Bullterrier

Das Karussell dreht sich munter weiter, mit allen Mitteln wird gelogen, betrogen, sich wichtig gemacht und ich falle immer wieder darauf rein, meine Zeit damit zu verschwenden.

Ich denke nach, sitze im Gras und sehe von weitem einen Hund auf mich zukommen. Bei näherem Hinsehen ist es einer von denen, die für Stimmung sorgen. Das Tier nähert sich und ich erkenne, dass seine Schultern fast so kräftig sind wie meine eigenen. Ich beobachte das Tier Auge in Auge und will etwas sagen, dass sie es anleinen müssten und denke kurz an die Polizei.

Die könnte ich doch rufen und würde ihr was erzählen von meinem Tag und von den Jugendlichen, deren Schultern noch nicht breit genug sind, das Tier im Ernstfall zu halten, ehe ich mich besinne, dass mich das Tier schon jetzt zerfleischt hätte, wenn es ein bösartiges wäre. Dann denke ich wieder an die Polizei und die Tatsache, dass deren Jobs bestimmt nicht viel besser sind. Die ärgern sich auch oft.

Ein American Pitbull Terrier ist in Deutschland mittlerweile verboten, lese ich im Internet, als die Gruppe schon vorüber gezogen ist und ich bin froh, dieses Mal verschont worden zu sein.

Grand Hotel

Wieder eine Hotelgeschichte – diesmal aus der Sicht des „Einhandflötisten“ Fleischman, der wahrscheinlich aufgrund eines furchtbaren Autounfalls keine gute Zukunftsperspektive hat, der im Grand Hotel als „Mädchen für alles“ tätig ist und noch nie über die Grenzen seiner Stadt Liberec in Tschechien hinaus gekommen ist. Ein empfehlenswerter Roman über verpasste Chancen und große Pläne. Das runde Hotel gibt es auf dem Berg Ještěd übrigens wirklich.

Rudis

Jaroslav Rudiš

Grand Hotel

2006, 238 Seiten, Luchterhand

Leidenschaft

Ach schade, manchmal täuscht man sich einfach im Cover und so lese ich zwar eine kurze Novelle über verschiedene Liebeleien, aber die wahre Ergriffenheit bleibt etwas auf der Strecke. Geschildert wird aus der Sicht eines älteren Herrn über das Leben und die Liebe in der französischen Provinz. Junge Frauen, die mit alten Männern zusammenleben müssen, aber eigentlich in jüngere verliebt sind, etc. Ein Buch, das vielleicht auch eine seltsame Tristesse birgt, mit der ich mich nicht aufhalten möchte. Naja.

Némirovsky

Irène Némirovsky

Leidenschaft

2011, 127 Seiten, btb

Ein Gentleman in Moskau

Seit langem ein großer Lesegenuss! Eine außergewöhnliche Sprache verweist auf eine spannende Geschichte im Grandhotel Metropol in Moskau. Graf Rostov wird als reaktionär und vorsintflutlich beschrieben, weil zur Zarenzeit geboren und aufgewachsen. Damit ist er den neuen Sozialisten ein Dorn im Auge und wird kurzerhand im Hotel eingesperrt. Im Laufe der Geschichte lernen wir einen Kosmopoliten kennen, der weit über die Grenzen seiner Widersacher hinaus denken kann. Ein Buch, das ich so gern empfehle, weil es ohne großes Tamtam von Sex und Crime oder die üblichen Verdächtigen auskommt. Bitte gern lesen, lohnt sich wirklich!

Towles

Amor Towles

Ein Gentleman in Moskau

2016, 558 Seiten, Ullstein

Kurzgeschichte: Rauhnächte

Er kann ihn manchmal nicht leiden. So wie er oft arrogant auf der Mauer stolziert, wie er hinter den Vögeln herstarrt und wie er überhaupt nicht auf andere achtet. Er kann es nicht leiden. Trotzdem sind sie verbunden, auf immer zusammen, Brüder eben, die sich streiten und dann wieder vertragen. Es war schon immer so. Er hätte sich ja dagegen einsetzen können, hätte selbst böse reden können und überhaupt, denn schließlich war er der bessere Jäger auch nach dieser Geschichte.

~

Die Frau setzt sich. Ihre Brille hat sie zur Seite gelegt. Im Zimmer ist es warm, aber durch einen Fensterspalt zieht es vor sich hin. Ich blicke auf die Kerze, deren Flamme hin- und herflimmert. Im Ofen brennen ein paar Holzscheite. Sie beginnt ihren Bericht mit einem Seufzen:

Ach, heute ist es nur noch eine Geschichte, die man sich erzählt an dunklen Abenden im Sommer oder an nassen Herbsttagen, um sich selbst ein bisschen interessanter zu machen. Ich auf meine alten Tage, ich will da nicht nachstehen. Es hat sich wohl wirklich so zugetragen. Manche sagen, die Kater seien es, wenn es draußen an die Scheiben klopft oder wenn ein Unrecht geschieht. Es ist schon lange her. Nach allen Berechnungen müssten die Tiere heute eigentlich tot sein. Wie lange lebt so ein Vieh? Aber es soll noch viele Menschen geben, die sie regelmäßig sehen. Ihre schwarzen Gesichter mit Augen, die wie Kohlen glühen, sind noch hinter den Scheiben des alten Hauses zu sehen. In dem Haus wohnt schon lange niemand mehr.

Es war damals sehr kalt. Ich weiß noch, dass der Wind so schneidend war, dass ich dachte, den Schnee riechen zu können, der sich ankündigte und schon bald einstellen sollte. Damals hatte man immer von der besonderen Zeit des Jahres erzählt, von der ´Wilden Jagd´ und dem Unheil, das sie brachte. Ammenmärchen, hätte man mich zu einem späteren Zeitpunkt in meinem Leben gefragt, als ich alles mit Vernunft erklären konnte, als alles vorhersehbar schien. Heute weiß ich, dass es anders ist, dass sich kein Leben gänzlich planen lässt.“

~

Er weiß, dass es sein Bruder war, aber bis heute kann er kaum sagen, was damals wirklich passierte, als die Menschen ihre Wäsche nicht wuschen, weil sie Angst hatten, es würde ein Leichentuch aus ihnen gewebt. Er saß am Fenster und wollte ihn warnen. Es kam jedoch jede Hilfe zu spät.

~

Die zwölf Rauhnächte zwischen Weihnachten und Neujahr bedeuten die Erneuerung, aber auch das Innehalten für das Alte. Zur Zeit des Heidentums stand ihre Bedeutung stärker im Vordergrund, heute weiß man nicht mehr um die Verhaltensregeln, an denen man sich orientieren soll. Es war das Nachbarhaus, von dem die Leute sagten, dass der Hausherr irgendwie komisch sei. Was genau damit gemeint war, lässt sich heute nicht mehr sagen. In genauem Zusammenhang damit steht jedoch die Tatsache, dass die Frau des Hauses des öfteren mit einem blauen Auge beim Metzger ausgeholfen hat. Sie brauchten dringend das Geld, glaube ich. Der Hof warf ja auch so gut wie nichts ab. Eine merkwürdige Familie, das weiß ich noch. Ich kann nicht genau sagen, ob ich sie nicht mochte, nein, sie waren mir einfach nicht sympathisch. Ja und wenn ich so überlege, dann hatte das Leben ganz lange bei ihnen einen geregelten Ablauf. Morgens ging er früh aus dem Haus, sie ging später hinter die Theke ob mit oder ohne Veilchen. Insgesamt erging es ihr aber leidlich, so wie ich denke.“

~

Es war ein früher Herbstabend, in dem sie die Brüder angelockt hatte. Eine Schüssel Milch war mehr, als sie jemals hatten erwarten können und so schlichen sie schnell ins Nachbarhaus und nahmen, was sie kriegen konnten.

~

Irgendwie hat mich das gewundert, dass sie irgendwann anfing, die Katzen anzulocken. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – sie war trotz aller Wundersamkeit eine nette Person. Aber wie kam sie darauf, die Katzen aus dem fremden Haus zu locken? War sie einsam oder führte sie etwas im Schilde? Wissen Sie, auf beide Häuser habe ich freie Sicht, weiß genau, wer ein- und ausgeht, auch wenn ich es meistens gar nicht wissen will. Es geht mich nichts an, aber was will man machen? Das Leben hier ist eintönig. Man erlebt so gut wie nichts, ach naja. Und irgendwann kamen die Viecher, schwärzer als die Nacht, Biester, die Ihnen am Ende nicht nur die Möbel, sondern auch die Seele zerkratzen. Ich habe sie nie leiden mögen, aber ich mag ja auch gar keine Katzen. Zuerst hat sie ihnen vor der Tür kleine Bröckchen hingeworfen, hastig, schnell, ihr Mann hatte ja nichts zu verschenken. Alles wurde gespart. Als er aus dem Haus war, wurde sie mutiger. Ehe ich´s mich versah, tranken die Biester von der guten Milch, von der sie nur so wenig hatten und die ihnen so wertvoll war. Die Katzen hatten sie um den Finger gewickelt.“

~

In vielen Fällen war er derjenige, der zuerst die Kontakte pflegte, der den Menschen um die Beine schlich, aber hat er sich bis heute nichts vorzuwerfen, so glaubt er. Die Menschen verhalten sich zu bestimmten Jahreszeiten anders. Es gibt Situationen und Zeiten, in denen die Tiere empfindsamer sind als die Menschen. Man hat schon von vorhergesehenen Erdbeben gehört oder von einer Feinfühligkeit, die man so kaum beschreiben kann. Die Menschen denken, dass die Tiere schärfere Sinne haben, dass sie sich anders einlassen können.

So wie die Frau die beiden Kater noch im Herbst bewirtet hat, so zutraulich waren sie ihr im Dezember. Sie haben gesehen, wie hart sie arbeiten musste, wieviel sie für den Winter gegeben hat, Lebkuchen, Eingemachtes, Schlachtung, Butter, Sahne und so viel mehr. Hin und wieder ist davon natürlich etwas auf verschlungenen Pfaden abhanden gekommen. Irgendwann muss der Schwindel in einer Nacht nach Weihnachten aufgeflogen sein, ein wenig Sahne und etwas Butter fehlten. Ihr Mann hatte das Tier gesehen. Es waren fürchterliche Schreie zu hören.

