentlich oder chaotisch. Man kann jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen unter Zwang drei Seiten vollschreiben, etc. Die Grenzen können dabei oft fließend sein, d. h. je nach Lust und Laune schreibt man nur Stichwörter auf Zettelchen.
Wirklich interessant ist, dass die Autorin über ihre eigenen Tagebücher auf das Verfassen literarischer Texte gekommen ist und damit vormacht, was wir schon ahnten. Wenn wir irgendwann gut werden wollen, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als immer wieder loszulegen.

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Die Spieluhr

„Doch scheint mir, dass wir allzuleicht Beute eines raffinierten Trugspiels werden, indem nämlich der Zufall nichts anderes ist als die Bestimmung , die im falschen Kleide auftritt.“ (S. 149). So geht es uns oft und lange bin ich um dieses Buch herumgeschlichen, weil ich Tukur als Schauspieler kenne. Er spielt wahrscheinlich immer den, der er selbst ist und passt damit ins öffentlich-rechtliche Schema: Er bekommt eloquente, erwachsene Rollen, in denen er einen kultivierten Eindruck macht und daher habe ich mich gefragt, was wohl im Buch stehen sollte. Gestern hatte ich es zufällig antiquarisch (mal wieder in Göttingen) erworben und – JACKPOT! Das Buch ist gut. Es ist nicht langweilig und es wirkt nicht wie Ulrich Tukur. Es erinnert an Lovecraft, Wells und an alle unsere großen Fantasyhelden des 19. Jahrhunderts.

Ulrich Tukur
Die Spieluhr
2014, 151 Seiten, List

Tukur

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Neue Rubrik „Anderenorts“

Angeregt von der Teilnahme an unserer ersten Blogparade, bei der es um das Thema „Schreiben“ ging und die Mme Flamusse von reingelesen.wordpress.com initiiert hat, haben wir uns zum Ziel gesetzt, in Kurzform die Blogs vorzustellen, die uns sehr gut gefallen und uns auf vielfältige Art anregen. Das machen wir natürlich ungefragt und ungebeten. Hier kommt der erste Blog für diese Woche:

fraktalwelten.wordpress.com

Wahrscheinlich sind dies die ungewöhnlichsten Kunstwerke, die wir je gesehen haben. Sie entstehen nämlich nicht von menschlicher Hand, sondern werden von Computern erstellt. „Ein Fraktal ist eine Menge, deren Hausdorff-Besicovich-Dimension größer als die topologische Dimension ist, definierte Benoit Mandelbrot,“ Alles klar? Was auch immer, aber es sieht toll aus. Viel Spaß beim Erkunden!

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So ist das bei Schreiberlebentipps

Schreiben, schreiben, schreiben – den Kopf in Geschichten – nichts ist besser, als von den Musen geküsst zu werden und sich mit Leidenschaft in den Fluss zu werfen. Nicht verzweifelt rudern zu müssen, sondern sich dem Strom zu überlassen, mal hier hin, mal dorthin getrieben werden und alle Eidnrücke aufnehmen. Schreiben ist meine Leidenschaft. Wie […]

über Im Flow — schreiberleben

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Warum schreiben?

Das Schreiben findet bei mir wie bei den meisten Menschen auf unterschiedlichen Ebenen statt. Im Alltag müssen wir lesen und schreiben können, um unsere üblichen Aufgaben zu erfüllen und um Informationen zu erhalten. Dies ist zielgerichtet, denn unsere Wahrnehmung konzentriert sich auf das, was uns interessiert. Was geht in der Welt vor? – Ich mache eine Internetrecherche, gebe Stichwörter. Was muss ich noch einkaufen? – Man schreibt einen Einkaufszettel. Das Zeitungsabo soll gekündigt werden und so weiter. Nüchternes, nichts Atemberaubendes.

Was passiert aber mit den Dingen, die wir jenseits dieser nüchternen Tatsachen spannend und gehaltvoll finden? Wenn man auf der Straße einer Person begegnet, deren Leben man gern kennen würde? Wenn man im dunklen Herbst an hell erleuchteten Fenstern vorbei geht und sich vorstellt, wie die Menschen in den Zimmern leben? Dann hat man mehrere Möglichkeiten: Eine ist sicher, sich so seine Gedanken zu machen und weiter zu gehen. Eine andere ist, mit Menschen über diese Ideen zu sprechen und diese zu bewerten. Das kommt in unserer heutigen Zeit sehr oft vor. Zu den Ideen verschiedener Lebensmodelle gibt es ganze Fernsehserien. Da dies aber im Allgemeinen als Lästerei gilt und für die Betroffenen meist negativ ausfällt, soll es hier nicht vertieft oder empfohlen werden. Die dritte Möglichkeit ist, sich auf einer anderen Ebene damit auseinanderzusetzen. Das geht zum Beispiel singend, tanzend oder auf andere Arten.

Bei mir ist das das Schreiben. Das ist eine sehr niedrigschwellige Art des Ausdrucks, wenn man das Handwerk des Schreibens einmal erlernt hat. Da dies in unserer Kultur eine ausgefeilte und streng geforderte Technik ist, ist das für mich grundsätzlich wie bei den meisten Menschen kein Problem.

Man hat blitzschnell Dinge wahrgenommen und bewertet. Die schreibt man nieder. Schwieriger wird es – und das ist meine Herausforderung – die Dinge „dicht“ zu beschreiben, aber erst in einem zweiten Schritt zu bewerten. Der Anthropologe Clifford Geertz hat sich dazu etwas überlegt, denn er beobachtet alles, was er wahrnimmt und versucht, in möglichst detailgetreuen Darstellungen verschiedene Lebenssituationen abzubilden. Er notiert, wie eine Augenbraue hochgezogen, eine Hand über den Tisch geschoben wird und so weiter. Die Beschreibung dieser Dinge kann extrem anstrengend sein, ist aber für den gemeinen Autoren sehr wichtig, denn er will den Lesern ja ein gutes Bild seiner Geschichte vermitteln. Und hier komme ich schon zum nächsten Gedanken:

Es gibt für mich Geschichten und meine (eigene) Geschichte. Erstere sind oft von mir selbst erlebte Aktionen, Personen, denen ich begegnet bin oder Orte, an denen ich schon war. Die blase ich dann so auf, dass ich mit genügend Zeilen und Seiten entweder einen Blogbeitrag oder ein ganzes Buch zusammenschmiere. Die Handlung der Geschichte ist oft fiktiv. Manchmal habe ich aber das Bedürfnis, etwas, das mich emotional sehr beschäftigt, in diese Handlungen einzubauen. Das sind zum Beispiel Tagesnachrichten oder Ungerechtigkeiten, die ich erlebt habe.