~

In einer Rauhnacht, so sagt man hier unter den Menschen, muss man sich zurücknehmen. Man muss Ehrfurcht haben vor der Natur und ihren Geschöpfen. Das hatte sie, sie hat sich der Viecher angenommen, pottschwarz, kein Herr in der Nähe, aber was soll ich sagen? Es hatte irgendwie etwas Eigenartiges, wie sie mit ihnen umging, nicht wie jemand, der den Tieren Essen gibt. Es war mehr wie ein Tribunal, wenn sie ihr um die Beine schlichen und sie zu ihnen sprach. Bestimmt ist es ein Märchen, aber man sagt, dass die Tiere in den Räuhnächten sprechen können. Die Tiere im Stall sprechen zu bestimmten Menschen und sagen ihnen das neue Jahr voraus. Das geht eben nicht ohne Bezahlung. Vielleicht war es so. Sie haben später von einem Herzinfarkt erzählt, aber alle waren sich einig, dass es gut war, dass die Frau nun endlich ihre Ruhe hat, endlich Ruhe, ja. Die Kater waren in der Nacht dabei. Ich glaube, dass sie etwas damit zu tun haben.“ Die Frau schloss ihren Bericht. Die Kerze war mittlerweile heruntergebrannt und im Ofen war nur noch Glut zu sehen.

Die literarische Notapotheke

Als Mängelexemplar habe ich sie als Anregung gekauft, mal wieder für neuen Lesestoff zu sorgen. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass Originaltexte in Auszügen tatsächlich abgedruckt wurden, was leider nicht der Fall ist. Trotzdem ein toller Tipp für verschiedene Belange, z. B. Liebe, Familie, Freunde, Beruf und Karriere, Körper, Geist und Seele vielleicht besonders jetzt im neuen Jahr!

BittelSchönberger

Karl-Heinz Bittel / Margit Schönberger

Die literarische Notapotheke

2010, 359 Seiten, Knaur

Unsere Weihnachtstage

Weil hier schon so viel über Weihnachten reflektiert wurde, will ich nicht nachstehen und ein bisschen beschreiben, was bei uns bisher vorgefallen ist: Wie im alten Beitrag vollmundig angekündigt, wollte ich selbstbewusst beim örtlichen Gärtner drei kostenfreie Bäume einfordern, weil er seit eh und je seine Bäume vor unserer alten Scheune einfach so ablegt. Und was war? Naja, wir holen unseren Baum immer sehr spät, sodass wir die falsch deponierten Bäume nicht mehr hätten auf frischer Tat erwischen können, der Gärtner selbst wurde überfallen und so weiter. Was will man machen, alle Ausreden erleichtern mein Gewissen. So haben wir am 23. in Windeseile einen Baum im Supermarkt unserer Stadt geholt und Schluss.

Geschmückt wurde zeitnah ohne großes Federlesen. Am 24.12. war der Tag eigentlich wie immer. Wir haben nicht sehr viel unternommen, ein bisschen getrödelt und abends, ja abends waren wir im Nachbarort bei Nichte und Neffe zum Krippenspiel, haben schöne Stehplätze ergattert, mussten wenig Smalltalk halten und unsere beiden Showacts haben noch nicht einmal teilgenommen – einer fiel ganz aus und die andere wollte ihren Satz nicht mehr sagen ;-). Ab nach Hause, Pizzablitz informiert: Sehr zuverlässig liefert er an hohen christlichen Feiertagen mit Vorliebe auch zu uns. Meine Mutter hatte meinen Mann und mich zu sich ins EG geladen, wir haben uns die Bäuche lecker gefüllt, Geschenke getauscht und ab durch die Mitte.

Am nächsten Morgen war dann unsere Weihnachtssause mit 13 Mann auf knapp 18 qm, sehr kuschelig, aber passte, der Kater guckte zwischendurch und kam abends pünktlich aus seinem Versteck zum Aufräumen. Ein ganzer Tag, der mit Frühstück, Kaffee und Kuchen, vielen Themen und einem Besuch bei unserer Tante eine Straße drüber begangen wurde. Entsprechend erholsam musste der gestrige Tag ausfallen. Wir waren kurz zum Grab spaziert, um die Rosen abzuliefern, die nun schon nicht mehr ganz so taufrisch schienen.

Heute ist für uns „Zwischen den Jahren“. Mein Mann trifft sich mit seinen Kumpels, meine Mutter ist auf Schnäppchenjagd und ich sitze hier mit dem Kater, der sich jetzt beide Wohnungen und den Keller erschlossen hat. Dort macht er besonders gern Inventur. Kurz vor der Haustür war er auch schon. Er ist ein großer Gewinn für uns. Wir haben ihn über´s bekannte Kleinanzeigenportal geholt. Er lebte mit seinem Bruder mehr schlecht als recht in einer kleinen Wohnung, zankte sich mit ihm und wurde somit an uns verschenkt inklusive aller „zivilisatorischen“ Katzengeschichten wie Kastration, Impfungen, Chip, etc. Insgeheim befürchten wir, dass man ihn loswerden wollte, weil er zu viel miaute, aber das werden wir wohl irgendwann in den Griff kriegen, wenn er sich erst nach draußen traut…

Köszönem, Budapest!

20180810_181238Wer schon mal mit dem Finger auf der Landkarte in Ungarn unterwegs war oder auch am Balaton gebadet hat, weiß, dass wir es mit einem entfernten Land und mit einer anderen Kultur zu tun haben, ein Land von ehemals „hinterm eisernen Vorhang“.
Seine wechselhafte Geschichte hat deutliche Spuren hinterlassen. Begonnen bei der „K.u.K.-Monarchie“ kann man sagen, dass der Blick von der Kettenbrücke über die Donau bei Nacht der schönste ist, den die Welt auf eine Stadt zu bieten hat. Durchbrochen wird das Bild sowohl von der Donau als auch von der brutalen Architektur der Sowietzeit.
Sicher war dieses Panorama der Grund für einen neuen Besuch unsererseits.

Wer selbst nach Budapest reist, wird belohnt: Mit einer Sprache aus Wörtern, die wie Zauberformeln klingen, mit einem Aufbruch und einem Werden, wie es kaum eine europäische Stadt noch so bieten kann.

Es ist ganz sicher: Hier sind Hitze und Leidenschaft zu Hause. Vergesst alles, was Euch das dröge Europa sonst verspricht. Lauft durch die Markthalle und kauft die leckersten Pfirsiche, schlurft über den Dreck im Bahnhof Keleti, der sich pittoresk zu Dekorationen zwirbelt und holt Euch einen ordentlichen Sonnenstich an Michael Jacksons Heldenplatz.
Reibt die Schreibfeder des Anonymus und staunt über die gestrigen Soldaten, die mit 2 Säbeln die schiefen Kronjuwelen im Parlament bewachen. Leute, fahrt nach Budapest!

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Die Muse von Wien

Bei manchen Büchern weiß man schon vorher, was man bekommt. Dieses fällt ganz sicher in die Kategorie „leichte Sommerlektüre“. Es ist grundsätzlich nicht schlecht, denn die Autorin hat gut recherchiert und lässt ihre Infos toll in die Geschichte einfließen. Es geht um Alma Mahler-Werfel, die in der Zeit um die letzte Jahrhundertwende mit Gustav Mahler zeitweilig verbunden war. Die Geschichte ist flott runtererzählt: Schöne junge Frau verliebt sich vielerorts, gerät dann an den Hofoperndirektor, gemeinsame Kinder, etc.

Nun komme ich zu meiner Kritik: Ich habe das Gefühl, dass hier jemand schnell fertig werden wollte und glaube nicht, dass dieses Porträt der großen Muse, wie sie sie tatsächlich gewesen sein muss, gerecht wird. Danach komme ich zu einer weiteren Kritik. Jedes dieser Bücher wirbt mit seiner e-Book-Ausgabe. Kann es sein, dass die Verlage ihre Bücher über dieses Format noch viel schneller loswerden wollen und dass darunter die Qualität eines Textes erheblich leidet? Trotzdem möchte ich dieses Buch jedem empfehlen, der Spaß an Wien, an der Secession und an Kaffeehauskultur hat. Was Nettes für zwischendurch –

Caroline Bernard

Die Muse von Wien

2018, 479 Seiten, Aufbau

Muse

Die Schwester des Tänzers

Eva Stachniak verbindet in ihren Romanen Gesellschaftsgeschichte mit einer Note und Atmosphäre, die für Unterhaltung steht und die mir auch schon ihre ersten Bücher „Der Winterpalast“ und „Die Zarin der Nacht“ nahegebracht haben. Ich als Sportskanone, die bei den Bundesjugendspielen höchstens mit einer Mitmachurkunde glänzen konnte, habe diesen Text über das Ballett und seine Eigenheiten mit großem Interesse gelesen.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich Waslaw Nijinsky und seine Schwester nicht kannte, also sehr erstaunt war, dass die Geschichte weitgehend auf Tatsachen beruht. Kritik erntete das Buch vor allem für die langen Schilderungen der Pliés und der übrigen Techniken des Balletts und ich muss ehrlich sagen, dass ich mich ebenfalls durch die ersten hundert Seiten gequält habe. Die Tänzer wirken zu dieser Zeit wie in einem Vakuum, um sie herum scheint nichts zu passieren, Kontakte sind unwichtig, nur der Tanz zählt. Erst später, als die Profession hinter dem Krieg und den Entbehrungen zurückstehen muss, bekommen die Tänzer und ihre Disziplin Kontur. Ich freue mich, dieses Buch gelesen zu haben und wünsche viel Spaß auch den Unsportlichen bei dieser Lektüre.

Eva Stachniak

Die Schwester des Tänzers

2017, 571 Seiten, Insel

Stachniak

Trauerjahr

Unser erstes Jahr ist rum. Was kann man bilanzieren? Die Welt hat sich verändert, obwohl sie gleich geblieben ist. An die Stelle der Trauer kommt jetzt das Erinnern, Bilder von schattigen Engeln mit schnulzigen Sprüchen ziehen längst nicht mehr. Ein Platz ist frei und muss von den anderen mitbesetzt werden, nicht anders. Das versuchen wir alle tatkräftig. Das kommt von uns, wir sind gnädiger geworden, denn das Leben fordert. Im Baumarkt rätseln wir selbst, wie das benötigte Ding heißen könnte. Nun hat die Verödung am Herzen gegriffen, neue Medikamente machen aus unserer Mutter einen anderen Menschen.

Der Schatten des Windes

Ein Buch, das ich noch nicht ganz zuende gelesen habe und auf das man sich nicht einfach so in der Bahn konzentrieren kann. Es hat seine Längen, aber grundsätzlich ist die Idee, dass ein Buch das ganze Leben prägen kann, doch sehr verlockend. Nebenbei etwas spanische Geschichte. Nichts Leichtes für den Sommer, eher was für den Herbst:

Carlos Ruiz Zafón

Der Schatten des Windes

2005, 563 Seiten, Suhrkamp

Ruiz-Zavon

Zeitenbrand: So mies war der gar nicht

Schon lange zweifele ich an dem Text „Zeitenbrand“, hatte ich in 2015 veröffentlicht und hat das aufgegriffen, was mich damals beschäftigt hat, vielleicht war er zu ernst, zu überregional oder weiß der Geier. Hier eine Leseprobe: https://www.amazon.de/Zeitenbrand-Roman-Elisabeth-Waterfeld-ebook/dp/B01M5H4HVE/ref=cm_cr_arp_d_product_top?ie=UTF8#reader_B01M5H4HVE

Vieles würde ich heute in meinen Texten anders machen, z. B. schon in meiner Personenbeschreibung „… hat in Paderborn und Kassel studiert.“ Interessiert ja nicht die Bohne, „gelebt“ oder sowas träfe es heute besser. Steigt Euch bei Euren eigenen Texten auch manchmal die Schamesröte ins Gesicht?

 

Nordhessische Gräber im Wandel der Zeit

Angeregt durch den Text über die Gräberverlosung von „Autorenseite“ komme ich ins Überlegen, was bei uns auf dem Friedhof im ländlichen Nordhessen so abgeht. Hier eine kleine Übersicht, wie es in unserem Örtchen aussieht:

Bei uns gibt es immerhin zwei Friedhöfe – einen „alten“ und einen „neuen“. Auf dem „alten“ lagen früher tatsächlich sehr alte Menschen begraben. Alte Eichen zieren die Wege und alles wirkte so wie ein Friedhof eben sein sollte. Auf dem „neuen“ Friedhof geht es dicht an dicht, Gräber aller Jahrgänge mit üblicher Grabbepflanzung reihen sich vorschriftsmäßig nebeneinander, große Felder für zwei Mann, einzelne und seit einiger Zeit auch kleinere Karrees für Urnengräber.

Die Bestattung

In meiner frühen Kindheit war das übliche Bestattungsritual so: Man verständigte zeitnah unseren Schreiner – von dem hatten Verstorbener und Familie schon immer Fenster und Türen bezogen, daher konnte man ihm auch für den letzten Weg eine Expertise zutrauen. Voller Andacht kümmerte sich der Heinrich, jetzt der Klaus und auch der Phil geht diesen Weg der doppelten Profession. Beerdigt wurde im Eichensarg, ordentlicher Aushub, ab durch die Mitte und dann ein Grab mindestens 2 x 2 Meter groß. Mindestens 20 Stiefmütterchen waren später vonnöten, um diese Fläche zu bespielen. Im ersten Jahr mit Holzumrandung ohne Stein, noch vom Heinrich zusammengekloppt, damit die Erde nicht absackt, sucht man sich im 2. Jahr einen Steinmetz. Die Kosten für eine Grabeinfassung betragen je nach Wunsch ca. 3000,- und mehr. Unser Opa hat ein zurückhaltendes „Orion“-Granit, unser Papa ein flottes „Himalaya“. Beides gut zu pflegen, einmal investiert eine Sache für immer. Den Unterschied macht jetzt aber vor allem die Aufteilung:

Aufteilung und Dekoration

Eine Entwicklung der jüngeren Zeit ist die Tatsache, dass nicht jeder mit den 20 Stiefmütterchen umgehen kann und möchte, daher werden die Gräber insgesamt kleiner. Große Felder erhalten jetzt farbigen Kies, kleine Platten für Kerzen, Engel, Blumentöpfe, etc. kommen hinzu und sorgen dafür, dass es weniger Blumen und damit weniger Pflege braucht. Auf den Gräbern tummeln sich heute ulkige Andenken, die in meinen Kindertagen noch verpönt gewesen sind. Kerzen, die eigentlich als grundkatholisch und auf unseren Gräbern für nicht geeignet gelten, brennen nun allerorten bewacht von lustigen Kunststoffengeln.

Reduzierung

Unsere Familie ist Fan dieser Engel. In den ersten Monaten sah das Grab unseres Vaters aus wie die Gedenkstätte von Lady Diana – so viele Blumen, Herzchen und Plunder, der sich nach und nach verflüchtigt hat und der dem schmalen Grab auch besser tut. Unser Papa hat ein Einzelgrab mit Urne und Option auf eine weitere Urne. Er hat nur einen kleinen Stein und wenn man genau hinsieht, erkennt man die mögliche zweite Zeile. Meine Mutter will sich ein Türchen offen lassen. Wer weiß, was oder wer noch kommt? Die Zeile für meine Oma ist merklich größer und schlug ihr jedes Mal drohend ins Gesicht, als sie an das Grab ihres Mannes trat.

Die Urne ist hier noch nicht lange Trend. Wahrscheinlich eine Glaubensfrage. Mittlerweile ist aber das halbe Dorf verbrannt worden, sodass man gern bereit wäre, das Schicksal dieser Jenseitsgemeinschaft zu teilen.

Zukunft

„Wir nehmen ein Rasengrab.“ Totenkult hat es immer gegeben, ob mit, ob ohne Religion und es bringt den Menschen etwas. Lasst mich engstirnig und gemein erscheinen, aber ich weiß nicht, ob es richtig ist, wenn wir unsere Leute unter einer Wiese verscharren mit einem Hinweisschild irgendwo am Eingang. Der alte Friedhof ist mittlerweile so ein Rasengrab. Die Sträuße liegen kreuz und quer. Es sieht schlimm aus. Ich kenne alte Menschen mit großen Familien, die äußern, dass ja später mal keiner da ist. Bestattungen sind teuer, Grabpflege auch, aber ein bisschen Deko, mal ein Röschen kann man doch für die Eigenen entbehren? Manchmal geht es nicht anders. Neulich wurde unsere Nachbarin am Sonntag beerdigt, weil die schwerbeschäftigte Familie – eine Armada aus Ärzten und BWLern – keine Zeit an einem Werktag hatte. Mensch, Leute!

Über das Schreiben

Angeregt von ein paar netten Bloggerkolleginnen möchte ich mich mit meinem eigenen Schreiben näher auseinandersetzen:

  • Das Tagebuch lässt gut reflektieren, kann aber auch zur Sackgasse werden, wenn eigene Probleme immer weiter gewälzt werden, daher schreibe ich nur noch Stichworte in einem Kalender auf, wenn am Tag etwas Besonderes passiert ist.
  • Der kreative Text, der anderen Wirklichkeiten entliehen und gemischt mit eigenen biografischen Anteilen ist, gilt für mich als Befreiung von meinen eigenen doofen Gedanken. Ich gehe weg von den Problemen, erhalte eine erfrischende Abwechslung.
  • Zeit zum Schreiben muss man sich nehmen. Bei mir kommt das Schreiben aber erst nach einer gewissen Zeit der Langeweile. Momentan baue ich in meinem Brotjob Überstunden ab und erhole mich von dem, was bei uns zu Hause passiert. Wahrscheinlich komme ich irgendwann wieder dazu.
  • Anregungen sammeln: Wer gerade keine Zeit zum Schreiben hat, hebt einfach die Ideen und Dinge auf, die einem den entscheidenden Tipp für eine neue Idee gegeben haben.
  • Ziel des Schreibens ist bei mir zum Einen tatsächlich die Ablenkung von anderen Gedanken, die nicht förderlich für mich sind und die mir oft Angst machen. Ziel kann aber zum Anderen auch sein, daraus irgendwann ein konkretes Standbein zu schaffen. In Zeiten von Befristung, von Digitalisierung und Abschaffung der Arbeitswelt sicher eine Utopie, aber auch keine ganz saublöde Idee, daher hier der Werbeblock für das, was bei mir hinten rausgekommen ist:
  • Elisabeth Waterfeld: Weinbergmond. Ein Kasselkrimi, 2015, Tredition (Gardner-Krimi 1)
  • Elisabeth Waterfeld: Zeitenbrand, 2015, Tredition
  • Elisabeth Waterfeld: Kirmesblut. Musik für Gardner, 2016, Tredition (Gardner-Krimi 2)
  • Irgendwann wird es auch einen 3. Gardner und eine nordhessische Geschichtensammlung geben – ganz bestimmt 😉

No time for Opa Kaus

Heute vor einem Jahr ist es gewesen. Wir stehen um 21:30 noch im Krankenhaus, warten auf die Minuten und was noch so passieren wird. Wir sind alle informiert, was unser Papa hat, sehen, wie die Transfusionen durchlaufen, sehen ihn in abgewetzter Jeans und nicht krankenhausgemäßen, weil durchlöcherten Strümpfen auf der Liege, Notaufnahme. Meine Mutter nimmt den Latte Macchiato dankbar an, obwohl es spät ist, obwohl er mit Zucker und eigentlich überhaupt nicht gut für die Gesundheit und ihren Magen ist. Einer, wie er in den nächsten Wochen häufiger gezogen wird. Wir sind informiert, aber wissen jetzt schon nicht weiter. Da fing es an, ein wohlbekanntes Gefühl, das nicht abreißen will. Was machen sie gleich? Ans Nach-Hause-Fahren ist noch lange nicht zu denken. Wir stehen zu viert um das Bett, gehen in kleinen Gruppen für Zwiegespräche raus, zum Durchatmen. Nebenan im Bett ein junger Kerl, der sich überarbeitet hat, wahrscheinlich zu viel Stress bei der Hitze, kann morgen raus. Papa muss bleiben. Was bedeutet „Altersleukämie“? – „Ach, das kann man gut in den Griff kriegen. Google sagt, dass man das gut mit Medikamenten organisiert, dass man damit gut alt werden kann.“ – „Dann ist ja gut.“ Mein erstes Vater Unser am Waschbecken. Komisch – beim Singsang in der Kirche bin ich textsicher, jetzt stottere ich in Gedanken vor mich hin und denke, dass es wohl irgendwie oben ankommen wird.