Meine eigene Geschichte käute ich lange in Tagebuchform wieder. Ich wähle bewusst dieses Verb, weil die Notizbücher irgendwann zum Kummerkasten geworden waren und nur dazu dienten, emotionalen Ballast aufzusaugen. Letztendlich habe ich ihn damit nur wieder aufgewärmt.

Eine ganz andere Geschichte ist für mich die Form des wissenschaftlichen Schreibens. Für mein Studium habe ich viel geschrieben, habe dafür meine zehn Finger ordentlich an alle Tasten gewöhnt und hunderte von Seiten verfasst, die heute hoch ausgezeichnet im Regal verstauben.

Wie soll man schreiben?

Der Blog Schreiberlebentipps hat schon in seiner Überschrift das Credo, dass man immer schreiben muss, wenn man ein guter Autor werden will. Oft fällt mir nichts ein und ich muss mich aufraffen, aber dann irgendwann gibt es wieder etwas, das man irgendwie unter die Leute bringen möchte. Das Bloggen hat mir dabei von Anfang an geholfen. Regelmäßig studiere ich aufmerksam den Reader und sehe, welches motivierte Potential mir durch den Äther entgegen jagt.

Was bleibt?

Manchmal führe ich noch Tagebuch, aber selten. Manchmal greife ich auf wissenschaftliche Themen zurück. Das passiert, wenn ich wie oben mit Clifford Geertz ein bisschen angeben will – aber nur wenig, weil ich nämlich ein stiller Mensch bin.

Wirklich hängen geblieben ist bei mir natürlich, dass Papier oder das Schreibprogramm meines PCs geduldig sind. Man kann ziemlich viel ausprobieren. Das Schreiben ist ein großer Trost und man kann je nach Ziel und Grund des Schreibens etwas über sich und andere erfahren.

Deshalb schreibe ich und bitte hört auch Ihr nicht auf damit!

Orangerie

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Tabu

Dieses Buch habe ich in zwei Teilen wahrgenommen. Einerseits ist da die Geschichte von Sebastian. Es berührt die nüchterne Art und die Leichtigkeit, wie ihn von Schirach beschreibt. Als typsicher Spross einer Adelsfamilie hat er nicht viel zu lachen, denn seine Angehörigen widmen sich anderen, scheinbar wichtigeren Dingen. Sebastian ist still, hat Talente, die kaum wahrgenommen werden und ist wie der Autor Synästhetiker, sieht also im Alltag Farben, wo keine sind. Dieser erste Teil überzeugt durch die einfühlsame Bestandsaufnahme der Erfahrungen in einem nüchternen Sprachstil, der sich schnell durchliest.
Andererseits kommt die Person des Autors in ihrer Eigenschaft als Strafverteidiger zum Tragen, der in typischer Manier ermittelt, toll argumentiert, sich aber als Figur nicht konsequent verhält. Er entwickelt Sympathien an ungewöhnlichen Stellen, ermittelt dort, wo ihm eigentlich alles egal sein sollte und man hat das Gefühl, dass Schirach fertig werden wollte. Dieser zweite Teil ist der schwächere, glänzt aber mit dem Fachwissen in Sachen Justiz.
Für mich war dieses Buch das Geschenk einer lieben Freundin und eine Anregung auf ganzer Linie, denn es werden viele Künstler, Techniken und Neuigkeiten erwähnt, die ich vorher nicht kannte. Dankeschön!

Ferdinand von Schirach
Tabu
2015, 254 Seiten, Piper

Schirach

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Mal was Neues und viel Spaß dabei:

Liebe LeserInnen, ich möchte Euch in mehrfacher Hinsicht zum mitmachen einladen. Nicht nur das Lesen beschäftigt mich, sondern auch das Schreiben. Eine ganz spezielle Form kennt sicher fast jeder: Das Tagebuch schreiben. Eine ganz hilfreiche Sache um Erinnerungen aufzubewahren, Impulse für Geschichten zu finden und den Kopf zu klären. Immer wieder war ich eifrig dabei, […]

über Blogparade – Erster Teil – Verlosung — reingelesen

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Kurzgeschichte: Ein Reisebericht

4 März 2016, 05:34, Flughafen

Ich trage das Nötigste. Bald heißt es einsteigen. Von Rafik und den anderen habe ich mich schon verabschiedet. Er sagte zu mir, dass es in den nächsten Wochen noch weiter gehen wird. Ich sollte dringend diese Maschine nehmen. „Steig ein“ sagte er zu mir, „Sieh nicht nach links oder rechts, konzentrier´ Dich nur auf das Zentrum.“ Er gehört zu unseren besten Lotsen und jeden Morgen hat er ein Lächeln für mich.

Die Luft ist kalt und schneidet mir in die Lunge. Ich ziehe meine Jacke fester zu. Ich trage meine Arbeitskleidung und darunter einige T-Shirts. In einem kleinen Koffer habe ich noch ein paar Fotos und Dinge, von denen ich nicht weiß, ob ich sie jemals wieder brauchen werde. Trotzdem habe ich sie gestern abend eingepackt, bevor ich noch einmal mit Hakim und Faris telefoniert habe, die mich mit Pauken und Trompeten empfangen wollen. Mama bezahlt – das könnte ihnen so passen.

05: 50, Terminal 3

Es ist wie ein Verrat. Die anderen werden sehen, dass ich nicht zur Besatzung gehöre. Wie es Arif wohl geht? Die kurze SMS von gestern verhieß nichts Gutes. Er ist stur und will nicht mitkommen. Stattdessen schickt er mich allein zu unseren Söhnen. Als ob ich mich nicht wehren könnte. Vielleicht hatten wir bisher zu viel Glück. Vielleicht hat er Recht, wenn er sagt, dass die ganze Stadt bald dem Erdboden gleich gemacht wird. Mich wundert es, warum sein Regiment überhaupt noch steht.