Lieber Opa Kaus, lieber Papa, nun ist kaum Zeit für Dein Gedenken, unsere Mama ist letzte Woche nebenan wegen des Vorhofflimmerns operiert worden, hatte vorgestern wieder die gleichen Symptome und gestern musste unsere Oma aus der Kurzzeitpflege direkt ins Krankenhaus. Auch wenn sie morgen entlassen wird – was will man machen? Immer was Neues. Der Schockraum schockiert nicht mehr. Selbst unsere Katze ist an Deiner Krankheit gestorben. Dein Auto ist letzte Woche vom Parkplatz runter auf die Straße gerollt, weil nicht genug Bremsflüssigkeit auf der Handbremse war. Wenigstens konnten Passanten mir beim Aufhalten vor dem Graben helfen. Was denn noch? Mensch Papa, sorg´ bloß dafür, dass diese Strähne bald vorbeizieht, sonst kriegst Du da oben Ärger, das glaub´mal nur!

Herzblut und Kryoablation

Muttern liegt auf ihrer Normalstation direkt neben der Intensiv, auf der Papa starb. Ein Jahr später, fast „same procedure“. Naja, im kleineren Krankenhaus auch so. Warum die Krebs- und die Herzleute in einem Mehrtausendmannbetrieb zusammenliegen- schleierhaft. Gestern OP für 2,5 Stunden, jetzt alle ausruhen, morgen nach Hause. Oma geht’s gut in der Kurzzeitpflege, Papa, Opa und weitere Pflanzen gewissenhaft gegossen. Die Angst ist groß, die Körper wollen streiken, nur viel Fleisch hilft dem wahren Vegetarier, zu futtern, als wenn es kein Morgen gäbe. Lieber das große Brötchen, wer weiß, ob es noch mal in dieser Welt was gibt. Das Schönste kommt erst noch, sagte Ordensschwester Marie Waterfeld, Opas Schwester. Kann mir hier keiner garantieren, deshalb bin ich gute Café-Kundin.

Kurznotizen

Wenn einer stirbt, meinen andere, es gäbe einen kausalen Zusammenhang, also sowas wie, der Mensch, das Tier ist krank geworden, weil … oder man hätte etwas an der Sache ändern können. So allmächtig ist man nicht, aber es schwelt im Vorbewusstsein, man macht sich Vorwürfe. Morgen ist Krankenhaus, wieder Klinikum, mal sehen, hoffentlich diesmal glücklicher Ausgang. Werde berichten.

 

Ach übrigens: Sommerlektüre

Hier ein kleiner Hinweis auf längst vergangene Zeiten, als man noch unbescholten eigene Bücher auf dem eigenen Blog bewerben durfte, als man noch selbst geschrieben hat und sich nicht als Sklave des Kapitalismus fühlte – als die Familie noch vollständig war und alles irgendwie einfacher… hach, ja, Platz 6 ist unserer, aber wer ist schon Elisabeth Waterfeld?:

Lokalkolorit

Vielen Dank! Grüß die Hühner

IMG-20180611-WA0001Vielen Dank für die nette Anteilnahme für unser Röschen und die komische „Gesamtsituation“. Die Lage bleibt angespannt, morgen hat meine Mutter ihr Herz-Op-Vorgespräch, natürlich gleich neben der Intensivstation, auf der erst heute ein Bekannter seinem Krebsleiden erlegen ist und unser Papa letztes Jahr wegen der Blutvergiftung im Krebsleiden sterben musste. Natürlich, alles Routineeingriffe, ist klar, nimmst das Testament nur für den Fall des Falles – Äh – mit 32 ganz ohne Eltern wäre schon blöd, kommt natürlich oft vor, ist klar, ne, ist so, wie mit einer einzigen Katze ein halbes Leben verbringen und dann eine junge Katze an die gleiche Krankheit verlieren, komische Geschichte, ist wie mit der Pflege meiner Großeltern, macht meine Mutter mein halbes Leben, komisches Leben. Was bleibt? Leihhühner! Mein Vater hat sich bis letztes Jahr um eine alte Wiese gekümmert mit Rasentrecker und so, jetzt sind Hühner eingezogen, die sich im hohen Gras sehr wohl fühlen. Alles Routine, ganz natürlich.

 

Die Geisha

Zwei Schwestern werden nach Gion verkauft. Die Mutter todkrank, der Vater finanziell mit dem Rücken zur Wand. Eine Geschichte aus Japan in den 1930er Jahren. Wir lernen das „Handwerk“ der Geisha kennen, lernen etwas über Kimonos, über Obis und über die Intrigen, mit denen in der Okija (das Wohnhaus der Geisha) Ränke geschmiedet werden. Eine traurige Geschichte von Prostitution und Erfolg, von Verzicht und Leidenschaft.

Arthur Golden

Die Geisha

2018, Penguin, 573 Seiten

 

Leukämie 2.0

Das letzte verlängerte Wochenende war ein Arschloch, denn schon am Mittwochnachmittag kam unser liebes Röschen völlig verwahrlost aus dem Garten zu uns angetorkelt umgeben von zig Fliegen und dem Tode näher als dem Leben. Schnell geschnappt, ab zum Tierarzt. Die nette Tierärztin hat sich sofort Zeit für sie genommen, hat ihr eine Aufbauspritze mit Antibiotika und Schmerzmitteln gegeben und hat eine vereiterte Gebärmutter festgestellt. Die Katze müsse sofort operiert werden. In einem früheren Beitrag hatte ich bereits Röschens Frühlingserwachen geschildert und die Frage gestellt, ob denn nun Nachwuchs zu erwarten war.

Am Donnerstag um 8.00 Uhr wurde das Tier dann bis ca. 11.30 Uhr operiert, kritischer Zustand, aber geschafft. Sie lebte und nun war es an uns, sie gut zu pflegen und ihr die Antibiotika zu verabreichen. Ein kleines Fellbündel von 2,5 kg, das nicht fraß und trank. Die Wunde sah allerdings gut aus. Während der OP dann zu Hause ein lauter Schrei aus dem Garten, dass bei 30 Grad Hitze nun auch drei kleine Tigerkätzchen in einer Komposttonne gefunden wurden – natürlich tot. Die musste sie dort heimlich zur Welt gebracht haben. Zitternd waren die Kleinen längst begraben, als wir unsere halb narkotisierte Katze abholten.

Am Freitag um 9.30 Uhr Kontrolle, zur Sicherheit noch mal Fieber messen und Blutentnahme. Nachmittags der Anruf: Bevor das Blut ins Labor geschickt würde, wäre es ratsam, einen Schnelltest für FIV („Katzenaids“) und FelV („Katzenleukämie“) durchzuführen, denn das Blut hätte eine gelbliche Färbung, was typisch für diese Krankheitsbilder sei. Okay, machen wir. Zwischendurch messen wir selbst noch mal die Temperatur und natürlich 40,3 Grad – etwa vergleichbar mit dem menschlichen Körper. Katzen haben nur eine etwas höhere Temperatur, was wir vorher auch nicht wussten. Also wieder zum Tierarzt bei 30 Grad Hitze am Brückentag, bei dem sich jeder große Hund aus der Region auf den Weg zum Arzt gemacht  hat und unser Röschen zusätzlich bis an den Rand ihrer Kräfte brachte. Sofort 2 Kanülen Kühlung, Linderung folgt sogleich und wieder ab nach Hause.

Am Samstag Kontrolle um 10.30 Uhr, wieder messen und wieder erhöhte Temperatur. Wir haben kaum geschlafen, haben dem Tier alle flüssigen Nahrungsmittel angeboten – leider ohne Erfolg. Ein zusätzliches Antibiotikum kommt hinzu. Tut uns leid, Röschen. Ernährt wird mit Spritze und Pipette. Sie lässt es sich gefallen, nimmt aber nichts von alleine. Wieder nach Hause, abends der Anruf mit den Blutergebnissen. Leber, Niere, FIV, FelV, alles hinüber, die Krankheiten sind beide ausgebrochen. Die Ärztin bietet vieles an, wir entscheiden uns für einen weiteren Tag, weil ihr die Antibiotika kurze Zeit helfen und wir an Wunder glauben.

Sonntagmorgen war es relativ munter, die Nacht war lang, aber es geht zunehmend schlechter. Das Wetter wird schon wieder heiß und die Fellnase liegt nur noch, 40,1 Grad Fieber, letztes Mittel Fiebersenker Novaminsulfon, weitere Schleckerlis, die sie widerwillig annimmt. Um 19.00 Uhr müssen wir gemeinsam die Segel streichen, um 19.20 Uhr öffnet die nette Tierärtzin das Fenster und lässt die winzige Katzenseele fliegen. Einen Tag später muss das Tier erneut begraben werden. Die Erde war zu trocken. Vermutlich ein Waschbär.

Röschen, Dein Päckchen konnte keiner ahnen. Ein ulkiges Kätzchen, das sich nicht alles hat gefallen lassen – das nun oben von einem menschlichen Opa mit Kippe im Mundwinkel empfangen wird und der sich missmutig um die ganze Rasselbande kümmern muss.

Röschen

Der Zahir

„Und wieso dann diese Idee, dass Du in den Krieg ziehen willst?“

„Weil ich glaube, dass im Krieg der Mensch an seine Grenzen stößt. Er kann jederzeit sterben. Wer an seinen Grenzen angelangt ist, handelt anders.“ (S. 53)

Es gibt Bücher, die man gelesen haben sollte. Es gibt auch welche, die man mehrfach lesen sollte. Für mich ist das der Zahir von Paolo Coelho. Ich lese ihn nun zum dritten Mal und entdecke wieder Neues. Die Geschichte ist keine große Bombe: Der Protagonist wird von seiner Frau verlassen und irgendwie beginnt er an sich zu zweifeln. Interessant ist die Erzählperspektive, denn es könnte der Autor selbst sein, der den Bericht schreibt und natürlich die Anregung zum eigenen Nachdenken über das Leben und das, was es uns zu bieten hat.

Paolo Coelho

Der Zahir

2005, Diogenes, 342 Seiten

Kuckuckskind

Typisch Ingrid Noll: Noch nie habe ich hier die Bücher dieser Autorin erwähnt, obwohl ich schon viele von ihr mit großer Freude gelesen habe. Das Besondere: Ihre Texte sind unaufgeregt. Man hat das Gefühl, einen Bericht über eine Bekannte zu lesen und trotzdem bietet sie immer eine besondere Kurve, mit der man in ihren Krimis nicht rechnen würde. Ich identifiziere mich mit ihren teils todlangweiligen Durchschnittsmenschen und bin froh, in Büchern nicht nur mit Perversion und Ekel konfrontiert zu werden.