06:20

Ich beobachte, wie sich der Jet langsam nähert, sehe seine Scheinwerfer und nur weil ich seine Triebwerke in den letzten Monaten eigenhändig gewartet habe, werde ich nicht verrückt. Ich habe immer gesagt, dass ich keinen Fuß in dieses Biest setzen werde. Damals haben sie mich noch ausgelacht, haben gesagt, dass ich mit meinen Stöckelschuhen sowieso nicht die kleine Leiter hochkäme. Jetzt trage ich Turnschuhe und habe meine Kapuze tief in mein Gesicht gezogen.

07:00, Abflug in das Zentrum

„Schnell, schnell, kommt rein.“ Es scheint keinen zu interessieren, warum ihre Ingenieurin mitfliegt. Im Gegenteil behandeln sie mich ausnehmend höflich und weisen mir einen Platz zu. Die Luft ist stickig, aber es scheint keinen zu stören. Mit einigen Soldaten sitze ich nun festgezurrt an der Wand des mehrstrahligen Jets.

Um uns herum stehen einige Wassertanks und wahrscheinlich verpackte Lebensmittel. Ich scheine die einzige Frau zu sein, kann aber nicht erkennen, ob sich unter den Toten nicht vielleicht doch noch Frauen befinden. Ihr Geruch sticht in meine Nase und ich denke, dass sie schon länger hier liegen.

Langsam geht die Sonne auf. Durch eine kleine Luke kann ich das Licht sehen, das sanft das Dach der alten Zitadelle berührt. Ich blicke daran vorbei, auf etwas hoffen, das uns heil in das Zentrum dieses verrückten Landes bringen wird. Man sagt, in der Not betet man zu Gott und vielleicht hilft es uns, mir und den Jungs dieser Mannschaft. Ich atme scharf ein, als einer der Männer mir lächelnd einen Helm aufsetzt, der mir nur knapp passt.

07:03

Als die Turbinen starten, muss ich wohl ein beängstigtes Gesicht machen, denn mein Sitznachbar versichert mir, dass wir in einer Stunde da sein werden. Ich weiß, dass die ersten zwanzig Minuten die schlimmsten sind, weil es üblich ist, dass sie alle startenden Flugzeuge abschießen. Ich lehne meinen Kopf gegen den Sitz und blicke wieder durch das Fenster, vor dem die Zitadelle bald verschwunden ist und ich nur noch den dunklen Himmel sehe, der schon mit kleinen hellen Streifen durchzogen ist.

Veröffentlicht in Roman, Sachbuch

Der Geruch der Erinnerung

Der Autorenname klingt zwar nicht gerade seriös, aber als Mängelexemplar war es durchaus ein Schnäppchen, das sich lohnte. Das Buch soll biografisch sein und schildert das Leben einer jungen Frau, die sich gegen ihr fast beendetes Kunststudium entscheidet und Köchin werden möchte. Bei einem Autounfall verliert sie jedoch ihren Geruchssinn und muss sich neu orientieren.

Im Buch führt die Autorin viele Studien zum Thema Geruch und soziale Wirkung an. Das ist interessant. Leider gelingt ihr die Kombination mit der eigenen Geschichte nicht immer. Dabei wirkt auch die Neuausrichtung ihrer Perspektive oft plakativ und ausgedacht – sie kann z. B. sofort ohne Ausbildung eine journalistische Tätigkeit für rennomierte Magazine aufnehmen und somit ihr Schicksal meistern. Trotzdem ist das Buch aufmunternd und spannend für die, die eine Krankheitsphase überstehen oder sich für den olfaktorischen Sinn begeistern.

 

Molly Birnbaum
Der Geruch der Erinnerung
2013, 352 Seiten, btb

Birnbaum

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Aus Rubinhain: Das Teleskop

Es war ein verregneter Nachmittag. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich auf die Idee mit dem Museum gekommen war, aber irgendwie hatte ich plötzlich an etwas Interesse, das mich sonst nie gereizt hatte.

Der Winter hatte nun schon so lange um sich gegriffen, dass ich gar nicht mehr wusste, wie dieser Teil der Stadt aussah. Im Frühling und Sommer waren wir oft hier. Die Kinder liebten das großzügige Gelände der Orangerie. Wir nahmen uns dann immer eine Wolldecke und belegte Brote mit, während Anni und Michi mit ihrem zerrissenen Ball spielten. Jetzt war von der Idylle auf der Karlswiese nichts mehr zu sehen und ich zog meinen Mantel fester zu. Der Schnee hatte sich in glitschigen Matsch verwandelt, der sich mit dem Sand des Gehweges vermischte und unaufhaltsam in meine Schuhe drang.

Schon nach ein paar Minuten in der Karlsaue hatte ich das Gefühl, erfrieren zu müssen. Meine Füße waren zu Eisklumpen gefroren und meine Hände verbarg ich notdürftig in meinen Hosentaschen, auch wenn das nichts nützte. Schon lange hatte ich außerdem diesen Schwindel, der immer bei Kälte kam und mich fast außer Gefecht setzte. Ich beschloss, schneller zu gehen, um nicht auch noch von oben nass zu werden. Trotzdem kam ich völlig durchnässt im Foyer des Planetariums an, dessen Ausstellung ich besuchen wollte.

„Guten Tag, einmal bitte!“

„Wollen Sie auch ins Planetarium? Die nächste Vorstellung ist um vier.“

„Nee, danke, nicht unbedingt.“ Ohnehin war mir das Thema kein Herzenswunsch gewesen. Aus purer Höflichkeit hatte ich auch kein Interesse heucheln wollen, zumal die junge Frau mich mit einem gelangweilten Blick maß. Ihre Augen schienen mir vorwerfen zu wollen, was ich hier wollte, schließlich war ich seit sehr langer Zeit an diesem Tag bestimmt der einzige Besucher. Ich nahm meine Eintrittskarte entgegen und überlegte noch, ob ich meinen klitschnassen Mantel nicht vielleicht in einem der Schränke verstauen sollte.

Tatsächlich hatten alle Spinde noch den kleinen Schlüssel, mit dem das Eigentum der Besucher sicher verwahrt werden sollte. Ich ging zur Nummer eins und zog meinen Mantel aus. Unter mir bildete sich derweil eine große Pfütze. Auch aus meinen Schuhen lief das Wasser. Schuldbewusst strich ich sachte über den Marmorboden, um Schlimmeres zu verhindern, ehe ich meinen Mantel in den Spind stopfte.