Ingrid Noll

Kuckuckskind

2008, Diogenes, 339 Seiten

Kurzgeschichte: Am Kamin

D ie letzten Monate hatten ihr viele trübe Gedanken beschert. Der Winter war stets zehrend für die junge Frau gewesen, die so früh allen Vorrat anlegen und ihr Quartier mühevoll mit Stroh decken musste. Wenn es diese Arbeiten zu verrichten galt, spürte sie den Verlust besonders. Damals, als ihre Familie noch gemeinsam in der kleinen Hütte gewohnt hatte, war es einfacher gewesen. Wenn sie heute an die glücklichen Zeiten zurückdachte, war es wie der Blick in ein anderes Leben, als ob es nie existiert hatte.

Ihre Decken und Felle zeugen noch davon. Die großen Krüge, für eine große Anzahl von Menschen hergestellt, scheinen von den Zeiten zu berichten, als an dem großen Eichentisch in der Gaststätte das einfache, aber stets wohlschmeckende Mahl eingenommen wurde. Das helle Lachen ihrer Mutter, die ihren Vater und ihre Schwestern umsorgte, Gerichte zubereitete und ihre Hände geschäftig hin und her wandern ließ.

Es war die Zuversicht ihrer Mutter, die alle Jahreszeiten so schätzte und in der Familie eine starke Vorfreude auf den Jahreswandel entstehen ließ. Im Frühling trieb sie die Kinder nach draußen, dass sie sich bewegten, in der Sonne dösten und frische Luft bekamen. Sie und ihre Schwestern sollten spielen, aber sich nicht herumtreiben. Unterdessen fegte und redete die Mutter auf den Staub ein, den der Winter hinterlassen hatte.

Im Sommer pflückten sie gemeinsam Blumen auf den Feldern. Dazu erzählte ihre Mutter Geschichten von Rittern, Königen und Prinzessinnen. Ihr Vater stand oft in einiger Ferne, erntete das bisschen Korn, das er mit einem Bauern aus dem nahe gelegenem Ort gesät hatte. Der Vater war immer bemüht um die Kenntnis der Nachrichten im Ort. Er wusste, dass Wissen und Bildung wichtig waren, aber dass man zwischen den Berichten diejenigen wählen musste, denen man Glauben schenken konnte.

Im Herbst half ihr Vater anderen Bauern, um Wintervorräte anzulegen und Erkundungen über die Pläne des jungen Landgrafen einzuholen. Ihre Mutter streifte dann mit den Kindern lange durch den Wald. Sie hingen kleine Gaben auf für die Tiere, die ihnen eine gute Nachbarschaft sein sollten. Es sei wichtig, vom eigenen Überfluss zu geben.

So macht sie es noch heute. Wenn die Schwelle zum Winter beginnt, müssen die Waldtiere versorgt sein. Ihre Freundinnen haben sie dafür bisher immer verspottet. Ihre Mutter hat sie damals, als sie es verraten hatte, zur Heimlichkeit angehalten.

Wir sind anders“, sagte sie ihr stets. „Wir leben hier draußen, weil wir nicht so sind wie sie.“ Im Winter erfreuten sie sich dann, wenn die Tiere kamen und fraßen und sie in ihrem dichten, winterlichen Gefieder und Pelzen an den Ähren knabberten.

Mutter und Vater waren gleich und verschieden gewesen. Ihr Vater sorgte mühevoll für die Familie. Noch nie war ihr Geschlecht im Besitz von irdischem Reichtum gewesen. Nur selten sprach er über ihre Armut und nur selten hatte sie gesehen, wie Vater und Mutter heimlich sprachen, welche Güter sie hatten und wie die Ernte sie ernährte. Mutter war immer der gute Geist gewesen.

Aus Erzählungen hatten die Kinder erfahren, dass die Großeltern damals nicht in die Verbindung mit der Mutter eingewilligt hatten. Sie sei sonderbar. Er hätte sich ein Mädchen aus dem Ort nehmen sollen. Ihre Großeltern trafen sie zu der Zeit nicht mehr oft. Früher hatte es Streit gegeben.

Die Enkelinnen seien Teufelsbrut, auch wenn ihre Großmutter immer gut zu den Mädchen gewesen war. Die Eltern hatten beschlossen, in eine eigene Hütte zu ziehen. Nicht im Ort, wo die Mutter stets argwöhnisch beobachtet wurde, wenn sie zum Markt ging und Waren auswählte, die außer ihr fast niemand kaufte. Sie hatte aber nicht das Gefühl, dass die Mutter traurig darüber gewesen wäre. Sie hätte gesagt, dass es ihre Aufgabe gewesen sei.

Dachte sie länger an diese Jahre zurück, dann fühlte sie, dass sie die Gemeinschaft der Familie glücklich gemacht hat. Das Lachen, aber auch die Beschwerlichkeiten sind heute die Momente, in denen sie sich Rat und Hilfe wünscht.

Auch ihre Geschichte begann im Winter. Es war das Jahr 1570. Draußen lag eine dichte Schneedecke und immer neue Flocken legten sich leise nieder. Im kleinen Haus war es warm. Der Ofen heizte ihr Zimmer und alle hatten ihre Arbeit. Ihre Mutter sponn Wolle und legte sie zum Weben bereit. Ihre Schwestern wickelten Ballen daraus und spielten mit der jungen Katze. Das schwarze Tier war ihnen noch im Spätsommer zugelaufen und alle hatten viel Freude an ihm. Ab und zu ging der Vater aus, um neues Holz für den Ofen zu holen.

Sie selbst saß am Fenster und blickte hinaus in den Wald. Alles war dicht verschneit und die Tannen schienen die schwere Last des Schnees nur ungern tragen zu wollen. Traurig ließen sie ihre Zweige hängen. Die Sonne schien und bestrahlte die weiße Pracht, sodass sie silbrig glitzerte.

So müsse es in der Schatzkammer des Landgrafen aussehen, dachte sie bei sich und begann, von Gold und Silber zu träumen, das sie auf dem Markt schon einmal gesehen hatte.

Während sie so dasaß und träumte, vertiefte sie sich immer weiter in das Treiben der Schneeflocken. Sie beobachtete, wie einzelne Flocken vom Himmel kamen und sanft zu Boden fielen. Sie schaute immer weiter und fühlte sodann, wie in ihren Körper ein Beben fuhr und wie sie sich zu fragen begann, warum die Flocken zu Boden fielen. Für diese Geschöpfe sei es doch nur recht und billig, dass sie in ihrer Anmut dem Himmel nicht verloren gingen.

Sie beobachtete eine der unzähligen Flocken besonders und bewunderte ihr funkelndes Kleid. Plötzlich sah sie, wie sich die Flocke, die kurz zuvor noch den Boden berühren sollte, erhob und zu ihrem Rückweg ansetzte. Sie nahm eine Wendung und ganz langsam verschwand sie dahin, woher sie gekommen war.

Zugleich erfasste das Mädchen ein starkes Gefühl von Willen und ein großes Behagen, als die Flocke nach oben verschwunden war.

Sie sah sich um und hoffte inständig, dass die anderen hinter ihr nichts bemerkt hatten und tatsächlich waren sie noch immer mit ihren Aufgaben beschäftigt. Ihre Schwestern spielten mit der Katze. Ihr Vater schürte das Feuer, nur ihre Mutter lächelte kurz hinter ihrem Spinnrad hervor, um sich sogleich wieder ihrer Arbeit zu widmen.

Dieser Moment hatte alles in ihr verändert. Was war damals mit ihr geschehen? Wer war sie?

Noch viele Monate sollte sie Zweifel in sich tragen, sollte sich immer mehr zurückziehen. Was konnte sie wohl noch? Schon damals war allgemein bekannt, dass die Fähigkeiten der Menschen im Ort begrenzt waren und dass sie an Berichte glaubten, die ebenso wundersam und furchtbar klangen. Diejenigen, die sie kannte, waren des Lesens und Schreibens nicht mündig. Sie wusste, dass ihre Mutter ihnen dieses Können verschafft hatte.

Gemeinsam hatten sie in dem einzigen Buch gelesen, das die Familie besessen hatte. Woher es stammte, wusste keiner mehr zu sagen. Die Rezepte, die darin aufgeführt wurden, waren solche des täglichen Gebrauchs, aber es gab auch Zutaten, die auf bestimmte Weise das Mahl veränderten.

Je nach Wunsch konnten Speisen damit auf raffinierte Art eine starke Wirkung entfalten. Eben diese fremden Kräuter hatte ihre Mutter schon auf dem Markt verlangt, als sie noch ein junges Mädchen gewesen war. Die Mutter hatte sie meist dorthin mitgenommen und so entgang ihr nicht der Neid der Marktfrauen, wenn sie nach teurem Safran oder Zimt verlangt hatte. Sie selbst war dann sehr traurig. Das Tragen der Waren war ihr eine viel geringere Last als das Gewissen und der schlechte Stand der Mutter.

Nun war es zu spät und das Schicksal ließ sich nicht wenden. Sie wusste, dass es nach der Begebenheit mit der Schneeflocke noch schwieriger würde. Als sie einmal mit den anderen Kindern spielte, hörte sie, wie eine andere Gruppe von Mädchen sie streng beäugte. Es war ein einfaches Spiel gewesen und sie war sicher, keinen Fehler begangen zu haben. Daher wunderte sie sich sehr über das Verhalten der Kinder. Sie lachten und tuschelten so laut, dass sie sie in Teilen verstehen konnte. „Hexe“ war eines der wenigen Worte, das sie von ihnen vernommen hatte.

Es war so gesprochen, dass es direkt an sie gerichtet war und die Kinder liefen lachend weg. Bis heute, nach so vielen Erfahrungen, waren die Kinder die einzigen, die es je gesagt hatten.

So lange war es nun her, dass sie es nur noch schemenhaft erinnern kann und doch treten manchmal die alten Bilder so klar vor sie, als sei es jüngst passiert. Von den Kindern und auch, als die Söldner kamen und ihre Familie holten.