Es war eine Atmosphäre der Bedrängnis. Als Kind im Sportunterricht hatte ich meine Sachen in so einen Schrank gelegt und wenn ich einen Fehler gemacht hatte, so war ich zurück in die Garderobe geschickt worden, in der eine gespenstische Stille geherrscht hatte. So wie jetzt. Noch einmal sah ich mich zu der Kartenverkäuferin um, die sich wieder dem PC-Bildschirm zu widmen schien und ging dann hoch in die erste Etage.

Der Boden veränderte sich hier vom schlichten Marmor zu herrschaftlichem Parkett. Ich blickte erneut auf meine Schuhe und hoffte, dass ich keine größeren Schäden hinterlassen würde. Selbst mochte ich es nicht, wenn mit nassen Schuhen in meiner Wohnung herumgestapft wurde. Anni und Michi taten das oft, aber erst wenn sie fort waren, begann ich mit meiner Reinemachaktion, damit sie sich nicht eingeschüchtert fühlten.

Der Raum war dunkel. Man hätte Kerzenschein vermuten können, aber die Lichtquellen waren einige spärliche Birnen, die die Exponate wenig, doch festlich illuminierten. Insgesamt war der Raum aber sehr groß und ich konnte meine Schritte auf dem Holzboden hören. Mit mir im Raum befand sich auch ein leises Ticken, vielleicht von einem der vielen Zeitmesser und außerdem eine Aufsichtsperson. Der Herr hatte es sich auf einem Klappstuhl bequem gemacht und musste wohl geschlafen haben, ehe ich kam. Mit meinem Eintritt hatte er begonnen, sich zu räuspern und seinen Kopf zu heben.

Gut zu erkennen waren die vielen Globen. Der erste, der mir auffiel, hatte eher etwas von einem Trödelstück. Die kleine Karte vor dem Glaskasten zeigte an, dass die Weltkugel aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte. Ich war geneigt, einen Pfiff zwischen meinen Zähnen hervor zu bringen, riss mich dann aber doch zusammen. Der Aufseher sollte keinen falschen Eindruck von mir bekommen.

Ich ging weiter, betrachtete Teleskope und Maschinen für Sternkundler. Im Geiste stellte ich mir vor, wie Wissenschaftler früher die Geräte über das Feld geschleppt haben und wie viele Helfer sie dafür benötigten. Das, was hier gezeigt wurde, konnte man heute wohl nicht mehr als Wissenschaft bezeichnen. Trotzdem war mir bewusst, dass diese sonderbaren Geräte ihre Vorläufer gewesen sind. Alle Ausstellungsstücke waren sorgfältig geschützt. Die meisten befanden sich hinter Glas oder hatten warnende Schilder mit „Bitte nicht berühren!“, an die ich mich natürlich hielt.

Nun, bis hierher war es kein besonderer Besuch. Ich war einer von nicht ganz so vielen Gästen und um ehrlich zu sein war ich froh, dass die Räumlichkeiten beheizt waren. Soweit sind doch sicher ganz normale Verhaltensweisen erkennbar. Ich informierte mich über die Globen und ging dann weiter zu den Teleskopen. Ein besonders großes hatte eine Kunststoffummantelung, die einlud, durch das Objektiv zu schauen. Ich beugte mich etwas herunter, konnte aber kein Bild ausmachen. Auch beim Schließen des anderen Auges sah ich noch nichts durch das Fernrohr. Eine leichte Enttäuschung überkam mich. Ich versuchte, Blickkontakt zu dem Aufseher aufzunehmen, aber der hatte sich mittlerweile in die Reinigung seiner Fingernägel vertieft und so machte ich mich auf zur nächsten Vitrine.

„Dubium sapientiae initium.“ War die kleine Gravur, die ich auf einer der Uhren lesen konnte. Mit dem Lesen der lateinischen Worte hatte ich nie Probleme gehabt. Die Übersetzung war aber einfach zu lange her. Der Satz stammte wohl von René Descartes. Alte Philosophie.

Die Uhr war in einer kleinen Schatulle verborgen, die wie ein Schuckkästchen anmutete. Sie war reich verziert und auch die Gravur war mit goldenen Lettern geprägt, sodass sich aus dem Schatten dieser Satz ergab. Im Kopf versuchte ich, die Wörter zu drehen, ihnen einen Sinn zu geben, aber außer dem Wort „Wissen“ und „Anfang“ konnte ich nichts erschließen.

Die Karte erklärte, dass es sich um eine Tischuhr aus dem siebzehnten Jahrhundert handelte. Die Zeiger standen still und ich fragte mich, ob die Uhr wohl noch intakt war. Sollte man immer so pfleglich mit ihr umgegangen sein, so war davon auszugehen. Ältere Uhrwerke brauchten ja keine Batterien. Anni hatte früher eine Uhr mitgebracht, die sie auf dem Flohmarkt erstanden hatte. Ziemlich viel Zeit haben wir mit diesem Ding verbracht, ehe wir feststellten, dass sie wirklich kaputt war. Rein äußerlich war sie ein schönes Stück gewesen und Anni hatte ein Talent für schöne Dinge zum Leidwesen ihrer Mutter, bei der sie sich die Schätze erbettelte. Am Wochenende zeigte sie mir immer ihre Errungenschaften.

Ich hätte mich damals sehr gewundert, wenn das Ding funktioniert hätte. Sicher war es aus der letzten Jahrhundertwende, war ziemlich aufwendig hergestellt worden und das Innenleben hatte ausgesehen wie eine kleine Fabrik. Trotzdem hatte Anni sich nicht beirren lassen.

Im Geiste zuckte ich mit den Schultern und las erneut den Text, der auf der Karte zu lesen stand. Als ich versuchte, mich auf den Text zu konzentrieren, verwischten die Buchstaben für einen kurzen Moment vor meinen Augen. Es war wirklich stickig in diesem Raum und das Dämmerlicht trug nicht gerade zu einer guten Sicht bei. Trotzdem konnte ich erschließen, was noch auf dem Kärtchen zu lesen war. Die Uhr war für einen Landgrafen angefertigt worden.

Ich beschloss, den Raum zu verlassen und langsam, aber zielstrebig in den nächsten einzutreten. Ob es dort einen neuen Aufseher gab oder ob mir der alte langsam und diskret folgte? Hier waren doch sicher überall Kameras und Alarmanlagen. Den alten Plunder würde man doch nicht allein von einem staubigen Herrn betreuen lassen, der die meiste Zeit schlief?