Von dem Erlass hatten sie dem Vater nichts erzählt. Nicht jeden Bericht hat er damals bei seiner Arbeit erhalten. So hat es sich sehr plötzlich zugetragen. Vielleicht kannten die Bauern den Erlass nicht. Natürlich muss es Gerüchte gegeben haben. Erst jetzt, nachdem es schon viele Jahre zurücklag, las sie in der Bulle, dass alle Frauen und mit ihnen die Familie, die dem christlichen Glauben abgeschworen hatten, auf die Probe zu stellen und bei Feststellung der Schandtaten auf´s Schärfste zu verurteilen waren.

Seit dieser Zeit lebt sie allein in dem kleinen Haus. Zehn Winter sind ins Land gegangen und der noch immer junge Landgraf hat endlich ein Kind. Eine schöne Tochter, so sagt man, kräftig und stolz wie das Geschlecht ihrer Ahnen. Bald soll das Mädchen nach dem christlichen Glauben getauft werden.

Zuerst wollte sie die Einladung zur Taufe nicht annehmen. Lange hat sie überlegt, welche guten Wünsche sie dem Kind geben kann. Schönheit, Reichtum, Glück? Was gönnt man einer Familie, die eine andere ausgelöscht hat?

Während sie nachdenkt, gleitet der Faden flink zwischen ihren Fingern. So wie schon ihre Mutter spannt sie die Wolle auf die Spule des Spinnrads, das noch immer gute Dienste leistet.

Die Taube

Wenn alles genau geplant ist, wenn jeder Tag dem anderen gleicht, dann kann eine Kleinigkeit das Universum ins Wanken bringen. Jonathan Noel hat sein Leben im Griff bis eine Taube am Ende des Flurs auftaucht. Eine große Lehre, wenn man versucht, alles bis ins Detail zu planen, wenn man seine Interessen zu oft zurückstellt und sich das Leben später rächt.

Patrick Süßkind

Die Taube

1990, 100 Seiten, Diogenes

Süßkind

Das Wirtshaus im Spessart

Mitten im Wald gibt es eine Gaststätte, die  von zwei jungen Männern aufgesucht wird. Zur Zeit Napoleon Bonapartes treiben sich viele Gesetzlose herum, Räuberbanden, die sicher auf die Habe der beiden Männer aus sind. So fürchten sie sich gemeinsam mit den anderen Gästen vor der Wirtin und erzählen sich zum Trost die folgenden Geschichten:

Die Sage vom Hirschgulden

Das kalte Herz, Trailer des Kinofilms von 2016: https://www.youtube.com/watch?v=vcVJaq_ET2g

Version von 2015 in der ZDF-Mediathek: https://www.zdf.de/kinder/maerchenperlen/das-kalte-herz-empfohlen-ab-8-jahren-104.html

Wilhelm Hauff

Das Wirtshaus im Spessart

1828, Märchen-Almanach

https://de.wikisource.org/wiki/Das_Wirtshaus_im_Spessart

Supertex

Leon de Winter. „Hoffmanns Hunger“ und wie sie alle heißen. Ein hochgeschätzter Autor, eine gut lesbare Geschichte, die man versteht, die aber für mich nur wenige Identifikationspunkte zugelassen hat. Es geht um Karriere,  aber auch um Religion und Glück – dies von einer Ebene, die für mich soviel Arroganz impliziert, dass ich das Buch zwar zuende gelesen, mich aber kaum daran erfreut habe. Fazit: Kann man lesen, muss aber nicht –

Leon de Winter

Supertex

1996, 265 Seiten, Diogenes

DeWinter

9,9 Benzoljahre

Als wir von der Berufskrankheit 1318 hörten, dachten wir, dass wir doch den Fall unseres Papas auch mal vorlegen könnten. Die erste Ablehnung vor ein paar Monaten war ein Formschreiben, bla, bla, ergibt 6 Benzoljahre, knapp daneben an der Anerkennung, aber auch vorbei, bla, bla, tut uns leid.

„Benzoljahr“ ist die verkürzte Bezeichnung für eine Belastung, die eine Person durch Benzol hatte. In den flotten 60er und 70er Jahren war Benzol ein Allroundhelfer. Handwerker wuschen sich munter die Hände im Verdünner, um Farbreste loszuwerden. Über chemische Belastung und „bio“ haben damals alle herzlich gelacht. Ein Widerspruch später und eine Auflistung mit Beginn der Ausbildung zum Maler und Lackierer ergibt obiges Ergebnis und damit die sofortige Aufnahme in die „List of fame“ der Berufskranken.

Ein wichtiger Tipp in diesem Zusammenhang – das Risiko für Berufskrankheit endet nicht beim Rentenbeginn. In der heutigen Gesellschaft haben die Menschen vielleicht auch mehrere verschiedene Jobs, von denen einer irgendwann eine Form der Belastung aufwies. Bei einem Autolackierer liegt es auf der Hand, dass die Leukämie nicht von der frischen Luft gekommen ist, aber unser Papa hat schon in den 90ern mit Lacken auf Wasserbasis gesprüht. Die jungen Jahre waren demnach ausschlaggebend für die Erkrankung. „Bio“ ist also doch nicht so schlecht.

Die Brut der Wölfe

Dies ist der erste Kasselkrimi, den ich als erbitterte Konkurrentin lese und der mir Mut macht, an meinen eigenen Texten weiter zu arbeiten. Daniel Wehnhardt hat Potential, das Buch ist schnell gelesen und man möchte mehr erfahren von einem guten Plot, der geschickt zwischen Realität und Fiktion manövriert. Kritikpunkte sind die fehlenden Details, die Charaktere sind ausbaufähig und verhalten sich immer gemäß ihrer Spitznamen. Vor- und Nachteile, die sich bei mir genau umgekehrt verhalten. Ich verheddere mich schnell in Details und könnte mehr auf das Ganze achten. Gut, dass man über die Kollegen gut lernen kann.

Zum Inhalt: Auch in Kassel hat es einen rechtsextremistischen Anschlag gegeben. Dieser Fall und die Tendenzen, dass die Polizei nicht nur Freund und Helfer ist, werden hier aufgearbeitet. Wehnhardt schlägt also keine direkten Parallelen zum NSU, zeigt aber mit guter Recherche ein ähnliches Szenario.

Daniel Wehnhardt

Die Brut der Wölfe

2018, 217 Seiten, ProLibris

Wehnhardt

 

Hierarchien einhalten! Wie macht man´s?

Wer bei einer großen Organisation arbeitet, kennt das: Oft weiß man genau, was man auf seiner Ebene zu tun hat. Es geht aber sehr schnell, dass man in Fahrwasser gerät, die nicht nur unbekannt, sondern komplett gefährlich sind, z. B. beim lieben Geld. Während ich gestern abend in eine hochoffizielle Sitzung musste, um beantragtes Geld für uns zu erhalten oder eben nicht (oberste Leitungsebene) – kriege ich heute „einen drüber“, weil ich eine Frage an unseren obersten Chef stellen musste, die leider nur er beantworten konnte. Ich hatte mich schon die ganze Woche davor gedrückt, aber der Abgabetermin eilte. Sowas geht immer doof aus. Mein Vermeidungsverhalten in solchen Dingen hat seinen Sinn und natürlich wurde ich heute noch mal darauf hingewiesen, doch bitte unsere Ebenen einzuhalten. Frechheit, oder ob da einer seine Felle davonschwimmen sieht?

Das Café unter den Linden

Ein Gute-Laune-Buch im besten Sinne: Flott und schmissig erzählt geht es ordentlich rund für Fritzi Lack, die 1925 aus dem Schwabenland ins muntere Berlin als Tippfräulein flieht und auf den smarten Grafen von Keller trifft. Tolle Sprüche wie „der sieht aus wie der Weihnachtsbaum im KaDeWe zwei Tage vor Weihnachten“ verzeihen die allzu schnell herbeierzählte Geschichte, die viel zu schnell hergestellten Kontakte zum Künstlerkreis sowie viele moderne Redewendungen – „echt top“ zum Beispiel in Bus und Bahn oder an der schönen Fuldaaue.

Joan Weng

Das Café unter den Linden

2017, 299 Seiten, atb

Weng

Heideröslein

„Sah ein Knab ein Röslein stehen…“ Unser Röschen galt ja lange Zeit als verschollen, tauchte aber wieder auf und zeigt sich nun zutraulicher denn je. Die Flöhe haben uns alle angegriffen, die Wunden jucken uns noch, aber das Röschen hat es gut. Bei der Gartenarbeit sieht es tatenlos zu und wartet – wenn schon nicht auf gebratene Hähnchen, so doch wenigstens auf Gutes aus der Dose. Meine Mutter hat genau kalkuliert, wann die Bewirtung des guten Tieres zu erfolgen hat und manchmal hört man es leise singen „Röslein auf der Heide“.

Dickes Fell!

„Ja, das habe ich nämlich an der Uni so gelernt, ja, ja und ich schätze es ja, dass jemand soziologisch so bewandert ist.“ Noch zweimal unkt sie, meldet sich vor versammelter Mannschaft, um sich zu melden heute in einem anderen Rahmen als damals – um was zu gelten. Sie kennt mich. Ich kenne sie. Ach Mädchen, denke ich, fünf Jahre später, Du hast es nicht geschafft, ich auch nicht, sind wir doch beide noch gut untergekommen. Hauptsache, die Kohle stimmt, da muss man nicht immer jedem Honig um den Bart schmieren. Was würde uns beiden Hübschen die Promotion heute Besseres bringen als die Drittmittelstelle? Wo ich doch selbst meine Labels innen trage, das Dr. hätte ich nie im Namen erwähnt. Eben, ich nicke, sehe zur Uhr, stehe auf und gehe zu meinem nächsten Termin.

Trauer, halbes Jahr später

Es ist noch nicht ganz ausgestanden, die Sache mit unserem Papa, aber sie ist auf einem guten Weg. Sein Bild steht im Regal, deutlich sichtbar für den, der es sehen will, aber schon nicht mehr so präsent, wenn es um den Alltag geht. Ja, was bleibt? Mittlerweile sind die ersten Feste ohne unseren Vater, der sich stets friedlich etwas abseits sein Zigarettchen anzündete, ausgestanden. Insgesamt fehlt er noch an allen Ecken, aber das Gefühl, das sich auf die schlimme Erfahrung bezieht und auf das Leid, das er hatte, ist zum Glück schon blasser geworden. So ähnlich geht es auch dem Vater meines Mannes, der einen Monat später seine Lebensgefährtin an den Krebs verloren hatte.

Zeit also für eine erste Bilanz der Trauer. Das Pech, alles und jedes mitzuerleben, was dort im Krankenhaus passiert, einen Menschen in und nach einer Chemotherapie zu sehen, später im Koma und an einer Blutvergiftung sterbend, ist für den, der daneben sitzt, eine Herausforderung. Unsere medizinischen Kenntnisse waren begrenzt und so haben wir uns natürlich ganz auf das Klinikum verlassen müssen. Ob sie ihr Bestes gegeben haben, können wir heute nicht sagen. Viele Fragen tun sich auf, z. B. warum er ständig von der Intensivstation zurück auf die Normalstation verlegt wurde, obwohl er in einem lebensbedrohlichen Zustand war, etc. Keine Fragen, die mich persönlich noch plagen, die aber unsere Familie beschäftigen.

Damals im Krankenhaus war es ein Dauerbeschuss, der uns ebenfalls lahmgelegt hat. Ich hatte mitten im Sommer eine Erkältung bekommen, die sich dann zu einer ordentlichen Mittelorhentzündung entwickelt hatte. Über Wochen habe ich nur auf dem linken Ohr gehört und entsprechend nur gesehen, was passierte – wahrscheinlich eine ganz einfache psychische Reaktion auf die Hiobsbotschaften, die mir morgens mitgeteilt wurden. Seine Leukämie ist eine Krebsgeschichte wie jede andere gewesen, aber die Geschwindigkeit, mit der aus der Vermutung einer ASS-Allergie zuerst Cortisontabletten und schließlich eine Chemo bzw. Rituximab wurden, sind schon rekordverdächtig, lieber Papa!

Unser Papa war für Verschwörungstheorien nämlich sehr aufgeschlossen. Er hatte sich „etwas schlapp“ gefühlt, hatte rote Flecken am ganzen Körper und zwei Wochen vorher eine Erkältung gehabt, bei der er sich ASS aus der Apotheke geholt hatte. „Papa, solche riesigen Flecken kommen aber nicht vom ASS. Das ist keine Allergie, Du hast was Anderes, geh´ mal zum Arzt“, hören wir uns noch sagen. Trotzdem hatte er irgendwie Recht, denn ASS ist ja für seine blutverdünnenden Eigenschaften bekannt. Bei einem Patienten mit Leukämie im Endstadium sicher nicht das beste Medikament. Als er dann beim Hausarzt saß mit blutigen Lippen, hat dieser über sein ASS gelacht und ihn per Krankenwagen direkt auf eine Krebsstation einweisen lassen. Die Wucht war es wohl, mit der aus einem kleinen Verdacht eine Wahnsinnskrankheit und aus einem gesunden Menschen innerhalb von drei Wochen ein völlig entstellter Toter geworden ist. Das hat uns alle umgehauen.

In der Zeit seiner Krankheit schien die Sonne und es war schönstes Documenta-Spektakel. Ich bin vor der Diagnose einmal dort gewesen und danach eben im Krankenhaus. Beruflich hat es trotz kirchlichem Träger natürlich kein Entgegenkommen gegeben, ist klar. Muss ja jeder sehen, wo er bleibt. Es war riskant, mein Plan, um weniger Stunden zu bitten. Ich hätte die Arbeit eben auch verlieren können, stattdessen wurde meine Stelle halbiert und man konnte für die andere Hälfte eine günstigere Berufsanfängerin einstellen. Ein teuflisches Unterfangen.

Schon zwei Monate nach dem Tod unseres Vaters haben wir angefangen mit der Renovierung und den Umzugsplänen. Meine Mutter hat im Eilverfahren die Wohnung ihrer Eltern im 1. OG ausgeräumt, die mehr als fünf Jahre leergestanden hatte. Der Plan: Wir helfen meiner Mutter bei der Pflege unserer Oma. Das war Plan A. Mit jeder Neuerung in der Wohnung ging es meiner Mutter besser, mit jedem Hilfsangebot für Oma schlechter. „Hast Du Dich mal gefragt, ob sie überhaupt will, dass Ihr da wohnt?“ Nach drei Monaten auch hier eine Bilanz: Wahrscheinlich ist sie froh, wenn etwas um sie herum passiert, aber wenn sie ihre Ruhe hat und ihre Dinge so machen kann, wie sie möchte, geht es ihr besser.

Die Mär vom Mehrgenerationenhaus besagt, dass man sich einig ist, dass man jede Mahlzeit zusammen einnimmt und sich freudig am Kaffeetisch austauscht. Ja sicher, aber das ist auch der Grund, warum kein Mensch mit seinen Eltern und / oder Kindern zusammen leben will. Das hält nämlich keiner aus und so beobachte ich wohlwollend, wie sich die Katze von ihr füttern lässt und mir berichtet wird, was sie gern isst und mit welchen Dosen ich gar nicht erst ankommen sollte.

 

 

 

Das Haus in der Rothschildallee

Frankfurt am Main, 1900: Im Hause Sternberg stehen alle Zeichen auf Erfolg. Soeben wurde das neue Heim bezogen, wurden die Kinder in eine neue Klasse geboren und auch der Geburtstag des Kaisers präsentiert sich wie immer wundervoll. Wir erleben die Familie vom Beginn bis zum Ende des ersten Weltkrieges. So weit eigentlich nichts Besonderes, ein Roman wie jeder andere.

Was ist hier neu? Einerseits gibt es mehr Romane über den zweiten Weltkrieg als über den ersten, denn die Euphorie vor Kriegsbeginn und der freiwillige Tod für das „Vaterland“ werden hier glaubhaft dargestellt, andererseits kenne ich nicht viele Romane, die das Schicksal jüdischer Gläubiger im ersten Weltkrieg schildern. Man liest, dass Antisemitismus auch schon im ersten Krieg ein Thema war, aber alles recht heiter, denn der Schreibstil ist blumig und anekdotenhaft. Ein geistreicher Ausschnitt aus der damaligen Gesellschaft.

Stefanie Zweig: Das Haus in der Rothschildallee, 2007, 276 Seiten

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Zur Mobilität auf dem Dorfe

Nordhessen verfügt seit ca. einem Jahr flächendeckend über einen guten Anschluss an den hiesigen Bedarf des Internets. Klappt. Es geht so flott wie in Kassel Mitte. Ein Problem hätten wir also schon geklärt.

Das Nächste ist eigentlich gar keines, denn auf dem Dorf fährt man immer und unbedingt Auto, zeitnah wird der Führerschein vorbereitet und gespart, dass man mit einer kleinen „Hutschifiedel“ näher an seine Infrastruktur kommt. Dörfler haben Geschichten von ersten Autos, die nie enden und über die Großstädter müde lächeln. Das erste Auto, das ich mir nicht teile, aber das auch nicht mir gehört, ist ein recht respektabler Golf Variant aus der Zeit der Abwrackprämie – ehemals Papas Liebling. Wer hier mitliest, weiß, dass sich meine Probezeit in ca. 20 Fahrten bis ins nächste Dorf erschöpft hat, aber unfallfrei (!). Voller Angst saß ich also im Januar hinterm Steuer des Wagens, den ich zu Lebzeiten meines Vaters nicht anrühren durfte und steuere ihn mittlerweile recht passabel gen Süden, drei Dörfer weiter, wo ich einen Zuganschluss nach Kassel habe. Das ist nicht besonders ruhmreich. Ein solides Auto kann man locker über die Autobahn oder die B7 – ach, lassen wir das. So kennen mich die Busfahrer unserer Region, wenn ich nicht in den Anschluss, sondern ins Auto steige und noch immer ein sicheres Verkehrshindernis für sie darstelle. So lange ging es gut mit mir, aber auch auf dem Land ist man erfinderisch, z. B. indem man Fahrbahndecken erneuert – dringend notwendig wie in den meisten Regionen in ganz Hessen. „Vollsperrung“ ist die letzte Idee, ein kleines Stück mit großer Wirkung.

Jetzt wäre die Gelegenheit, mutiger zu sein, und in einem anderen Ort zuzusteigen, aber man kennt mich und so lasse ich mein Auto im Wohngebiet am Ortseingang, um 30 min. bis zum Bahnhof am Ortsausgang zu laufen. Ich hoffe, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht –

Röschens Flohzirkus

Warum sollte es Euch anders gehen als uns?, sagt meine Schwester. Ich kratze mich und denke an den Rat der Ärztin, jetzt nicht verrückt zu werden. Jedes Wochenende ist was anderes zu tun. Kein Wochenende bleibt ohne Aufregung. Wenigstens ist die Wohnung jetzt ordentlich, die Betten abgezogen und alle Teppiche nicht nur gelüftet, sondern auch großzügig mit Insektenvernichtungsmittel eingenebelt. Röschen, vorerst kommst Du nicht mehr ins Haus!

Unser Wildröschen

Bei deftiger Hausmannskost gibt es für das Röschen kein Halten mehr. Es wartet pünktlich zur Mittagszeit vorwurfsvoll vor der Gartentreppe auf das, was so in der Pfanne übrigbleibt, pirscht sich nah und näher, kommt bis ins Haus, verschwindet aber dann wieder. Es bleibt in der Nähe, guckt hier und da. Wir hoffen, dass wir sie morgen vor der Kälte schnappen können.

Blade Runner

Dieser Klassiker trägt eigentlich den sperrigen Titel „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“.

Es gibt ein paar Geschichten, die die Grundlage der modernen dystopischen Literatur bilden: Blade Runner gehört ganz sicher dazu. Es geht um die Frage,  ab wann der Mensch zum Menschen wird und vor welcher Existenz Respekt gewahrt werden muss. Brandaktuell in unserer Zeit, wenn Alexa und Siri gemeinsam lachen.

Toll, dass Harrison Ford als Rick Deckard auch im neuen „Blade Runner 2049“ wieder mitspielt. Ein heiterer Klassiker zum Nachdenken auch auf der Bahnschiene:

Philipp K. Dick

Blade Runner

 

Das achte Leben (für Brilka)

Simon, Stasia, Kostja, Kitty, Lana, Lascha, Miqa, Miro, Andro, Niza oder Brilka sind nur einige der Person, die in diesem Riesenroman auftauchen und deren Geschichten man mehr oder weniger verwoben zu einer einzigen hier lesen kann. Das Buch ist in jeder Hinsicht beeindruckend: Es sollte einem wegen der knapp 1300 Seiten nicht auf die Füße fallen, es ist anschaulich geschrieben, sodass man trotz der vielen Personen gut folgen kann und es verbindet viele persönliche Geschichten mit der Weltgeschichte des letzten Jahrhunderts.