Der Weg zum nächsten Raum führte über eine kleine Galerie, auf der sich einige weitere Teleskope befanden. Weil der Korridor hier kühler war und das kleine runde Fenster etwas Licht spendete, blieb ich einen Moment stehen. Es musste ein mittleres, zierendes Fenster sein, das mit seinen kunstvollen Sprossen einen Blick in den Park warf. Man konnte von hier aus die Achsen sehen, so wie man den Park angelegt hatte. Von hier aus wirkte der Schnee idyllisch. Aus weiter Entfernung konnte man den Matsch von eben nicht erkennen. Alles war noch weiß. Der Regen sorgte aber sicher schon bald dafür, dass der Schnee verschwunden war.

Ein Resultat des Wetters war auch, dass der Park sehr verlassen war. Im Sommer konnte man durch dieses Fenster sicher auf viele Menschen schauen, die nach den Sonnenstrahlen heischten. Jetzt war wirklich nichts los. Ich ging etwas näher an das Geländer, um mich zu vergewissern, dass ich im ganzen Park neben der Verkäuferin unten und dem schlafenden Aufseher der Einzige war, der sich auf diesem Flecken Erde aufhielt.

Vorsichtig beugte ich mich nach unten und kniff mein rechtes Auge zu. Das große Teleskop wies direkt auf die Mitte, auf die Schwaneninsel. Sehr gut konnte ich den kleinen weißen Pavillon erkennen, die leuchtenden Fensterscheiben und eine Ente, die gelangweilt vorüberschwamm.

Wahrscheinlich hätte ich mich anders verhalten sollen, aber damals dachte ich, dass mir mein Schwindel einen Streich gespielt hatte. Dass mich meine Augen nicht getrügt hatten, fiel mir erst auf, als die Polizei am nächsten Morgen vor meiner Tür gestanden hatte. Ich hatte nicht glauben können, was sie sagten, aber das Teleskop geht mir bis heute nicht mehr aus dem Kopf.

„Guten Tag, Herr Witten?“

„Ja, was gibt’s denn?“ Ich hatte gewusst, was passiert war, aber es war zu schwer gewesen, die Bilder in Worte zu legen.

„Ihre Tochter ist seit gestern verschwunden.“

„Mhm.“ Ich hatte nach unten auf die Türschwelle geblickt und mich erinnert:

Das Teleskop war für sein stattliches Alter erstaunlich scharf und deutlich gewesen. Langsam bewegte ich es hin und her, drehte an dem Objektiv und sah jetzt noch besser. Die Szene im Teleskop wirkte zwar grau und verlassen, aber sie hatte etwas Gemütliches, sodass ich mich kaum davon losreißen konnte. So hatte ich sicher schon einige Minuten den Pavillon fixiert, als plötzlich etwas Unglaubliches geschah.

Von rechts kam eine kleine Person in das Bild gelaufen. Es ließ sich nicht ausmachen, wie sie auf die Insel gekommen war, die nur so groß war, dass sie das Haus des Pavillons beherbergen konnte. Es gab keinen Steg zum Ufer und das Wasser musste ziemlich tief sein. Ich sah kein Boot, wohl aber den roten Mantel, den das Mädchen trug und dessen Bewegungen. Ich musste das Gesicht nicht erkennen, um zu wissen, dass es Anni war, die offensichtlich vergnügt um das kleine Haus tanzte, hin und herlief und schließlich zum Himmel blickte.

Als Kind freut man sich über Regen. Ich konnte nicht mehr sagen, wann die Freude über das Regenwetter bei mir aufgehört hatte, aber ich hasste den Regen und Anni schien nun den Himmel zu fragen, ob er nicht noch mehr Tropfen zu bieten hatte. Ich konnte sie gut sehen, ihre Gummistiefel, die schon wieder schmutzig waren und sogar den Rucksack, den sie bei Ausflügen immer bei sich trug. Vom Himmel sah sie nun geradeaus und direkt in meine Richtung. Hätte ich nicht gewusst, dass ich durch ein Fernrohr blickte, hätte ich ihr bestimmt gewunken.

Für einen Moment war ihr Gesicht ernst, verheißungsvoll, nahezu prophetisch, aber dann hob sie ihre Arme und ruderte wild. Ihre Augen strahlten und ich musste lächeln, weil sie sich mit dem Winken so anstrengte und ich sie doch sehen konnte. Zaghaft hob ich meinen Arm und winkte zurück. Wie konnte sie mich aus dieser Entfernung erkennen? Zwischen uns lag sicher mehr als ein Kilometer, zumal ich durch ein kleines Fenster blickte und von außen direkt vor dem Gebäude nicht erkennbar sein konnte. Ich lachte jetzt lauter, drehte das Teleskop von meinen Augen weg und fuhr mit beiden Händen durch mein Gesicht.

„Sie hat einen roten Mantel getragen und ihre Gummistiefel.“

„Ja, Ihre Frau – äh, Exfrau sagte das bereits.“ Die beiden Polizisten sahen sich an. Sie überlegten wohl, wie mit mir zu verfahren war. Unterdessen dachte ich weiter an das, was passiert war:

Ich hatte tief durchgeatmet und mir mit den Fingern den Schlaf aus den Augen gerieben. Seit Monaten hatte ich diesen Schwindel nun schon. Vielleicht sollte ich zum Arzt gehen.

Es war dann ganz schnell gegangen. Der erneute Blick durch das Teleskop zeigte nicht mehr nur meine Tochter, sondern von irgendwoher musste eine zweite Person gekommen sein. Sie war mir fremd, aber so, wie sie sich Anni zuwandte, schienen sich die beiden zu kennen. Komisch, sonst hatte mir Sabine immer ihre Freundinnen vorgestellt. So lange waren wir doch noch nicht getrennt, dass ich diese Frau nicht kennen konnte.

Sie gingen zusammen vielleicht drei mal um den Pavillon, bis das geschah, was ich bis heute nicht verstehe. Es war zu unwirklich und auch wenn man einer fremden Frau sein Kind nicht anvertrauen sollte, so war doch das, was ich von ihr in dieser Position sehen konnte, durchaus sympathisch, wenn nicht sogar nett. Anni hatte sich nun kurz an das Ufer gebeugt, hatte wohl ihre Hände kurz waschen wollen, als die Frau meine Tochter mit einem gezielten Hieb ins Wasser stieß. Die Frau sah sich um, ließ das Kind im Wasser zappeln und ging dann fort.