Dieses Buch hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: Sämtliche Frauen reagieren nur auf die Geschicke, die ihnen ihre Männer aufbürden. Es geht um Verfolgung, um Revolution und Staatstreue. Selbstmord, plötzliche tödliche Erkrankungen und Vergewaltigungen häufen sich so stark, dass es kaum auszuhalten ist. Aus diesem Grund habe ich sagenhafte drei Monate mit diesem Schinken verbracht, ehe ich ihn heute endlich beendet habe und ich bin froh, dass es mit Brilka weitergehen darf, dass sie nicht plötzlich auf offener Straße in den Revolutionswirren erstochen wird oder Ähnliches. Klar, man muss ja auch die Spannung aufrecht erhalten, aber ein wenig „normales Leben“ hätte dem Roman sicher nicht geschadet. Nur eine spießige Kleinfamilie mit Eltern, die normalen Berufen nachgehen, keine Filmstars oder KPD-Größen sind und deren Liebe nicht an sich selbst scheitert.

Es ist schade, dass der Roman nichts Leichtes an sich hat, dass die Figuren zu keinem Zeitpunkt ihr Leben genießen können, sondern immer am Abgrund stehen, immer kurz davor, irgendeinem Irrtum zum Opfer zu fallen. Trotzdem ist dieses Buch eine große Empfehlung, wenn man zwischendurch Lesepausen einlegt.

Nino Haratischwili

Das achte Leben (für Brilka)

Brilka

 

Katze dazu, fertig!

Erst mal vielen lieben Dank für die große Anteilnahme zum Verschwinden unserer Katze. Unglaublich, wie schnell die Resonanz wächst, wenn etwas Niedliches ins Spiel kommt. So werde ich das jetzt immer handhaben. In meinen Texten kommt jetzt mindestens eine Katze vor!

Aber im Ernst: Ich hatte schon befürchtet, dass wir uns ganz falsch ihr gegenüber verhalten haben. Ein Monat voller Wollknäule, lecker Essen und gutem Zureden können doch nicht einfach so vergessen werden. Gestern Abend hat sie sich dann wieder bitten lassen. Es ruft von unten: „EURE KATZE SITZT HIER!“ Und wir rennen wie der Blitz nach unten, beladen mit Katzenwürstchen, Knäulen und Häuschen, damit das Röschen wiederkommt und es kam! Es war unentschlossen, ob es denn bleiben sollte und wollte nicht ins Haus, aber es wird auch so schnell nicht weggehen. Wir sind froh.

Röschen ist weg

Hoffentlich kommt sie wieder, sonst vermute ich, dass diese ewige Pechsträhne einfach kein Ende nimmt. Seit Anfang der Woche, genauer gesagt, als die Temperaturen stiegen, hat es sich über das Vordach aus dem Staub gemacht, hatte vorher schon immer mal um die Ecke geguckt, mit zitternden Knien und kalten Pfoten aber schnell wieder hereingekommen. Naja, ist ja „Bölzerzeit“, wie man bei uns sagt.

Ali und Nino

Die zauberhafte Geschichte eines Liebespaares, das Welten verbindet: Ali und Nino leben in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Er ist Muslim, sie ist Christin. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Besonderheit, aber auch heute noch vermisst man Parallelen, wo eigentlich längst welche sein müssten. Alles in allem eine tolle Erzählung, die etwas klischeehaft daherkommt, die aber Fragen aufwirft, sich mit der Region und den Menschen zu beschäftigen. 2016 wurde sie verfilmt und zeigt sich reichlich dramatischer:

Ali und Nino, Kurban Said, 1937

Fromm über´n Tisch gezogen

„Lass Dich nicht über´n Tisch ziehen,“ sagt Margarete heute zu mir, eine unserer ältesten Ehrenamtlichen. „Du kannst nicht mit der Sandy, das sehe ich.“ Die Sandy, das ist die nicht mehr ganz neue Kollegin, die mit 45 zwei erwachsene Kinder hat und neben einer Ausbildung ein jetzt auch noch abgeschlossenes Studium. Die Sandy ist die, die konsequent Namen in aller Öffentlichkeit falsch ausspricht, die niemals nie nicht ihre E-Mails liest, weil „da habe ich doch gar keine Zeit, die jeden Tag zu lesen,“ die jede Idee wie eine Art Hybrid aufnimmt, filtert und mit eigenen Worten als ihre eigene erzählt und die in ihrem Kopf das auch glaubt. Das ist besonders positiv für sie. So eine Sandy kennt jeder, eine, die die zwei Kinder groß hat und faltenfrei durch´s Leben geht, die weiß, wie man sich auf die Schulter klopft und damit nicht mehr aufhört, bis auch andere wohlwollend mitklopfen. Dabei fängt es mit diesen Menschen harmlos an, man denkt sich insgeheim, dass man auf eine schlichte Natur getroffen ist, ganz einfache Verhältnisse, nach der Wende ´rübergemacht – wir hatten ja nix, nee-nee. Hm, ja, tut mir leid, ist klar. „Ja, habe mich ja dann taufen lassen, weil meine Tochter mal in weiß mit Kirche heiraten will und ich wollte ja auch nicht ewig in dem Zentrum bleiben, Kirche ist schon besser.“ Während ich noch darüber nachdenke, ob die Hochzeit in weiß ein Grund für einen Kircheneintritt ist und ob man es in den Räumen unseres kirchlichen Trägers wirklich so offen und ehrlich sagen sollte, stellt sie mir schon die Frage, wie sie eine Stellenausschreibung auf unserer Homepage schalten kann. „Äh, sowas läuft über den Chef, das macht dann später der Admin, da kann nicht jeder ran. Wen suchst Du denn für was für eine Stelle?“ Sie notiert sich alles genau, gespickt mit ein paar klischeebeladenen und obligatorischen Schreibfehlern.

Im Geiste denke ich noch an das weiße Kleid. Ob ich, die ich damals länger als ein Jahr den Klingelbeutel in der Kirche als Konfirmandin geschwungen, die in Eiseskälte zumindest an hohen Feiertagen den Gottesdienst besucht hat, nicht doch geeigneter bin für die Stelle als jemand – aber Asche auf mein Haupt! Sowas sollte ich nicht denken, so hat sie das sicher nicht gemeint. „M. hat mir die Nähmaschinen zugesagt,“ –  „Hä, wie? Ich dachte, weil man so schlechte Erfahrungen hatte mit der alten Gruppe, sollte es keine Nähmaschinen mehr geben.“- „Doch, sie hat gerade angerufen, ich bestelle einfach mal 4.“ Ich schweige und denke an den vergilbten Psalm 23 neben den betenden Händen, die im Wohnzimmer meiner Eltern hinter der Tür hängen, eine Frömmigkeit, die von der Inneneinrichtung in die hinterste Ecke verbannt wurde. „So, so,“ mache ich und freue mich, dass ich meine Nächstenliebe nur noch in Teilzeit verteilen muss.

 

Ganz anders

Ein kleines Emblem an einer Stelle, an der eigentlich zwei unscheinbare Linien hätten sein müssen. Ein Punkt, der bei näherem Hinsehen kein Punkt war, sondern deutlich sichtbar das, was sie bereits vermutet hatte.
Strahlende helle Augen, leuchtend von vollem Haar umkränzt und stolz neben einigen anderen jungen Männern stehend, sah sie, was ihr Vater nicht gewesen war. Sie hatte lange überlegt, ob sie nachforschen sollte, ob es sich lohnte, sich Gedanken zu machen, um einen guten Vater, der seit Jahren verstorben war und der gut für seine Familie gesorgt hatte.
Natürlich, es hatte auch andere Geschichten gegeben. Diejenigen, die von einer Mutter handelten, die einer anderen Mutter ihre Kinderkleider angeboten und dafür gebüßt hatte. Diejenigen, die unzählige Opfer mit sich gebracht hatten. Aber doch nicht bei uns? Was war eine Ermahnung wert, wenn das Emblem kein Punkt gewesen ist? Gehorsam gehörte mit dazu, Vernunft, Sparsamkeit, Ordnung. Eine Autorität, die für zwei Generationen reichte.
Sie wusste, dass die Metalldose mit den schönen Ornamenten Bilder von ganz früher enthielt, als man auf Fotos nicht lachte und dass es jüngere Bilder gab von Vater und Großvater – damals erst zwanzig Jahre alt – von dem alle geglaubt hatten, dass er ein einfacher Soldat gewesen war, ehe sich der Punkt als Totenkopf zu erkennen gegeben hatte.

Tag mit Schutzumschlag

Es ist schon 17:09 Uhr und noch ist nichts Schlimmes passiert: Im Gegenteil habe ich heute meinen Urlaubstag gut nutzen können fast so wie viele andere Leute. Gemeinsam mit meiner nun doch nicht herzkranken Mutter – die Katheteruntersuchung hat nichts ergeben und gestern wurde sie direkt entlassen – bin ich mit ihr durch unsere Kleinstadt geschlendert, haben wir ein bisschen eingekauft und unsere Oma in der Verhinderungspflege besucht. Ich klopfe im Geiste auf Holz, denn bis zur Untersuchung hat es ewig gedauert, ein Termin, der wie ein Damoklesschwert über uns hing. Gekrönt von einem Testament – nur für den Fall des Falles, falls ich liegenbleibe – äh, okay und dann die Oma, die natürlich im Altenheim nicht die Rundumpflege bekommt wie hier zu Hause und die entsprechend häufig zu besuchen ist. Hinzu kommen viele völlig ungeahnte Themen des Zusammenlebens mehrerer Generationen, von Schwiegerleuten, Schwägern und Geschwistern. Situationen, die einen plötzlich überrollen und für die man Verantwortung trägt. Es geht ums Sterben, ums Erben, um Anerkennung und noch viel mehr.

So eine Scheiße. Ich manövriere mich derzeit aber immer wieder in solche Situationen, in denen ich handlungsunfähig werde. Gestern zweite Blutspende meines Lebens. Mein Vater war auch Rhesus positiv. Oh, da ist wohl die Ader geplatzt, tut uns leid, dann verschieben wir das lieber auf Montag. Während ich meinen blau geschwollenen Arm mit der Beule darin betrachte, denke ich mir, geht Euch doch nichts an, warum ich heule, Ihr Trottel.