„Anni“ kam ich nun hinter dem Teleskop hervor und wollte das echte Bild durch das Fenster betrachten. Ich konnte aber nichts sehen außer einem weißen Punkt in der Ferne, der wohl der Pavillon sein musste. Sie konnte doch nicht schwimmen. Mein Körper geriet in Aufruhr. Ich fühlte, wie meine Glieder sich bewegen wollten, aber keine Richtung entschieden. Deshalb blieb ich schließlich stehen und sah erneut durch das Fernrohr. „Anni“ rief ich wieder. „Anni!“ Als ich jetzt die Schwaneninsel anpeilte, war sie leer. Keine Person war mehr zu sehen.

Sie wirkte sogar noch verlassener als vorhin. Ein Kind ging doch nicht sofort unter! Man wusste doch aus Filmen, dass es einen Moment dauerte, bis die sicherer Rettung nahte. Die Stelle, an der Anni in das Wasser eingetaucht war, war aber völlig ruhig. Die nahezu glatte Wasseroberfläche wies nicht darauf hin, dass ein Kind dort um sein Leben rang und die fremde Frau war ebenfalls verschwunden.

Noch einige Minuten hatte ich durch das Teleskop geblickt, ehe ich mich von der grausamen Szene losreißen konnte. Bestimmt hatte ich mich geirrt. Wie sollte mein Kind auf diese kleine Insel gekommen sein? Noch dazu völlig allein und bei diesem Wetter. Sabine kümmerte sich immer gut um die Kinder und würde sie nicht allein losgehen lassen.

Dies alles ging mir auch dann noch durch den Kopf, als ich auf meiner Türschwelle die beiden Kommissare fixierte. Es konnte nicht wahr sein. In den dunklen Augen des einen Polizisten las ich noch einmal das, was mir beim Ende meiner Museumstour eingefallen war:

„Zweifel ist der Weisheit Anfang“ war die Übersetzung der Inschrift, die der Künstler der kleinen Tischuhr in lateinischer Sprache in den Deckel graviert hatte.

„Suchen Sie bei der Schwaneninsel in der Karlsaue“ sagte ich zu den Beamten, ehe ich auf der Türschwelle zusammenbrach.

P1030441

Veröffentlicht in Gedanken

Weinbergmond jetzt als eBook!

… für 5,99!

Wer sich in den ersten Teil der kleinen Serie um Kommissar Gardner, seinen Rauhaardackel Erich und die Todesfälle in und um Kassel einlesen möchte, ehe KIRMESBLUT erscheint, kann das jetzt ein Jahr nach der Veröffentlichung auch zum halben Preis.

Der Klappentext:

In der Karlsaue wird ein abgetrennter Kopf gefunden. Die Ermittlungen beginnen in der Kasseler Südstadt und nehmen bald ungeahnte Ausmaße an.
Der Wiener Kommissar Gardner hat nicht mit einer Serie gerechnet, die alle zuvor gekannten Fälle in den Schatten stellen würde. Rätselhafte Ereignisse geschehen im Umfeld von Diana Neumann, die unweit des Weinberges arbeitet. Doch welche Rolle spielt die junge Bibliothekarin? Ein Krimidebüt rund um den Charme der Stadt Kassel.
ebook
Zur Bestellung bitte einfach auf das Cover klicken!

Veröffentlicht in Roman

Wir sind doch Schwestern

Wenn man nicht so richtig weiß, wer ein Buch geschrieben hat, dann ist man eine Tabula rasa und konzentriert sich auf den Inhalt. Gut so! „Spiegel-Bestseller“ sind doch nicht immer nur Cliquenwirtschaft, oder?

Naja, gut dass ich die Hintergründe des Bestsellers vorher noch nicht kannte, denn es ist in Ordnung. Man erhält das, was das Cover suggeriert und ist selbst schuld, wenn man mehr verlangt. Weil ich selbst zwei Schwestern habe, habe ich mich zum Kauf entschieden. Etwas dröge ist es an einigen Stellen schon, hat aber auch viel Schönes zu bieten. Letztendlich wird natürlich das Klischee bestätigt, das man vom gemeinen „Spiegel-Bestseller“ hat. Die Autorin moderiert ja schließlich das ARD-Morgenmagazin und ist die Ehefrau von Frank Plasberg. Insgeheim denkt man sich da doch eine große Gruppe, in der sich gegenseitig die Möglichkeiten zugeschoben werden. Da geht es dann nicht mehr um den Anspruch oder um die Eignung einer Person, oder?

Anne Gesthuysen
Wir sind doch Schwestern
2016, 406 Seiten, Piper

Gesthuysen

Veröffentlicht in Roman

Eine wiener Romanze

Michael Rost kommt im Alter von achtzehn Jahren völlig mittellos nach Wien und begegnet durch Zufall einem reichen Gönner, der ihn unterstützen möchte. Rost nimmt an und beginnt, sein Leben in vollen Zügen zu genießen. Dazu gehört das Verschleudern des Geldes ebenso wie die Beziehung zu Gertrud und ihrer Tochter Erna.

Natürlich, es ist nicht schlecht und hat gute Momente. Der Charme der Stadt und einer längst vergangenen Zeit lesen sich hier so nebenher. Gerade das Nachdenken über Jugend und Alter und natürlich, wie man mit beidem umgeht, ist ziemlich ansprechend. Problematisch wie so oft sind aber die Geschlechterrollen. Der junge Mann weiß genau, wie er sich in der Großstadt benehmen soll. Sämtliche Frauen des Romans stehen aber wie fast immer auf der Leitung, zeigen sich hilflos – vielleicht liegt es am bejahrten Text, denn das Buch ist hundert Jahre alt und wurde erst jetzt veröffentlicht.

David Vogel
Eine wiener Romanze
2015, 316 Seiten, Aufbau

Vogel

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Nachts

Du liest im Folgenden eine Traumsequenz von ZEITENBRAND. Wilhelm sucht Marie, aber er kann sie nicht erreichen. Das Buch ist eben nicht so, wie es scheint. Mit dem weißen Cover steht es wahrlich unspektakulär im Regal, aber genau das war so gewollt. Die gesamte Handlung ist eine Zeitreise, wie wir sie momentan auch in der Realität erleben. Die Nachrichten liefern uns ein Bild, das uns nicht wie die Gegenwart, sondern eher wie eine ferne und fast vergessene Vergangenheit vorkommt, von der es mir wichtig war, zu berichten. Die Grenzen zwischen den Gefahren unserer Zeit und dem, was heute auf Wahlplakaten nur angedeutet wird und uns trotzdem an früher erinnert, sollen so verwischen, dass Du Dich nicht nur in Wilhelms Situation versetzt fühlst, sondern auch die Parallele zur Realität ziehen kannst. Das Buch gerät damit zu einem Horrorszenario, dessen schlimmste Prognose in den letzten Wochen und Monaten längst eingetreten ist.

Ich gehe auf engen Gassen umher und kann kein Ziel finden. Es gibt keinen Plan, keine Karte, die mich führt. Um mich herum sind viele andere Menschen. Manche gehen geschäftig ihrem Alltag nach, andere starren mich an. Ist das die Obere Königsstraße?

Ich versuche, nicht zu sehr in ihre Richtung zu sehen. Früher hat man mir verboten, die Leute einfach so anzusehen. Als Kind habe ich einmal am Wegesrand einen Bettler sitzen sehen, der nur ein Bein hatte. Ich habe auf ihn gezeigt und meine Mutter gefragt, was mit ihm los war. Sie hat mich weggezogen und aufgeregt das Thema gewechselt.

Wie ich so zwischen den Häuserzeilen hindurch sehe, habe ich das Gefühl, einzelne Gestalten zu kennen. War das nicht Schmidt eben in der hellen Jacke? Schmidt, es ist zu kalt für diese Jahreszeit. Hol´ Deinen Mantel aus dem Schrank. Habe ich mich geirrt?

Ich gehe weiter. Die Läden sind leer, trotzdem suchen die Menschen nach Dingen, die sie kaufen können. Edle Tragetaschen ziehen an mir vorbei. In der nächsten Gasse sehe ich ihn wieder. Schmidt, was machst Du hier? Hast Du auch so viel zu kaufen? Waren wir nicht verabredet? Der Mann blickt zu mir, scheint mich aber nicht zu hören.

Nachdem einige Versuche unseres Kontaktes gescheitert sind, gebe ich es auf und gehe weiter. In der nächsten Gasse läuft Margaret. Oh, liebe Margaret! Du wirst mir helfen können. Sag´, was hier los ist. Sag´ mir meine Anklage. Was habe ich verbrochen?

Ich gehe auf sie zu, aber sie entfernt sich wieder. Ich rede lauter auf sie ein, aber meine Rufe interessieren sie nicht. Warum lässt Du mich allein?

Traurig gehe ich weiter und suche nach einem Ziel. Jetzt werden die Häuser weniger. Die Menschen mit ihren Tüten und Taschen verschwinden oder bilde ich mir das nur ein? Wohin gehe ich? Meine Füße scheinen den Weg zu kennen, mein Kopf rätselt noch. Die Straße wird schmaler und ich spüre eine Enge in meiner Brust aufsteigen, die ich sonst nur in großen Menschenmengen habe. Die Häuser links und rechts scheinen sich treffen zu wollen. Der Boden, auf dem ich gehe, verändert sich. Kopfsteinpflaster.

So fühlte es sich damals an, als – der Nebel kommt diesmal nicht so plötzlich. Er passt zur Szenerie und ich weiß, worum es geht. Ich habe eine Ahnung und denke jetzt klar wie schon lange nicht mehr. Es ist wieder Nacht. Es sind dieselben schiefen Häuser, die von den wenigen Laternen angestrahlt werden.

Ja, zeig´ ihn mir. Gleich muss er doch kommen in seinem Trenchcoat und dem Gesicht, das ich dann erkenne, wenn ich es direkt vor Augen habe. Wenn ich wach bin, habe ich keine Erinnerung, aber jetzt gehört er dazu. Hier muss es sein. Ich werde langsamer und bleibe schließlich stehen. Ich sehe nach oben. Eine Motte kreist um die Glühbirne, die über mir immer wieder an und ausgeht.

Warte ich auf ihn? Hat er eine Nachricht für mich?

Es ist Marie, die von weitem auf mich zukommt. Ja, tatsächlich. Zuerst habe ich die junge Frau nicht erkannt, aber jetzt weiß ich es ganz sicher. Ihre Haare sind wirr und sie ist nur notdürftig bekleidet. Es wirkt, als sei sie gerade aufgewacht und hierher geeilt. Warum kommt sie her? Sie lächelt und ihre Augen wirken, als wollte sie mich etwas fragen. Sie kommt näher und ich gehe auf sie zu. Ich bin froh, sie zu sehen. Vielleicht nimmt es ein gutes Ende? Als wir noch etwa zwei Häuserlängen voneinander entfernt sind, kann ich ihre Gestalt ganz sehen. Sie trägt einen roten Mantel und ich kann erkennen, dass sie keine Schuhe anhat. Mit nackten Füßen muss sie den ganzen Weg hierher gegangen sein. Ich mache mir Sorgen, doch bin ich selig, sie zu sehen. Unter ihrem Mantel blitzt ein Nachthemd hervor, das sie wahrscheinlich vor mir verbergen möchte.

Marie, wie geht es Dir?

Als sie antworten will, sehe ich, wie sich blitzschnell zwei Schatten nähern. Es sind zwei Männer, die Marie packen. Erschrocken dreht sie sich zu ihnen um und ruft dann nach mir, aber ich kann nur einzelne Laute verstehen. Ich werde schneller und laufe jetzt, aber wie ich mich auch beeile, ich scheine nicht vorwärts zu kommen.

Der Nebel wird so dicht, dass ich kaum sehen kann. Marie ruft weiter. Ihr Gesicht schreit mir entgegen, aber ich kann nichts hören. Die Männer zerren sie mit sich und bekommen sie in ihre Gewalt.

Zurück bleibt nur die Motte, die um die Laterne kreist und einzelne kleine Wölkchen des Nebels, die im Nu verschwinden.

P1030431

Veröffentlicht in Roman

Krieg der Sänger

Was passierte wirklich auf der Wartburg? Martin Luther erhält vom Teufel persönlich den Bericht über den Sängerkrieg auf der Wartburg im Jahre 1206. Es geht um sechs Sänger, um ein Komplott und um eine Challenge auf Leben und Tod. Ein gut gemachter Historienroman, der nicht zu detailverliebt daherkommt und sich auf das Wesentliche konzentriert. Unbedingt lesen!

 

Robert Löhr
Der Krieg der Sänger
2012, 317 Seiten, Piper

Löhr

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Der Fänger im Roggen

Es ist ein sagenumwobenes Buch voll von Gesellschaftskritik und Eigensinn. Mit völlig anderen Erwartungen bin ich an das Buch herangetreten, wurde aber nicht enttäuscht. Eigentlich ist es ein Jugendbuch, das aus der Sicht des sechzehnjährigen Holden Caulfield geschrieben wurde.
Holden ist ein begabter junger Mann. Er analysiert fleißig seine Umgebung und kommt immer zu dem Schluss, dass die Menschen allesamt entweder verlogen oder völlig affektiert sind. Er selbst zeigt sich distanziert, hat scheinbar kein Interesse an vielen Dingen, die die Menschen seines Alters beschäftigen sollten und so fällt er in seiner Schule in mehreren Fächern durch.

Wahrscheinlich ist es ein Buch zum Erwachsenwerden, aber auch eines für diejenigen, die über viele Meinungen oft müde lächeln können.

J. D. Salinger
Der Fänger im Roggen
1945, 270 Seiten, Rororo

Salinger

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Kapitel 14

Achtung! Hier kommt der dritte Erzählstrang zu Kirmesblut😉

DEIN KASSELKRIMI

Jetzt zum Semesterbeginn war am Holländischen Platz die Hölle los. Lisa Erkel kämpfte sich durch die Menge der Erstsemester, die sich aufgeregt nach Kursräumen informierten, um noch begehrte Plätze in den Seminaren zu erhalten.
In solchen Momenten war sie froh, nicht mehr auf Treppenstufen oder Fensterbänken sitzen zu müssen. Wie lange es ihr ganz ähnlich gegangen war, konnte sie heute nicht mehr zurückverfolgen.
Die Vorlesung zum Thema „Einführung in die Politik des 19. Jahrhunderts“ war bis zum letzten Platz belegt. Die Hörsäle anderer Unis hatte Lisa bisher als weiträumiger und großzügiger empfunden. Jetzt stand sie vor einer großen Wand aus orangefarbenem Gestühl, das sich grell von der dunklen Decke mit ihren Neonstrahlern abhob. Jeder der fast dreihundert Plätze war belegt, beide Notausgänge waren mit weiteren Hörern versperrt. Die Luft war zum Schneiden stickig.
„Bitte haben Sie Verständnis, dass die Treppen frei bleiben müssen.“ Lisa sprach es in ein Mikrophon, das…

Ursprünglichen Post anzeigen 715 weitere Wörter

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Das Haus der vergessenen Bücher

Etwas seicht kommt dieser Roman angeplätschert, typisch für die heutige Zeit. Die heutige Zeit? Nein, diese vermeintliche Vintage-Ausgabe ist ein Original von 1919 und das macht die Sache schon spannender. Mr. Mifflin ist nicht nur als Buchhändler der Protagonist der Geschichte, sondern er zeigt uns sein beschauliches Leben in Brooklyn kurz nach dem ersten Weltkrieg. So trifft er eine Buchauswahl, die die damaligen Geschehnisse reflektiert. Das Buch liefert uns viele sekundäre Literaturtipps.

Christopher Morley
Das Haus der vergessenen Bücher
1919, 254 Seiten, Atlantik

Morley

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Das Krimitagebuch: Dein Kasselkrimi

Ursprünglich als Reflexionsinstrument überlegt, ist es mittlerweile eine Dokumentation der Aktivitäten geworden, die bei beiden Krimis passiert sind. Es zeigt vor allem die Unklarheiten, aber auch die kleinen Erfolge, mit der hier die Texte verhackstückt werden. Ich zwinge mich, es weiter zu führen, obwohl ich es bei ZEITENBRAND nicht getan habe – war vielleicht ein Fehler – und hoffe, dass es eine kleine Motivationshilfe sein kann. Ansonsten ist die Schreiberei ja keine Zauberei: Neulich habe ich eine Bloggerin im Fernsehen gesehen, die dafür ein eigenes Büro hatte (soweit kommt´s noch) und schon oft habe ich von Schreiberlingen gehört, die an einem teuren Schreibtisch mit einem noch viel teureren PC sitzen. Ganz ehrlich: Am besten schreibe ich frühmorgens im Bett auf einen Block mit einer Vorlage von Kapiteln, die ich streng vorgegeben habe. Ich bilde mir ein, dadurch meine Handschrift nicht verrotten zu lassen und übertrage nachher alles ganz nonchalant in das Open-Office-Programm meines spottbilligen Riesennotebooks. Da fehlt mir einfach die nötige Performance…

Der heutige Eintrag:

Reflexion XV: Die letzten Grüße aus Kassel

Ja, jetzt werden alle Erzählstränge beendet. Alles läuft eigentlich, aber ich winde mich wie ein Fisch um den Schlussteil. Amalie muss noch Nathanaels Versprechen bekommen, der Mord ist längst begangen und bestimmt nicht so übel wie vermutet. Trotzdem komme ich nicht zum Zuge. Die Luft ist raus, aber bald flutscht es wieder, bestimmt, 17.01.2016

Veröffentlicht in Erzählungen

Lady Windermeres Fächer

Oscar Wilde ist ein Sittenzeichner, wie er im Buche steht. Da wundert es auch nicht, dass der Fächer ganz klar einen Fehltritt zeigt, der aus heutiger Sicht eine Lapalie ist, zur Zeit des 19. Jahrhunderts aber ein großer Aufreger war. Die Geschichte ist sehr lesenswert, weil es mal wieder um die gesellschaftliche Akzeptanz sozialer Umstände geht. Lady Windermere hat alles, was sie sich wünscht und sie ist sehr dankbar dafür. Sticheleien von außen sorgen wie so oft im Leben dafür, dass sie ihre Position zu hinterfragen beginnt. Wir lernen viel von den Charakteren. Eindrucksvoll ist z. B. die flapsige Antwort des Lord Darlington auf die Frage der Lady, warum er so oberflächlich über das Leben spreche: „Weil ich das Leben für viel zu wichtig halte, als dass man sich darüber jemals ernsthaft unterhalten sollte.“ (S. 13)

Oscar Wilde
Lady Windermeres Fächer
als Reclam oder auf http://gutenberg.spiegel.de/buch/-1838/1

Fächer
Aus: erlebnisreisen-weltweit.de